Das Vermächtnis des Dr. Schreber – das Kleingärtnermuseum in Leipzig

Das Vermächtnis des Dr. Schreber – das Kleingärtnermuseum in Leipzig

BITTE NICHT ANFASSEN! #30 – Das Kleingärtnermuseum in Leipzig
44 Minuten

Beschreibung

vor 1 Jahr

BITTE NICHT ANFASSEN! #30 – Das Kleingärtnermuseum in Leipzig


Show Notes 


Leipzig ist nicht nur bei jungen Leuten angesagt, sondern auch
(und das schließt sich nicht aus) bei Kleingärtnerinnen und
Kleingärtnern. Leipzig ist sogar DIE Kleingarten-Hochburg in
Deutschland mit rund 32.000 Anlagen. Zurück geht das auf den
Leipziger Turnfan Dr. Moritz Schreber.  


Dabei wollte der Arzt doch eigentlich nur, dass Kinder mehr
draußen spielten. Erlebt hat das der Arzt zwar nicht mehr, ist
aber zum Namensgeber dieser speziellen Grünflächen geworden: die
Schrebergärten. 


Wo also, wenn nicht hier ein Museum für Kleingärten aufmachen.
Ralph hat dort Leiterin, Diplom-Museologin und – natürlich! –
Kleingartenbesitzerin Caterina Paetzelt getroffen. Mit ihr reisen
wir vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart.  


#podcastdeutsch #museenentdecken #wissenschaft #museum #Leipzig
#kleingarten #Schreber #Laube #Garten #Industrialisierung
#Geschichte 


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Hilfreiche Links: 


Literatur zum Kleingartenwesen:
https://www.kleingarten.de/verbandsnews/4180/der-bdg-informiert—januar-2022—100-jahre-organisiertes-kleingartenwesen 


Literatur zum Schrebergarten:
https://www.amazon.de/150-Jahre-StadtErnte-Geschichte-Schreberg%C3%A4rten/dp/3981628810 


Foto des Laubengartens:
https://www.escucha.de/wp-content/uploads/Laubengarten-scaled.jpg 


Foto Kirschbaumlaube Außen:
https://www.escucha.de/wp-content/uploads/Kirschbaumlaube-Aussen-scaled.jpg


Foto Kirschbaumlaube Innen:
https://www.escucha.de/wp-content/uploads/Kirschbaumlaube-Innen-scaled.jpg 


Infos zu Regeln im Kleingarten:
https://www.mdr.de/mdr-garten/podcast/audio-kleingarten-gesetz-sinn-unsinn-100.html 


~~~~~~~ 


Infos zum Museum:  


Deutsches Kleingärtnermuseum 


Aachener Straße 7 


04109 Leipzig 


https://www.kleingarten-museum.de


~~~~~~~ 


über BITTE NICHT ANFASSEN!:  


Woran denkst du beim Wort Museum? An weltberühmte
Ausstellungsstücke wie Sarkophage ägyptischer Pharaonen, an
Gemälde von Picasso oder an technische Erfindungen wie das
Automobil? Denkst du an das Deutsche Museum in München, das
Pergamon-Museum in Berlin oder an das Städel in Frankfurt? Wir –
das sind Ralph Würschinger und Lukas Fleischmann – denken beim
Wort Museum an etwas Anderes: an Milbenkäse, Mausefallen, an
Flipper-Automaten, Nummernschilder oder auch an Gartenzwerge.
Denn die schätzungsweise 7.000 Museen in Deutschland haben so
viel mehr zu bieten als das Angebot der großen Häuser. 


Mit „BITTE NICHT ANFASSEN – Museum mal anders“ begeben wir uns an
kleine Orte, in Seitengassen großer Städte, um die kleinen und
alternativen Ausstellungen zu finden, von denen du vermutlich
noch nie gehört hast. 


Pro Monat erscheint eine Folge, für die einer von uns beiden ein
besonderes Museum besucht und sich mit dem jeweils anderen
darüber austauscht. Dabei kommen Museumsbetreiberinnen und
-betreiber zu Wort, aber auch die Exponate an sich werden hörbar
gemacht. 


Dieser Podcast ist für Museumsliebhaber, für Mitarbeiter aus dem
Museumsbereich und für alle, die sich für Kunst, Kultur und
Technik-Geschichte interessieren und skurrile Stories
mögen. 


BITTE NICHT ANFASSEN! ist eine Produktion von Escucha – Kultur
für's Ohr. 


Mehr Infos auf https://www.escucha.de/bitte-nicht-anfassen/ 


 
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Kontakt: 
Instagram: https://www.instagram.com/bittenichtanfassen_podcast/
 
E-Mail: info[at]escucha.de  


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Dann schaut doch auf unserer Steady-Seite vorbei:
https://steadyhq.com/en/bitte-nicht-anfassen  


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Podcast-Credits:  
  


Sprecher: Lukas Fleischmann, Ralph Würschinger  
Produktion: Escucha GbR  
Podcast-Grafik: Tobias Trauth;
https://www.instagram.com/don_t_obey/  
Intro/Outro: Patrizia Nath (Sprecherin)
https://www.patrizianath.com/, Lukas Fleischmann
(Musik)  


Wenn euch der Podcast gefällt, dann abonniert uns und
empfehlt uns weiter. Welches Museum sollen wir unbedingt
vorstellen? Schreibt uns eure Vorschläge! 


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Transkript 


Caterina Paetzelt 


Um es gleich vorwegzunehmen Dr. Schreiber ist erst posthum
Namensgeber geworden. Und Dr. Schreiber hatte auch nie die Idee,
einen Kleingarten zu gründen. Dr. Schreiber wollte eigentlich
nur, dass sich die Kinder, die er schon viel in der Schule sitzen
mussten, viele, viele Stunden lang, dass die sich eigentlich
sportlich betätigen.   


INTRO 


Ralph 


Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von Bitte
nicht anfassen. Museum mal anders. Mein Name ist Ralph. 


Lukas 


Und mein Name ist Lukas und wir stellen euch einmal im Monat
kleine, skurrile, alternative und liebenswerte Museen vor und vor
allem die Geschichten dahinter. Und wenn ihr uns kennt, dann
wisst ihr, dass wir normalerweise immer zu Beginn eines jeden
Monats publizieren. Aber heute ist es anders, Denn heute ist der
19. Mai und das ist der Internationale Museumstag. 


Ralph 


Da konnten wir es natürlich nicht lassen, diesen Tag zu feiern
und eine extra Episode rauszuhauen. 


Lukas 


In Deutschland gibt es schätzungsweise über 7.000 Museen, und das
ist natürlich eine Auswahl. Die müssen wir mit Bitte nicht
anfassen erst mal abklappern. Aber die meisten Museen, die wir
besucht haben, die machen eine wahnsinnig tolle Arbeit. Viele
davon ehrenamtlich, viele davon mit einfach unglaublich viel
Engagement, Potenzial. Und wir freuen uns, einfach jedes Mal in
den Museen zu sein. Und deswegen freuen wir uns, wenn wir mit
dieser Bitte nicht anfassen Museumstags Folge einen kleinen
Beitrag dazu leisten können. 


Ralph 


In der vergangenen Folge hatten wir Julia Rübisch zu Gast und sie
ist an Stelle von uns ins Bikiniartmuseum gegangen, in Bad
Rappenau in Baden Württemberg. Kannst du dich noch dran erinnern,
worum es da ging? 


Lukas 


Ja da hab ich viel gelernt über die Geschichte des Bikini. An der
A6 Autobahnausfahrt Bad Honnef im Bikini Museum liegen und dass
man da freien Eintritt bekommt, wenn man in dieses Museum mit
einem Surfbrett und mit Badehose reingeht. Was ich auch ziemlich
witzig finde. 


Ralph 


Und du hast ja auch gesagt, du möchtest da gern mal reingehen.
Wenn du's machst, mach ein Foto. 


Lukas 


Ja, Ja, mach ich auch. Ich habe überlegt. Ich hab einen Ständer.
Paddleboard. Vielleicht kann ich das ja auch als Surfbrett dann
sozusagen verkaufen und dann mal gucken. Na, wir werden sehen.
Wir werden sehen. Genau. Das heißt aber, weil die letzte, ich
sage mal, reguläre Folge, die kam ja von mir. Das ging ja. Dann
waren wir im Gießkannenmuseum in Gießen. 


Das heißt, dass du jetzt in dieser Folge dran bist. Und ich bin
schon ganz gespannt, was du mir da mit eingepackt hast. 


Ralph 


Ja, dann packen wir doch mal aus. Und zwar war ich in Leipzig und
Leipzig, da warst du auch schon mal, wir waren gemeinsam sogar in
Leipzig. Wenn du jetzt an Leipzig denkst, woran denkst du
da? 


Lukas 


Ich denk an Hipsterviertel. An die Thomaserkirche. Johann
Sebastian Bach. Ich denk an die Buchmesse. Ich denk an krasse
Altbauviertel. Und vielleicht noch an Connewitz. Connewitz, wo
die Autos brennen. 


Ralph 


Also wirklich sehr unterschiedliche Sachen, sehr viele
unterschiedliche Facetten. Ich fand es interessant, dass deine
allererste Assoziation, die Hipsterviertel sind. Na ja, es gibt
aber noch eine Sache, an die du jetzt dann hoffentlich denkst,
wenn du an Leipzig denkst. Und zwar Kleingärten. 


Lukas 


Kleingärten? 


Ralph 


Leipzig hat deutschlandweit die höchste Kleingartendichte.
Bezogen auf die Einwohnerzahl, das heißt auf 100 Einwohner kommen
circa sechs Kleingärten. Im Vergleich dazu ist es jetzt in
anderen Städten wie jetzt Berlin oder Hamburg da ist es so, dass
nur zwei Gärten auf 100 Einwohner kommen. Und wenn man das Ganze
jetzt mal hochrechnet, dann bedeutet das, dass in Leipzig rund
100.000 Leute, Kleingärtner bzw. Kleingärtnerinnen sind. 


Lukas 


100.000 Leute sind in Leipzig Kleingärtner:innen oder
Kleingärtner? Krass, hä? Aber das ja, das ist ja ein bisschen
viel. Wie soll das gehen? Das ist ja wirklich viel sehr. 


Ralph 


Ja, warum jetzt Leipzig für Kleingärten so bekannt ist, das werde
ich dir im Laufe der Folge erzählen. Es ist auch so, dass die
Kleingärten 1/3 der städtischen Grünflächen ausmachen in Leipzig.
Und ich war, um natürlich jetzt wieder den Dreh zu Bitte nicht
anfassen zu finden. Ich war im Kleingärtnermuseum, das behauptet
von sich, das weltweit einzige seiner Art zu sein. 


Und ja, heute mach ich so ein bisschen Rundumschlag. Die
Geschichte des Kleingartenwesens, auch den sozialen Wert von
Kleingärten und ja, auch ein bisschen Punk wird drin
vorkommen. 


Lukas 


Sehr geil. Kannst du mir vielleicht erst mal kurz erklären Was
versteht man denn unter Kleingärten? Gibt es eine
Definition? 


Ralph 


Eigentlich möchte ich später dazu kommen, aber ich kann es
trotzdem jetzt mal vorwegnehmen: Als Kleingarten zählt nur ein
Garten, der eine Drittelregelung hat, das heißt 1/3 des Gartens
ist Erholungsfläche, 1/3 ist beispielsweise jetzt eine Laube oder
ein Schuppen oder so, also irgendwas Häusliches und 1/3
Anbaufläche. Und nur wenn diese Kriterien erfüllt sind und auch
nicht überschritten werden oder so, dann kann man erst von
Kleingärten sprechen. 


Und dann gibt es natürlich noch verschiedene Regelungen, weil die
Kleingartengärten, die sind ja in Vereinen organisiert. 


Lukas 


Also gut. 


Ralph 


Kleingärten waren auch nicht immer so, wie sie heute sind, aber
da müssen wir, glaube ich, am Anfang anfangen. Ja, aber bevor wir
das machen, ne kurze Frage Hast du denn eigentlich irgendeinen
persönlichen Bezug zu Kleingärten? Gibt es da jemand in deiner
Familie? Vielleicht hast du selber mal einen Kleingarten gehabt
Oder hast. 


Lukas 


Du, nicht nur einen. Meine Eltern haben ja einen Kleingarten.
Dann haben wir die Kleingärtnerei als Anbaufläche meiner
Großtante übernommen. Das heißt, wir sind quasi voller Gärten und
Kleingärtnern, alles Mögliche von Kartoffeln, Karotten, Salat im
Sommer, Zucchini, Tomaten, alles Mögliche. Also wir sind da voll,
voll drinnen und da du ja weißt, dass ich aus Bamberg komm. In
Bamberg gibt es sogar die Gartenstadt, ein Stadtteil, in dem seit
dem Mittelalter genauso Gärtnereien und Kleingärtnereien auch
überall vertreten sind. 


Lukas 


Das heißt, ich bin eigentlich im Gartenbusiness, ziemlich up to
date, okay. 


Ralph 


Aber da wäre ich ja gespannt, ob du auch über die Geschichte
schon ganz viel weißt. Aber ansonsten ist es natürlich für viele
Leute, die jetzt zuhören sehr aufschlussreich. Zumindest war es
für mich sehr aufschlussreich. Ich habe nämlich gar keinen Bezug
zu Kleingärten und die Person, die ich dir jetzt vorstellen
werde, die hatte am Anfang auch keine Ahnung von
Kleingärten. 


Caterina Paetzelt 


Ich hatte vorher auch keine Verbindung zum Kleingartenwesen,
hatte viele mögliche und unmögliche Gedanken im Kopf. Endete dann
darin, dass ich zwei Jahre später auch selber ein Kleingarten
hier hatte, eine Anlage. 


Aufgrund der Arbeit und der Erkenntnis, dass ich das schön
finde. 


Lukas 


Aufgrund der Erkenntnis, dass ich das schön finde, habe ich
beschlossen, einen Kleingarten anzulegen. Sehr geil. 


Ralph 


Also, wen du jetzt gerade gehört hast, das ist Caterina Paetzelt,
Sie ist Diplom Museologin und die Leiterin des
Kleingärtnermuseums in Leipzig und sie hat mich so herumgeführt
durch das Museum. Da muss ich dazu sagen Das Museum ist so
aufgebaut, dass es einmal das Museumsgebäude gibt. Das befindet
sich innerhalb einer Grünanlage und außen rum, wie es natürlich
auch passt Zum Thema Es sind halt Kleingärten und es gibt dann
sogenannte Schaugärten, die zum Museum gehören, die man sich
angucken kann und die historischen Kleingärten aus
unterschiedlichen Zeiten entsprechen. 


Wenn man jetzt in das Museum reingeht, dann stellt man schnell
fest, dass das chronologisch aufgebaut ist. Also es geht wirklich
um die Ursprünge und die Entwicklung das Kleingärtnerwesens und
später kommen dann noch andere Aspekte dazu. Das heißt, ich fange
jetzt auch mal bei dem Anfang an und es ist nämlich so, dass
alles angefangen hat im England des ausgehenden 18.
Jahrhunderts. 


Das heißt, wir sprechen von Industrialisierung, die ja die
Arbeitsweise, aber auch die Lebensweise der Menschen stark
verändert hat. Viele Leute sind dadurch in Städte gezogen, um
dann in Fabriken zu arbeiten. Die Wohnpreise sind in den Städten
gestiegen, Leute sind dann verarmt. Und dieser Verarmung
entgegenzuwirken, hat sich dann im Jahr 1801 wie sagt man dann da
eine Gesellschaft oder ein Verein dafür eingesetzt, diese Armut
zu bekämpfen, nämlich die Society for bettering the conditions
and increasing the conditions of the Poor hat dann 100 Parzellen
an Fläche an bedürftige Familien günstig abgegeben und dann wurde
darauf Kartoffelanbau betrieben und das war sozusagen der erste
Kleingarten oder so ein bisschen Vorläufer, könnte man
sagen. 


Und dann ist das rübergeschwappt auf Festland, Europa, genauer
gesagt jetzt Deutschland. Da gab es den ersten Kleingärtner
Verein in Norddeutschland, nämlich in Kappeln an der Schlei, und
da kann dir Caterina Paetzelt was zu erzählen. 


Caterina Paetzelt 


Der allererste Kleingartenverein überhaupt, der wurde sogar schon
1814 in Kappeln an der Schlei gegründet, also im norddeutschen
Raum und ausschlaggebend dafür, dass man heute von der ersten
Gründung spricht, ist, dass dieses dieser Verein, der als
Armenfürsorge angedacht war, sich eine Gartenordnung gegeben hat.
Also die Gartenordnung ist ausschlaggebend für die Definition des
Kleingartens. Wie gesagt, schon 1814, also schon ein Weilchen
her. Die Anlage gibt es auch heute noch dort. 


Lukas 


1814. Krass, aber ja, interessant, dass Armenfürsorge und
Kleingärten so zusammenhängen, hätte ich auch nicht
gedacht. 


Ralph 


Das waren dann immer so 500 bis 1500 Quadratmeter große Felder,
die dann die Leute nutzen konnten, um da Grundnahrungsmittel
anzubauen. Ja, und der damalige Pachtvertrag, also diese Ordnung,
von der Caterina Paetzelt gesprochen hat, die hatte auch schon
einige Aspekte drin, die es heute immer noch gibt, nämlich einmal
den Gemeinschaftspachtvertrag, dann eine jährliche Pachtzahlung,
festgelegte Wegbreiten ganz wichtig und zum Beispiel auch Hecken
als Einrichtung der Gärten. 


Und die Pächter waren überwiegend Handwerker, Arbeiter und
Kaufleute. Das Modell, das hat sich dann aber irgendwie nicht so
wirklich durchgesetzt, was zu teuer war für die wirklich armen
Schichten. Und dann haben sich zeitgleich, würde ich es mal sagen
oder ungefähr zur selben Zeit haben sich noch andere
Ursprungslinien der heutigen Kleingärten herausgebildet. Das ist
zum Beispiel Garten von Betrieben. Also es haben sich ja ganz
viele Fabriken in der Zeit gegründet und die haben auch Land dazu
gekauft und wollten versuchen, da die Arbeiterschaft anzusiedeln
und damit auch zu ködern und bei der Stange zu halten, dass sie
auch wirklich im Betrieb blieben. 


Und sie haben das auch teilweise an Konditionen geknüpft, zum
Beispiel, dass Mitarbeitende, die eine Garten Parzelle haben
wollten, dass die keine Gewerkschaft beitreten dürften. 


Lukas 


Also Union Busting mit Kleingärten. Auch interessant. 


Ralph 


Ja, ja, oder auch Eisenbahnverwaltungen haben öfter Gärten
gehabt. Dass es neben den Schienentrassen das gibt, haben ja
heute auch immer noch neben den Schienentrassen haben sich halt
sehr viele Kleingärten herausgebildet. Also wenn jetzt heute nach
Berlin fährst, dann siehst du links und rechts ganz viele
Kleingartenparzellen. 


Lukas 


Aja. 


Ralph 


Und der andere Ursprungslinie sind Arbeiter, Gärten des Roten
Kreuzes. Also das Rote Kreuz hat sich damals dafür eingesetzt,
mittellose und kinderreiche Familien mit solchen Gärten zu
versorgen, damit die wiederum Obst und Gemüse anbauen konnten und
auch um den Familiensinn zu stärken und auch damit Männer dem
Wirtshaus fernbleiben. Eine weitere Ursprungslinie, die sich
herausgebildet hat, waren die sogenannten Berliner
Laubenkolonisten. 


Ralph 


Hast du davon schon mal gehört? 


Lukas 


Nee, also eine Laube. Ist es so eine Gartenhütte, oder. Richtig.
Und ich könnte mir vorstellen, Laubenkolonisten sind dann Leute,
die halt vielleicht einfach in diesen Lauben dauerhaft wohnen und
eine Kolonie haben. Und das könnte ja wiederum eine Vorform vom
heutigen Schrebergarten sein. 


Ralph 


Ja, da komme ich später noch dazu. Aber du bist auf jeden Fall
schon sehr nah dran. Im Detail wird's der Caterina Paetzelt
erklären. 


Caterina Paetzelt 


Berlin selbst als Stadt wurde 1871 Reichshauptstadt, und damit
verbunden war ein starker Anstieg der dortigen Einwohnerschaft,
weil natürlich viele Leute vom ländlichen Raum in den
Großstadtraum gegangen sind, um dort Arbeit zu finden. Gründung
von Fabriken. Ja, und die Leute gingen natürlich in die Stadt.
Arbeit finden hat auch geklappt. Da war genug für alle da. Nur
der Wohnraum war zu knapp. 


Und aus dieser Not heraus haben die Leute sich halt auf
Freiflächen, die da noch waren, ja kleine Hütten zusammengebaut
und haben da nicht gewohnt, ja gehaust und aus Ermangelung des
Geldes haben sie sich jetzt selber auch Kartoffeln und Kohl
angebaut. Das war alles sehr autonom. Also aus der Not heraus
geborener Punk. Und wurde dann aber geschluckt durch die ersten
Vereinsgründung. 


also die haben einfach gemacht, hatten natürlich das Problem,
dass sie ständig wieder von den Flächen mussten. Mittlerweile gab
es dann auch mobile Lauben oder gibt es auch schon wieder ein
Gemeinschaftsgarten? So bewegliche Obstpflanzungen, also so was
hatten die dann teilweise auch an irgendwelche Bretter Kisten
gepflanzt, damit wir sie jedes Mal ausgraben mussten. 


Lukas 


Jo, ist er jetzt eine ähnliche Situation in Berlin? Ich kenne
tatsächlich auch ein paar Leute, die mal in Berlin vorübergehend
in der Laube gewohnt haben, weil sie keine Wohnung gefunden
haben. 


Ralph 


Ach, echt? 


Lukas 


Ja, Kein Scheiß, kein Scheiß. 


Ralph 


Es gibt da noch weitere Ursprungslinien, auf die ich eingehe. Und
noch zwei sind das eine davon, die auch im 19. Jahrhundert
entstanden ist. Das ist die Naturheilbewegung. Die hatte da
nämlich auch Gärten angelegt, um da ja verschiedene
Veranstaltungen zu machen, um Gesundheitspflege zu betreiben,
alternative Heilmethoden anzuwenden, aber sich auch gärtnerisch
zu betätigen. Und dazu zählen Bewegungen wie Vegetarier,
Antialkoholiker auch frei Körperkultur und auch die
Turnbewegung. 


Ralph 


Und was jetzt diese dieser Ursprungslinie sehr nahe kommt, auch
wenn man es vielleicht jetzt gar nicht vermuten würde. Das sind
die Schrebergärten. Das ist nämlich jetzt ein ganz großer Punkt,
auf den ich eingehen werde. Schrebergärten. Den Namen kennt ja
glaub ich jeder. Und der kommt von Dr. Schreber. 


Lukas 


Echt? Ja. Krass. Okay, Weil ich dachte, Schreber heißt irgendwie
so was wie. Keine Ahnung. so eine veraltete Form von Anbau.
Irgendwie ein altes Verb, was es heute nicht mehr gibt. Oder
irgendwas. Das ist wirklich nach einem Typen benannt? Geiler
Funfact. Okay, erzähl mir mal das nächste. 


Ralph 


Ja, dazu hat Caterina Paetzelt auch was gesagt. 


Caterina Paetzelt 


Dr. Schreber wurde geboren 1808 hier in Leipzig und war dann nach
seinem Studium der Medizin hier auch Arzt und Orthopäde in der
Stadt. Um es gleich vorwegzunehmen Dr. Schreiber ist erst posthum
Namensgeber geworden. Und Dr. Schreiber hatte auch nie die Idee,
einen Kleingarten zu gründen. Dr. Schreiber wollte eigentlich
nur, dass sich die Kinder, die ja schon viel in der Schule sitzen
mussten, viele, viele Stunden lang, dass die sich eigentlich
sportlich betätigen. 


Dr Schreiber war nämlich Mitbegründer des ersten Turnvereins hier
in Leipzig, der überhaupt gegründet wurde. Er war dort
Vorsitzender und Mitglied und selbst begeisterter Sportanhänger.
Und diese sportliche Idee, auch im Zusammenhang mit der
Erkenntnis, dass viele Kinder halt auch orthopädische Probleme
hatten, führte dazu, dass er sich dafür ausgesprochen hat,
sogenannte Spiel und Tummelplätze in der Stadt einzurichten, also
Spielplätze, die es ja bis dato noch nicht gab. 


Lukas 


Das heißt, der Namensgeber des Schrebergarten, Dr. Schreiber, ist
sozusagen auch der Erfinder der Spielplätze. 


Ralph 


Ich lege meine Hand nicht dafür ins Feuer, aber er ist zumindest
einer der Miterfinder. Ja, ob er der einzige Erfinder ist, weiß
ich nicht. Aber diese Spielplätze, die wurden dann zu der Zeit
nicht Spielplätze genannt, sondern Schreberplätze. 


Lukas 


Und aus den Schreberplätzen, wie sind dann aus den Plätzen die
Schrebergärten geworden? 


Ralph 


Das wurde so, in dem ein Pädagoge und Schuldirektor namens Ernst
Innocenz Hauschild 1864 einen Verein gegründet hat, den er dann
eben zu Ehren von Dr. Schreber Schreber Verein gegründet hat. Und
da war dann relativ bald festgelegt, dass halt Gärten genutzt
werden und in der Mitte dieser Gartenanlagen soll sich so ein
Schreberplatz befinden. Also so ein Spielplatz für Kinder. 


Und außenrum wurden dann Beete angepflanzt. Also wurden Beete
angepflanzt. Die hießen dann auch erst Kinderbeete, Also sollten
sich die Kinder beteiligen. Aber irgendwie haben die dann relativ
schnell die Lust daran verloren und dann wurde ein
Familienbetrieb draus. Die Erwachsenen haben sich dann darum
gekümmert und 1870 trat dann die erste Gartenordnung in Kraft und
damit haben sich dann die Beete zu Gärten gewandelt. 


Die haben dann so einen Zaun bekommen und einen kleinen Schuppen
nebendran. Und in dieser Zeit haben sich dann auch weitere
Vereine gegründet, weil das anscheinend so erfolgreich war. Dann
musste das Areal in Leipzig umziehen. Eines Tages war es da so
ein Straßenbauvorhaben gibt und ist umgezogen. Nämlich dorthin,
wo heute das Museumsgelände ist. 


Lukas 


Das Museumsgelände ist auch ein historischer Ort sozusagen. 


Ralph 


Richtig. Und das Museumsgebäude ist auch ein historischer Ort,
denn es ist das damalige Vereinsheim vom Schreberverein. Ist auch
immer noch aktuell das Vereinsheim vom Verein. 


Lukas 


Ah, okay, krass. Gibt es da nicht diese Schreber Vereine nur in
Deutschland oder gibt es die auch darüber hinaus? 


Ralph 


Ähm, bei den Schrebervereinen weiß ich's nicht, aber
Schreberverein ist im Endeffekt ja eine Art von Kleingarten und
Kleingärten gibt's weltweit. So hat mir zum Beispiel Caterina
Paetzelt erzählt, dass auch öfter mal internationale Gäste
kommen, um den Verein und auch das Museumsgebäude zu besuchen.
Und das sind dann zum Beispiel auch Leute aus Japan dabei. Also
auf internationaler Ebene gibt's eine Föderation  


Ralph 


Diese Vereinigung ist die größte europäische Freizeitorganisation
mit über 2 Millionen Kleingärtnerfamilien und Kleingärtnern aus
13 Ländern. 


Lukas 


Krass. 2 Millionen? 


Ralph 


Ja. Und kleiner Funfact. Da habe ich jetzt aber nicht weiter
recherchiert. Diese Vereinigung hat sogar einen partizipativen
Status im Europarat. 


Lukas 


Krass. Na ja, gut, bei 2 Millionen ist auch echt einiges. 


Ralph 


Ich komm jetzt aber wieder zurück zum Schreberverein. Da war es
nämlich so, dass ja am Anfang die körperliche Ertüchtigung der
Kinder im Vordergrund stand. Also was im Turnen herauskam. Und
dann kamen da diese Beete dazu. Also man hat ein bisschen Sachen
angepflanzt, aber das Ganze hat auch so ein bisschen, soll ich
sagen, Ja, so ein Weib wie bei weiß ich nicht, wie bei
Jugendfreizeiten halt einfach das Kinder und Jugendliche da
Verantwortung übernommen haben in der Gruppe, dass sie sich drum
gekümmert haben, dass der Spielplatz und die Beete intakt
gehalten worden sind usw. 


Und es ging auch darum Kinder zu fördern, die benachteiligt sind.
Also Kinder aus armen Familien beispielsweise. So gab es zum
Beispiel eine Zeit lang die Milchkolonien. Hast du davon schon
mal gehört? 


Lukas 


Nee. 


Ralph 


Bei den Milchkolonien war es so, dass auf dem Platz während der
Sommerferien vergünstigt Milch verkauft wurde und kränkliche oder
besonders erholungsbedürftige Kinder. Das haben sich vorab dann
Ärzte oder Ärztinnen angeguckt. Die haben dann eine Milchkarte
bekommen und mit der konnten die dann während der Sommerferien
unentgeltlich Milch erhalten und auch ein bisschen Brötchen und
Gepäckstücke.  


Also das sind jetzt diese ganzen Ursprungslinien, die ich
aufgezählt habe. 


Ich versuche es noch mal zusammenzufassen. Also die
Schrebergärten, die wir jetzt grad haben, die Berliner Lauben
Kolonisten, die Arbeitergärten des Roten Kreuzes, Gärten von
Betrieben und Gärten, der Naturheilbewegung und Armengärten. So
also sechs Ursprungslinien gibt es. Und ich spring jetzt mal an
der Zeit, weil die haben sich dann alle vermischt. Die wurden
dann alle zusammengefasst zu Kleingärten. So, und nach dem ersten
Weltkrieg, da war die Wohnungsnot auch sehr groß und es gab
Lebensmittelknappheit und da wurde dann staatlich auch das
Kleingartenwesen gefördert, indem die Pachtpreishöhe
eingeschränkt wurde und städtisches Gelände zur Gartenbaustellung
bereitgestellt worden ist. 


Lukas 


Ah, cool. 


Ralph 


Und auch ein Funfact als sich die Weimarer Republik gegründet
hat, 1919, war die Kleingarten und Kleinpacht Landordnung eins
der ersten Gesetze, die beschlossen worden ist. 


Lukas 


Ernsthaft? 


Ralph 


Ja, nur wenige Monate nach der Gründung. 


Lukas 


Also das heißt, der Kleingarten ist wirklich im modernen
deutschen Staatswesen irgendwie sehr eng verankert. 


Ralph 


Ja, es ist wohl ein Stellenwert auf jeden Fall. Und 1921, also
ein paar Jahre später, hat sich dann auch der erste Dachverband
gegründet, in dem alle Vereine dann untergebracht waren. Der
sogenannte Reichsverband, der Kleingarten vereine Deutschlands.
Und der hat verfolgt, dass so eine gerechte Regelung der
Pachtpreise gibt und dass auch Dauerkolonien eingerichtet werden
konnten. Also dass diese Kleingärten da stehen bleiben
durften. 


Ist auch immer noch heute so in da komme ich auch noch später
dazu. Ja, wir springen wieder ein bisschen in der Zeit, weil da
war es dann erst mal ruhiger. Da kann ich jetzt gar nicht so viel
zu erzählen. Und dann im Nationalsozialismus war es so, dass dann
auch das Kleingartenwesen gleichgeschaltet worden ist. Das heißt,
da sind dann halt Leute ausgetauscht worden und der Dachverband
wurde dem Amt für Agrarpolitik unterstellt. 


Und die Kleingärten? Die sollten dann helfen von Importen
unabhängig zu werden. Hat letzten Endes eigentlich nicht wirklich
geklappt und es gab auch ganz. Ich finde lustige Auswüchse. Also
das Kleingartenwesen. Da gab es dann so eine Idee, dass man
Maulbeerbüsche anpflanzen sollte. Maulbeerbüsche. Wofür braucht
man die, weißt du das? 


Lukas 


Nee. 


Ralph 


Für die Seidenspinnerraupe. Also, da sollten die ganz viele
Maulbeerbüsche anpflanzen für diese Seidenspinnerraupe. Um so
viel Seide zu gewinnen, die dann für die Fallschirmproduktion
verwendet werden sollte. 


Lukas 


Ah, das hat aber nie geklappt. 


Ralph 


Nee, das hat nicht wirklich geklappt. 


Lukas 


Was ich mal gelesen habe. Ich glaube, das war damals im Bachelor
sogar. Da habe ich mal ein Referat gehört und das fand ich
irgendwie nett, weil das habe ich mir gemerkt und zwar, da hat
jemand analysiert anhand von nationalsozialistischen
Gärtnerzeitschriften, wie die Versorgungslage im Krieg gewesen
sein musste. Gemessen an dem, was quasi als Nahrungsmittel in
diesen Zeitschriften empfohlen wurde, also ab dem Zeitpunkt, wo
man quasi gesagt hat Ja esst Kohl Suppe oder esst
Kartoffelschalen-Suppe oder was weiß ich, weil da sind total
viele Vitamine für euch drin. 


Lukas 


Und zweitens konnte man darüber Rückschlüsse ziehen über die
Ernährungssituation und darüber auch über die aktuelle
Kriegssituation. Das fand ich total spannend, wie man quasi vom
Kleingarten, also wobei, das ist ja auch große Landwirtschaft.
Ich meine, Kleingarten werden dann ja auch ihre Bedeutung gehabt
haben. Es schon spannend, was man da für Rückschlüsse auf die
gesamte Gesellschaft ziehen kann. 


Ralph 


Ja, total. Also Kleingärten wurden ja auch da einbezogen in diese
Lebensmittelproduktion, also durch diese Gleichschaltung, das
wurde ja forciert, dass dann die Kleingärten zu einem gewissen
Teil die Produktion übernehmen sollten. Geklappt hat es nicht
wirklich. Die Kleingärten wurden auch für andere Zwecke
verwendet. Es wurden dort Zwangsarbeiter untergebracht. Auch
Militärbauten wurden in Kleingartenanlagen untergebracht oder
auch so Flaks zum Beispiel hat man da aufgestellt. 


Aber zu der Zeit kann dir auch Caterina Paetzelt noch mal was
erzählen. 


Caterina Paetzelt 


Die Kleingärten in der Zeit des Nationalsozialismus waren auch
ein Ort zum Beispiel von Widerstand oder von Verstecken. Es gab
Leute, die ja so ein bisschen die vermeintliche Anonymität in
einem Kleingarten verwendet haben, um sich dort zu treffen, in
den Lauben oder um dort auch Leute zu verstecken. Berühmtestes
Beispiel ist der Hans Rosenthal, der ein Jahr und ein halbes Jahr
in einer Kleingartenanlage in einem kleinen Bretterverschlag an
der Seite überlebt hat, als Jude und hätte die Pächterin den
nicht versteckt, hätte er das wahrscheinlich auch nicht
überlebt. 


Lukas 


Kann ich mir auch gut vorstellen, dass das noch so eine Art
Refugium in der Stadt ist. Für politisch Verfolgte. Oder auch
wahrscheinlich etwas, was sich einfach wahnsinnig schwer
überprüfen lässt. 


Ralph 


Kennst du Hans Rosenthal? 


Lukas 


Nee, noch nie gehört.  


Ralph 


Okay, dann, in ganz wenigen Sätzen erzähle ich was über den. Ich
kannte den vom Namen, aber wusste auch nicht viel und habe mir
dann nur den Wikipedia Artikel durchgelesen. Gibt nicht so viel
auf meine Worte, aber ich fand es ganz spannend, weil der ist
halt in der jüdischen Familie in Berlin aufgewachsen und sein
Vater hat bei einer Bank gearbeitet. 


Ralph 


Aber während des Nationalsozialismus, weil er Jude war, ist ihm
dann gekündigt worden. Das dann kurze Zeit später dann auch
gestorben. Die Mutter von Hans Rosenthal ist dann auch nur ein
paar Jahre später an Krebs gestorben. Und Hans‘ Bruder, der, der
wurde verschleppt und dann erschossen. Also Hans war dann nur
noch übrig und der musste dann ab 1940 Zwangsarbeit leisten, Da
war er noch nicht mal 20 und ist dann getürmt. 


1943 Und dann eben in den Kleingarten gegangen, um sich da zu
verstecken, wie jetzt Katharina Pestel erzählt hat, bis der Krieg
vorbei war. Und dann ging die Karriere von Hans Rosenthal los,
muss man sagen, weil der war TV Moderator unter anderem von der
Show Dalli Dalli. 80er irgendwie so und der war halt bekannt
dafür, dass der dann immer so sich ans Publikum gewandt hat und
gesagt hat, Sie sind der Meinung, das war… 


Und dann hat das Publikum wieder gerufen Spitze! Und Hans
Rosenthal ist dann in die Luft gesprungen und das Bild wurde dann
eingefroren. Das sieht man ganz oft. 


Lukas 


Na ja, der Name sagt mir schon was. Ja, jetzt, wo du das sagst
mit Dalli Dalli und so, das okay. Also das heißt, man kann sagen,
dass der Kleingarten das Überleben von Hans Rosenthal garantiert
hat in dieser Zeit. 


Ralph 


Auf jeden Fall. 


Lukas 


Ja, das. 


Ralph 


Also noch mal zusammenfassend der Kleingarten, der wurde von den
Nationalsozialisten auch missbraucht, aber gleichzeitig war es
irgendwie ein Ort auch von Widerstand. Und ja. 


Lukas 


Okay, gut. 


Ralph 


Und in der Nachkriegszeit war es dann so, dass 1949 in
Westdeutschland der Verband Deutscher Kleingärtner gegründet
worden ist, der dann auch eine Ordnung drin hatte. Dass er nicht
parteipolitisch ist und auch nicht konfessionell ausgerichtet und
ausschließlich gemeinnützigen Zwecken dient. Und in
Westdeutschland lief das alles so ganz gut. Aber in der DDR, da
gab es Widerstände. 


Caterina Paetzelt 


Unter Walter Ulbricht waren Kleingärten aufgrund ihrer
Vereinsstruktur gar nicht so gerne gesehen. Also Ulbricht hat die
gar nicht gefördert und erst mit Honecker hat sich dann auch
quasi auf parteipolitischer Ebene dieses Image gewandelt. Und es
wurde erkannt, dass Kleingärten wichtig sind, um auch die
Standards ernährungsmäßig zu erhöhen für die Bevölkerung der DDR.
Und deswegen wurden damals auch noch mal Mitte der 70er Jahre
massiv Kleingartenflächen in den berühmten Neubauvierteln der DDR
gleich mit eingeplant. 


Deswegen ist es heute ganz gut sichtbar, wenn sie in so einem
Neubauviertel unterwegs sind. Da ist immer irgendwo eine
Kleingartenanlage. 


Lukas 


Jetzt mal unabhängig von dem, was Caterina Paetzelt gesagt hat,
ist da eine Vogel Aufzucht im Hintergrund, weil du so krass viel
Vogelgezwitscher hörst? 


Ralph 


Ja, wir waren im Museum und die haben so eine Zwitscherbox
aufgestellt, sodass man da immer Vogelgezwitscher hört. 


Lukas 


Künstliches okay, aber das ist künstliches Vogelgezwitscher. Ja,
okay, alles klar. Okay, zurück zu Geschichte. Auch interessant,
dass der Kleingarten dann für die DDR Führung so ein Politikum
dargestellt hat. Oder möchte man ja auch meinen, dass es
wichtigeres gibt als Kleingärten. Aber offensichtlich ist halt
dem Staat nichts unwichtig, vor allem nicht der DDR. 


Ralph 


Na ja, die war da schon sehr paranoid, würde ich mal sagen. 


Lukas 


Und da hätten wir es ja wieder. Es gibt halt viele Parallelen zur
Gießkannen Folge. Ich hoffe, dass du auch ein Hörspiel
vorbereitet hast über die Spionages, weil die Hans Rosenthal
Geschichte die wäre zum Beispiel auch sehr cool gewesen. Oder?
 


Ralph 


Ja. Aber nein.  


Es hat sich jedenfalls dann 1959 in der DDR der Verband der
Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter gegründet. Und darin
gab es die Fachrichtungen: Ich habe die jetzt mal alle
aufgelistet die Rassekaninchenzüchter, die Rassegeflügelzüchter,
die Ziergeflügelzüchter, die Exoten und Kanarienzüchter, die
Edelpelztierzüchter, die Ziegen- und Milchschafzüchter, die
Rassehunde- und Rassekatzenzüchter und die Bienenzüchter. 


Ralph 


Die haben ja alle ihre eigenen Anstecknadeln und und und Symbole
usw. 


Lukas 


Zierhuhnzüchter wäre ich gerne geworden. 


Ralph 


Ziergeflügelzüchter. 


00:31:33:21 – 00:31:34:24 


Lukas 


Bin ich Pfauzüchter? 


Ralph 


Du hättest ja auch noch Rassegeflügel. 


Lukas 


Rassegeflügelzüchter. Zücht ich da Rebhühner, die dann nicht
gegessen werden, sondern als mit gestutzten Gefieder irgendwelche
ehemaligen Höfe verschönen?  


Ralph 


Das wäre wahrscheinlich was für die Exotenzüchter. 


Lukas 


Also wenn jemand von euch da draußen weiß, was der Unterschied in
der DDR war zwischen einem Ziergeflügelzüchter und einem
Exotenzüchter, bitte melden. 


Ralph 


Ja bitte.  


Und nach der Wiedervereinigung, da wird dann dieser Verband
aufgelöst und überführt in den von Westdeutschland. Und das heißt
dann verband der Garten und Siedler Freunde. Und jetzt, mehr als
100 Jahre nach Gründung des ersten Kleingartenverbands
Deutschland, Das war ja dieser Reichsverband der
Kleingartenvereine Deutschland 1921, also über 100 Jahre her gibt
es hierzulande, also in Deutschland rund 14.000 gemeinnützige
Kleingartenvereine, 14 mit 5 Millionen Mitgliedern. 


Lukas 


5 Millionen Mitglieder. Ja krass, da muss ich ja mal meine Eltern
fragen, ob sie da auch in so einem Kleingartenverein Mitglied
sind. 


Ralph 


Bestimmt. Wenn die Kleingärtner sind. 


Lukas 


Millionen Mitglieder. 


Ralph 


Und wenn jede Stadt einen Kleingartenverein hat oder vielleicht
mehrere sogar? Ja, hier, hier in meiner Kleinstadt gibt es auch
einige. Da kommt schon einiges zusammen. 


Lukas 


Ja, es kann mir vorstellen. Aber 5 Millionen sind echt eine
Zahl. 


Ralph 


Ja. 


Lukas 


Also von daher keine Ahnung. 


Ralph 


Ich hatte schon angekündigt, dass diese Kleingärten einen
sozialen Aspekt haben und das ist auch schon, glaube ich, durch
die Geschichte einigermaßen rausgekommen. Durch diese Armengärten
usw. Und da sagt aber Caterina Paetzelt auch noch mal was dazu,
dass sie aktuell auch immer noch einen Wert haben. 


Caterina Paetzelt 


Und ohne eine gesetzliche Sicherung und eine rechtliche
Absicherung würde es Kleingärten heute gar nicht mehr geben, weil
natürlich Schlagwort Gentrifizierung in den Städten die
Grundstücke natürlich finanziell viel mehr hergeben würden und
das Kleingartenwesen aber gesetzlich geschützt, also die Anlagen,
die es gibt, die kann man nicht so ohne Weiteres wieder auflösen.
Und dafür gibt es ja zum Beispiel das
Bundeskleingartengesetz. 


Ist natürlich verknüpft mit ein paar Bedingungen an die Vereine,
an die Pächter. Das sind dann meistens die Punkte, die irgendwo
mit diesen spießigen Image in Verbindung gebracht werden. Ja,
aber wer was will, muss was tun. Und das ist auch beim
Kleingärtner so. 


Lukas 


Ja krass. Nö, kann ich total nachvollziehen. Also stimmt dieses
Spießerimage, was Kleingarten so anhaftet. Aber ich kann mir
schon vorstellen, wie das kommt, weil ich meine, es hört sich ja
auch erstmal total wild an die deutsche Kleingartengesetzgebung
oder whatever. Ich glaube auch, dass wir für Artenvielfalt und
Erhalt von natürlichen Lebensraum auch innerhalb einer Stadt
innerhalb eines Ballungsraums total wichtig sind. 


Ralph 


Und dass sie halt Leuten, die nicht so viel Geld haben und die
jetzt keinen Garten in ihrem Grundstück haben, weil sie
vielleicht auch kein Grundstück haben, denen wird halt die
Möglichkeit gegeben, dass sie dann halt einen Garten haben, weil
dieses Kleingartengartengesetz, das besagt, dass die Pacht
maximal der vierfache Preis von dem sein kann, was im
gewerblichen Bereich gezahlt wird. 


Ralph 


Also es gibt so eine Preisdeckelung, um jetzt mal eine Zahl zu
haben: Im Schnitt kostet ein Quadratmeter Kleingarten 0,18 €
pro Jahr pro Jahr. 


Lukas 


Pro Jahr. 


Ralph 


Ja, das heißt im Endeffekt, wenn du einen Kleingarten hast, dann
zahlst du pro Jahr dafür vielleicht so zwei 300 €. 


Lukas 


Und dann ist es dein Kleingarten. 


Hopp! Lass uns eine Kleingartensiedlung in Weiden
aufmachen! 


Ralph 


Das hat inzwischen halt lange Wartezeiten. Da muss man mal
gucken, was man da raus kriegt. Ich kann mir ja mal
anfragen. 


Lukas 


Komm mach, das ist witzig.  


Ralph 


Also in dem Museum. Da gibt es dann noch so Dokumente zu sehen
und ganz viele Fotos auch von früher. Und es gibt auch eine
Kabinettsausstellung mit wechselnden Themen. Als ich da war, war
das Thema Kitsch, Gartenzwerg und man hat halt Gartenzwerge
gesehen und auch woher kommt das usw. 


Ralph 


Das hebe ich mir jetzt mal auf, weil ich glaube, es gibt in
Deutschland auch ein Gartenzwerg Museum. Aber was ich ja schon
angesprochen habe, es gibt auch diese Schaugärten draußen vor dem
Museumsgebäude und da gibt es einen Garten der sogenannte
Laubengarten. In dem sind vier historische Lauben aufgestellt und
die reichen vom Jahr 1890 bis 1925. 


Also sie standen nicht von Anfang an dort, sondern die wurden da
hin transportiert und aufgebaut. Viele Teile davon sind aber noch
original, also was man original erhalten kann, das wird auch
versucht original zu erhalten. Und bei einer Laube ist mir
aufgefallen Hä? Die die Dachrinne sieht irgendwie komisch
aus. 


Caterina Paetzelt 


Diese Regenrinnen aus Holz haben wir nacharbeiten lassen von dem
Tischler. Finden Sie mal einen Tischler, der Ihnen Regenrinnen
hobelt. Die ersten drei Leute haben aufgelegt am Telefon, weil
sie dachten ich bin Spaß Radio. Und dann haben wir aber einen
gefunden, der hat die tatsächlich selber noch aus dem Stück
gehobelt und hat die auch noch geteert. Und ich lerne hier jeden
Tag auch dazu, auch jetzt noch. 


Ralph 


Weil im Original, das eben auch eine Holzregenrinne hatte. 


Caterina Paetzelt 


Ja. 


Ralph 


Also ich habe auch für alle Leute, die es interessiert und jetzt
auch für dich habe ich auch ein paar Fotos von meiner
Lieblingslaube. Es ist die Kirschbaumlaube aus dem Jahr 1924.
Kannst gern mal angucken. 


Lukas 


Die sieht wirklich schön aus. Also ich beschreibe mal kurz, was
ich da sehe. So ein Haus mit so einem, mit so einem doppelten
Walmdach und außen sind verschiedene Türen dran, mit Ornamenten
drauf. Die Türen sind an einem Grasgrün gestrichen. Dazwischen
gibt es Fenster, die wiederum auch einen eigenen Walmdachaufsatz
haben und mit so Gardinen gehäkelten. Und ich weiß nicht, wie man
das dann nennt gestrickten Gardinen versehen sind. 


Also das sieht alles sehr nach 1920 aus. Stimmt. Und wenn ich
jetzt in den Innenbereich gehe, hab ich mir das auch so
vorgestellt. Also ein Tisch mit weißen, relativ rustikalen
Möbeln, unseren Tischdeckchen drüber, eine Gasflasche im
Hintergrund zwickt es die geflochtenen Korb und ich weiß nicht,
was dieses rote Ding ist. Ein Ofen oder irgendwie so was oder in
diesen Schrank. 


Ralph 


Ich glaube, das ist nur ein Schrank. Aber es gibt auch Lauben mit
Ofen drinnen.  


Das ist so mein Abschluss davon. Die habe ich mir dann auch
zuletzt angeguckt. Es gibt dann auch noch einen Entdeckergarten,
in dem es Veranstaltungen gibt, wo man gerade für Kinder
Jugendliche, aber ich glaube auch für Erwachsene, wo man einfach
so ein bisschen was erfährt über Natur, Umwelt, Garten usw. 


Also ich war da insgesamt, ich glaube oder zwei Stunden und muss
sagen bis jetzt bin ich schon so durchgesprintet, weil man kann
da wirklich einen halben Tag verbringen um sich das alles in Ruhe
anzugucken. Am besten an sonnigen Tag. Natürlich, um sich außen
alles anzugucken und vielleicht auch mit den Kindern, weil es
gibt ja auch ein Spielplatz da drin. 


Lukas 


Wie viele Menschen besuchen denn dieses Museum? 


Ralph 


Beliebte Frage also pro Jahr sind mehr als 7000 Besucher. 


Lukas 


Mehr als 7000? Ja, krass. Okay. 


Ralph 


Falls du Fragen hast, weitere Fragen. Hau raus. Ich versuchs zu
beantworten. 


Lukas 


Nee, also, ich bin total fasziniert. Natürlich habe ich ein paar
Folgefragen, aber das würde jetzt, glaube ich, zu weit gehen,
weil wir so unendlich verschiedene Dinge angesprochen haben. Ich
find's super spannend, wie alles miteinander zusammenhängt und
wieso der Kleingarten so viele verschiedene Dimensionen hat. So
cool. Also danke für die Folge habe ich wirklich viel gelernt und
das mit endlich zu wissen, woher dieser Schrebergarten
kommt. 


Lukas 


Ich bin jetzt noch nie nachts eingeschlafen, dachte mir, woher
kommt der Schrebergarten? Und ich dachte mir ja auch keine
Ahnung, das kann man sich auch wahrscheinlich relativ leicht
ergoogeln, aber trotzdem ist es so, wenn man irgendwie viel
unterwegs ist. Man kommt immer an Schrebergärtensiedlungen vorbei
und ich habe mir immer gedacht okay, hä, was steckt mehr
dahinter? Warum gibt es die eigentlich? 


Warum heißen die so? Und jetzt bin ich da ein bisschen schlauer.
Vielen Dank. 


Ralph 


Ja, aber da musst du mitnehmen, dass halt nicht jeder
Kleingarten, den du siehst, ein Schrebergarten ist.
Schrebergarten haben in der Mitte eben so ein Spielplatz für
Kinder. 


Lukas 


Genau. Und ich glaube, Schrebergärten müssen auch nicht
zwangsläufig für Gemüse oder Anbau von irgendwas genutzt werden,
oder? 


Ralph 


Doch, das kommt auch noch dazu. Also diese Drittelregelung gilt
dann auch für den Schrebergarten. Weil Schrebergarten ja Teil des
Kleingartens und der Kleingarten der unterliegt ja diesem
Bundeskleingartengesetz. Da gibt es eben diese
Drittelregelung. 


Lukas 


Also das heißt, ich kann jetzt nicht einfach ein Schrebergarten
pachten und dann quasi keine Ahnung, einfach eine Laube
draufstellen, einen Baum pflanzen und irgendwie Rasen auslegen,
sondern ich muss da auch wirklich auf einer Drittelfläche dann
noch was anbauen. 


Ralph 


Ja, genau. Und es gibt sogar noch eine Maximalgröße für die
Laube. Die darf nicht größer als 24 Quadratmeter sein. Okay, das
hat sich irgendwie so durchgesetzt. Ich weiß schon gar nicht
mehr, warum. Und in der DDR gab es ja diese ganzen Züchtervereine
usw. Also Tiere darfst du auch nicht halten im Kleingarten. Das
gab es in der DDR, aber danach nicht mehr. 


Ausnahme Bienen. 


Lukas 


Alles klar. Ist ja sehr schön. Dann lieber Ralph, vielen Dank für
diese tolle Folge und ich hab auf jeden Fall Lust, wenn ich das
nächste Mal in Leipzig bin, da mal vorbeizuschauen. Das hört sich
wirklich spannend an. 


Ralph 


Das freut mich. Und jetzt freue ich mich ja drauf, was es in der
nächsten Folge zu hören gibt, denn da wirst du wieder unterwegs
sein. 


Lukas 


Genau. Und da geht es um ein Museum und um eine Tätigkeit oder um
etwas, das heute einen, ich sag mal, ziemlich beschissenen Ruf
hat, aber historisch ganz anders betrachtet wurde. Also es geht
um ein Museum und dann parallel habe ich noch einen zweiten
Ausflug für dieses Schiff unternommen und es wird um die
Geschichte von etwas gehen, von einer Tätigkeit, eines Konsums,
der heute den beschissensten Ruf ever hat, aber damals eben
nicht. 


Und wie es dazu gekommen ist, was das alles impliziert und wie
sich das auch auf unsere Gesellschaft ausgewirkt hat. 


Ralph 


Sehr vage, aber auch sehr spannend und sehr wichtig klingt
dasirgendwie.  


Dann sage ich mal, wenn euch diese Folge gefallen hat, liebe
Zuhörerinnen und Zuhörer, dann teilt doch die Folge, teilt
unseren Podcast und vergesst auch nicht, selbst den zu abonnieren
und keine Folge zu verpassen. Wir betreiben Bitte nicht anfassen
ehrenamtlich. Das heißt wir bekommen kein Geld dafür. Wir fahren
immer sehr gerne hin, aber auf unsere Kosten, wenn ihr uns da
irgendwie unterstützen möchtet. Wir freuen uns auch über
Spenden. 


Lukas 


Das könnt ihr zum Beispiel tun über GoFundme. Da haben wir eine
aktuelle Kampagne oder über Steady. Da könnt ihr ein Abonnement
abschließen. Und wir sind natürlich auch immer wieder dankbar für
Empfehlungen von Museen, Weiterleitungen usw. und so fort. Und
Feedback genau. Von daher bis zum nächsten Mal und ciao. 


Ralph 


Ciao, ciao! 


Der Beitrag Das Vermächtnis des Dr. Schreber – das
Kleingärtnermuseum in Leipzig  erschien zuerst auf Escucha.


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