Zwoelfer-Special Folge 4: Geteiltes Land, geteiltes Leid - Tragödien einer Grenzregion
BITTE NICHT ANFASSEN! Zwoelfer Special 4: - Grenzregion
33 Minuten
Podcast
Podcaster
Beschreibung
vor 1 Jahr
BITTE NICHT ANFASSEN! Zwoelfer Special 4: – Grenzregion
Show Notes
Weil jemand einen Leichnam auf der falschen Seite begraben
wollte, wäre es im Spätmittelalter in der heutigen nördlichen
Oberpfalz fast zum Krieg gekommen. Doch dem Kaiser wurde das zu
blöd. Daher schritt er ein und legte fest, dass mal das Stift
Waldsassen und mal die Stadt Eger Urteile fällen durfte. Und
schön jedes Jahr abwechseln! Die Probleme hat das jedenfalls
nicht gelöst. Das hat dann erst ein Vertrag Jahrhunderte später
geschafft.
In dieser Folge erzählen wir vom Leben an der Grenze: von
Streitereien, Todesurteilen, Zerstörung und Vertreibung, aber
auch von Annäherung. Dazu haben wir den Sengerhof in Bad
Neualbenreuth besucht und waren mit dem Vertriebenen Karl
Schneider in einem heutigen Waldstück, wo früher sein Dorf stand.
Wir haben uns das Gelebte Museum in Mähring angesehen und gehen
der Frage nach: Wie hält man die Erinnerung an etwas hoch, das
verschwunden ist?
Die Kooperation von das zwoelfer und dem Podcast „BITTE
NICHT ANFASSEN!“ wird gefördert von der Landesstelle für die
nichtstaatlichen Museen in Bayern.
#podcastdeutsch #museenentdecken #wissenschaft #museum #oberpfalz
#bayern #Geschichte #Grenze #Grenzregion #Frais #Kondominat
#Sudeten #Vertreibung #Mähring #Neualbenreuth
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Hilfreiche Links:
Zur Fasaneninsel:
https://de.wikipedia.org/wiki/Fasaneninsel_(Baskenland)
Liste historischer Kondominate:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kondominium
Weitere Infos zur Frais/Fraisch:
https://www.neualbenreuth.de/gemeinde/geschichte/die-fraisch/
http://www.schmidt-grillmeier.de/Frais-Webseite.htm
Zu Lohhäuser: Online findet man so gut wie nichts dazu. Das Buch
“Lohhäuser. Das verschwundene Dorf” von Karl Schneider kannst du
dir über das Gelebte Museum in Mähring bestellen. Es kostet 30
Euro.
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Infos zum Museum:
Kultur- und Dokumentationszentrum Fraisch
Sengerhof
Turmstraße 5 – 7
D-95698 Bad Neualbenreuth
https://www.neualbenreuth.de/tourismus/sehenswertes/museen/#/de/neualbenreuth/default/detail/POI/p_100000920/sengerhof
Gelebtes Museum Mähring
Rathausstraße 98
D-95695 Mähring
https://www.maehring.de/museen
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über BITTE NICHT ANFASSEN!:
Woran denkst du beim Wort Museum? An weltberühmte
Ausstellungsstücke wie Sarkophage ägyptischer Pharaonen, an
Gemälde von Picasso oder an technische Erfindungen wie das
Automobil? Denkst du an das Deutsche Museum in München, das
Pergamon-Museum in Berlin oder an das Städel in Frankfurt? Wir –
das sind Ralph Würschinger und Lukas Fleischmann – denken beim
Wort Museum an etwas Anderes: an Milbenkäse, Mausefallen, an
Flipper-Automaten, Nummernschilder oder auch an Gartenzwerge.
Denn die schätzungsweise 7.000 Museen in Deutschland haben so
viel mehr zu bieten als das Angebot der großen Häuser.
Mit „BITTE NICHT ANFASSEN – Museum mal anders“ begeben wir uns an
kleine Orte, in Seitengassen großer Städte, um die kleinen und
alternativen Ausstellungen zu finden, von denen du vermutlich
noch nie gehört hast.
Pro Monat erscheint eine Folge, für die einer von uns beiden ein
besonderes Museum besucht und sich mit dem jeweils anderen
darüber austauscht. Dabei kommen Museumsbetreiberinnen und
-betreiber zu Wort, aber auch die Exponate an sich werden hörbar
gemacht.
Dieser Podcast ist für Museumsliebhaber, für Mitarbeiter aus dem
Museumsbereich und für alle, die sich für Kunst, Kultur und
Technik-Geschichte interessieren und skurrile Stories
mögen.
BITTE NICHT ANFASSEN! ist eine Produktion von Escucha – Kultur
für's Ohr.
Mehr Infos auf https://www.escucha.de/bitte-nicht-anfassen/
~~~~~~~
Kontakt:
Instagram: https://www.instagram.com/bittenichtanfassen_podcast/
E-Mail: info[at]escucha.de
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über „Das Zwoelfer – Museen im Landkreis
Tirschenreuth!“:
Wir sind die Museen im Landkreis Tirschenreuth und hier gibt es
viel zu sehen, staunen und entdecken. 12 Monate im Jahr gibt es
ein vielseitiges Programm: Sonderausstellungen, Veranstaltungen
und Aktionstage zum Mitmachen.
Das Stiftland und der Steinwald haben einiges zu bieten und auch
die Museen in unserem Landkreis sind immer wieder einen Besuch
wert. Nicht nur in den größeren Städten wie Tirschenreuth,
Waldsassen, Mitterteich, Kemnath und Erbendorf finden Sie
mancherlei Museumsschätze, sondern auch in Bärnau, Bad
Neualbenreuth, Mähring, Plößberg und nicht zuletzt auf der Burg
in Falkenberg gibt es viel Neues und Altes zu entdecken.
Wir laden Sie ein auf eine spannende und abwechslungsreiche
Entdeckungsreise durch die Museen im Landkreis Tirschenreuth und
wünschen Ihnen dabei einen angenehmen Besuch, bleibende Eindrücke
und interessante Begegnungen. Wir freuen uns auf Sie!
Wollt ihr uns unterstützen?
~~~~~~~
Dann schaut doch auf unserer Steady-Seite vorbei:
https://steadyhq.com/en/bitte-nicht-anfassen
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Podcast-Credits:
Sprecher: Lukas Fleischmann, Ralph Würschinger
Produktion: Escucha GbR
Podcast-Grafik: Tobias Trauth;
https://www.instagram.com/don_t_obey/
Intro/Outro: Patrizia Nath (Sprecherin)
https://www.patrizianath.com/, Lukas Fleischmann
(Musik)
Wenn euch der Podcast gefällt, dann abonniert uns und
empfehlt uns weiter. Welches Museum sollen wir unbedingt
vorstellen? Schreibt uns eure Vorschläge!
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Transkript
Teaser
Ralph
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Bitte
nicht anfassen – Museum mal anders. Der Podcast, wenn's um
skurrile, schräge, kleine alternative Museen geht und auch um
deren Kuratoren, Kuratorinnen, was auch immer. Ich bin aber nicht
alleine hier. Mein Name ist Ralph. Ich habe bei mir ….
Lukas
ja der andere hier mit im Boot, der bin ich.
Ich bin Lukas und unser Konzept ist einfach erklärt: Wir stellen
nämlich dem anderen normalerweise pro Folge ein skurriles Museum
mitsamt all seiner Geschichten vor. Aber in diesem Monat
September ist ja alles ein bisschen anders, denn der September
steht im Zeichen einer Kooperation zwischen Bitte nicht anfassen!
und das zwoelfer, Museen im Landkreis Tirschenreuth. Das ist ein
Museumsverbund, der uns einfach eingeladen hat, mal seine
skurrilen Museen anzugucken.
und wir waren bislang schon bei Zoigl, also in der regionalen
Biertradition. Wir haben uns angeguckt, wie das Glas aus der
Oberpfalz nach Notre Dame und zum Big Ben kommt. Wir haben uns
verrückte Geschichten über den Widerstand des ehemaligen
sowjetischen Botschafters und der katholischen Anziehungsperson
Resl von Konnersreuth angehört. Und jetzt sind wir bei der
letzten Folge dieser Kooperation. Und da ich ja in der
vergangenen Folge über den Widerstand parliert habe bis zu dem
Rand, das heißt, ich kann mich mal wieder zurücklehnen und deiner
schönen Geschichte hoffentlich zuhören.
Ralph
Heute geht es um das Thema Grenzen, also Grenze zwischen Gebiet A
und B und im Laufe der Geschichte, das weiß ja jeder, haben sich
Grenzen verschoben. Das ist auch in der nördlichen Oberpfalz
passiert. Heute liegt ja die nördliche Oberpfalz an der Grenze zu
Tschechien. Und diese Grenzlage, die hatte auch früher schon
enorme Auswirkungen auf die Menschen, die dort gelebt haben. Und
ich habe unter anderem mit jemanden gesprochen, der gezwungen
war, sein Leben komplett umzustellen und den das bis heute nicht
loslässt. Aber ich fang mal mit einem Exkurs an Ich weiß, du bist
nicht der größte Freund von Exkursen, sondern willst eigentlich
direkt rein, aber ich fand es trotzdem interessant. Wir werden ja
sehen, ob es drin bleibt. Kennst du den Fluss, Oh Gott. Ich
hoffe, ich spreche ihn jetzt richtig aus, Bidasoa?
Lukas
Noch nie gehört.
Ralph
Das ist der Grenzfluss zwischen Frankreich und Spanien. Und der
mündet im Norden in den Golf von Biscaya. Es ist ein sehr breiter
Fluss. Und in diesem Fluss, da gibt es eine Insel, die
Fasanen-Insel, auch genannt Konferenzinsel.
Und die ist rund 220 Meter lang und bis zu 42 Meter breit,
unbewohnt. Und da die auf der Grenze liegt, hast du eine Ahnung,
wem diese Insel gehört?
Lukas
Also es gibt ja immer wieder so Geschichten, dass sich dann das
von Jahr zu Jahr abgewechselt wird, dass es einmal, dann
Frankreich gehört und im nächsten Jahr wieder Spanien. So kenne
ich das von Inseln, die, bei denen sich zum Beispiel Dänemark und
Kanada, die sich da immer abwechseln.
Vielleicht ist es da ja auch so?
Ralph
Ja, das ist auch so, nur dass es nicht jährlich ist, sondern
halbjährlich. Also mal untersteht es den Franzosen, mal den
Spaniern und das schon seit mehr als 350 Jahren. Das Gebiet, das
wird sozusagen gemeinschaftlich verwaltet und da gibt es auch
einen Fachbegriff dafür. Ich hoffe, ich spreche den jetzt auch
richtig aus.
Kondominium oder Kondominat, also vom lateinischen con zusammen
und dominare herrschen. Und was die Fasaneninsel jetzt ganz
einzigartig macht, ist das, dass es das kleinste Kondominat der
Welt ist und auch eines der wenigen, das bis heute noch
existiert. Früher kam das öfter vor. Und mit Bildung der modernen
Nationalstaaten ist es dann fast verschwunden. Und ein anderes
Kondominat, das aber heute auch verschwunden ist, das lag in der
nördlichen Oberpfalz, genauer gesagt im Grenzgebiet zu
Tschechien.
Und das hat rund ein Dutzend von Ortschaften umfasst, unter
anderem die Ortschaft Bad Neualbenreuth. Es ist ein Kurort, wie
der Name schon sagt, mit rund 1500 Einwohnern liegt nur wenige
100 Meter entfernt von der heutigen tschechischen Grenze. Und
dort gibt es ein Museum, das heißt Sengerhof. Also es ist ein
Bauernhof, ein Vierseithof aus dem 18. Jahrhundert, und der wurde
dann von den Leuten dort an die Marktgemeinde vermacht und
beherbergt unglaublich viele Gegenstände der Vorbesitzer, also
ganz viele Kleidungsstücke, Alltagsgegenstände, Werkzeuge usw
alles in gutem Zustand.
Darum geht es aber heute nicht. Es geht ja um Grenzen, hab ich
gesagt. Und ich habe Albert Köstler kennengelernt, den
Museumsleiter. Der ist auch zufällig der ehemalige Bürgermeister
von Bad Neualbenreuth. Hatten wir schon mal in der Folge. Ja. Und
in einem Raum von diesem Museum, Da geht es um die Geschichte der
Fraisch. Hast du davon schon mal gehört?
Lukas
Noch nie. Fraisch? Keine Ahnung.
Ralph
Ja, das ist ein ganz altes Wort. Und was das bedeutet, das soll
dir mal Albert Köstler erklären.
Albert Köstler
Es ist ein Begriff aus dem Althochdeutschen, der ursprünglich
Angst und Schrecken heißt. Ja, im engeren Sinn war Fraisch die
Blutgerichtsbarkeit, die höhere Gerichtsbarkeit. Also wer
Todesstrafe, die Todesstrafe hat. Malefiz-Fälle, so hat es damals
geheißen.
Lukas
Der Name Fraisch für ein Gebiet ist jetzt eigentlich nicht sehr
positiv konnotiert. Todesstrafe, höchste Gerichtsbarkeit. Klingt
ja jetzt eher nach einem Gebiet, was sich so ein bisschen nach
Guantanamo Bay anhört.
Ralph
Ja, aber das ist tatsächlich ein bisschen irreführend. Es geht um
diese Besonderheit im Gebiet, dass nämlich die
Blutgerichtsbarkeit oder die hohe Gerichtsbarkeit sich da ständig
geändert hat. Okay, das kann ich schon mal verraten. Und zur
hohen Gerichtsbarkeit. Albert Köstler hatte schon gesagt, da geht
es um Todesstrafe und wir befinden uns jetzt im Spätmittelalter,
also müssen wir wirklich weit zurückgehen.
Was meinst du, was hat der früher so zur Todesstrafe geführt?
Lukas
Vieles.
Ralph
Ja, richtig, Albert Köstler zählt mal für dich auf.
Albert Köstler
Ketzerei, Zauberei. Vergiftung. Kirchenraub. Ehebruch. Notzwang.
Blutschande. Unkeuschheit. Entführung einer Witwe oder Jungfrau.
Um Gottes Willen. Wer sich mit zwei Personen verlobt. Oh Gott.
Mord, Raub, Brennen, Wegelagerei und, und, und.
Lukas
Also alles so stakkatoartig. Hätte ich jetzt nicht aufzählen
können.
Ralph
Ja, ja, alles Mögliche. Er hat aufpassen müssen. Sagen wir es mal
so und wie schon angedeutet, bezeichnet die Fraisch ein Gebiet,
wo die hohe Gerichtsbarkeit sich geändert hat. Jetzt ist aber die
Frage ja, warum ist das dann so? Warum hat sich da diese hohe
Gerichtsbarkeit geändert? Und auch inwiefern?
Darauf gehe ich jetzt ein bisschen ein. Es ist ja so, dass du in
der vorletzten Folge von dem Stift Waldsassen schon gehört hast.
Ja, und dieses Stift Waldsassen das war sehr mächtig. Es war sehr
kaufkräftig, hat sehr viele Gebiete sich angeeignet. Also wir
sprechen jetzt so vom 12., 13., 14. Jahrhundert, und es gab aber
noch ein anderes Gebiet, das war die Stadt Eger oder auch
Tschechisch Cheb.
Die war auch einigermaßen wohlhabend und hat sich auch Gebiete
angeeignet. Und so entstand dann in dieser Region ein
Flickenteppich, wo es Gebiete gab, die dem Stift Waldsassen
zugewiesen waren und dann wieder der Stadt Eger. Und es gab auch
sogenannte gemengte Orte, wie auch Neualbenreuth einer war, in
dem sich Bürger, die zum Stift Waldsassen gehört haben,
aufgehalten haben, genauso wie Leute, die halt zur Stadt Eger
gehörten.
Und da kannst du dir vorstellen, das könnte zu Streitereien
geführt haben, gerade über Steuerabgaben, Brauereirechte,
Bäckereirechte usw. Hinzu kommt noch als wichtiger Punkt, dass
sowohl das Stift Waldsassen als auch die Stadt Eger. Das waren
sogenannte reichsunmittelbare. Sagt dir das was?
Lukas
Ja, das heißt reichsunmittelbar heißt doch in dem Fall, dass die
keinem Kurfürsten unterstehen, sondern direkt dem Kaiser.
Ralph
Genau. Das heißt, wenn es da zu Streitereien kam, die man nicht
sofort auflösen konnte, da musste sich letzten Endes der Kaiser
in Österreich einschalten. Das war dann auch der Fall bis zum 16.
Jahrhundert, das dann immer wieder Streitereien gab und dann ist
aber was passiert, das dann die Situation mit einem Schlag
umgestellt hat.
Albert Köstler
Der Mord von Hundsbach, wo ein waldsassener Bürger einen
egerischen Bürger an der Grenze jämmerlich ableibig gemacht hat,
erschossen. Und der hat dann den Leichnam genommen, aufgeladen
auf einen Bruckwagen und hat ihn auf dem Waldsassener Friedhof
eingscharrt. Das haben die Egerer aber mitbekommen und haben die
Bürger als Geisel genommen und haben die gesagt: Also wenn ihr
ihn nicht rausrückt, den Toten, dann gibt es Krieg und das ist
dann so passiert, der wurde zurückgegeben.
Aber die ganze Geschichte ist da wieder sage ich jetzt noch mal
dem Kaiser von Österreich vorgetragen worden, und der hat gesagt:
jetzt ist Ruhe.
Ralph
Ja kurz zusammengefasst: jemand aus Waldsassen hat einen
Egerländer umgebracht also Egerländer, der gehört zur Stadt Eger
sozusagen, und hat dann diesen Egerländer, ja genau diesen
Egerländer auf Waldsassenr Gebiet begraben. Das fanden die
Egerländer aber nicht so toll und haben dann ihrerseits
Lukas
Aber die Tatsache, dass der Waldsassener den Egerländer
umgebracht hat…
Ralph
Das war auch schon nicht toll. Und dann war es eben so, dass die
Egerländer dann ihrerseits Geiseln genommen haben. Leute, die
sich zu dem Zeitpunkt Egerland sozusagen aufgehalten haben, aber
aus Waldsassen stammen und gesagt haben So, ihr gebt jetzt da
diesen Leichnam raus, sonst geben wir die Geiseln nicht
frei. Dann gab es halt diesen Austausch und das Problem hat dann
auch der österreichische Kaiser mitbekommen und hat gesagt Ich
will jetzt endlich eine Lösung für finden, damit es nicht ständig
diese Streitereien auf diesem Gebiet gibt. Und dann hat er 1591
einen Vertrag aufgesetzt und in diesem Vertrag stand, dass sich
jedes Jahr die Gerichtsbarkeit in dem Gebiet abwechseln sollte,
also die hohe Gerichtsbarkeit, das heißt jedes, also auch nicht
so zum 1. Januar oder was, sondern jeden Sommer hat jemand in
Neualbenreuth verkündet, wer ab jetzt die Gerichtsbarkeit für ein
Jahr innehat, also das Stift Waldsassen oder die Stadt Eger
und wer eine Tat während des Waldsassener
Jahres begangen hat, der ist dann auch von Waldsassen
verurteilt worden und umgekehrt. Also auch wenn es
jetzt ins nächste Jahr rüber gereicht hätte oder so.
Ja, und laut Albert Köstler hat das dann trotzdem nicht
verhindert, dass es weiterhin Streitereien gegeben hat. Aber die
Verurteilung wird halt jetzt leichter und es hat sich noch was
verändert, nämlich die Fraisch wurde ein zollfreies Gebiet, das
heißt sie konnten da zollfrei bestimmte Sachen einführen, wie zum
Beispiel aus Böhmen Eisen, aber aus Bayern auch Bier und
Salz.
Und eigentlich sollte das nur eine Übergangslösung sein und hat
dann aber relativ lang gehalten. Hast du eine Ahnung, wie lang
das gegangen sein könnte?
Lukas
Hmm, also geschichtlich müsste sich ja an den Staaten was ändern,
also schätze ich mal wird es mindestens bis. Also ich schätze mal
Säkularisation. Das heißt ich würde sagen bis Napoleon bis sich
halt das Königreich Bayern gegründet hat, also Anfang 19.
Jahrhundert.
Ralph
Ja schon sehr gut geraten. Also bis 1862 ging es tatsächlich
noch. Mit dem Wiener Vertrag hat sich das dann geändert. Letzten
Endes, das war der war ja dann 1862 und da wurde dann eben der
Grenzverlauf zwischen Bayern und Böhmen neu geregelt und die
Fraisch wurde aufgelöst. Neualbenreuth ist zu Bayern gekommen und
Altalbenreuth, der Nachbarort, der nur wenige Kilometer entfernt
liegt, der kam zum österreichisch-ungarischen Kaiserreich.
Lukas
Okay.
Ralph
a und heute ist es so, also es ist natürlich schon sehr lange
her. Heute ist es so, dass man ja eigentlich gar nichts mehr
wirklich sieht von diesem Gebiet. Was soll man auch groß sehen,
aber es gibt trotzdem ein Überbleibsel aus dieser Zeit, nämlich
kulturell: Das ist das Egerländer Fachwerk, okay. Und dieser
Sengerhof, also das Museum in Bad Neualbenreuth, das ist in der
Egerländer Fachwerkbauweise erbaut, das Fachwerk, das zieht sich
nicht durch das komplette Haus durch.
Das geht eher so im Obergeschoss los und hat dann ein
Rautenmuster, das sehr eigen aussieht. Und außerdem gibt es auch
noch die Sprache, die Egerländer Sprache, die sich bis heute
erhalten hat. Dazu Albert Köstler.
Albert Köstler
Wie die Grenze geöffnet worden ist 1990 1991, wie wir die ersten
informellen Treffen hatten, auch mit Leuten außerhalb der Grenze,
Tschechischen Landsleuten, sind welche auf uns zugekommen, haben
uns Deutsch angesprochen. Aber nicht Deutsch, sondern
egerländisch, so überraschend und reinrassig, dass ich es selber
nicht verstanden habe. Aber ich wusste es von meinen Großeltern
her Namen, wie zum Beispiel der Schurl, das war der Georg.
Lukas
Okay, das heißt, sie haben jetzt in der Zeit ihre eigene Sprache
entwickelt, die dann egerländisch war und das ist ein Dialekt,
aber ein bayerischer Dialekt dann.
Ralph
Ja, also es ist schon ähnlich zur Oberpfälzisch, aber das ist
schon noch mal was eigenes.
Lukas
Okay, also hatte wahrscheinlich irgendwelche slawischen Einflüsse
durch das tschechische.
Ralph
Gut möglich.
Lukas
Ja okay, aber ist ganz interessant, dass dann die Leute auf
tschechischer Seite dann noch dieses Egerländisch
sprechen.Vermutlich auch noch mehr als die Leute im bayerischen
Teil.
Ralph
Und viele Ortschaften, die sich im damaligen Gebiet befunden
haben, vor allem auf tschechischer Seite die sind nach dem
Zweiten Weltkrieg zerstört worden, sind geschliffen worden von
den Sowjets und die deutschsprachigen Einwohner vertrieben worden
zwar auch in Altalbenreuth das ist zum Beispiel der Fall.
Also Altalbenreuth existiert eigentlich nicht mehr, im
Gegensatz zu Bad Neualbenreuth.
Neben den Orten im Gebiet der Fraisch waren noch ganz viele
andere Orte von Zerstörung betroffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg
nämlich die im ehemaligen Sudetenland. Das waren rund 2400 Orte,
die da zerstört worden sind.
Die Sudeten das ist ja ein Gebirgszug, der sich durch Tschechien
erstreckt und in den heutigen Gebieten von Böhmen, Mähren und
Schlesien, da ist das ehemalige Sudetenland zu verorten, gerade
auch hin zur deutschen bzw. zur österreichischen Grenze.
Und einen diese abgerissenen Orte habe ich besucht und kann schon
mal sagen, das es echt was ganz Besonderes für mich war. Ich hab
mir das vielleicht anders vorgestellt, aber das war echt krass.
Ja, aber ich war nicht allein unterwegs.
Karl Schneider
Ist schon schmerzhaft, wenn man dort hinkommt, wo man als Kind
gespielt hat und es ist nichts mehr da. Das Haus der Großeltern
steht nicht mehr. Das Haus, in dem meine Eltern gewohnt haben,
steht nicht mehr. Es ist kein Haus mehr.
Lukas
Okay, das heißt, von dem Ton ausgehend gehe ich davon aus, dass
du da mit jemanden warst, der wirklich in diesem Dorf gelebt hat.
Ralph
Ja, richtig. Das ist Karl Schneider, den du gerade gehört hast.
Der ist natürlich schon etwas älter. Und er ist in einem dieser
Dörfer aufgewachsen, das es nicht mehr gibt. Und das Dorf hieß
Lohhäuser. Die Ruinen davon stehen auf heute tschechische
Seite.
Bis 1946 gab es das Dorf, das hatte 29 Häuser und auf der einen
Seite grenzt es an An Wiese an und auf der anderen Seite war
Wald. Und als ich da war, also du musst dir das so vorstellen, du
gehst über die Grenze drüber, das ist eh schon im Wald und dann
bist du einfach mitten im Wald und überall hast du Bäume und
keine Gebäude mehr.
Dann sagt Karl Schneider halt so, ja, hier stand das Gebäude und
da stand das Gebäude. Und heute sind halt echt sauhohe Bäume.
Also ist das für mich so überraschend, dass diese Bäume, die
waren ja 30 Meter hoch oder so,
Lukas
Aber hast du da trotzdem noch Ruinen gesehen? Aso von einem Haus
habe ich eine Ruine gesehen, sonst nichts mehr.
Das ist echt krass, dass das so abgetragen ist. Das sind einfach
Wiese, Waldboden, Sträucher, Bäume. Hast aber keine Häuser mehr.
Und für mich war das ja quasi einfach so Waldstück. Für Karl
Schneider war das aber ein Ort der Erinnerung.
Karl Schneider
Ist sicherlich auch Nostalgie. Muss man ja vorsichtig sein. Man
verfälscht dann auch manches. Das ist alles nicht ganz ohne. Aber
ich weiß noch genau, mein Onkel, der Heger war, der im Forst
tätig war, hatte einen kleinen Dackel, den Waldi, und der war
mein Ein und Alles. Ich habe mich neben unserem Haus ja in die in
die Försterwiese gelegt, bin eingeschlafen. Der Waldi hat
gebellt, wenn jemand sich näherte.
Und das sind halt so kleine punktuelle Erinnerungen, die ich auch
noch habe. Und aus diesem Kinderparadies bin ich ja vertrieben
worden.
Ralph
Er war neun Jahre alt, als er diesen Ort verlassen musste,
zusammen mit seiner Mutter, seinen zwei Brüdern und den
Großeltern. Und die Leute wurden ja verteilt in die verschiedenen
Zonen in Deutschland. Und er hatte gehofft, nach Bayern zu
kommen, in die amerikanische Zone. Es ging aber für sie in die
russische Besatzungszone nach Thüringen. Von dort sind sie dann
bald darauf geflohen.
Also er ist geflohen, zusammen mit seinem jüngeren Bruder und
seiner Mutter. Der andere Bruder und die Großeltern mussten noch
eine Weile in Thüringen bleiben, weil was gesundheitlich einfach
nicht gepasst hat. Sie sind dann geflohen ins Allgäu, zu Karl
Schneiders Onkel und später dann in die Oberpfalz gezogen. Da kam
dann auch seine Großeltern dazu, und sein mittlerer Bruder und
damit war der Umzug aber noch nicht ganz abgeschlossen.
Karl Schneider
Und weil kein Platz mehr für mich war und ich schon immer früher
bei den Großeltern, bin ich mit meiner Großmutter und meinem
Onkel, dem Bruder meines gefallenen Großvaters, bin ich dann in
eine Waldhütte gezogen, die heute noch steht. 20 Quadratmeter
mitten im Wald. Und da musste ich zwei Jahre lang leben. Sommer
und Winter, Winter auf Skiern und ganz allein im Winter.
Ganz hart. Meine Mutter hatte mir ein Fahrrad noch besorgt, das
machte mir das Ganze dann leichter. Aber ich hatte keine
Spielkameraden da, und das hat mich natürlich auch geprägt.
Ralph
Vom zehnten bis zum 13. Lebensjahr war er dort in dieser
Waldhütte, und ab und zu ist er von seinen Verwandten noch
besucht worden. Später, als er dann erwachsen war, war es dann
ich sage mal, nicht mehr so einsam. Er ist dann in die Nähe von
Bremen gezogen, wo er auch heute noch lebt.
Lukas
Ich wollte doch sagen also, dass er für den Oberpfälzer einen
ziemlich norddeutschen Einschlag hat, finde ich.
Ralph
Und für ihn war lange Zeit die Sache mit Lohhäuser, also mit
diesem Dorf, in dem er aufgewachsen ist, ja gegessen, war
irgendwie vom Tisch, weil es ja auch schwierig war, dorthin zu
gehen. Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs noch. Und als dann aber
die Grenzen geöffnet wurden. Am ersten Tag sind dann Karl
Schneider und seine Brüder dort hingegangen nach Lohhäuser und
haben dann schon komplett zerstört das Dorf vorgefunden.
Einzig da Fundament der damaligen Mühle steht noch sowie ein
Mahnmal für die im Krieg Gefallenen und aus Angst, dass das Dorf,
also sein Ort, wo er aufgewachsen ist, dass das in Vergessenheit
gerät, ist ein Karl Schneider an den damaligen Bürgermeister des
Nachbarortes Mähring herangetreten. Also das liegt dann in der
Oberpfalz, in Bayern und hat gefragt, ob es nicht möglich ist, so
eine Patenschaft irgendwie zu übernehmen, um das im Gedächtnis zu
behalten.
Karl Schneider
Und dann sagte der Bürgermeister Das kann ich nicht entscheiden,
das muss der Gemeinderat. Und meine Anmerkung Ja gut, es gibt
doch in der Schule Heimatkunde, habe ich irgendwo gelesen. Werden
doch sicherlich Lehrer erklären, dass da auch mal hinter der
Grenze ein Dörfchen war und dass die Menschen Kontakte hatten.
Dann hat er mich oder uns beide, mein Bruder und mich, mit großen
Augen angeschaut und gesagt Nein, da irren Sie ja, die Lehrer
kommen von auswärts.
Sie haben keine Ahnung, dass da mal Leute hinter der Grenze
waren, dass da mal ein Dorf war, das weiß keiner von den Lehrern.
So, Wie bitte? Und das mag jetzt pathetisch klingen. Dann habe
ich mir gesagt, So, ich komme aus diesem kleinen Dorf. Aber die
Menschen, die dort gelebt, geliebt und gelitten haben, haben es
nicht verdient, im Schwarzen Loch der Geschichte zu
verschwinden.
Lukas
Und dann hat er selber das Heft des Handelns in die Hand
genommen?
Ralph
So ist es ja. Er hat dann angefangen, ganz viel zu recherchieren,
hat Archive aufgesucht, die Dorfchronik ausfindig gemacht, mit
Überlebenden gesprochen und hat letzten Endes dann ein
ausführliches Buch darüber geschrieben. Auch mit ganz vielen
Fotos. Und er hat es geschafft, dass Mähring dann die Patenschaft
übernommen hat.
Lukas
Für Lohhäuser?
Ralph
Genau. Ja. Und heute ist es noch so, dass mindestens einmal im
Jahr Karl Schneider von der Nähe von Bremen nach Lohhäuser kommt,
um sich mit anderen ehemaligen Bewohnern zu treffen.
Lukas
Ja, gibt es davon noch welche? Weil es können nicht mehr viele
sein. Oder wenn es 29 Häuser waren und wir reden da von
1946.
Ralph
Also laut Karl Schneider sind es nur 4 bis 5 Leute, die es noch
gibt.
Ja, und der Ort Mähring, Der erinnert auch noch an dieses
Lohhäuser, nämlich im Museum, das Sie haben. Sie haben das
sogenannte gelebte Museum Mähring. Das Problem ist ein bisschen,
dass es wenig Objekte gibt aus Lohhäuser und deswegen ist gerade
auch nicht viel ausgestellt in dem Museum. Dort gibt es eine
Miniatur, so ein Modell, das veranschaulicht, wie das damals
ausgesehen hat, wo die Häuser standen, wie die Straße
verlief.
Und es gibt auch noch so so Perlen anzugucken, die sind mir
aufgefallen. Worum es sich dabei handelt, erzählte Roland Weiß,
er ist Leiter des Museums.
Roland Weiß
Ja, hier in Lohhäuser sind in der Mühle dann so Holzperlen
gefertigt wurden sogenannte Badl. Und da sind unter anderem so
Alltagsgegenstände, wie Einkaufstaschen gefertigt wurden. Und ja,
Kreuz und verschiedene andere Sachen. Kleine Taschen.
Lukas
Ich glaube, ich kenne diese Holz einkaufstaschen. Ich glaube,
dass meine Oma so eine hatte.
Ralph
Ja. Ja, gut möglich. Ja. Und diese Perlen, die ich da gesehen
hab, die waren auch eine Tasche rein gemacht und haben einer Frau
gehört, die aus Lohhäuser geflohen ist und die Tasche dann dem
Museum vermacht hat. Ja, Außerdem kann man noch den Mühlstein
sehen. Der wurde in einer Nacht und Nebel Aktion dann irgendwann
mal geborgen. Aber ja, das war's dann leider. Also es gibt einige
Sachen, die im Lager sind, hat mir Roland Weiß versichert. Aber
zu dem Zeitpunkt gab es sonst nur eine Ausstellung mit Gemälden
eines erst örtlichen Künstlers, der dann auch Landschaften gemalt
hat. Und Roland Weiß den du jetzt gehört hast, der hat Lohhäuser
nicht mehr miterlebt, der ist ein bisschen jünger. Der ist aber
gebürtige Mähringer und da wollte ich wissen, was er da mit
Lohhäuser dann überhaupt noch verbindet. Also gibt es da
überhaupt noch eine Verbindung oder wie wird das denn am Leben
erhalten?
Roland Weiß
Das hier das war immer früher in meiner Kindheit verbotenes Land,
da war hier die Grenze, da hast du bloß rüber geschaut und
konntest nicht rüber und da haben immer bloß Großvater erzählt,
Lohhäuser; wie es da drüben zugangen ist, also dass sie da rüber
gegangen sind ins Wirtshaus usw aber man konnte es nie sehen
selber. Und das hat mich immer interessiert und fasziniert.
Lukas
Ja, das kann ich mir aber gut vorstellen. Ich glaube, so
verbotene Orte oder so Orte, die gibt es, weil man so eine
Grenze, das muss eine unglaubliche Faszination ausüben. Jetzt zum
Beispiel bei mir, wo ich aufgewachsen bin, im Nachbardorf, im
Wald da ist noch ein Munitionsdepot, der Nazis. Ist auch alles
abgesperrt, weil vielleicht liegt da noch Munition irgendwo
rum.
Ich weiß es nicht. Aber du kannst dir vorstellen, wie oft wir uns
als Kinder entlang an den Zäunen da entlang gehandelt haben und
rüber geguckt haben und vielleicht ein Ort gefunden hat, wo man
drüber klettern kann oder drunter klettern kann. Oder irgendwie
so. Das übt eine wahnsinnig Faszination aus.
Ralph
Aber es wird natürlich immer schwieriger. Je mehr Wald darüber
wächst, desto weniger bleibt halt erhalten von diesem Dorf, was
eh schon fast nichts mehr ist.
Und ich glaube auch, dass es für die jüngeren Generationen immer
schwieriger vorstellbar ist, dass da überhaupt mal ein Dorf war.
Und heute sieht das halt einfach alles anders aus als früher.
Früher hatte man zu Zeiten von Roland Weiß hatte man halt einfach
da eine Grenze und also geografisch wie auch kulturell. Und heut
ist es halt anders.
Roland Weiß
Ja früher waren wir am Ende der Welt. Wenn man so sagen kann, da
ist ja Mähring mehr oder weniger so abgeschlossen gewesen, der
ging ja nur in zwei Richtungen konnte man rausfahren. Früher, vor
der Wende gab es überhaupt keine Beziehungen darüber, dass war
halt einfach, weil der Zaun war, gab es nicht. Man konnte da
nicht hin und her.
Und nach der Wende ist es ja schon ganz anderes Verhältnis. Es
wird rübergefahren, es gibt Tschechen, die hier arbeiten, also
bissel Bremsen tut das Ganze die Sprache tschechisch. Die
wenigsten können das. Also es ist eine schwere Sprache. Ich habe
das sogar mal versucht, aber aufgegeben.
Lukas
Ja, das kann ich mir vorstellen. Wenn da irgendwie über
Jahrzehnte hinweg war ja bis 1900 plötzlich 1990 und das dauert
halt so was. Na und wenn es dann diese sprachlichen Kontakte
nicht mehr gibt und wenn auch die Leute zum Beispiel nicht
zweisprachig aufwachsen, weil warum sollten sie es? Ich meine,
wenn da die Grenze ist, wenn da der Zaun ist, die werden ja
deswegen nicht nach Tschechien rübergehen, weißt was ich
meine?
Das heißt, es gibt ja für die überhaupt keinen Grund, Tschechisch
zu lernen. Genossen ist das eigentlich für die Tschechen kein
Grund? Gibt Deutsch zu lernen? Das kann ich mir schon gut
vorstellen. Für die gibt es glaube ich, eher noch einen Grund,
Deutsch zu lernen, weil halt viele hier in Deutschland arbeiten.
Lukas
Jetzt aber, ich meine jetzt die Generation, dann während des
Eisernen Vorhangs und das glaube ich halt, wird halt schwierig
sein.
Ralph
Was mich noch so ein bisschen beschäftigt hat, nachdem ich diese
beiden Museen da besucht habe, war die Frage ja, wie vermittelt
man so was eigentlich am besten, wenn es nichts, also fast nichts
gibt, was übrig geblieben ist, sozusagen gegenständlich? Und in
Neualbenreuth, um jetzt da noch mal zurückzukommen, da ist es
nämlich so, dass in dem Raum, wo es um die Fraisch geht, um
dieses Gebiet, Du hast eigentlich nur Texttafeln, die es
vermitteln. Das fand ich schon, Ja, ist halt nicht so
anschaulich. Da habe ich mich gefragt ja, wie würde ich das denn
anders machen usw und dann hab ich lange überlegt.
Hast du das jetzt eine fixe Idee?
Lukas
Warum denn keine Waldhütte in dieses Gebiet reinstellen und es so
ein Open Air Museum, wo du kein Eintritt zahlen musst, wo du
reingehen kannst und da kannst du zum Beispiel Fotos machen und
die an die Fenster hinhängen, damit du quasi aus dem Fenster
rausgucken kannst und dann siehst du, wo diese Häuser wie
gestanden wären.
Ralph
Du meinst im Fall von Lohhäuser, oder?
Lukas
Genau.
Ralph
Ich hab mir gedacht, bei der Fraisch, wo es nur Texttafeln jetzt
zu sehen gab, vielleicht wäre das ja ganz interessant gewesen, da
konkrete Fälle halt zu präsentieren, weißte? Weil es ja um diese
unterschiedliche Gerichtsbarkeit geht, dass man einfach Fälle
herholt und sagt naja, okay, Person XY hat das gemacht und wurde
dann nach Eger recht verurteilt und dann Person Y hat dies und
jenes gemacht und so, aber sonst ist tatsächlich gar nicht so
leicht.
Wollte ich jetzt nur einfach mal streuen. Ich habe da keine
Lösung und ich habe da auch jetzt niemanden der Museumsleiter
noch mal extra nachgefragt. Aber das empfinde ich auf jeden Fall
als eine Herausforderung. Hast du denn sonst irgendwelche Fragen
noch dazu oder möchtest du irgendwas loswerden zu dem
Thema?
Lukas
Wie verrückt es vielleicht ist, dass sind wir jetzt uns heute zu
Grenzgebieten befinden, dass wir dann teilweise nicht mal mehr
wissen, sind wir jetzt in Bayern oder sind wir in Tschechien,
weil es geht einfach ein Waldweg durch den Wald durch und zack,
du bist halt im anderen Land.
Ralph
Ja, das stimmt.
Lukas
Und damals halt einen Todesstreifen oder halt Zaun mit
Sicherheitskontrolle oder keine Ahnung was. Und das ist halt
schon irgendwie so für mich so ganz schwer nachzuvollziehen, wie
auch der Roland weiß es gesagt hat. Das irgendwie so bei Mähring
hört die Welt auf und danach war halt einfach Schluss. Nicht,
weil dann die Welt zu Ende war, es dann halt einfach, weil es
dann keine Reisefreiheit mehr gab.
Du konntest nicht mehr weitergehen und ich glaube, das ist ein
Privileg. Also ich meine, wir können uns vielleicht noch an
Grenzkontrollen in Österreich erinnern oder nach Tschechien oder
so was, aber da waren wir sehr jung. Also das heißt, seitdem ich
irgendwie politisch ein bisschen ein Gewissen habe, habe ich,
glaube ich, kenne ich keine Grenzkontrollen mehr. Und es ist
schon irgendwie verrückt, wenn man damit aufgewachsen ist und
wenn man sich dessen bewusst ist, dass es irgendwie zumindest in
der näheren Umgebung keine wirklichen Grenzen mehr gibt. Wie
krass ist es. Und da möchte ich eigentlich auch nicht mehr in die
Zeit früher zurück.
Ralph
Ja, da hast du recht. Ich kann mich da auch, obwohl ich ein
bisschen älter bin, also ich kann mich da auch so gut wie gar
nicht dran erinnern an diese Grenzkontrollen. Ja, und bin froh
drum, dass es den Schengenraum hier gibt.
Lukas
Vielen lieben Dank für diese Geschichte, für diesen Schwung durch
die Zeit. War auf jeden Fall echt höchst interessant. Karl
Schneider Wie alt ist er jetzt? Der muss ja dann auch jetzt schon
auf die 90 zugehen, oder?
Ralph
Ja, der ist Mitte 80. Ja, das sind die letzten Zeitzeugen bei
solchen Geschichten, das ist ja krass. Ich fand es unglaublich
spannend, was er erzählt hat und er hat sich auch richtig viel
Zeit genommen für mich. Wir sind da bestimmt, ich möchte es nicht
übertreiben, aber bestimmt zwei, drei Stunden durch Lohhäuser
gegangen.
Lukas
Ja, aber sehr cool. Also ich meine, das ist ja so ein Privileg,
wenn man so was machen kann, dass man da sich mit solchen Leuten
unterhält.
Ralph
Na ja, ihm ist es halt auch total wichtig, dass er das alles
erzählt, dass es weitergegeben wird. Ja gut, dann sind wir jetzt
am Ende unserer Sonderstaffel angelangt. Genau. Es ist auf jeden
Fall ein wilder Ritt durch den Landkreis Tirschenreuth und noch
darüber hinaus. Ja, ich habe auf jeden Fall wahnsinnig viel über
die Region gelernt.
Lukas
Bin auch sehr überrascht, was es da alles gibt und was für
verrückte Traditionen und Industriezweige und Menschen in
Geschichte und so! Es passiert ja doch nicht alles in den großen
Städten. Manches passiert halt auch einfach auf dem Kaff und es
ist halt nicht weniger spannend.
Ralph
Aber das wissen wir ja bereits. Das ist so seit zwei Jahren Bitte
nicht anfassen.
Lukas
Das stimmt ja.
Ja, ich finde, es zeigt sich noch mal. Ja, auf jeden Fall.
Geschichten finden sich überall. Das heißt, dass wir jetzt im
kommenden Monat ja wieder in unsere regulären Sendemodus
übergehen. Genau. Im Oktober geht's wieder in den monatlichen
Rhythmus über. Kannst du mir dann schon sagen, womit es dann im
Oktober weitergehen wird?
Ralph
Ja, es wird ein ein lockeres Thema sein, Ein heiteres Thema,
vielleicht auch ein bisschen nerdiges Thema. Und es geht um
etwas, das auf jeden Fall meine, gut möglich auch deine Kindheit
und die vieler anderer Menschen geprägt hat.
Lukas
Ich bin gespannt.
Ralph
Und Leute, ist ja super, wenn ihr uns Feedback geben könnt zu der
Sonderstaffel. Wir arbeiten daran, dass wir immer besser werden,
dass wir euch immer ansprechenden interessanten Content liefern
können und sind auch offen für Neuerungen.
Das heißt, wenn ihr die Sonderstaffel toll findet, dann schreibt
uns doch, was ihr toll findet. Wenn es nicht so toll findet, sind
wir auch froh darum, Verbesserungswünsche oder Kritik zu
erhalten. Ja, tretet in Kontakt. Das war die letzte Folge des
Specials, der Kooperation von Bitte nicht anfassen, Museum mal
anders und das Zwölfer – Museen im Landkreis Tirschenreuth. Diese
Kooperation wurde gefördert von der Landestelle für
nichtstaatliche Museen Bayern.
Der Beitrag Zwoelfer-Special Folge 4: Geteiltes Land, geteiltes
Leid – Tragödien einer Grenzregion erschien zuerst auf Escucha.
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