Deep Story #72 | Abschied | Meer hören
60 Minuten
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Beschreibung
vor 7 Jahren
Heute präsentieren wir euch den ersten Teil unserer neuen
Episodengeschichte. Weltenbummler Simon Rucker stellt damit unter
Beweis, dass er neben tollen Reiseberichte auch spannende Dramen
auf Lager hat. Eingerahmt wird das Geschehen vom Duo „Meer
hören“, die den dramatischen Abgang des Protagonisten nicht nur
durch ihren Namen treffend verarbeitet haben, sondern dessen
Kampf mit dem nassen Element auch wunderbar musikalisch
inszeniert haben.
Die Zeichen standen auf Unheil. Ich habe versäumt, sie richtig zu
deuten. Heute weiß ich mehr. Bis heute ist viel Zeit vergangen.
Juni 2017, am Flughafen habe ich einen Bourbon mit Coke
getrunken. Ich erinnere mich äußerst genau daran. Durch die
Panoramafenster war das Flimmern über dem Flugfeld zu sehen.
Dunstig verschwammen die tropischen Hügel in der Ferne. Durstig
spülte ich mit der Flüssigkeit die Wehmut des Abschieds herunter.
Die Hitze des späten Nachmittags war dort im maschinell
heruntergekühlten Innern des Flughafens nur noch der klebrige
Film auf meiner Haut. Hinter mir lagen anstrengende Tage. Meinen
Anzug hatte ich zugunsten leichter Chinos und eines tief
ausgeschnittenen T-Shirts in mein Gepäck verstaut. Wann wo
was aus dem Ruder gelaufen ist, vermag ich nicht zu sagen.
Irgendwas hatte in der drückenden Luft gelegen. Flug AB2-83 nach
Stuttgart bitte zu Ausgang 27. Keine weiteren Bourbons mit Coke.
Zahlen bleiben mir gut im Gedächtnis. Ich stellte mir vor, wer
meine Begleiter in den Tod sein würden, hätte das Flugzeug
abstürzen sollen. Irgendwie fiel es mir leichter, wenn ich
jemanden entdeckte, den ich schön fand. Ich ahnte nicht, welche
Wirklichkeit meine Gedanken bald haben sollten. Den
stinkenden schwitzenden Kerl auf dem Sitz neben mir hasste ich
vom Moment an, in dem er sich neben mir in die Polster fallen
ließ. Ich weiß genau, was diese Art Mann in dieser Art Land macht
und ich hasse es. Schmierige Geschäfte und billige Nutten. Er
lächelte mir zu. Meinte wohl, wir wären irgendwie verbunden. Weil
wir Männer sind? Wenn es das ist, was Männer ausmacht, dann will
ich keiner mehr sein. Draußen schob sich langsam die
Umgebung am rollenden Flugzeug vorbei. Palmen hinter
Maschendrahtzaun mit Stacheldrahtkrone. In den scharfen Spitzen
hatten sich Müll und unglückliches Vogelgetier verfangen. Die
Beschleunigung drückte mich in den Sitz. Ich bestellte Bourbon
mit Coke, versuchte den schwitzenden Kerl nicht zu berühren und
las Thomas Bernhard. Draußen fiel die Dämmerung über die
Welt herab wie ein Stein in tiefes Wasser. Das Rauschen der
Klimaanlage und das gedämpfte Licht der Kabine erleichterten mir
das Einschlafen. Was später vor sich ging, ist schwer zu
begreifen. Vermutlich habe ich es irgendwie verkraftet, weil ich
zu dem Zeitpunkt, als ich erwachte und die unerfreulichen
Umstände begriff, unter denen der Rest meiner Reise nun wohl
stattfinden würde, schon ziemlich einen sitzen hatte.
Jedenfalls war das erste, was ich bemerkte, nachdem ich wieder zu
mir kam, dass es still war. Viel stiller, als ich gedacht
hätte...
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