Darf ein Kanzler weinen?

Darf ein Kanzler weinen?

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SWR1 Sonntagmorgen – rund um Religion, Gesellschaft und Lebensfragen die Highlights unserer Sendung: Informationen, exklusive Gespräche und Hintergründe.

Beschreibung

vor 5 Monaten
Darf ein Kanzler weinen? Friedrich Merz tat es. Zeichen echter
Menschlichkeit oder politisches Kalkül? Dazu die Meinung von Ulrich
Pick Am Montag ist in München geschichte geschrieben worden. Bei
der Wiedereröffnung einer Synagoge wurde der Bundeskanzler so stark
emotional ergriffen, dass er weinte. Er ist damit der erste
deutsche Regierungschef, der in der Öffentlichkeit Tränen zeigt.
War sein Verhalten richtig oder hätte er sich lieber zusammenreißen
sollen? Dieser Frage geht mein Kollege Ulrich Pick in seinem
Standpunkt nach. Darf ein Bundeskanzler in der Öffentlichkeit
weinen? Seit der Gründung unserer Republik galt dies als
unvorstellbar und jetzt ist es ausgerechnet der als oft gefühlslos
bezeichnete Sauerländer Friedrich Merz, der mit diesem Tabu
gebrochen hat. Auch wenn böse Zungen davon sprechen, dass hier
gezielt viel Pathos eingesetzt und Krokodilstränen vergossen worden
seien – ich fand das Verhalten des Kanzlers angemessen, respektabel
und zudem authentisch. Mein Bild von Merz hat dadurch übrigens
deutlich Pluspunkte bekommen. Warum? Weil er den Mut hatte, sich
verletzlich zu zeigen und dadurch ausgesprochen menschlich wirkte.
Und diese Menschlichkeit erzeugt Nähe, was ich übrigens in der oft
kopflastigen Politik für ganz wichtig halte. Denn wie oft ist die
Klage zu hören, dass „die da oben“ in Berlin so abgehoben und
aalglatt seien. Hinzu kommt der Zusammenhang. Merz hat sich von der
öffentlichen Erinnerung an die Shoa berühren lassen. Mit der Folge,
dass seine emotionale Reaktion und der Inhalt in eins gefallen
sind. Mit anderen Worten: Dieser Teil der deutschen Geschichte ist
wahrlich zum Weinen. Das sollten wir uns – gerade angesichts
Gebrauchs von gezielt verharmlosenden Begriffen wie „Fliegenschiss“
– immer wieder ins Gedächtnis rufen. Was bleibt, ist freilich eine
gewisse Widersprüchlichkeit, die Kritiker Merz jetzt wohl vorwerfen
dürften. Denn der Kanzler wird sich auch in Zukunft sicherlich des
Öfteren wieder distanziert zeigen. Schließlich hat er als
Regierungschef auch eine Rolle zu spielen. Ich finde das nicht
schlimm. Wichtiger ist mir, dass Merz durch seine ebenso emotionale
wie authentische Reaktion den Verhaltensspielraum in der Politik
positiv erweitert hat. Und was die Widersprüchlichkeit betrifft, so
haben wir diese doch – zumindest in gewisser Weise – alle in uns.

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