E002: Wie verändert die Digitalisierung unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft? – Susanne Draheim (CSTI)
vor 9 Jahren
Unser zweiter Ausflug zum Verständnis der Digitalisierung führt
mich zu Susanne Draheim, Leiterin des Creative Space der HAW
Hamburg. Das CSTI ist eine Plattform für angewandte
Forschung und Wissenstransfer im Bereich
Mensch-Maschine-Interaktion und Sm...
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Beschreibung
vor 9 Jahren
Unser zweiter Ausflug zum Verständnis der Digitalisierung führt
mich zu Susanne Draheim, Leiterin des Creative Space der HAW
Hamburg. Das CSTI ist eine Plattform
für angewandte Forschung und Wissenstransfer im Bereich
Mensch-Maschine-Interaktion und Smart Systems, basierend auf
interdisziplinären Ansätzen.
Links aus dem Interview
Creative Space for Technical Innovations (CSTI) der HAW
Hamburg
Susanne Draheim
Webtipps
Living Place Projekt
22 Thesen zur nächsten Gesellschaft
Clayton Christensen: Disruptive Innovation
Felix Stalder
Danah Boyd
Alexander von Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft
Buchtipp
Studien zur nächsten Gesellschaft
Dirk Baecker
Transkript
Nils: Ich bin heute zu Gast bei Susanne Draheim,
Leiterin des Creative Space der HAW Hamburg.
Susanne: Ich bin Susanne Draheim und arbeite
seit circa zwei Jahren an der HAW Hamburg und baue zusammen mit
meinem Chef Kai von Luck das Creative Space for Technical
Innovations auf, über das ich gleich noch mehr erzählen werde.
Wie ich hier hergekommen bin, ist eine ziemlich lange Geschichte,
die fast zehn Jahre zurückgeht. Ich habe als Soziologin in einem
kleinen Fachbereich Informatik und Medien an der Technischen
Hochschule in Brandenburg gearbeitet, um meine Promotion zu
finanzieren, die mit Informatik und Technik nichts zu tun hatte,
sondern eigentlich mit Hochschulreform und Hochschulentwicklung.
Dort habe ich Studienreform-Projekte bearbeitet, den
Bologna-Prozess begleitet und mir Projektstudien für Erstsemester
in der Informatik ausgedacht.
Interessanterweise bin ich durch diese Arbeit, die etwas mit
Informatik zu tun hatte, zur Informatik gekommen und habe
festgestellt, dass es ein Bereich ist, der mich sehr
interessiert. Auch wenn ich selber eigentlich nicht programmieren
kann, habe ich trotzdem angefangen, mich für das Thema zu
interessieren, und gemerkt, dass in der Welt etwas im Gange ist,
was sehr viel mit Technik-Entwicklung zu tun hat.
Nach einem kleinen Umweg an die Uni Hamburg hat das dazu geführt,
dass ich Lust hatte, hier an der HAW ein Abenteuer zu wagen und
ein Laborprojekt mit anzustoßen. Unser Projekt läuft jetzt seit
anderthalb Jahren und wird noch knapp zwei Jahre weiterlaufen.
Und so lange haben wir Zeit, dieses Labor aufzubauen. Auf der
einen Seite machen wir hauptsächlich Master-Ausbildungen, haben
aber auch Ausläufer und Kooperation in die gesamte technische und
informatische Fakultät hinein. Das heißt, wir arbeiten auch mit
Mechatronikern, mit Maschinenbauern, auch ein bisschen mit
Elektrotechnikern, denn das passt gut zu den Technologien und
Themen, die wir hier haben.
Wir sind auch über die Technologien hinaus mit Menschen vernetzt,
die gar nichts mit Technik zu tun haben, sondern eher Design und
Konzepte schreiben oder sich theoretisch und kritisch mit Sozial-
und Kulturwissenschaften beschäftigen. Neben der Ausbildung
arbeiten wir auch mit Unternehmen und anderen Organisationen
zusammen und sehen uns als eine Schnittstelle in der
Metropolregion, um Projekte zu lancieren, welche die
Digitalisierung begleiten und flankieren, etwas kritisch beäugen
und vor allem praktisch einen Beitrag leisten. Wir reden
auch darüber, aber vor allem machen wir. Wir bauen
Prototypen. Wir probieren Sachen aus, die mit der Interaktion von
Mensch und Computer in der neuen Form zu tun haben, sprich in der
unsichtbaren Form oder einer Formfaktor-Form. Wir bauen auch
Smart-Objects. Internet of Things spielt eine Rolle, doch
hauptsächlich geht es um Interaktion.
Nils: Ich bin total gespannt. Ich denke, das ist
auch für alle Zuhörer eine spannende Sache, wenn du von ein paar
Projekten erzählst.
Was ist Digitalisierung?
Nils: Vorne weg noch eine Sache aus deiner
Perspektive: Was ist Digitalisierung? Wo fängt sie an? Wo hört
sie auf?
Susanne: Es ist momentan einer der ganz großen
Begriffe, der versucht zu beschreiben, wie sich
Gesellschaft weltweit verändert. Man muss tatsächlich
sagen weltweit. Wir können das nicht alles durchdeklinieren, denn
wir müssen sagen, dass wir in Westeuropa sind und einen
entsprechenden Blick darauf haben. Aber ich glaube schon, dass es
ein ganz riesiger Prozess ist, der mit dafür sorgt, dass
technologisch und auch in der Art, wie wir zusammenarbeiten und
leben, kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Vieles
was wir seit 20, 30 Jahren für selbstverständlich gehalten haben,
was bestimmte Sicherungen angeht, wird vielleicht so nicht mehr
existieren. Und unter anderem ist das auch eine Folge von
Digitalisierung.
Es heißt nicht, dass alles ganz toll wird durch Digitalisierung.
Es wird vor allem anders. Es wird schneller, es werden neue
Verbindungen gestiftet, die man vorher nicht absehen konnte,
zwischen Technologien und der Objektwelt auf der einen Seite,
aber auch für den Menschen, zwischen Menschen, zwischen Menschen
und Computern, oder das, was wir bis vor Kurzem noch für Computer
gehalten haben. Es entstehen völlig neue Produkte und auch ein
völlig neues Denken über Produkte und darüber, wie gewirtschaftet
wird. Daran hängen auch Geschäftsmodelle und
Organisationsstrukturen in Unternehmen und nicht zuletzt
verändert sich auch unser ganzer Alltag. Es ist tatsächlich ein
großer Umbauprozess, der natürlich nicht sofort passiert. In
gewisser Weise geht das alles sehr schnell und auch langsam, was
es schwer macht, das Ganze zu beschreiben. Das klingt etwas
mystisch. In der Gesamteinschätzung ist das meine Meinung.
Nils: Ich finde spannend, dass eines der ersten
Worte „Kultur“ war, weil: Wenn man klassisch an Digitalisierung
denkt, denken viele, es heißt, dass wir statt Faxe jetzt E-Mails
senden. Doch tatsächlich ist es mehr ein kulturelles Thema und
die Technik ist nur der Auslöser. Du hattest ein paar spannende
Stichworte gesagt: Kulturwandel, Alltag, Objekte und
Geschäftsmodelle, die sich verändern. Kannst du ein paar konkrete
Beispiele aus deiner Erfahrung nennen, zum Beispiel ein
Geschäftsmodell, dass sich durch Digitalisierung komplett
umgekrempelt hat?
Susanne: Das ist schwer konkret zu sagen, weil
wir noch in der Aufbauphase sind. Eines merken wir stark: Wir
bekommen viel Besuch von unterschiedlichen Firmen aus ganz
unterschiedlichen Branchen, die klein oder auch etwas größer sein
können, und es stellt sich heraus, dass sie alle im Gespräch mit
anderen Firmen und Zulieferern sind. Sie sind oft eingebunden in
Konglomerate von anderen Firmen, in den Produktionsprozessen, in
denen sie stecken. Dort sieht man, dass sich Geschäftsmodelle
dahingehend verändern, dass man, wenn man erfolgreich ist, nicht
mehr so weiter machen kann wie bisher. Denn auch als großes
Unternehmen ist man umgeben von kleineren oder ganz jungen
Unternehmen, die durch ihr Know-how im Bereich Technologie- oder
Softwareentwicklung in der Lage sind, größere Firmen an die Wand
zu stellen. Und die müssen dann etwas machen.
Es gibt das Beispiel Kodak, das mein Chef immer gerne verwendet.
Die Erfinder der digitalen Fotografie, die lange Zeit sehr
erfolgreich Marktführer waren, sind letztendlich durch die
digitale Fotografie eingegangen, weil sie es nicht geschafft
haben, etwas Anschlussfähiges für Consumer daraus zu machen.
Es gibt auch eine sehr einflussreiche Theorie von Clayton
Christensen mit der digitalen Disruption, die total kritisiert
und, wie ich eben erst gelesen habe, in der Masse von vielen als
nicht haltbar angesehen wird. Trotzdem ist sie aber dahingehend
richtig, dass sie dazu führt, dass viele große Unternehmen, die
in der Vergangenheit viel geschafft haben, beunruhigt sind und
sich momentan reflexhaft bewegen, weil sie wissen, sie müssen
etwas machen. Denn es gibt so viele Beispiele, wo man sich nicht
oder in die falsche Richtung bewegt hat und das zum Nachteil
gereicht hat. Das Problem ist, dass nicht unbedingt etwas Gutes
dabei herauskommen muss, wenn man nicht weiß, wo man sich
hinbewegen soll. Diesen Problemkreis beobachten wir recht viel.
Zum Beispiel kommt eine Versicherung an, da sie ein Problem mit
der Lebensversicherung haben, weil niemand sie mehr in der alten
Weise haben möchte. Dann kann man ihnen sagen: „Das können wir
verstehen. Das hat damit zu tun, dass sich die Lebensformen der
Menschen sehr geändert haben. Eine Lebensversicherung passt zu
stabilen Beschäftigungsstrukturen mit einer großen Planbarkeit im
Lebenslauf. Wenn Leute plötzlich viel flexibler sein müssen, dann
sehen sie nicht mehr ein, warum sie für ein solches Format viel
Geld ausgeben müssen.“ Als Versicherung muss man sich fragen: Was
mache ich mit dieser Flexibilisierung und was mache ich auf der
anderen Seite damit, dass Leute durch neue Technologien in der
Lage sind, ständig Anbieter-Vergleiche durchzuführen? Die
Vertrauensbeziehung, die früher zwischen dem Vertreter, der durch
die Lande streift, und dem Käufer gestiftet wurde, funktioniert
heute nicht mehr.
Mir fallen gerade nur große Unternehmen ein, da die noch am
ehesten die Möglichkeiten haben, etwas zu machen. Sie merken
innerhalb ihres eigenen Organisationsprozesses, dass sie
eigentlich ganz viel Potenzial verschenken. Sie haben zum
Beispiel ganz viele Daten, Daten über Kunden, Daten über ihre
Produkte und sie kriegen das nicht zusammen, weil die Daten in
Silos gehalten werden. Sie wissen nicht, wie sie die Daten über
die Kunden mit den Daten über die Prozesse und Verläufe
zusammenbekommen und was sie damit machen könnten, wenn sie es
täten. Das ist ein anderes Thema, was dazu führen könnte, dass
daraus ein völlig neues Geschäftsmodell wird oder ein neuer
Geschäftsbereich entsteht. Da kommen sie auch zu uns und fragen,
was sie machen können, da wir diesen Bereich auch mit
bewirtschaften.
Nils: Das finde ich sehr spannend. Das sind auch
zwei super plakative Beispiele. Bei dem Fall der Versicherung
handelt es sich um kulturellen Wandel. Die Gesellschaft wandelt
sich. Im Prinzip wird das Geschäftsmodell, das über Jahrzehnte
Bestand hatte, per se in Frage gestellt.
Susanne: Ja, ganz stark.
Nils: Das heißt, weil die Welt sich ein paar
Jahrzehnte weitergedreht hat, müssen sie sich fragen, was es für
sie bedeutet und ob sie noch eine Existenzberechtigung haben. Der
andere Fall ist auf den ersten Blick ein reiner Fall der
Digitalisierung von Prozessen und auf den zweiten Blick kann man
dann sagen: „Jetzt, wo wir das geschafft haben, haben wir ein
neues Asset geschaffen – und können wir daraus einen neuen Wert
generieren?“
Susanne: Ja, genau.
Nils: Das sind die zwei Fälle, auf die ich im
Gespräch immer wieder stoße. Das eine ist der Kulturwandel, der
sich niederschlägt, und das andere ist eine reine
Prozessumformung, indem Prozesse digital werden.
Susanne: Das ist nach innen gerichtet. Man
merkt, dass man damit Dinge ganz anders anbieten könnte, wenn man
ein bestimmtes Wissen hätte. Die Frage ist: Wie kann man das aus
sich herausschöpfen. Das hat auch mit dem Big-Data-Hype zu tun.
Was ist das überhaupt? Wenn man sich das genauer anschaut, merkt
man, man hat ganz viele Daten, aber sind die gut genug? Dann
stellen viele schnell fest, dass sie das nicht sind, und dann
wird es richtig anstrengend. Das sind zwei Fälle, mit denen wir
recht häufig zu tun haben.
Was macht das Creative Space?
Susanne: Jetzt habe ich noch gar nicht darüber
geredet, was wir damit machen. Das sind erstmal Gespräche, die
wir mit Unternehmen führen und eine unserer Aufgaben ist es, aus
diesen Gesprächen Projekte zu machen. Wir versuchen den
Unternehmen mit unserem kleinen Technologiepark, in Verbindung
mit Methoden, die wir dazu anbieten, zu helfen, damit sie selber
auf Ideen kommen, wie sie aus bestimmten Dilemmata einen ersten
Schritt herausfinden. Wir sind ganz am Anfang unterwegs und
versuchen, sie zu motivieren mit uns ein Projekt zu machen, was
sie auf ihrem Weg ein Stück weiterbringt. Wir entwickeln mit
ihnen keine neuen Produkte oder Dienstleistungen, aber wir
versuchen Sensibilisierungsarbeit zu machen, und hoffen, dass sie
selber ein Stück weiterkommen.
Nils: Das ist der Punkt, an dem wir ins Spiel
kommen. [Anmerkung: Als Software-Entwickler von Lionizers]
Susanne: Genau, so ist das. (Beide lachen.)
Nils: So haben wir uns ja auch kennengelernt.
Ich habe hier das Intro eurer Webseite völlig analog
ausgedruckt. Wenn ich mir die Stichworte angucke: Plattform
für angewandte Forschung, Bereich für Mensch-Maschine
Interaktion, Smart Systems, Mechatronik, Design, Medien- und
Kulturwissenschaften. Das sind die Punkte, die wir auch hatten.
Erzähl doch ein paar Beispiele, was ihr hier konkret macht, damit
sich die Hörer und Hörerinnen vorstellen können, wie man mit euch
zusammenarbeiten kann!
Susanne: Soll ich etwas über konkrete Projekte
erzählen, die wir gemacht haben? Die meisten Projekte, die wir
momentan praktisch gemacht haben, sind noch studentische
Projekte. Wir sind noch am Anfang und daher ist fast alles hier
ein Master- oder Bachelor-Projekt oder im Rahmen von Master- und
Bachelor-Projekten entstandene Prototypen, die jetzt im Rahmen
der Zusammenarbeit mit Unternehmen oder anderen Organisationen
weiterentwickelt werden können. Das ist erstmal das Fleisch, das
wir angesammelt haben, um Leuten zu zeigen, was wir hier machen
können, damit sie damit hinausgehen und es weiterentwickeln.
Die Brücke in die Forschung. Die ist meiner Meinung nach noch ein
wichtiger Punkt. Die Ausbildung an der HAW ist das eine, aber der
Versuch, darüber hinaus weiterzukommen und Drittmittel
einzuwerben bei Forschungsinstitutionen wie dem Bundesministerium
oder – wir hatten sogar versucht uns an einer Ausschreibung der
Deutschen Forschungsgemeinschaft zu beteiligen. Das ist der
Versuch zu zeigen: Wir stehen auch noch auf einem anderen Bein
und haben auch ein paar Doktoranden-Projekte.
Das eine Projekt beschäftigt sich mit unserer Infrastruktur. Das
ist auch sehr unsichtbar, weil es in dem Bereich angesiedelt ist,
wo wir unsere Studien der Interaktion von Mensch/Maschine machen
würden. Das ist die Doktorarbeit von Tobias Eichler. Für die
meisten Doktorarbeiten gilt, dass sie aus den Masterarbeiten
heraus entwickelt werden. Er hat in seiner Masterarbeit die
Infrastruktur, also unsere Middleware für dieses Labor,
entwickelt. Er hat es am Beispiel vom Living Place, dem
Smarthome, entwickelt und dann auf dieses Labor übertragen. Das
Kernstück der Arbeit ist es, das wissenschaftlich
weiterzuentwickeln und auszuwerten: Wie nutzen die Studierenden
und alle anderen, die hier arbeiten, diese Infrastruktur?
Wir haben noch ein relativ neues Projekt, gefördert vom
Bundesministerium für Bildung Forschung, das läuft überwiegend im
Living Place, aber es wird auch im CSTI mit vorangetrieben. Das
heißt „SMILE“ und es geht um Smart Environments und die
Sensibilisierung von Schülerinnen für das Informatikstudium oder
überhaupt für das Thema Informatik. Durch Kursangebote – ähnlich
wie das, was wir hier machen, nur bezogen auf die
Schülerinnen-Zielgruppe – sollen sie sensibilisiert werden, dann
später Informatik studieren zu wollen. Eine etwas klassische oder
unklassische MINT-Förderung. Sie ist insofern unklassisch, dass
andere Themen hineingebracht werden, aber es ist trotzdem ganz
klassisch, dass man weiterhin versucht über 15, 20 Prozent
Frauenanteil in den Informatikstudiengängen zu bekommen. Wir
hoffen, dass dabei wissenschaftlich etwas rüberkommt, was wir
hier nutzen können. Wir versuchen unseren Beitrag zu leisten,
dass die Wissensentwicklung weitergeht und wir nicht nur Technik
machen, sondern darüber hinauskommen.
Unser Konzept ist es, Projekte, wie auch die Doktorarbeit von
Tobias Eichler, so nachhaltig wie möglich zu entwickeln. Das
heißt, wir bauen Prototypen modul- und komponentenhaft, die
potenziell weiterentwickelt werden können, und man Aspekte
weiterentwickeln kann, wenn es eine Kooperation mit Unternehmen
gibt.
Wir haben eine Studienarbeit in der Mechatronik, die eine
kontext-sensitive Tasse entwickelt hat, die jetzt auch
weiterentwickelt wird. Es geht darum, zu gucken, wie kann man ein
sogenanntes „selbstauskunftsfähiges“ Objekt in einem
Arbeitsumfeld bauen kann, was in der Lage ist, mit seinem
Benutzer zu interagieren. Es ist erstmal eine Tasse mit einem
Unterboden, in dem eine Menge verschiedene Sensorik und Aktorik
verbaut ist. Am Anfang haben wir über Wünsch-dir-was gesprochen.
Was sollte eine tolle Tasse alles können? Wir haben uns an ein
Projekt angelehnt, was am KIT in Karlsruhe vor fast 20 Jahren
analog entwickelt worden ist. Mittlerweile gibt es fast zehn
wissenschaftliche Tassen-Projekte. Das zeigt, dass es ein
interessantes Thema ist. Man kann an diesem Beispiel
ausprobieren: Was ist, wenn ich eine Tasse habe und die Tasse
weiß und zeigt, was in ihr drin ist und wie heiß das ist? In
Bezug auf den Besitzer, die wievielte Tasse Kaffee man getrunken
hat oder gerade trinkt. Oder die sich auch im Raum selber
auskennt, also weiß, ob sie auf dem Tisch steht, ob sie getragen
wird oder ob andere Tassen in der Nähe sind.
Im Arbeitskontext hatten wir die Idee, es könnte lustig sein,
wenn sich drei Tassen auf dem Tisch treffen und sie sehen können,
dass es kein Zufall sein kann, wenn sie schon zu dritt sind, und
erkennen es ist ein Meeting. Dann stellen sie die Telefone der
Benutzer, mit denen sie auch vernetzt sind, auf Standby, denn
wenn sie reden, müssen sie nicht gestört werden. Eine Tasse, die
eventuell für den Besitzer Entscheidungen trifft.
Das Projekt ist erstmal eine Fingerübung und noch nicht mal eine
halbe Bachelor-Arbeit, aber es geht erst einmal darum, diese Idee
ganz groß zu machen, um dann ein kleines Stück zu bauen, das dann
mit möglichst unterschiedlichen Leute zu diskutieren und dann
gibt es eine Menge Kritik. Was ist mit Sicherheit und warum muss
die Tasse mit Smartphones vernetzt sein? Ist das nicht ein
Einfallstor für Angriffe oder ein Angriff auf die Autonomie des
Benutzers? Möchte er das haben oder kann er das ausschalten? Ist
es im Arbeitskontext eine Überwachungsmaßnahme? Man kann ganz
viele kritische Fragen stellen, die auch alle mit aufgenommen
werden.
Der Joschka, der diese Tasse in der ersten Ausbaustufe gemacht
hat, hat sich das alles sehr gut angehört und eingebaut. Es ist
eine schöne Arbeit geworden und jetzt gibt es einen weitere
Mechatronik-Studierenden, der seine Bachelor-Arbeit darauf
aufsetzt und die Tasse weiterentwickelt. Er wird an bestimmten
losen Enden, an denen Sachen nicht oder nicht besonders gut
realisiert werden konnten, ansetzen und wird es weiterentwickeln.
Es gibt immer verschiedene Möglichkeiten. Die Mechatroniker sind
eher auf der Hardwareebene und versuchen, dass der Prototyp
Stabilität bekommt. Sie beschäftigen sich intensiv mit 3D-Druck
und Materialien. Zum Beispiel: Wie kann man ein Projekt bauen,
damit es eine bestimmte Stabilität bekommt? Weil der zweite
Prototyp nicht sofort wieder auseinander fallen muss, sondern der
kann gerne eine Weile leben.
Unser Ansatz ist, dass man mit den ersten Ideen ganz viele
Anschlussstellen schafft, die dann lange weiterentwickelt werden
können. Das Tassenprojekt passt gut zu dem anderen Mechatroniker
Projekt. Dort haben wir ein Feedback-Handschuh entwickelt für
VR-Anwendung. Ein großes Thema, das wir hier bearbeiten, ist
VR-Interaktion. Momentan haben wir drei oder vier verschiedene
Bachelor- und Master-Projekte. Das war ein Bachelor-Projekt von
Hendrik, der unser Praktikant geworden ist. Er hat versucht eine
Konstruktion zu machen. Man hat einen Handschuh an und auf diesem
Handschuh ist eine 3D-gedrucke Konstruktion mit einem Servomotor,
der einem Feedback gibt, wenn man eine Brille aufhat und versucht
in der VR-Situation, was anzufassen.
Wie er es realisiert hat, ist genau andersrum als in der
Realität, weil wenn man etwas anfasst, bekommt man über die
Fingerkuppen oder die Greifbewegung Feedback. Bei ihm bekommt man
einen kleinen Zug. Es geht also in die andere Richtung. Das wurde
bereits kritisiert, aber es funktioniert trotzdem gut. Das hat er
gut umgesetzt und man kann es mittlerweile auch gut tragen. Am
Ende hat er viel mit den verschiedenen Materialien im 3D-Druck
experimentiert. Er hat es in Nylon gedruckt, einem Material, das
auch flexibel ist. Mittlerweile drucken sie Holz und es wird
immer wilder. Es ist wirklich lustig. Sie haben richtige
Materialkunde gemacht. Wir haben jetzt mehrere 3D-Drucker,
deswegen kann man einiges ausprobieren.
Das ist ein anderes Projekt, in dem meiner Meinung nach viel
drinsteckt. Die Arbeit wurde jetzt verteidigt und das ist auch
wirklich super gelaufen. Es gibt jetzt schon zwei
Nachfolge-Projekt, wo jemand es andersherum realisieren wird. Er
hat eine kontra-intuitive Konstruktion gebaut und jetzt soll eine
intuitivere Handschuhkonstruktion gebaut werden oder eine, die
sich mit anderen Materialien beschäftigt. Wir haben dieses
größere Thema, Feedback im VR, und das wird von allen möglichen
Seiten bespielt. Möglicherweise kommt danach eine Masterarbeit,
wenn das jemand weitermachen will oder es kommt ein Projekt von
außen. So werden die Projekte Stück für Stück weiter aufgesetzt.
Nils: Ja, spannend. Wenn ich das richtig weiß,
kann man euch besuchen.
Susanne: Ja.
Nils: Ich denke, für alle, die zuhören und es
spannend finden, ist es eine Reise wert in die HAW.
Susanne: Genau, wir sind offen für Führungen für
alle möglichen Gruppen. Wir hatten hier schon alle möglichen
Sorten von Schülerinnen und Schülern. Ab der 8. Klassenstufe
macht es Sinn vorbeizukommen. Besser ist 10. und aufwärts, aber
wir hatten schon eine 8. Klasse. Wir haben auch Führungen für
Journalisten oder Rotarier gemacht. Alle, die interessiert und
offen für das Thema sind, können wir bis zu 1,5 Stunden bespielen
und können auch Workshops machen. Dafür sind wir da. Wir haben
begrenzte Kapazitäten, da wir bislang nicht besonders groß sind,
aber es gibt keine Einschränkung, dass wir für irgendwen per se
nicht da wären.
Was ist das größte Problem, was ihr im Zuge der Digitalisierung
für euch lösen werdet?
Nils: Dann kommen wir zu den Abschlussfragen.
Was ist das größte Problem, was ihr im Zuge der Digitalisierung
konkret für euch lösen werdet?
Susanne: Das Problem zu lösen, ist für mich ein
Knackpunkt. Ich bin mir nicht sicher, wie weit wir zur
Problemlösung beitragen. Momentan machen wir hauptsächlich
Sensibilisierung. Auf der einen Seite bilden wir Leute aus, von
denen wir hoffen, dass sie später in Unternehmen gehen und da auf
eine produktive und reflektierte Weise mitgestalten. Das ist das
größte Ziel. Auf der anderen Seite, wenn es um die Gesellschaft
und Unternehmen geht, können wir zur Sensibilisierung für
Digitalisierung und Algorithmisierung beitragen und hoffen, dass
wir sie auf dem Weg ein Stück begleiten.
Zur Zeit ist das mit den Lösungen das Problem. Vorher hatten wir
schon angesprochen, das nicht klar ist, was die genaue
Marschrichtung ist. Und vielleicht ist das auch die größte
Erkenntnis, dass es die vielleicht auch gar nicht gibt. Sondern
es gibt diesen Prozess der Digitalisierung und Algorithmisierung.
Je nachdem, wo man hinschaut sieht es sehr unterschiedlich aus.
Man merkt nur, es geht in die Richtung. Man muss versuchen, die
Nerven zu behalten, mitzumachen und dabei möglichst
verantwortungsbewusst heranzugehen, aber die Lösung von Problemen
ist so eine Sache. Ich glaube man kann in kleinen Schritten
Problemlösung erreichen, aber das größte Problem scheint mir zu
sein, dass das Ganze überschätzt wird und man glaubt, man könnte
den großen Wurf machen. Doch das ist nicht der Fall. Man
muss vorsichtig sein. Es ist eher ein Tasten: Wo geht es hin?
Wenn man merkt, es geht in eine Richtung, wo man als Gesellschaft
oder Unternehmen nicht hinsollte, dann vielleicht auch lieber
nicht. Soweit bin ich noch Gesellschaftswissenschaftlerin, dass
ich vorsichtig sagen würde, man muss auch nicht alles machen.
Mein Chef ist gerne rustikaler und sagt: „Wir machen das, weil
wir es können.“ Das gilt natürlich in diesem geschützten Raum,
und das finde ich auch gut. Aber wenn man damit hinausgeht, muss
man weiter sein und wissen, warum man das machen sollte, und
sonst lieber nicht.
Ich mache mir manchmal auch Sorgen, wenn junge Unternehmen
nassforsch daherkommen und einen Stein ins Wasser schmeißen, ohne
darüber nachzudenken, was das bedeuten könnte. Da bin ich schon
etwas älter und denke mir manchmal: Huhuhu, da mach ich mir
Sorgen. Das heißt, wir sind eher die Politik der kleinen Schritte
und versuchen die Leute abzuholen, wo sie sind, und ihnen zu
erklären, wo sie sich aus unserer Sicht befinden. Das kann schon
helfen, weil viele verunsichert sind und sich irgendwohin
entwickeln wollen, aber man zuerst eine Standortbeschreibung
machen muss.
Hilfreiche Quellen zum Thema Digitalisierung
Nils: Wenn du jemandem, der sich über
Digitalisierung weiterbilden möchte, eine Quelle empfehlen
sollst, was würdest du als ersten Anlaufpunkt nennen?
Susanne: Gar nicht so einfach. Ich finde die 22
Thesen von Dirk Becker zur nächsten Gesellschaft schön. Die
basieren auf seinem Buch, Studien zur nächsten Gesellschaft, was
schon zehn Jahre alt ist. Diese Thesen finden sich auch im
Internet. Es ist ein Blog, den er immer weiter entwickelt – auch
auf die Response von Leuten, die seine Sachen lesen. Das finde
ich als gesellschaftstheoretischen Überbau sehr schön. Das geht
für mich als Soziologin am ehesten in die Richtung, in die es
sich momentan hinbewegt. Die beiden Sachen finde ich sehr
hilfreich, wenn man anfängt sich einzulesen in die Materie.
Gerade bei Felix Stalder geht es unter anderem um die
Unterscheidung von Digitalisierung und Algorithmisierung, die
sehr wichtig ist. Das wird oft in einen großen Topf geschmissen,
wobei man letztendlich doch unterscheiden muss zwischen der
Übertragung von analogen Prozessen ins Digitale, was die
Voraussetzung für Algorithmisierung darstellt, zumeist aber
selbst als Digitalisierung benannt wird.
Nils: Ich werde das verlinken. Letzte Frage: Wen
würdest du gerne in einer späteren Episode dieses Podcasts hören?
Susanne: Es gibt tatsächlich jemanden, den ich
großartig finde. Ich weiß nicht, wie realistisch das ist. Das ist
Danah Boyd. Das ist eine amerikanische Sozialforscherin. Sie hat
als Informatikerin angefangen und hat sich dann mit ihrer
Dissertationen in Richtung Soziologie entwickelt. Auf der einen
Seite arbeitet sie als Senior-Researcherin bei Microsoft und auf
der anderen Seite hat sie ein Associate Professorship an der New
York University und ist vor allem Gründerin von einem Think Tank.
Der heißt „Data and Society“ und die machen ganz spannende
Sachen. Es ist vergleichbar mit dem, was das Alexander von
Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) in Berlin
macht. Danah Boyd versucht, durch kritische Forschung und
kritische Einwürfe diesen Digitalisierungsprozess zu begleiten.
Sie beschäftigt sich auch sehr viel mit der Datafizierung der
Gesellschaft und den neuen Ungleichheitsproduktionen, die daraus
erwachsen, insbesondere für Minderheiten. Ich finde sehr gut, was
sie macht. Ich glaube nicht, dass es gelingen wird, weil sie vor
ein paar Monaten ihr drittes Kind bekommen hat. Ich beobachte sie
jetzt seit zehn Jahren. Sie hat als Bloggerin angefangen und als
Social Media hochging, war sie eine der ersten, die es auf eine
tolle Weise beschrieben und auch ethnografisch intensiv beforscht
hat. Sie ist für mich jemand, der eine Menge weiß und nahe dran
ist, an dem was passiert.
Nils: Ok, sehr spannend. Zumindest werden wir
spannende Quellen verlinken können, aber wer weiß, falls ich mal
wieder in New York bin…
Nils: Das war unser heutiges Interview mit
Susanne Draheim vom Creative Space der HAW Hamburg. Vielen Dank
für das Gespräch, Susanne.
Der Beitrag E002: Wie verändert die Digitalisierung unsere
Wirtschaft und unsere Gesellschaft? – Susanne Draheim (CSTI)
erschien zuerst auf SoftwareForFuture Podcast.
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