E035: Wege der Digitalisierung – Warum eigentlich? – Nils Löwe (Lionizers)
vor 7 Jahren
Auf die Frage „Was ist Digitalisierung“ habe ich in 34 Interviews
mindestens 34 gute Antworten gefunden. Klar, es gibt Muster und
wiederkehrende Teile in den Antworten. Aber ich habe in 1 ½ Jahren
nicht gefragt, warum denn alle über Digitalisierung reden!
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vor 7 Jahren
Vor fast 1 ½ Jahren habe ich das erste Interview für
diesen Podcast aufgenommen. Die Frage dahinter lautete „Was ist
Digitalisierung?“. Im Sommer hat mich Rike schon einmal
interviewt und ich habe meinen damaligen Versuch einer Antwort
gegeben. Inzwischen habe ich mehrere Vorträge über meine
Erkenntnisse aus dem Podcast gehalten und sehr viele spannende
Leute kennengelernt. Und beim letzten Interview ist etwas
passiert, was mich zu einer erneuten Solo-Episode veranlasst
hat. Aber um das zu erklären, muss ich ein wenig früher
ansetzen.
Vor ungefähr zwei Jahren haben Rike und ich die Lionizers
gegründet. Ich war zu dem Zeitpunkt Freelancer und Rike wollte
aus der Elternzeit unseres ersten Kindes in den Job als
Softwareentwicklerin zurückkehren. Irgendwie ist flexibles
Arbeiten in Teilzeit mit einem kleinen Kind in dieser heutigen
Arbeitswelt noch immer nicht so einfach wie man sich das
wünschen würde, und so haben wir Rikes Start in eine eigene
Freelancer-Karriere geplant. Und während wir Stück für Stück
feststellten, dass wir eigentlich nur meinen eigenen Weg
kopieren würden, haben wir dann den Plan mit den Lionizers
gefasst. Wir haben beide Erfahrung mit Softwareentwicklung,
sind gut organisiert und strukturiert, gut vernetzt und wollen
tolle Produkte entwickeln. Wir können gut mit Nicht-Techies
reden und sind gern unter Menschen. Warum also nicht gemeinsam
unsere eigene Software-Schmiede gründen und gemeinsam tolle
Produkte entwickeln?
So ging es dann auch los. Vom ersten Tag an hatten wir Mohamad
als Mitarbeiter der ersten Stunde dabei. Durch seine früheren
Erfahrungen beim Fernsehen kann er glücklicherweise auch
Podcasts schneiden, daher ist auch Mohamad bis heute an jeder
Folge dieses Podcasts beteiligt. Wir haben die ersten Projekte
bekommen und umgesetzt, ein tolles Büro in Harburg mit zwei
Wach-Löwen vor der Tür gemietet und sind seitdem stetig
gewachsen. Heute sind wir sechs Leute und bauen tolle Produkte
für tolle Kunden aus dem Hamburger Mittelstand.
Aber zurück zur Digitalisierung. Relativ früh in dieser Zeit
habe ich den inflationären Gebrauch des Begriffs
Digitalisierung wahrgenommen. Vorher war ich als
Software-Freelancer eher in den Entwicklungsabteilungen
unterwegs, da habe ich das nicht so bewusst mitgenommen. Aber
seit ich regelmäßig mit Unternehmern und Entscheidern Mittag
esse und Kaffee trinke, vergeht seitdem kein Termin, ohne dass
diese Digitalisierung wie ein Schatten hinter allem steht. Und
daraufhin habe ich einfach versucht herauszufinden, was diese
Digitalisierung denn nun eigentlich ist.
Ich bin also in die Welt gezogen und habe Interviews mit ganz
vielen tollen Leuten geführt, um das herauszufinden. Und ich
habe viele Antworten bekommen. Ich habe unheimlich viel gelernt
und durch den Podcast habe ich dieses Wissen auch für andere
verfügbar gemacht.
Aber im letzten Interview habe ich von Claudia eine Antwort
bekommen, die meine Frage hinterfragt hat. Ich glaube, Claudia
hat gar nicht gemerkt was dieses Gespräch für mich bedeutet, da
für sie dieses Wissen einfach Grundlage ihrer Arbeit ist. Aber
für mich hat sich die Frage hinter diesem Podcast verändert.
Auf die Frage „Was ist Digitalisierung“ habe ich in 34
Interviews mindestens 34 gute Antworten gefunden. Klar, es gibt
Muster und wiederkehrende Teile in den Antworten. Aber ich habe
in 1 ½ Jahren nicht gefragt, warum denn alle über
Digitalisierung reden!
Warum ist diese Digitalisierung denn eigentlich wichtig
für uns?
Auf die Gefahr hin, dass niemand den Rest der Episode hört,
wenn ich die Antwort jetzt und hier gebe, verrate ich sie
trotzdem schon mal. Der ganze Sinn und Zweck dieser
Digitalisierung ist es, schnell genug auf Veränderungen
reagieren zu können. Nicht mehr und nicht weniger.
Das Thema Veränderung kam in vielen Interviews teils am Rande,
teils sehr zentral auf. Im Gespräch mit Felix Menden von „Wer
liefert Was?“ haben wir gelernt, wie das Unternehmen mehrere
Phasen der Digitalisierung durchlaufen hat und was dabei
jeweils innerhalb und außerhalb der Firma passiert ist.
Am Beispiel von „Wer liefert Was?“ sieht man sehr gut, auf wie
vielen Ebenen die Veränderung stattfindet. Aus einem
Maschinenpark voller Druckmaschinen wird eine Server-Farm, auf
der eine Plattform betrieben wird. Aus ausgebildeten Druckern
werden Manager für Google-Werbung. Eine Entwicklungsabteilung
entsteht, wo früher Redakteure arbeiteten. Neben der
Veränderung von Anlagen und Job-Titeln verändert sich auch das
Geschäftsmodell. Ein weiteres gutes Beispiel dazu habe ich mit
Nikolaus Förster vom impulse-Magazin besprochen, seine
Geschichte ist ähnlich spannend.
Ebenfalls in einem der ersten Interviews habe ich mit
Christiane Brandes-Visbek darüber gesprochen, wie sich die
Menschen denn mit diesen Veränderungen arrangieren. Es gibt ja
immer die Leute, die eine neue Chance sehen und glücklich
darauf zu laufen und es gibt die Leute, die Veränderungen so
lange vermeiden, wie es irgendwie möglich ist. Hier kam zum
ersten Mal zur Sprache, welche neuen Anforderungen diese
schnell-lebigere Welt an Führungskräfte heute stellt.
In meinem allerersten Interview mit Christopher Nigischer habe
ich gelernt, wie sich der Recruiting-Prozess in seinem
Unternehmen verändert hat und welche Herausforderungen die
neuen vielfältigen Kommunikationskanäle an einen organisierten
Tagesablauf stellen. Das ganze Thema Recruiting habe ich vor
kurzem im Interview mit Verena Traub nochmal tiefer beleuchtet
und dabei erfahren, wie sehr sich der ganze Arbeitsmarkt von
einem Arbeitgeber- zu einem Arbeitnehmer-Markt entwickelt hat.
Praktische Hinweise und wirklich gute Beispiele zu einer
Führung im digitalen Zeitalter habe ich zum Beispiel von
Gabriel Rath bekommen, der den digitalen Wandel bei der OPSA
begleitet. Rike hat in ihrem Interview mit Isabelle Pfister
ebenfalls viele gute Antworten zu diesen Fragen bekommen.
Und dann gab es spannende Gespräche mit Petra Wille, Tim
Schurig und Axel Tetzlaff, die sich alle in der einen oder
anderen Weise mit der Entwicklung von Produkten befasst haben.
Petra aus der Sicht einer Produktmanagerin und Tim und Axel
jeweils als Geschäftsführer von mindmatters und fourtytools –
also Firmen, die wie wir Lionizers Software entwickeln.
Wir haben das Thema „Führung“ als wiederkehrendes Element in
fast allen Gesprächen angetroffen. Die Produkte verändern sich,
die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern wird immer
schwieriger und als Unternehmen muss ich immer mehr leisten, um
die Leute dann auch noch zu halten und zu motivieren. Mit
Robert Wiechmann habe ich z.B. über den Sinn und Zweck von
Werten gesprochen und dass Werte heute kein schmückendes
Beiwerk mehr sein können.
Vor dem Hintergrund meiner neuen Fragestellung sehe ich alle
diese Themen jetzt in einem ganz neuen Licht. Irgendwie werden
alle diese Themen im Kontext der Digitalisierung genannt, aber
eigentlich ist die Digitalisierung nicht Auslöser oder Ursache
der aktuellen Herausforderungen. Ich sehe die Digitalisierung
hier eher als Symptome.
In meinem Gespräch mit Ulrich Sucker kommt heraus, dass die
Veränderung schon immer da war, dass sie heute nur schneller
voranschreitet als je zuvor. Dazu habe ich viele Bücher
gelesen, die das sehr gut beschreiben. Klaus Schwab schreibt
über die vierte industrielle Revolution, Andrew McAffee und
Eric Brynjolfson schreiben über das zweite Maschinenzeitalter
und Alec Ross schreibt über die Industrien der Zukunft.
Uli erzählt im Interview, dass er schon vor Jahrzehnten an
Videokonferenzsystemen gearbeitet hat, die das konnten, was
heute Skype, Hangouts und Whatsapp tun. Nur die Skalierung war
eine andere. In den Büchern über Plattformen wird erzählt, dass
das Plattform-Modell schon so alt ist wie unsere Wirtschaft.
Auch die Marktplätze im alten Ägypten oder Shopping Malls aus
den 50ern sind Plattformen. Und unser Telefon-Netz hatte das
gleiche Henne-Ei-Problem wie jedes Plattform-Startup heute.
Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied zwischen den
Plattformen von damals und heute. Das Telefon hat 75 Jahre
gebraucht um 50 Millionen Nutzer zu erreichen. Das Radio
38 Jahre. Der Fernsehen 14 Jahre. Facebook 2 Jahre und Twitter
35 Tage.
Und für mich schließt sich hier der Bogen zur Frage, warum
Digitalisierung ein Thema ist. Die Geschwindigkeit der
Veränderung steigt exponentiell. Wir Menschen haben tausende,
wenn nicht Millionen von Jahren in einer linearen Welt gelebt.
Unser Gehirn und unsere ganze Wahrnehmung sind nicht darauf
ausgelegt, in einer exponentiellen Welt zu leben. Wenn der
Sprung auf eine flächendeckende Verbreitung des Telefons 75
Jahre braucht und Twitter 35 Tage, dann lässt sich dieser
Unterschied kaum greifen.
Ich würde an dieser Stelle noch zwei wichtige Dinge trennen. Es
gab schon immer technischen Fortschritt. Das wird z.B. in dem
Buch „Die vierte technische Revolution“ gut beschrieben. Von
der Dampfmaschine mit den ersten mechanischen Maschinen
(Industrie 1.0) über das Fließband und elektrische Energie
(Industrie 2.0) haben wir die Automatisierung und damit die
dritte industrielle Revolution erlebt. Der Sprung von 1.0 auf
2.0 hatte z.B. zur Folge, dass Fabriken jetzt eher einstöckig
und in die Fläche ausgedehnt wurden. Wo es vorher eine zentrale
Dampfmaschine gab, von der aus die einzelnen Maschinen per
Riemen angetrieben wurden, gab es nun lauter Maschinen, die
einen jeweils eigenen Elektromotor hatten. Das ganze Layout
einer Fabrik war vorher um die zentrale Dampfmaschine
organisiert. Prozesse wurden an die Position der Maschinen
angepasst und die Position der Maschinen hing davon ab, wie
dicht sie an der zentralen Dampfmaschine stehen mussten. Mit
dem Elektromotor konnte man die Maschinen nun so positionieren,
wie es für den eigentlichen Prozess, zum Beispiel die
Produktion eines Autos sinnvoll war. In der Übergangsphase
wurde oft die Dampfmaschine gegen einen sehr großen
Elektromotor getauscht, aber irgendwann waren die Prozesse
sinnvoll angepasst.
Der Sprung vom Fließband zur Automatisierung hatte ähnliche
Auswirkungen und genau diese Auswirkungen auf
Produktionsprozesse und Veränderung von Arbeitsplätzen erleben
wir vom Sprung von der Automatisierung auf die Digitalisierung
heute wieder. Nur, dass eben alles immer schneller wird.
Die Technik entwickelt sich also immer weiter und das hat
sicherlich ganz unterschiedliche Gründe. Fakt ist aber, dass
Menschen immer an bestehenden Dingen herum optimieren und immer
jemand etwas erfindet was besser, schneller oder günstiger ist
als die etablierte Lösung. Das ist meiner Meinung nach die eine
Quelle von Veränderung.
Die andere Art von Veränderung wird genau durch diese
technischen Fortschritte ausgelöst. Als Unternehmer habe ich
vielleicht eine gute laufende Firma mit etablierten Prozessen,
guten Produkten und motivierten und glücklichen Mitarbeitern
und zufriedenen Kunden. Je größer ein System ist, desto größer
ist auch die Trägheit gegenüber Veränderungen. Im Gegensatz zu
der Weiterentwicklung unserer Technologie wandeln sich
Unternehmen, also Ansammlungen von Menschen, erstmal nicht von
alleine und freiwillig. Und wo ich als Unternehmer in den 50ern
oder 60ern vielleicht noch eine gefühlte Stabilität über
Jahrzehnte durchleben konnte, verändert sich die Welt heute
eher im Jahrestakt.
Und genau daher kommt meiner Meinung nach der große
Leidensdruck, auf den heute immer das Etikett der
Digitalisierung geklebt wird. Die Technik schreitet immer
schneller voran und die Unternehmen müssen diese Veränderungen
mitmachen, ob sie wollen oder nicht. Denn die Digitalisierung
kommt ja auch noch Hand in Hand mit der Globalisierung, durch
die mein ärgster Wettbewerber nicht mehr auf der anderen Seite
des Marktplatzes in Sichtweite sitzt, sondern am anderen Ende
der Welt.
Warum das für mich als Unternehmer mit meinen Produkten und
Dienstleistungen genau so ein Thema ist, wie für mich als
Arbeitgeber mit meinen glücklichen oder nicht so glücklichen
Mitarbeitern, das kommt in meinem Interview mit Finn Plotz
unter dem Titel „Wie gründet ein Digital Native?“ ganz gut zum
Ausdruck. Finn beschreibt, wie er mit 16, aus dem Haus seiner
Eltern heraus, eine Firma aufbaut, die das Design aus New York,
die Software aus Süddeutschland und die Hardware in China
bezieht. Er hat nie eine andere Welt kennengelernt und es gibt
keinen plausiblen Grund, heute anders an so eine
Herausforderung heranzugehen. Und das muss erstmal bei allen
Unternehmern der alten Welt ankommen.
Und hier schließt sich jetzt auch wieder der Bogen zu meinem
Einstieg in diese Episode. Als Rike aus der Elternzeit
zurückkehren wollte und es mit Teilzeit und einer Vereinbarkeit
von Familie und Beruf nicht gut klappte, war das Gründen einer
eigenen Firma ein machbarer und plausibler Weg. Heute
beschäftigen wir ein Team aus sechs tollen
Softwareentwicklerinnen und Softwareentwicklern und wir bieten
nach innen genau diese Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir
haben Lionizers von Anfang an darauf hin organisiert, dass Home
Office und flexible Arbeitszeiten gewollt und machbar sind. Und
dadurch haben wir vergleichsweise wenig Probleme, motivierte
und glückliche Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten. Und weil
wir diese Randbedingungen als Grundstein für die Firma
eingebaut haben, bieten wir nach außen genau die
professionellen Prozesse und Schnittstellen, wie andere Firmen
mit klassischen 9-to-5-Arbeitsplätzen das auch tun. Wir haben
uns damit aber einfach der aktuellen Realität des
Arbeitsmarktes gestellt und mit ihr arrangiert.
So, das war nun meine Zusammenfassung der letzten 35 Episoden
„Wege der Digitalisierung“. Ich bin total gespannt auf die
kommenden Interviews und auf alles, was ich noch lernen werde.
Auf jeden Fall bin ich mir sicher, dass uns die Veränderung
erhalten bleiben wird.
Ich hoffe, dass euch diese Solo-Episode auch gefallen hat und
ich ein wenig mehr Licht ins Dunkel der Digitalisierung bringen
konnte. Wenn dem so war, dann teilt die Episode doch gern bei
Twitter, Facebook, Xing oder Linkedin und schreibt mir am
Liebsten einen Kommentar auf der Webseite
wegederdigitalisierung.de
Und wer nach dieser nicht ganz so schamlosen Erzählung über die
Lionizers mehr über uns wissen will, kann sich gerne mit mir
auf einen Kaffee oder ein Mittagessen verabreden und mehr
erfahren. Und falls bei euch ein Digitalisierungs-Projekt
ansteht bei dem eine IoT-Anwendung, eine Software-Plattform
oder eine App zu entwickeln ist, dann würde ich mich auch sehr
freuen, wenn wir dabei weiterhelfen könnten.
Viel Spaß beim Zuhören!
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Links aus dem Interview
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