E49: Wie verändert Digitalisierung unser Lernen und unser Denken? (Teil 2/2) – Lisa Rosa (Landesinstitut für Lehrerbildung)

E49: Wie verändert Digitalisierung unser Lernen und unser Denken? (Teil 2/2) – Lisa Rosa (Landesinstitut für Lehrerbildung)

vor 7 Jahren
Die Digitalisierung wirkt sich auf nahezu alle unsere Lebensbereiche aus. Sie verändert nicht nur die Art, wie wir arbeiten, sondern auch, wie wir lernen und uns Wissen aneignen. Schulen als zentrale Bildungsinstitutionen müssen diese gravierenden Tran...
37 Minuten
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Beschreibung

vor 7 Jahren

Die Digitalisierung wirkt sich auf nahezu alle unsere
Lebensbereiche aus. Sie verändert nicht nur die Art, wie wir
arbeiten, sondern auch, wie wir lernen und uns Wissen aneignen.
Schulen als zentrale Bildungsinstitutionen müssen diese
gravierenden Transformationen berücksichtigen. Vor allem eine
Kompetenz muss im Zeitalter der Digitalität, in der jeder
ungefiltert Informationen verbreiten kann, verstärkt in den Fokus
rücken: die Fähigkeit, kritisch zu denken. 


Dies ist die Fortsetzung des Interviews aus Episode 48 mit Lisa
Rosa. Sie war 20 Jahre Lehrerin für Musik, Politik und Geschichte
und ist heute als Lehrerfortbilderin im Landesinstitut für
Lehrerfortbildung und Schulentwicklung Hamburg tätig.


Im ersten Teil dieses Interviews wurde das Digitale als das neues
Leitmedium vorgestellt und Rosa erwähnte die vergangenen
vergleichbaren Kulturumbrüchen der Menschheitsgeschichte. Jetzt
erfahren wir, wie die Gesellschaft in früheren Epochen mit den
durch die neuen Medientechnologien ausgelösten Umwälzungen
umgegangen ist und wie sich Lernen, Lehren und Lebensweise
verändern könnten.
Die Welt wird komplexer, also müssen wir selbst komplexer
werden

Eine der großen Herausforderungen, die vielen Menschen heutzutage
Sorge bereitet, ist die Tatsache, dass die Welt zunehmend
komplexer und unübersichtlicher wird. Für Rosa lautet die Antwort
auf die voranschreitende Komplexität der Welt, dass wir selbst in
unserem Denken und Tun komplexer werden müssen. Auch das sei
nichts Neues. Laut Rosa sei die Welt, ja das Universum, von
Beginn an immer komplexer – und vor allem irreversibel komplexer
– geworden. Hierauf habe der Mensch auch in früheren Epochen
immer mit mehr innerer Komplexität reagiert. Sie nennt ein
Beispiel:


In der Antike und im Mittelalter konnten nur wenige Menschen
schreiben, die bestimmte Funktionen ausfüllten. In der Zeit des
Feudalismus waren das etwa die Möche, die dafür sorgten, dass die
Ideen der christlichen Religion verbreitet wurden. Die übrigen 99
Prozent der Bevölkerung konnten nicht schreiben – und das war
auch gar nicht notwendig. Das änderte sich erst mit Anbruch der
Industrialisierung. Als immer mehr Menschen in Fabriken
arbeiteten, mussten Arbeitsabläufe und Anweisungen effizient
vermittelt werden. Dies geschah über Aushänge und andere Texte.
Um diese verstehen zu können, mussten die Fabrikarbeiter lesen
können. Und so wurde die Bevölkerung in einer enormen
Geschwindigkeit, in nur ein bis zwei Generationen, fast
durchgehend alphabetisiert. Oder anders ausgedrückt: Die Menschen
reagierten auf die zunehmende äußere Komplexität mit einer
größeren inneren Komplexität.
Kritisches Denken als essenzielle Kompetenz

Wie also könnte unsere höhere innere Komplexität künftig
aussehen, damit wir den neuen Anforderungen der digitalen Kultur
gewachsen sind? Für Rosa steht fest, dass die zentrale Kompetenz,
die jeder Mensch entwickeln muss, die Fähigkeit zum kritischen
Denken ist.


Wie das Lesen in früheren Epochen war das kritische Denken bisher
vor allem einer (intellektuellen) Elite vorbehalten. Im Rahmen
der zunehmenden Digitalisierung wird sich das laut Rosa ändern
müssen. Kritisches Denken muss zu einer „Massenfähigkeit“ werden.
Damit meint Rosa nicht, dass jeder künftig eine akademische
Bildung braucht. Das kritische Denken sei an keinen Abschluss
oder Beruf geknüpft. Es bedeute, dass wir Argumente abwägen und
auf ihre Plausibilität hin prüfen und Dinge kritisch hinterfragen
können. Und es bedeutet, dass wir für unsere eigenen
Filtersysteme verantwortlich sind. Das werde insbesondere im
Zeitalter der Fake News und der Nachrichtensteuerung durch
Algorithmen immer wichtiger. Man müsse das kritische Denken
lernen, „denn“, so Rosa, „wenn ich es nicht selber für mich tue,
dann tut es jemand anderes für mich – und das möglicherweise mit
negativen Folgen für mich, weil derjenige damit seine eigene
Agenda verfolgt.“
Das Lernen und Lehren verändern sich

Im ersten Teil wurde schon klar, wie wichtig kritisches Denken
geworden ist. Um dieses zu vermitteln, muss sich das Schulsystem
und die Rolle der Lehrkräfte grundlegend verändern. Laut Rosa
sollte es nicht mehr darum gehen, Wissen zu vermitteln. Wichtiger
sei es, den jungen Menschen dabei zu helfen, das Lernen zu
lernen.


Der Lehrer solle nicht mehr als jemand gesehen werden, der mehr
weiß als die Schüler und der sein Wissen lediglich vermitteln und
weitergeben muss, sondern als jemand, der anderen lediglich
zeigen könne, wie sie sich selbst Wissen aneignen und
autodidaktisch lernen können. Rosa verwendet hierfür das Bild
einer Dschungelexpedition: Der Lehrer sei hierbei nicht der
Führer, der mit der Machete vorangeht und den Weg für die Schüler
ebnet. Vielmehr erkunde er den Urwald gemeinsam mit den Schülern
und sein einziger Wissensvorsprung bestehe darin, dass er den
anderen beibringen kann, wie sie ihre Machete benutzen können.
Der Betreuungsschlüssel als zentrales Element

Um dieses Ideal umsetzen zu können, brauche es laut Rosa neben
einer guten technologischen Ausstattung der Schulen vor allem
eines: einen guten Betreuungsschlüssel: „Wie viel Geld in die
Verbesserung des Personalbetreuungsschlüssels investiert wird,
ist meiner Meinung nach der wirklich entscheidende Aspekt“, so
Rosa. Je niedriger der Betreuungsschlüssel, desto besser könnten
die Schüler das Lernen lernen. Denn lernen sei immer etwas sehr
Individuelles.


Viel Spaß beim Zuhören!
Links aus dem Interview:

Lisa Rosa

Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg



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unser Denken? (Teil 2/2) – Lisa Rosa (Landesinstitut für
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E49: Wie verändert Digitalisierung unser Lernen und unser Denken? (Teil 2/2) – Lisa Rosa (Landesinstitut für Lehrerbildung)
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