E68: Wie hängen Digitalisierung und Demokratie zusammen? – Aaron Sterniczky (E-Learning Group) – Teil 1/2
vor 6 Jahren
Die digitale Transformation ist der wohl wirkungsmächtigste
Megatrend unserer Zeit. Sie beeinflusst nicht nur so zentrale
Bereiche wie Kommunikation, Produktion und Mobilität, sondern
betrifft auch unser Verständnis von Demokratie: Einerseits
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Beschreibung
vor 6 Jahren
Die digitale Transformation ist der wohl
wirkungsmächtigste Megatrend unserer Zeit. Sie beeinflusst nicht
nur so zentrale Bereiche wie Kommunikation, Produktion und
Mobilität, sondern betrifft auch unser Verständnis von
Demokratie. Einerseits ermöglicht die Digitalisierung mehr
Teilhabe, andererseits werden etablierte demokratische Prozesse
zunehmend auf die Probe gestellt.
Um die Chancen und Risiken der Digitalisierung und ihre
Auswirkungen auf unsere Demokratie geht es in der 68. Episode von
„Wege der Digitalisierung“, dem ersten Teil des Interviews mit
Aaron Sterniczky.
Aaron Sterniczky ist Leiter der MBA-Studiengänge „Digital
Transformation“ und „Digital Marketing & Data Management“ der
E-Learning-Group. Als promovierter Politikwissenschaftler befasst
er sich unter anderem intensiv mit der Freiheit im 21.
Jahrhundert als technologischer Frage.
Digitalisierung als Prozess
Für Sterniczky ist das zentrale Moment der Digitalisierung ihr
prozesshaftes Wesen. „Das Wichtigste, wenn man Digitalisierung
auf den Begriff bringen möchte, ist, der Versuchung zu
widerstehen, den Begriff auf den Begriff zu bringen“, meint
Sterniczky. Man könne die Digitalisierung nicht „dingfest“
machen: Sie habe keinen Abschluss, keinen Status Quo, sondern sei
im andauernden Werden und Schaffen, komme aber nie an. Das liegt
laut Sterniczky am Wesen der Technologie selbst. Denn auch die
sei nie „fertig“, schließlich würden permanent unterschiedliche
Interessen und Interessengruppen auf ihre Ausgestaltung
einwirken.
In der Wissenschaft versucht man nun des Begriffs Digitalisierung
habhaft zu werden, indem man ihn als das Speichern, Teilen und
Löschen unterschiedlicher Wissensaggregate in digitaler Form
versteht. Dabei handelt es sich jedoch letztlich um eine –
eigentlich unzulässige – Verkürzung des Begriffes. Denn die
digitale Transformation ist schließlich „mehr als eine
Rechenleistung“. Wichtiger und interessanter sind laut Sterniczky
deshalb auch die gesellschaftlichen, kulturellen, ökonomischen,
ökologischen und sozialen Umbrüche, die aus diesem eigentlich
technologischen Prozess entstünden. Eine entscheidende Frage, die
sich sowohl die Gesellschaft als auch jeder einzelne von uns
stellen sollte, laute in diesem Rahmen: Welche Form der
Technologie wollen wir eigentlich? Denn auf Basis der immer
umfassenderen Automatisierung und Digitalisierung entsteht laut
Sterniczky „eine neue Verfasstheit der Gesellschaft selbst“.
Ungleichzeitigkeiten als Herausforderung
Blickt man nun auf die Herausforderungen, die die Digitalisierung
für die Demokratie mit sich bringt, ist vor allem ein Aspekt
zentral, nämlich der Faktor Zeit: „Demokratische Verfahrensweisen
brauchen ihre Zeit. Und diese Zeit der demokratischen
Verfahrensweisen ist oft nicht kompatibel mit der Zeit, die
technologischer Fortschritt für sich in Anspruch nimmt“, erklärt
Sterniczky. Und weiter: „Technologischer Fortschritt passiert
viel, viel schneller, als dass demokratische Reflexion über
technologischen Fortschritt passiert.“ Diese Ungleichzeitigkeit
würden sich auch künftig nicht beheben lassen. Daher müssten wir
schlicht lernen, mit den verschiedenen Zeithorizonten in unserer
Gesellschaft umzugehen.
Zwar ist diese Herausforderung eine regelrechte Quadratur des
Kreises. Doch ein Blick darauf, wie sich unsere Debatten in
Sachen Digitalisierung in den vergangenen Jahren gewandelt haben,
gibt Mut zur Hoffnung. Sterniczky veranschaulicht das an einem
Beispiel: Als die sozialen Medien neu aufkamen, seien die
Diskussionen darüber mit geradezu naivem Furor geführt worden.
Alle seien damals davon ausgegangen, dass soziale Medien die
automatische Weiterentwicklung des demokratischen Raums
darstellen würden. Heute wissen wir, dass dies keineswegs
zwangsläufig der Fall ist und – im Gegenteil – die sozialen
Medien auch eine Gefahr für die Demokratie darstellen können.
Weil wir daraus gelernt hätten, würden die derzeitigen Debatten
über Künstliche Intelligenz und ihre Zukunft ganz anders geführt
werden: „Die Problematisierung, die wir gerade in den letzten
Jahren erfahren haben, ist bereits Teil des Erkenntnisweges“, so
Sterniczky. Heute seien wir schlauer, als noch vor zehn Jahren –
„und das ist bereits alles Teil des Fortschrittsprozesses.“
Die additive Fertigung als eigentlicher Durchbruch
Der Faktor Zeit spielt aber nicht nur mit Blick auf die
Verbindung von Digitalisierung und Demokratie eine entscheidende
Rolle. Zeit ist auch deshalb von so großer Bedeutung, weil viele
von uns das Gefühl haben, durch die Digitalisierung würde sich
alles permanent beschleunigen. Grundsätzlich stimmt Sterniczky
dem zwar zu. Allerdings betont er auch, dass es sich dabei nur um
einen weiteren Beschleunigungsprozess handele, der letztlich
schon mit dem Beginn der industriellen Revolution eingesetzt
habe. Entsprechend sei die Digitalisierung – zumindest in dieser
Hinsicht – nichts anders „als das nächste Glied in der Kette von
modernen Entwicklungen“.
Was laut Sterniczky hingegen tatsächlich neu ist, ist die
Möglichkeit der additiven Fertigung. Früher hatten
Industriebetriebe lediglich zwei Möglichkeiten der Fertigung:
Entweder konnten sie immer wieder das gleiche Produkt mit nur
leichten Variationen produzieren oder sie konnten aufwendigere –
und entsprechend teurere – Einzelanfertigungen manuell
herstellen. Heute jedoch ist es möglich, Einzelstücke durch
industrielle Produktionsabläufe zu fertigen. Dadurch ist der
Output um ein Vielfaches umfangreicher und varianter geworden.
Während man früher in der Masse nur Produkte herstellen konnte,
die den Geschmack vieler Menschen relativ gut getroffen haben, so
können Produkte heute ganz konkret auf die individuellen
Bedürfnisse des einzelnen abgestimmt werden. Die Verbindung von
Einzelanfertigung und industrieller Produktion ist daher laut
Sterniczky der eigentliche Durchbruch und ein wahrer
Paradigmenwechsel, denn sie wirkt sich nicht nur auf die
Entwicklung, das Marketing und den Vertrieb von Produkten aus,
sondern auch auf ihre Lebensdauer – und damit auf den gesamten
Produktlebenszyklus, wie wir ihn bisher kannten.
Viel Spaß beim Zuhören!
Links aus dem Interview
Aaron Sterniczky bei LinkedIn
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