E69: Können wir die Digitalisierung nutzen, um die Klimakrise abzuwenden? – Aaron Sterniczky (E-Learning Group) – Teil 2/2
vor 6 Jahren
Die digitale Transformation betrifft nahezu jeden Aspekt unseres
Lebens und verändert unsere Gesellschaft wie kein anderer
Megatrend. In Teil 1 unseres Interviews mit dem
Politikwissenschaftler Aaron Sterniczky haben wir über die
Auswirkungen der Digit...
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Beschreibung
vor 6 Jahren
Die digitale Transformation betrifft nahezu jeden Aspekt
unseres Lebens und verändert unsere Gesellschaft wie kein anderer
Megatrend. In Teil 1 unseres Interviews mit dem
Politikwissenschaftler Aaron Sterniczky haben wir über die
Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Demokratie
gesprochen. Im 2. Teil widmen wir uns insbesondere der Frage, wie
wir Technologie, Ökonomie und Ökologie zusammendenken und die
Klimafrage als Weltgemeinschaft lösen können.
Die Digitalisierung als vierte Industrielle Revolution
Wie Sterniczky bereits im ersten Teil des Interviews ausgeführt
hat, ist die Digitalisierung insgesamt nicht so sehr als großer
Umbruch zu verstehen, sondern vielmehr „als das nächste Glied in
der Kette von modernen Entwicklungen“. Das trifft auch zu, wenn
man die digitale Transformation als vierte Industrielle
Revolution ansieht. Spannend an einer Industriellen Revolution
ist, dass sie durch einen Wechsel in jeweils drei verschiedenen
Bereichen gekennzeichnet ist. So habt sich laut Sterniczky in
jeder Industriellen Revolution nicht nur der Primärenergieträger
gewandelt, sondern daraus resultierend auch das Mobilitätsmedium
sowie die Kommunikationsmedien.
Die Industriellen Revolutionen im Überblick
Im Rahmen der ersten Industriellen Revolution im 18. Jahrhundert
hatten die Briten die geniale Idee, den damaligen
Primärenergieträger Kohle auf ein Fortbewegungsmittel zu
übertragen – nämlich den Zug. Dadurch war es möglich, eine
Infrastruktur aufzubauen, mit der sie das gesamte Empire
verwalten konnten. Zudem setzte mit dem Aufkommen des
Schienenverkehrs auch eine Urbanisierung ein, weil immer mehr
Menschen in die Städte ziehen wollten, um die neue Infrastruktur
nutzen zu können. Als Kommunikationsmedium entwickelte sich die
Tageszeitung, anhand derer fortan nahezu jeder im gesamten
britischen Empire binnen 48 Stunden die gleichen Informationen
erhalten konnte. Das war die Voraussetzung dafür, dass eine Art
kollektives politisches Bewusstsein der Gesellschaft entstehen
konnte.
Während der zweiten Industriellen Revolution wurde Kohle als
Primärenergieträger vom Erdöl abgelöst. Daraus folgte die
Individualisierung des Privatverkehrs in Form des Autos. Diese
Individualisierung wiederum hatte zur Folge, dass Menschen nun
die Stadtzentren verlassen konnten und sich die Infrastruktur
daraufhin erneut komplett wandelte. Als Kommunikationsmedium kam
das Telefon auf, das es ermöglichte, dass zwei Personen in
Echtzeit miteinander kommunizieren konnten, ohne sich dabei im
selben Raum zu befinden.
Mit der dritten Industriellen Revolution beginnt das Versprechen
der Nuklearenergie, das sich allerdings mit Tschernobyl jäh als
Alptraum entpuppte. Zudem beginnt der internationale Luftverkehr,
der den eigentlichen Startschuss der Globalisierung bildet. Als
Kommunikationstechnologie trat ab Mitte der siebziger Jahre die
E-Mail auf, mit der man fortan Datensätze zwischen zwei Personen
in Echtzeit übertragen konnte.
In unserer aktuellen vierten Industriellen Revolution spielen die
erneuerbaren Energien eine zunehmend wichtige Rolle. Sie legen
auch den Grundstein für eine komplette Mobilitätswende. Und die
Kommunikation betreffend, haben wir heute eine völlig andere,
datenbasierte Infrastruktur als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Gemeinsam haben die genannten Industriellen Revolutionen laut
Sterniczky vor allem eines: die Verdichtung von Raum und Zeit:
Alles werde nicht nur immer schneller, sondern sei in gewisser
Weise auch immer näher.
Der Westen ist kein Role Model
In der westlichen Welt ist mit den Industriellen Revolutionen
auch immer ein Zuwachs an Wohlstand einhergegangen. In anderen
Teilen der Welt kann hiervon keine Rede sein. Im Gegenteil:
Oftmals beruht unser Wohlstand gerade darauf, dass wir die
Verdichtung von Raum und Zeit dazu genutzt haben, um andere Teile
der Welt noch stärker auszubeuten. Die zentrale Frage, die wir
uns im 21. Jahrhundert stellen müssen, lautet daher, wie wir eine
neue Balance zwischen Ökologie, Ökonomie und Technologie schaffen
können.
Besonders Europa und die westliche Welt würden sich schwertun mit
dieser Neuausrichtung. Denn, so Sterniczky, aufgrund
unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Interessen
sowie unserer Altersstruktur wünschen wir uns eigentlich so etwas
wie eine permanente Gegenwart: „Wir tun uns schwer, über so etwas
wie eine progressive Zukunft nachzudenken“, so Sterniczky.
In einigen afrikanischen und südostasiatischen Ländern sehe das
ganz anders aus: Dort stieße die Idee einer Verbindung von
Nachhaltigkeit und Technologie auf eine Resonanz, die es erlauben
würde, eine nachhaltige Zukunft anzugehen. Wichtig sei dabei die
Erkenntnis, dass die westliche Welt keinesfalls als Role Model
fungiere. Es gehe also nicht darum, dass die restlichen Länder
wie der Westen werden sollten, sondern darum, ein globales
Konzept zu finden, bei dem wir uns alle neu erfinden müssen: der
Westen genauso wie der Osten, der Norden und der Süden.
„Wir müssen jetzt kollektiv darüber nachdenken, wie wir uns in
eine andere Gesellschaft hinein bewegen werden, entweder auf
Basis von freien, demokratischen Entscheidungsprozessen oder auf
Basis des ökologischen Kollaps“, so Sternitzcky. Noch gebe es ein
„Window of Opportunity“, in dem wir gemeinschaftlich, fair, offen
und transparent nach Lösungen suchen könnten. Doch irgendwann
werde uns die Erde als System einfach wegkippen.
Wir brauchen eine klare Vision
Dass eine faire Debatte noch immer möglich ist und eine
nachhaltige Zukunft realisierbar – davon ist Sternitzcky
überzeugt. Denn allein im vergangenen Jahr sei eine derartige
Dynamik in die Gesellschaft hineingekommen, wie es nicht einmal
die größten Optimisten zu träumen gewagt hätten. Aktuell müsse
also nur noch die Politik nachziehen und klare Ziele setzen. Dann
würden automatisch auch Innovationsprozesse und Investitionen
folgen.
Um das zu veranschaulichen, nennt Sternitzcky ein historisches
Beispiel: die erste Mondlandung im Jahr 1969. In den sechziger
Jahren habe Präsident John F. Kennedy erklärt, dass die USA bis
Ende des Jahrzehnts auf dem Mond landen würden. Das erschien
damals kaum machbar und Kritiker überall erklärten, dass das eine
komplett abwegige Idee sei. Schließlich habe man weder die
technischen, finanziellen noch institutionellen Voraussetzungen.
Ja, es gebe nicht einmal Nahrung, die die Astronauten essen
könnten. Doch Kennedy sollte Recht behalten: Nachdem er erst
einmal die Vision formuliert hatte, begann eine gesellschaftliche
Kräfteanstrengung, um kollektiv am Gelingen dieser Vision zu
arbeiten – und das nicht unter Zwang, sondern unter den
Bedingungen von Freiheit, unternehmerischer Entscheidung und
eigener politischer Teilnahme.
Genau so eine gesellschaftliche Selbstverpflichtung brauchen wir
laut Sterniczky auch jetzt, um die dritte Industrielle Revolution
zu beenden und uns auf eine nachhaltige Wirtschaft und
Gesellschaft einzulassen. Das kann jedoch nur dann geschehen,
wenn die Staaten ein klares Ziel nennen. Dann, so Sterniczky,
würden sich die Investitionen schlagartig in Richtung
Nachhaltigkeit bewegen, weil die Finanzmärkte die Botschaft
sofort verstehen und danach handeln würden. Die Investitionen von
Forschung und Entwicklung würden ebenfalls in diese Richtung
folgen. Und schließlich würde sich die Skalierung von Innovation
in Gang setzen.
Eine Revolution ohne Revolution
Aktuell liege hier eine gewisse Tragik. Denn Technologie könnte
ein wesentlicher Teil der Lösung unserer ökologischen und
sozialen Krise sein – wenn man sie nur auf die richtige Weise
einsetzen würde. In vielen Fällen geschieht das glücklicherweise
heute schon: Zahlreiche Innovationen, die gegen die Klimakrise
helfen könnten, sind bereits vorhanden. Sie sind schon längst
über das Stadium der jungen Innovation hinaus. Allerdings lässt
die notwendige Skalierung noch auf sich warten. Denn dafür
braucht es den klaren politischen Willen. Gleichzeitig liegt hier
laut Sterniczky auch die große Chance: „Die Instrumente sind da.
Wir müssen sie nur zu nutzen verstehen. Es ist eine Revolution,
ohne dass du eine Revolution brauchst.“
Viel Spaß beim Zuhören!
Links aus dem Interview:
Aaron Sterniczky bei LinkedIn
ELG E-Learning Group – Experte für digitales
Lernmanagement
Jeremy Rifkin: Der Globale Green New Deal
Warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert –
und ein kühner ökonomischer Plan das Leben auf der Erde retten
kann (Buchtipp)
Armin Nassehi: Muster
Theorie der digitalen Gesellschaft (Buchtipp)
Rutger Bregman: Utopien für Realisten
Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und
das bedingungslose Grundeinkommen (Buchtipp)
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Klimakrise abzuwenden? – Aaron Sterniczky (E-Learning Group) –
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