E70: Was können deutsche Unternehmen in Sachen Digitalisierung von Estland lernen? – Birthe Stuijts (Best Strategies)
vor 6 Jahren
Estland gilt vielen als Vorbild in Sachen Digitalisierung. In dem
baltische Staat werden nahezu alle öffentlichen Dienstleistungen
online gemacht, Startups werden aktiv gelockt und umworben.
Deutschland hinkt im Vergleich um Jahre hinterher.
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Beschreibung
vor 6 Jahren
Estland gilt vielen als Vorbild in Sachen
Digitalisierung. In dem baltische Staat werden nahezu alle
öffentlichen Dienstleistungen online gemacht, Startups werden
aktiv gelockt und umworben. Deutschland hinkt im Vergleich um
Jahre hinterher. Kein Wunder, dass die Niederländerin Birthe
Stuijts von dem baltischen Staat fasziniert ist. Stuijts
beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen
Digitalisierung und Innovation. Als Geschäftsführerin der
Unternehmensberatung Best Strategies ist sie spezialisiert auf
Digitalisierungsmaßnahmen für Unternehmen, Online-Marketing und
Vertrieb. Und sie ist sich sicher: Nicht nur der deutsche Staat
selbst kann sich ein Beispiel an Estland nehmen. Auch die
Unternehmen hierzulande können viel von dem kleinen Land
lernen.
Wettbewerbsdruck als treibende Kraft von Innovation
Für Stuijts, die auch eine Weiterbildung zur Innovation-Managerin
macht, sind Digitalisierung und Innovation untrennbar miteinander
verbunden. Denn sobald man sich die Frage stelle, was man
digitalisieren könnte, sei man automatisch im Innovationsprozess
drin. Zudem handele es sich sowohl bei der Digitalisierung wie
auch der Innovierung eines Produktes um forcierte Prozesse, die
ein hohes Maß an Kreativität erforderten. Entsprechend könne man
Innovation und Digitalisierung zusammen betrachten: „Ich glaube,
da sind nicht so viele Unterschiede“, so Stuijts.
Sowohl in Sachen Digitalisierung als auch was Innovationen
betrifft, sind die Unternehmen laut Stuijts zum Handeln
gezwungen. Das habe vor allem mit dem Wettbewerbsdruck zu tun,
denn „bei jeder Messe muss eine bestimmte Neuheit präsentiert
werden.“ Firmen müssten regelmäßig Innovationen und Optimierungen
präsentieren, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dieser Druck würde
sich mit zunehmender Digitalisierung verstärken, da die
Entwicklungsschübe immer kürzer würden: „Man muss unglaublich
schnell dabei sein und auf der Höhe der Zeit, um da am Ball zu
bleiben“, ist die Unternehmerin überzeugt. Und die Firmen, die
sich jetzt zurücklehnen würden, weil sie aktuell einen guten
Marktanteil hätten, würden schon bald Gefahr laufen, den
Anschluss zu verlieren.
Gleichzeitig sieht Stuijts im Begriff „Digitalisierung“ ein
Modewort. Zwar sei es sinnvoll, wenn man sich als Unternehmer mit
dem Thema intensiv auseinandersetze. „Aber“, so die Expertin,
„ich denke nicht, dass es sinnvoll ist, dass jeder
Kleinstunternehmer wirklich alles digitalisieren muss, was
digitalisiert werden kann.“ Schließlich koste das Ganze ja auch
Geld und müsse realisierbar bleiben.
Estland als Vorbild
Ein Paradebeispiel dafür, wie eine erfolgreiche Digitalisierung
aussehen kann, ist laut Stuijts das Land Estland. Das Besondere
an dem Staat: Zum einen ist er mit rund 1,3 Millionen Einwohnern
ein sehr kleines Land, zum anderen ist er erst vor nicht einmal
20 Jahren unabhängig geworden: „Die mussten auf einmal ein Land
regieren und auch verwalten und sie hatten einfach nicht die
Manpower, um diese ganze Verwaltung zu erledigen“, erklärt
Stuijts die damalige Herausforderung.
Aus der Not heraus hat Estland deshalb sehr früh damit begonnen,
Prozesse zu digitalisieren. Zudem wurde das Thema Digitalisierung
bereits in den 90er-Jahren in die Schulen gebracht. Die Schüler
von damals wiederum sind nun im Arbeitsleben angekommen und
treiben die Digitalisierung auf einem ganz anderen Niveau heran,
als es etwa hierzulande der Fall ist. Entsprechend sind heute
laut Stuijts rund 99 Prozent der Verwaltungsschritte digital. Nur
heiraten und sterben – das ließe sich noch nicht digital
erledigen, so Stuijts.
Welche Vorteile die umfassende Digitalisierung hat, zeigt sich
beispielsweise, wenn man sein Auto verkaufen möchte. In Estland
ist das in wenigen Schritten online erledigt. Und alle
Informationen rund um das Auto – einschließlich eventueller
Unfälle und Reparaturen – sind für alle ganz transparent
abrufbar.
Für Estland ist die Digitalisierung ein wichtiges
Alleinstellungsmerkmal, den das Land als Vermarktungsstrategie
einsetzt. Ein Staat sei in dieser Hinsicht mit einem Unternehmen
vergleichbar: Auch Länder müssen laut Stuijts sehen, wie sie
gemanagt werden können und Geld reinbekommen. Deshalb würde
Estland sich vor allem für Startups attraktiv machen, denn gerade
für sie ist der Digitalisierungsgrad eines Standorts ein
entscheidendes Kriterium. Ein Beispiel dafür, wie es Estland
schafft, junge Unternehmensgründer anzuziehen, ist die
Möglichkeit, sehr schnell und unkompliziert eine E-Residency zu
beantragen.
Stuijts sieht in dem baltischen Staat aber nicht nur ein Vorbild
für die Bundesrepublik, sondern auch für den deutschen
Mittelstand. Denn: Wenn ein ganzes Land es schafft, seine Bürger
zum Mitmachen zu bewegen, dann muss es doch auch ein Unternehmen
schaffen, sich so zu wandeln, dass alle Mitarbeiter mitgenommen
werden können.
Lob der Fehlerkultur
Damit das tatsächlich gelingt, müsste sich laut Stuijts
allerdings eine Sache ganz wesentlich ändern: die Fehlerkultur.
Hierzulande sei der Gedanke weit verbreitet, dass man keine
Fehler machen dürfe. Dabei seien gerade die Fehler oft sehr
wertvoll – genauso wie die Mitarbeitenden, die meckern. Hier
lohne es sich häufig, genauer hinzuschauen und nachzuhaken, wie
man den Arbeitsalltag der unzufriedenen Personen verbessern
könnte.
In größeren Unternehmen ist dieser Kulturwandel zwar oftmals
schwieriger umzusetzen als in kleinen. Dennoch gibt es
Möglichkeiten, auch hier neue Impulse zu setzen. Das könnten
interne Weiterbildungen und Team-Sitzungen zum Thema „Innovation“
sein. Sinnvoll wären aber zum Beispiel auch Besuche der konkreten
Arbeitsplätze von Mitarbeitenden, um zu prüfen, was sie
eigentlich genau machen – und vor allem, was sie brauchen. Und
schließlich könnte auch über die sogenannte Job Rotation
nachgedacht werden, bei der der Arbeitsplatz immer mal wieder
gewechselt wird. Durch derartige interne Prozesse werde das
starre System aufgelockert und für Digitalisierung und Innovation
geöffnet.
Viel Spaß beim Zuhören!
Links aus dem Interview:
Persönlich
Website von Birthe Stuijts
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Birthe Stuijts bei Facebook (persönlich)
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