E77: Wie funktioniert guter, unabhängiger Journalismus in digitalen Zeiten? – Alexandra Borchardt und Ulrike Dobelstein-Lüthe  (Hamburg Media School / Digital Journalism Fellowship)

E77: Wie funktioniert guter, unabhängiger Journalismus in digitalen Zeiten? – Alexandra Borchardt und Ulrike Dobelstein-Lüthe  (Hamburg Media School / Digital Journalism Fellowship)

vor 6 Jahren
Verlage klagen seit langem darüber, dass die Digitalisierung ihr klassisches Geschäftsmodell zerstört: Einerseits wollen viele Userinnen und User nicht für digitale Inhalte bezahlen. Andererseits fließt ein großer Teil des Geldes,
0
0 0

Beschreibung

vor 6 Jahren

Verlage klagen seit langem darüber, dass die
Digitalisierung ihr klassisches Geschäftsmodell zerstört:
Einerseits wollen viele Userinnen und User nicht für digitale
Inhalte bezahlen. Andererseits fließt ein großer Teil des Geldes,
das Unternehmen für digitale Werbung ausgeben, heute an Facebook,
Google und Co. Und schließlich hat sich auch der Medienkonsum
vieler Leserinnen und Leser verändert: Neue Kanäle und
Plattformen sind hinzugekommen, aber auch neue Akteurinnen und
Akteure außerhalb der klassischen Medien, etwa Bloggerinnen und
YouTuber, informieren – mal mehr und mal weniger seriös – über
das Weltgeschehen.


Was also können Medienhäuser tun, um ihr Publikum auch
künftig zu erreichen, um eine größere Diversität innerhalb der
Leserschaft zu erzielen und vor allem: um weiterhin unabhängigen,
qualitativ hochwertigen Journalismus zu liefern?


Genau darüber haben wir mit Alexandra Borchardt und
Ulrike Dobelstein-Lüthe vom Digital Journalism Fellowship (DJF)
gesprochen. Das DJF ist ein Weiterbildungsprogramm der Hamburg
Media School für Journalistinnen und Journalisten. Auf dem
Lehrplan stehen Module, die das gesamte Spektrum des digitalen
Journalismus – vom mobilen Storytelling über Entrepreneurial
Thinking bis hin zu digitaler Medienethik – abdecken.
Journalismus ist keine Einbahnstraße

Die Digitalisierung hat zahlreiche, mitunter tiefgreifende
Auswirkungen auf den Journalismus. Eine der wesentlichsten ist
laut Borchardt, die für die inhaltliche Ausgestaltung des DJF
zuständig ist, dass Journalismus nicht länger eine Art
Einbahnstraße ist. Früher ist die Kommunikation meist nur in eine
Richtung verlaufen: „Man predigte so ein bisschen zu seinem
Publikum“, so Borchardt. Hin und wieder habe man vielleicht mal
jemanden in eine Talkshow eingeladen, aber ein wirklicher,
gleichwertiger Austausch habe nicht stattgefunden. Das sei heute
anders: Heute stünden Journalisten im direkten Dialog mit ihrem
Publikum. Das könne manchmal anstrengend sein. Gleichzeitig
könnten beide Seiten aber auch sehr viel voneinander lernen.


Die digitale Transformation wirkt sich aber nicht nur auf den
Journalismus an sich aus. Auch die Art der Zusammenarbeit in den
Redaktionen verändert sich. Die Corona-Krise und das damit
einhergehende umfassende ortsübergreifende Arbeiten haben das
besonders deutlich gemacht. „Wir merken das erste Mal, was
‚remote arbeiten‘ eigentlich wirklich heißt“, sagt
Dobelstein-Lüthe, die den administrativen Bereich rund um das DJF
verantwortet.
Machtverhältnisse verändern sich

Durch digitale Tools seien dezentrale Redaktionen möglich und
dadurch würden sich auch die hierarchischen Strukturen verändern.
„Digitalisierung stellt Machtverhältnisse nicht unbedingt auf den
Kopf, aber sie schafft zum Teil neue Machtverhältnisse“, ist
Borchardt überzeugt und illustriert das an einem Beispiel: Früher
hätten oft die Kolleginnen und Kollegen mit dem kürzesten Weg zum
Meeting-Raum mehr Einfluss in der Besprechung gehabt, weil sie
dichter an der Redaktionsleitung dran gewesen seien. Durch die
digitalen Meetings seien nun auf einmal alle gleich weit
voneinander entfernt. Und auch der Raum, den die Teilnehmenden
einnehmen, ist nun gleich groß, weil alle auf eine digitale
„Kachel“ in der Konferenz beschränkt seien. Dadurch würde viel
mehr Gleichheit geschaffen. Diese Gleichheit, die durch die
identischen Kacheln entsteht, ist für Borchardt ein Symbol für
einen Kulturwandel und eine neue Zukunft, die die Medienhäuser
hoffentlich beschreiten.


Viele Verlage haben diesen Kulturwandel dringend nötig. Nicht
nur, weil sie agiler werden und mehr experimentieren sollten,
sondern auch weil es noch immer an Diversität und Gender Equality
mangelt. Gerade in deutschen Medienhäusern ist es um diese beiden
Themen nicht gut bestellt. Die Medienbranche hierzulande sei noch
immer „sehr männlich geprägt“, so Borchardt. So habe die
Initiative Pro Quote 2019 Zahlen veröffentlicht, nach denen von
110 Regionalzeitungen lediglich 8 Chefredakteurinnen hatten. Eine
vergleichende Studie des Reuters Institut und der Universität
Mainz habe außerdem gezeigt, dass Deutschland im Vergleich zu
Großbritannien und Schweden das absolute Schlusslicht in puncto
Gleichstellung von Mann und Frau in Medienhäusern ist.
Mehr Diversität wagen

Was das Thema „Diversität“ betrifft, hinkt Deutschland noch
weiter hinterher: Studien zufolge hätten  laut
Dobelstein-Lüthe lediglich 6 Prozent der Chefredakteurinnen und
-redakteure in Deutschland einen Migrationshintergrund. Das sei
„natürlich wahnsinnig gering“ und stelle auch deshalb ein
riesiges Problem dar, weil „Journalismus in einer Demokratie auch
die Gesellschaft abbilden sollte in der er operiert“, so
Borchardt. Und weiter: „Es ist eigentlich sehr traurig, wenn man
in schlauen Kommentaren all diese Dinge beschwört und es dann im
eigenen Haus nicht auf die Reihe kriegt.“
Die Finanzierung wird schwieriger

Eine große Herausforderung dabei ist laut Bochardt, dass viele
Medienhäuser glauben, sie müssten sich erst einmal um das Thema
Digitalisierung kümmern und erst danach um Diversität. Das sei
allerdings Quatsch. Denn bei Digitalisierung gehe es nicht in
erster Linie um irgendwelche Tools. „Es geht nicht um
Technologie“, so Borchardt, es gehe um Vielfalt: Der Kern liege
darin, ein breiteres Publikum anzusprechen, durch verschiedene
Plattformen eine größere Diversität der Userinnen und User zu
erreichen, sich vielfältiger zu vernetzen und vor allem auch auf
die sehr unterschiedlichen Wünsche und Anforderungen einzugehen.
Genau diese Ausrichtung auf ein sehr breites Publikum sei es
letztlich, was die großen Gewinner der Digitalisierung, wie etwa
Amazon, so erfolgreich gemacht habe.


Eine weitere große Aufgabe, der sich die Verlage und Redaktionen
stellen müssen, ist das Thema Finanzierung. Kern des guten,
unabhängigen Journalismus sei seine Unabhängigkeit, so Borchardt.
Diese sei früher vor allem dadurch gewährleistet gewesen, dass es
sehr viele verschiedene Anzeigenkunden gegeben hätte. Und keiner
von ihnen sei so mächtig gewesen, dass er den Redaktionen hätte
reinreden können.


Heute sei das aufgrund der fehlenden Anzeigenkunden deutlich
schwieriger geworden. Die Verlage seien nun sehr stark darauf
angewiesen, sich entweder über die Leserinnen und Leser zu
finanzieren oder neue Finanzierungsquellen zu finden. Würden sie
sich nur auf die Leserinnen und Leser stützen, müssten sie jedoch
„ein wahnsinnig teures Produkt“ verkaufen, so Borchardt. Bei
anderen Finanzierungsmodellen, etwa der staatliche Finanzierung,
wiederum könnte im schlimmsten Fall die Unabhängigkeit gefährdet
werden. Gleiches gilt letztlich auch für den privatfinanzierten
Journalismus, wenn die Vielfalt der Finanzierung wegfällt.
Wichtig ist deshalb, dass es Kontrollmechanismen gibt, die die
Unabhängigkeit der Journalistinnen und Journalisten
sicherstellen.


Das DJF selbst sei dafür laut Borchardt ein gutes Beispiel. Das
Programm wird zwar durch das Facebook Journalism Project (FJP)
finanziert. Die inhaltliche Unabhängigkeit wird aber durch einen
ehrenamtlichen Beirat gewährleistet, der aus namhaften
Journalistinnen und Journalisten aus der Medienbranche besteht.
Neue Geschäftsfelder als Lösung

Doch nicht nur private Geldgeber können die Finanzierung von
Journalismus sichern. Immer mehr Verlage entwickeln außerdem ganz
neue Geschäftsfelder: „Es gibt kaum ein Medienhaus, das mit einem
einzigen Geschäftsmodell auskommt, sondern man versucht, das auf
verschiedenste Beine zu stellen“, erklärt Borchardt. Ein
wichtiger Bereich sei dabei bis vor der Corona-Krise der
Veranstaltungsbereich gewesen. Doch auch die Beteiligung an
Start-ups oder sogar der Betrieb von Coworking-Spaces hätten sich
für einige Verlage zu vielversprechenden Business-Cases
entwickelt.
Links aus dem Interview Persönliches & Berufliches

Alexandra Borchardt bei LinkedIn

Webseite von Dr. Alexandra Borchardt
Journalistische Leiterin des DJF, Autorin des Buches „Mehr
Wahrheit wagen – Warum die Demokratie einen starken
Journalismus braucht“

Profil von Ulrike Dobelstein-Lüthe an der HMS

Ulrike Dobelstein-Lüthe bei LinkedIn

Webseite Digital Journalism Fellowship

Webseite Hamburg Media School

Bücher


Mehr Wahrheit wagen: Warum die Demokratie einen starken
Journalismus braucht
Alexandra Borchardt


Mensch 4.0: Frei bleiben in einer digitalen
Welt
Alexandra Borchardt


Das Internet zwischen Diktatur und Anarchie: Zehn
Thesen zur Demokratisierung der digitalen Welt
(Streitschrift)
Alexandra Borchardt

Webtipps

Reuters Institute for the Study of Journalism
In Großbritannien ansässiges Forschungszentrum und Think Tank.
Forschungszentrum der Universität Oxford zu Themen, die
Nachrichtenmedien weltweit betreffen

Digital News Report des Reuters Institute
Weltweit größte fortlaufende Studie zum digitalen Medienkonsum
u. a. Zu Publikumforschung und damit zusammenhängenden Fragen
wie: Was denken Sie über den Journalismus? Mit welchen Geräten
konsumieren Sie Journalismus? Wie informieren sich Populisten?


CORRECTIV: Faktencheck
Recherchen für die Gesellschaft und mit der
Gesellschaft
Erstes gemeinnütziges Recherchezentrum im deutschsprachigen
Raum. Recherchiert langfristig zu Missständen in der
Gesellschaft, fördert Medienkompetenz und führt
Bildungsprogramme durch

Neue deutsche Medienmacher*innen
Bundesweiter Zusammenschluss von Medienschaffenden, die sich
für mehr Vielfalt in den Medien einsetzen



Der Beitrag E77: Wie funktioniert guter, unabhängiger
Journalismus in digitalen Zeiten? – Alexandra Borchardt und
Ulrike Dobelstein-Lüthe  (Hamburg Media School / Digital
Journalism Fellowship) erschien zuerst auf SoftwareForFuture
Podcast.
15
15
Episode teilen
E77: Wie funktioniert guter, unabhängiger Journalismus in digitalen Zeiten? – Alexandra Borchardt und Ulrike Dobelstein-Lüthe  (Hamburg Media School / Digital Journalism Fellowship)
E77: Wie funktioniert guter, unabhängiger Journalismus in digitalen Zeiten? – Alexandra Borchardt und Ulrike Dobelstein-Lüthe  (Hamburg Media School / Digital Journalism Fellowship)

Close