E80: Wie funktioniert Bildung in digitalen Zeiten? – Anja Wagner (Frolleinflow)
vor 5 Jahren
Wie können sich Menschen neues Wissen am besten selbst aneignen?
Was motiviert sie zum Lernen? Und was zeichnet gute digitale Lehre
aus? Das sind einige der Fragen, mit denen sich Anja Wagner seit
gut 25 Jahren befasst.
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Beschreibung
vor 5 Jahren
Wie können sich Menschen neues Wissen am besten selbst
aneignen? Was motiviert sie zum Lernen? Und was zeichnet gute
digitale Lehre aus?
Das sind einige der Fragen, mit denen sich Anja Wagner
seit gut 25 Jahren befasst. Die selbsternannte
„Bildungsquerulantin“ hat viele Jahre in Agenturen gearbeitet und
Konzerne, Mittelständler, Städte und Kommunen in Sachen Bildung,
Lernkultur und Arbeitsorganisation beraten. Sie hat an der
Hochschule gelehrt und zum Thema „User-Experience in
benutzergenerierten Lernumgebungen“ promoviert. Und schließlich
hat sie mit Frolleinflow eine eigene digitale Bildungsagentur
gegründet, um ihre Kunden fit zu machen, was innovative
Bildungsangebote, kreative Medienkonzepte, neue Arbeitsprozesse
und digitale Kompetenz betrifft.
Im Interview mit Nils erzählt sie, warum das aktuelle
Bildungssystem eine Grundsanierung benötigt und Zertifikate
zunehmend an Bedeutung verlieren, wieso es heute wichtiger denn
je ist, sich selbst kontinuierlich weiterzubilden und welche
Skills jetzt und in Zukunft wirklich zählen.
Die beste Lernumgebung? Das Internet!
Für Wagner steht fest: Das deutsche Bildungssystem ist veraltet.
Denn es wurde für das 20. Jahrhundert entwickelt und entspricht
schlicht nicht mehr den Anforderungen, die das 21. Jahrhundert
stellt. Dabei geht es weniger um das Curriculum, das überarbeitet
werden müsste, als vielmehr darum, den Menschen eine geeignete
Infrastruktur zum Lernen zur Verfügung zu stellen. Denn die Art,
wie wir lernen, hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch
geändert.
Das Internet, davon ist Wagner überzeugt, bietet grundsätzlich
die „beste Lernumgebung, die man sich vorstellen kann“, damit
Menschen sich selbst Wissen aneignen, eigenständig lernen und
dabei „in den Flow kommen“ können. Einer der Hauptgründe dafür:
Es ermöglicht eine Demokratisierung, weil sich Menschen
informieren können, ohne dass die Inhalte durch Lehrende oder
andere Instanzen vorgefiltert werden. Sie können sich dort völlig
frei bewegen und „sich selber upskillen“, so Wagner.
Das Problem dabei: Die wenigsten Menschen haben gelernt, die
digitalen Möglichkeiten richtig für sich zu nutzen. Deshalb müsse
es Aufgabe unseres Bildungssystems sein, die Menschen dabei zu
unterstützen, sich selbstständig weiterzubilden und sich immer
wieder neu ausrichten zu können. Ziel müsse es sein, die Menschen
adäquat auf die immer schneller auf uns zurollenden
Disruptionswellen vorzubereiten.
Das aktuelle Bildungssystem ist zu träge
Weil sich der Arbeitsmarkt massiv verändern werde, müssten sich
auch die Menschen immer wieder wandeln, um Schritt halten zu
können. Und genau das sei am besten über das Internet möglich.
Die formalen Bildungsinstitutionen hingegen würden den neuen
Ansprüchen schon deshalb nicht gerecht, weil sie viel zu träge
seien. Schließlich dauere es zum Teil sehr lang, bis ein neues
Curriculum entwickelt, zur Zertifizierung ausgeschrieben und
schließlich akkreditiert ist: „Bis der Prozess durch ist“, so
Wagner, „ist das Thema ja schon erledigt.“
Weil die Skills in der Bevölkerung aber genau in dem Moment
gebraucht werden, in dem der Bedarf entdeckt wird, muss es
schnellere Möglichkeiten geben, diesen Bedarf zu decken, als
langwierige Aus- und Weiterbildungsprogramme, die zum Teil erst
entwickelt werden müssen. Genau dieses Problem kann das Internet
heute schon lösen. Vor allem die USA gehen hier mit gutem
Beispiel voran: Anstatt die eigenen Mitarbeiter erst in langen
Prozessen mit den neuen Skills auszustatten, suchen sich die
Firmen Freelancer über Plattformen wie Fiverr oder Upwork, die
sich das Wissen bereits angeeignet haben – und zwar oft
selbstständig auf digitalem Wege.
Weg von der Angestellten-Kultur hin zur „Maker-Mentalität“
Unser Bildungssystem muss die Menschen aber nicht nur mental
darauf vorbereiten, sich selbst immer wieder neues Wissen
anzueignen und sich fortzubilden. Es muss laut Wagner auch die
passende Infrastruktur dafür bereitstellen. Neben der
technologischen Ebene sei dabei auch die soziokulturelle Ebene
entscheidend. In diesem Zusammenhang hält Wagner das
projektorientierte Arbeiten und auch die Idee der Lernregionen
für besonders vielversprechend. Bei diesen Ansätzen geht es
darum, vorhandene Ressourcen zu bündeln, gemeinsam an Problemen
und Projekten zu arbeiten und wegzukommen von den aktuellen
Wissens-Silos.
Zu guter Letzt müsse unser Bildungssystem auch mithelfen, dass
Menschen Zutrauen in sich selbst und ihre Fähigkeiten entwickeln.
Wir seien „so eine furchtbare Angestelltenkultur in Deutschland“
und auch das Bildungssystem sei genau darauf ausgelegt, so
Wagner. Dabei brauche es viel mehr „transformativ denkende
Menschen“, die gemeinsam etwas unternehmen und etwas Neues
aufbauen wollen. Das Bildungssystem sollte deshalb auch eine
gewisse „Maker-Mentalität“ fördern, um Menschen dabei zu helfen
ihren eigenen Weg zu gehen – oder ihn sich gegebenenfalls selbst
zu erschaffen. Wenn diese Menschen sehen, dass es keinen Job für
sie gibt, dann müssten sie lernen, sich den passenden Job eben
selbst zu kreieren.
Die Corona-Krise als Katalysator
Gerade die Corona-Krise könnte hierbei laut Wagner ein wichtiger
Katalysator sein. Denn die digitale Bildung würde dadurch einen
enormen Schub bekommen. Wichtig sei , sich klar zu machen, dass
man alle Möglichkeiten habe und nicht auf irgendwelche
Weiterbildungsangebote warten müsse. Man solle die Dinge schon
selbst in die Hand nehmen.
Wagners aktuelles Projekt dürfte übrigens noch mehr Mut machen,
einfach mal loszugehen und Sachen anzupacken. Denn in dem Buch,
das sie derzeit schreibt, geht es darum, dass es nicht darauf
ankommt, wie viele Abschlüsse und Zertifikate hat. Um diese zu
erhalten, müssten die Menschen schließlich sehr häufig Unmengen
an letztlich unnützem Wissen lernen. Viel wichtiger sei es, die
richtigen Sachen im richtigen Moment zu lernen. Das Buch soll
deshalb aufzeigen, dass es auch anders geht als bisher. Der
vielversprechende Arbeitstitel: „Das Ende der Zertifikate“.
Links aus dem Interview Anja Wagner online
FROLLEINFLOW – Institut für kreative Flaneure
Wir sind eine digitale Bildungsagentur, die für das 21.
Jahrhundert steht. Wir arbeiten mit unseren Kund*innen
zusammen, um ihre Institutionen oder Netzwerke mit
erstklassigen modernen Bildungsangeboten, kreativen
Medienkonzepten, zeitgemäßen Arbeitsprozessen, digitaler
Kompetenz und allem, was dazwischen liegt, vertraut zu machen
und voranzubringen.
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Buchtipps
B(u)ildung 4.0: Wissen in Zeiten technologischer
Reproduzierbarkeit
Dr. Angelica Laurençon, Dr. Anja C. Wagner
Kultur der Digitalität
Felix Stalder
Nomaden der Arbeit: Überleben in den USA im 21.
Jahrhundert
Jessica Bruder
Webtipps
Upwork
einer der größten Freiberufler-Marktplätze weltweit für den
englischsprachigen Raum
Fiverr
Online-Marktplatz für digitale Dienstleistungen
Zu diesem Gespräch passende Episoden & Tipps von Wege der
Digitalisierung
E48: Wie verändert Digitalisierung unser Lernen und unser
Denken? (Teil 1/2) – Lisa Rosa (Landesinstitut für Lehrerbildung)
E49: Wie verändert Digitalisierung unser Lernen und unser
Denken? (Teil 2/2) – Lisa Rosa (Landesinstitut für Lehrerbildung)
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Anja Wagner (Frolleinflow) erschien zuerst auf SoftwareForFuture
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