Augen verschliessen kann teuer werden
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vor 7 Jahren
Seit Jahren propagiert Avenir Suisse ein obligatorisches
individuelles Pflegekapital für die Finanzierung der
Alterspflege. Die Stiftung Zukunft.li in Liechtenstein hat ein
ähnliches Modell entwickelt. Thomas Lorenz, Direktor des
Think-Tanks im Fürstentum, erklärt im Podcast mit Jérôme
Cosandey, Forschungsleiter für Sozialpolitik bei Avenir Suisse,
die Hintergründe seines Vorschlags.
Der Idee zugrunde liegt die demografische Entwicklung, die auch
in Liechtenstein Sorge bereitet. Der Hauptunterschied zum Modell
von Avenir Suisse bestehe darin, dass im Fürstentum kein
Zielbetrag festgelegt werden soll, der beim Eintritt in die
Pflegebedürftigkeit vorhanden sein muss. Avenir Suisse hingegen
peilt ein Kapital an, das die Finanzierung eines
durchschnittlichen Heimaufenthalts sicherstellt. Die
Liechtensteiner orientieren sich aus Gründen der politischen
Machbarkeit daran, was für einen relevanten Teil der Bevölkerung
finanziell zumutbar ist. Beiden Vorschlägen gemeinsam ist die
Vererbbarkeit des Pflegekapitals bei Nichtverwendung.
Für Jérôme Cosandey ist klar, dass wir ohne Anpassung der
heutigen Schweizer Pflegefinanzierung über Steuern und
Krankenkassenprämien mehr bezahlen werden als bisher. Der
Bundesrat geht davon aus, dass bis 2045 eine Erhöhung der Steuern
um 12% nötig wird und sich der Anteil der Krankenkassenprämien
für den Bereich der Alterspflege verdoppelt. Jérôme Cosandey
plädiert deshalb dafür, Anreize für eine Verhaltensänderung zu
setzen: Aus den hohen Krankenkassenprämien werde ein Anspruch
abgeleitet, das einbezahlte Geld auf die eine oder andere Weise
zurückzuerhalten. Habe man indessen eigenes Kapital für die
Alterspflege angespart, bemühe man sich eher darum, altersgerecht
zu wohnen oder den Heimeintritt möglichst zu verzögern – oft mit
der Unterstützung von Angehörigen.
Ähnlich wie in der Schweiz sträubt sich auch in Liechtenstein die
Regierung bisher gegen ein obligatorisches individuelles
Alterskapital – mit der Begründung, das Modell sei nicht
mehrheitsfähig. Der Vorschlag der Stiftung Zukunft.li habe das
Thema jedoch ins politische Bewusstsein gerückt, sagt Thomas
Lorenz. Im letzten Dezember wurde im Landtag ein breit
abgestütztes, von allen Fraktionen mitgetragenes Postulat
überwiesen, wonach die Regierung im Laufe dieses Jahres diverse
Fragen beantworten muss. Auch hat der Fürst in seiner
Neujahrs-Thronrede das Thema prominent hervorgehoben.
Einen ähnlichen Vorstoss hatte zwar Ständerat Josef Dittli Ende
2016 auch in der Schweiz eingereicht, ist beim Bundesrat aber auf
taube Ohren gestossen: Dies nicht nur, weil Pflege in der Schweiz
Sache der Kantone ist. Der Bundesrat bezweifelt, dass ein
obligatorisches individuelles Pflegekapital das richtige Modell
sei, da nur ein knappes Zehntel der 65-Jährigen und Älteren
intensive Pflege beanspruchen würden. Dies sei aber nur eine
Momentaufnahme in einem spezifischen Jahr, betont Cosandey. Man
könne daraus nicht hochrechnen, wie viele Personen in ihrem
gesamten Leben pflegebedürftig sein werden. Sowieso könne ein
Pflegekapital nicht alle Risiken abdecken, sondern sichere nur
einen typischen Grundbedarf – den «First-Level-Support»
sozusagen.
Thomas Lorenz glaubt, dass die Höhe des angesparten Betrags nicht
so relevant sei. Ob zum Zeitpunkt der Pflege- oder
Betreuungsbedürftigkeit 50’000 oder 100’000 Fr. auf dem Konto
liegen, spiele eine untergeordnete Rolle. Das Pflegekapital werde
die bestehenden Finanzierungsmechanismen nie gänzlich ablösen
können, sondern höchstens eine Entlastung für künftige
Steuerzahler darstellen. Die grundsätzliche Frage lautet
vielmehr, ob wir willens und fähig seien, über ein System
nachzudenken, das stärkere Eigenverantwortung verlangt – aber im
Rahmen der wirtschaftlichen Tragbarkeit für den Einzelnen.
Ausführliche Informationen zum Thema finden Sie in der Studie
«Neue Massstäbe für die Alterspflege».
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