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  4. "Die neue Dido" (Rudolf Borchardt)
Schriftsteller beziehen sich häufig auf die antike Figurenwelt,
um daraus Neues zu erschaffen. Rudolf Borchardt wählt die aus der
römischen Mythologie bekannte Dido. Warum? Ganz genau lässt sich
das nicht aufschlüsseln – dazu ist der Vorgang des literarischen
Schreibens zu intuitiv und individuell. Doch wenn wir daran
denken, dass die Dido bei Vergil sich in Aeneas verliebt und gar
nicht von ihm lassen kann, ist diese Wahl nachvollziehbar. Denn
bei Borchardt hat „die neue Dido“ früh ein erotisches Ziel: den
begehrten Mann.

Borchardt war ein äußerst form- und sprachbewusster Autor. In
„Die neue Dido“ wendet er die bei Novellenautoren beliebte
erzählte Erzählung an: Eine Rahmenerzählerin leitet den Text ein,
und die Kerngeschichte hören wir von einer im Ton ganz anderen
Erzählstimme, einer anderen Erzählerin. Das ist Dido selbst. Sie
hatte ihre Geschichte der Rahmenerzählerin „unter dem Siegel der
üblichen Verschwiegenheit“ mitgeteilt, wie diese betont. Deren
Siegelbruch verdanken wir also das Werk, in dem ein erotisches
Spiel beschrieben wird, das lange von Entsagung und Zurückhaltung
geprägt bleibt. Die Erzählung wird gleichsam angetrieben durch
die Bewegung zweier Figuren von der rein sprachlichen Ebene hin
zur körperlichen – zum gemeinsamen Hunger, zur Lust, zum
Begehren.

Einen solchen Text, ursprünglich 1929 erschienen, könnte in
unseren Tagen wohl kein Verlag ohne öffentlichen Protest
publizieren. Schließlich maßt sich hier ein Mann (der Autor) an,
über weibliches Begehren zu schreiben, und lässt gleich zwei
Frauen seine eigenen, also „männlich konnotierten“ Texte
vortragen. Da solche außerästhetischen Kriterien für die
Textauswahl in diesem Podcast allerdings irrelevant sind, wird
die Aufnahme mit großer Lust an Literatur und Sprache
veröffentlicht. – Es liest (natürlich!) eine Frau: die exzellente
Schauspielerin und Sprecherin Rose Lohmann.
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„"Die neue Dido" (Rudolf Borchardt)“

Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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