Ach, diese Fenster-Erzählungen. Wir kennen sie aus der
Filmgeschichte, etwa von Hitchcock, Chabrol und Woody Allen, und
natürlich aus der Literaturgeschichte, beispielsweise von George
Simenon und E.T.A. Hoffmann. Nicht immer, aber meist schaut dabei
jemand aus dem Fenster heraus. Bei Sören Kierkegaard schaut
jemand herein in ein Fenster, na eigentlich auf ein Fenster. Er
entdeckt dahinter eine attraktive Frau, und es entwickelt sich
innerhalb der Erzählung eine zwischenmenschliche
Dreieckssituation, die wir in psychoanalytisch geprägten Zeiten
„ödipal“ nannten und die der Erzähler, an dem hier alles hängt
und bei dem alles zusammenläuft, auf gar keinen Fall erweitert
sehen möchte, etwa durch einen Assistenten. Nein, eine solche
Vierer-Beziehung möchte er unbedingt vermeiden, denn: „Man kann
nie wissen, was aus dieser Geschichte noch für mich herumspringen
kann“.
Drei Figuren also, doch keine spricht mit einer der anderen,
keine weiß, dass sie jeweils Teil einer von einem wieder ganz
anderen gestalteten Beziehung ist. Der Gestalter ist der
Erzähler. Er tut nichts als zu beobachten, nachzudenken,
Beziehungen zu konstruieren, zu phantasieren und im Zuge dessen
dann auch mal imaginativ mit dem anderen Mann, dem Offizier (im
Text auch Leutnant genannt), zu sprechen und ihn, in Anbetracht
der Tatsache, dass ja überhaupt nichts geschieht, zu mehr
Entschlusskraft in Bezug auf die junge Frau aufzufordern. Er
könne als Offizier ja doch wohl „das Haus im Sturm und das
Mädchen mit Gewalt nehmen“. (Ohohoh ... Ob Ironie oder nicht: Die
Literatur ist nun mal kein Ort der ethisch stets wertvollen
Aussagen.) Auch ein Straßenseitenwechsel bewirkt nichts
Bedeutendes, es bleibt eine Art Possen- und Positionsspiel. Und
ziemlich komisch ...
Kierkegaards Text verfolgt kein Ziel, er möchte nichts
Pädagogisches oder Politisches bewirken, wir folgen einfach einer
individuellen Beobachtung, die zu einer Erzählung wurde – zu
einer, in der ein unbeteiligter Beobachter sich ein Geschehen
zusammenspinnt, in einem sich täglich wiederholenden
Blick-Rendezvous. Kierkegaard veröffentlichte den Text im Rahmen
des Buchs „Tagebuch eines Verführers“, das zuerst im Jahr 1843
erschien. Den titellosen Ausschnitt, den wir hier „Die Gardine“
nennen, liest Volker Drüke.
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