Es ist Kaiserzeit, in der Franz Kafka „Ein altes Blatt“ zeitlich
ansiedelt, also eine eigentlich autoritäre Ära. Doch der
Herrscher hat nichts zu sagen, ordnet nichts an, blickt nur „mit
gesenktem Kopf auf das Treiben vor seinem Schloss“ – zumindest
meint der erzählende Schuster ihn am Fenster gesehen zu haben.
Sicher kann man nicht sein. Jedenfalls lagern fremde Menschen vor
dem kaiserlichen Palast, der Platz wird zu einem „wahren Stall“.
Die Leute sind offenbar Nomaden und beschäftigen sich zunächst
„mit dem Schärfen der Schwerter, dem Zuspitzen der Pfeile“. Dann
werden Vorräte der Geschäftsleute geraubt, auch der Schuster
selbst ist betroffen; am schlimmsten trifft es allerdings den
Fleischhauer. Und nun erhält der Text die Kafka-typische
Erzähldichte, die im deutschen Sprachraum nur noch Kleist
herstellen konnte. Welcher Leser, welche Hörerin wird je das Bild
vom Reiter und seinem Pferd vergessen, die sich, nebeneinander
auf dem Boden liegend, „vom gleichen Fleischstück“ ernähren,
„jeder an einem Ende“? Doch damit nicht genug: Als der Fleischer
meint, „er könne sich wenigstens die Mühe des Schlachtens
sparen“, und die Idee entwickelt, „am Morgen einen lebendigen
Ochsen“ auf den Dorfplatz zu bringen, scheint das zivile Leben
gänzlich an seinem Ende zu sein: Von „allen Seiten“ springen die
Nomaden das Tier an, „um mit den Zähnen Stücke aus seinem warmen
Fleisch zu reißen“. Der Erzähler deckt sich mit allem zu, was er
nur finden kann, „um das Gebrüll des Ochsen nicht zu hören“.
Später liegen die Leute „müde um die Reste“ des Tiers, „wie
Trinker um ein Weinfass“. Es ist das blanke Grauen, das hier
beschrieben wird – ohne billige Horrorliteratur zu sein.
Warum der Text – 1922 erschienen – „Ein altes Blatt“ heißt,
bleibt ein Literatur-Geheimnis. Günther Rohkemper liest
angemessen. Nüchtern.
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