Wieder eine Fenster-Geschichte ... – Wer mal in Berlin war oder
dort lebt, kennt den Gendarmenmarkt. Im Jahr 1822 wohnte E.T.A.
Hoffmann in einem Haus mit Blick auf diesen Platz, und von hier
aus erzählt er – zwei Monate vor seinem Tod – die Geschichte „Des
Vetters Eckfenster“. Aus Krankheitsgründen nicht mehr fähig zu
schreiben, diktiert er. Auch das Haus kann er nicht verlassen.
Hoffmann imaginiert also einen Besucher – nicht irgendeinen:
einen ganz speziellen, jemanden, der sein künstlerischer
Nachfolger werden, gewissermaßen sein Erbe antreten könnte. Vom
Dichten ist die Rede, davon, dass der Schriftsteller, vom
Beobachten des Realen ausgehend, eine Geschichte phantasiert,
eine Anekdote, eine Szene, die zum Verhalten der echten Person
auf dem Marktplatz passt, und derer gibt es viele, vor allem
vorbeilaufende Kundinnen und Kunden, Verkäuferinnen und
Verkäufer. Sogar von einem Gespräch mit einer Marktfrau erzählt
der Gastgeber – einer Frau, die gerade in einem seiner Romane
las, als er sie bemerkte. Er stellte sich ihr vor, doch die
Reaktion ist ernüchternd: Sie zeigt nur Interesse an der
Romanhandlung und den Figuren im Buch – der Schöpfer all dessen
ist ihr völlig schnuppe. Typisch Berlin? Jedenfalls typisch für
E.T.A. Hoffmann. Er war stets ein Autor, der Erzählebenen
vermischte und auch mal zwei völlig verschiedene Texte ineinander
verschachtelte. Der schreibende Kater Murr hat in seinen
„Lebens-Ansichten“ damit in fast postmoderner Weise einen ganzen
Hoffmann-Roman lang zu kämpfen – also in einer Manier, die es
unter diesem Label freilich erst etwa 150 Jahre später gab. Doch
das ist eine andere Geschichte.
Zurück zu der rund um die Cousins/Vettern: Hoffmann war zu der
Zeit, als er den Text diktierte, schwerkrank. Gelähmt, dem Tode
nahe. Aus heutiger Sicht wirkt es nachvollziehbar, dass er fiktiv
jemand anderes, d.h. eigentlich zwei andere, noch einmal mit
künstlerischem, kreativem Blick aus seinem real existierenden
Berliner Fenster blicken und kleine Ereignisse kommentieren lässt
– und das alles in ein Kunstwerk transformiert, ein ausgesprochen
autobiographisches. Zugleich ist es bewundernswert, welche Kraft,
welche künstlerische Energie Hoffmann auch in seiner schwierigen
Lage aufbrachte. Dieser Autor blieb bis zu seinem Ende, selbst
unter größten Schmerzen, durch und durch ein Schriftsteller – und
weit darüber hinaus einer der bedeutendsten in deutscher Sprache.
Über Hoffmanns Einfluss auf die Entwicklung der europäischen
Prosaliteratur gibt es keinen Zweifel. Er ist ein Vorläufer in
vielfacher Hinsicht und der deutschsprachige Autor, der die
weltweit berühmtesten Figuren erschuf – mehr als Goethe, der
international dann doch seltener gelesen wurde. „Des Vetters
Eckfenster“ präsentiert für uns die Münsteraner Schauspielerin
Carola von Seckendorff.
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