Es gibt nichts, das die Idylle trübt. Die in „Stille Existenzen“
beschriebene Zweisamkeit des dänischen Geistlichen Skeel und
seiner Frau bleibt unbeeindruckt von äußeren Ereignissen. Dass
der Mann vor Jahren nach einer acht Stunden währenden
Todesgefahr, hilflos feststeckend im grönländischen Eis, halbtaub
wurde, die Frau beinahe erblindete wegen des „ewigen Anblicks des
Schnees, glitzernd und glänzend wie tausend Edelsteine“, oder die
beiden gar ihr einziges Kind verloren ... Sie bleiben, wie sie
sind. Zumindest erfahren wir Leser/Hörer nichts anderes. Woher
diese ungeheure Resilienz? Dieser Wille zum Weitermachen, zum
Setzen neuer Ziele, wo doch das Schicksal so hart zugeschlagen
hat?
Wir dürfen den Einfluss des Glaubens an eine höhere Macht nicht
unterschätzen, er spielt in Herman Bangs Erzählung eine große,
sehr eindrucksvolle Rolle. Frei nach Hiob: Der Herr hat’s
genommen (das Hörvermögen und den Sohn), der Herr hat’s gegeben
(der Frau eine innere Ruhe und dem Pastor die Kraft, um unentwegt
an Neuem zu arbeiten) ...
Als Skeels Lebensinhalt wird das Schreiben am „Grönländer
Gesangbuch“ benannt, er feilt und feilt daran. Dieses Gesangbuch,
dessen Beendigung nicht in Aussicht steht, und auch die
lückenlose Sammlung von Erinnerungsstücken (Möbel, Bilder,
Kuriositäten) sowie das selbst und zwar äußerst penibel
gestaltete Holzschnittwerk, das seine alte Grönländer
Dienstwohnung nachbildet – all das wirkt so, als wolle der Pastor
jene Objekte, die der Herr ihm ließ, bewahren, schützen,
konservieren. Was in der Familie keinen Bestand hatte (Einheit,
Sicherheit, Unversehrtheit), soll symbolisch repräsentiert
werden. Und bleiben. Nie verschwinden.
„Stille Existenzen“ wurde erstmals im Jahr 1899 veröffentlicht
und wird hier gelesen von Volker Drüke.
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