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223 Episoden
32 Minuten
Keine Angebote mehr in Word, keine Tabellen mehr in Excel: Ein Geschäftsführer, der kaum noch selbst in Dateien arbeitet, sondern sie von seinem KI-Assistenten schreiben lässt. Markus Kolb, Geschäftsführer und Inhaber von Bräunlin Kolb Architekten, beschäftigt sich seit Jahren mit Digitalisierung im Architekturbüro. Von Excel über Datenbanken bis zum "ChatGPT-Moment". Seit einem halben Jahr arbeitet er intensiv mit KI-Agenten, allen voran Claude Code: Software, die nicht nur antwortet, sondern eigenständig Dateien schreibt, ändert und sich fehlende Fähigkeiten selbst aneignet. Bräunings Vergleich: ein persönlicher Assistent für einen Bruchteil der Kosten, der Vertragsentwürfe prüft, Abweichungslisten erstellt und sich mit ihm über Ergebnisse "diskutiert". Der Schlüssel liegt für ihn in der Informationsbasis: Je besser der KI-Agent das eigene Büro über strukturierte Markdown-Dateien kennt, desto eigenständiger und verlässlicher arbeitet er und baut dieses Wissen mit jeder Aufgabe sogar selbst weiter aus. In nur vier Stunden entwickelte Bräuning so eine eigene interne App für KI-Bildbearbeitung, abgesichert über Microsoft-Authentifizierung und Zwei-Faktor-Login. Aktuell treibt er den Kulturwandel im gesamten Büro voran: eine Arbeitsgruppe, die Vorkenntnisse und Vorbehalte der Kolleg*innen erfasst, ein Entwicklungsprozess, den er mit der Einführung von CAD und 3D vergleicht. Klar benennt er auch die Grenzen: Datenschutz verlangt EU-gehostete Modelle oder das Anonymisieren personenbezogener Daten vor der Eingabe, KI-generierte Renderings müssen laut AI Act als solche gekennzeichnet werden. Sein Fazit bleibt trotzdem eindeutig: wer heute noch zögert, verpasst eine der größten Effizienzchancen der Branche. Ein Gespräch über KI-Agenten als virtuelle Assistenz, Skills als wiederverwendbare Arbeitsanleitungen, Datenschutz im Spannungsfeld zwischen US- und EU-Modellen und die Frage, warum in wenigen Jahren jede Software-Grenze für Architekturbüros fallen könnte.
26 Minuten
Wenn man Stroh hört, denkt man an Kuhstall, Kaninchenstall oder an die Geschichte der drei kleinen Schweinchen, wo das strohgedeckte Haus als erstes weggepustet wird. Kann ausgerechnet dieses Material unsere Bauweise retten? Alessandro, Architekt und Gründer von Strohtektur, hat seinen eigenen, ungewöhnlichen Weg zum Baustoff Stroh gefunden: Architekturstudium in Italien und Spanien, danach eine Permakultur-Ausbildung und eine Strohbau-Ausbildung beim Fachverband Norddeutsches Zentrum für nachhaltiges Bauen, bevor er sich selbstständig machte. Sein erstes eigenes Projekt, das Haus "Nau-Lindo" bei Berlin, baute er gemeinsam mit seiner Frau, ebenfalls Architektin, als Selbstbauprojekt: Dach, Wände und Bodenplatte komplett aus Stroh, dazu ein Permakulturgarten und ein Zeitnutzungsmodell mit vier weiteren Familien. Alessandros zentrale These: Der 100 Jahre alte Strohbau – entwickelt in den USA, erstes europäisches Gebäude von 1921 in Frankreich – vereint die Stärken dreier Materialien in einer Konstruktion. Stroh dämmt, Holz trägt, Lehm schützt vor Feuchtigkeit. Die oft gefürchteten Risiken Brandschutz und Schimmel widerlegt er mit Zahlen: zertifizierte Strohballen erreichen Feuerwiderstandsklassen bis F90, europäische und deutsche Zulassungen machen reguläre Bauanträge längst möglich. Sein CO2-Fazit für das eigene Haus: minus 22 Tonnen durch Materialbindung, nur minus 7 Tonnen durch energieintensive Schraubfundamente. Unterm Strich ein deutlicher Nettogewinn fürs Klima. Sein Appell an die Baubranche: Stroh soll den Holzbau nicht ersetzen, sondern entlasten. Als schnell nachwachsender Rohstoff mit einem Potenzial von 350.000 möglichen Gebäuden pro Jahr allein in Deutschland, von denen aktuell nur ein Bruchteil genutzt wird. Ein Gespräch über die Feuchtigkeitsregulierung durch Kalk- und Lehmputz, kreislaufgerechtes Bauen ganz ohne Folien, die Rolle automatisierter Stroh-Fertigung im Geschosswohnungsbau und die Frage, warum ausgerechnet Lehm für Alessandro der zweite Baustoff der Wahl wäre.
48 Minuten
Manche nennen sie schon nicht mehr Bauordnung, sondern Umbauordnung. Was steckt hinter dieser neuen Sichtweise und reicht sie wirklich aus, um das Bauen im Bestand zu erleichtern? Im Zentrum der Folge spricht Klaus Füner mit Katja Domschky, über die neue nordrhein-westfälische Bauordnung, die Umbau, Aufstockung und Umnutzung im Bestand erleichtern soll. Durch Genehmigungsfreistellung, Verfahrensfreiheit und den Wegfall der Pflicht, "anerkannte Regeln der Technik" verbindlich einzuhalten. Architekt Hartmut Klop aus dem Kölner Raum berichtet aus der Praxis: Ein Büro- und Verwaltungsgebäude wurde innerhalb von acht Monaten genehmigt – schneller als die eigentliche Bauzeit. Sein Tipp: Wer die E-Akte konsequent nutzt und Fristen dokumentiert, bekommt Behörden spürbar schneller in Bewegung. Doch die Diskussionsrunde zeigt auch die Grenzen der Reform auf. Veraltete Bebauungspläne und eine seit 1977 unveränderte Baunutzungsverordnung bremsen Projekte weiterhin aus, Denkmalpflege bleibt ein eigener, langwieriger Prozess. Kontrovers diskutiert: Wenn Normen nicht mehr verpflichtend sind, wer haftet dann – und verschiebt sich die Verantwortung am Ende nur vom öffentlichen ins zivile Recht? Im zweiten Teil blickt die neu gewählte Präsidentin der Architektenkammer NRW, Katja Domschky, zurück auf ihren Weg: seit 2005 in der Vertreterversammlung, ab 2010 im Vorstand, elf Jahre Leitung des Berufsrechts, seit 2021 Vizepräsidentin und seit März 2025 an der Spitze der Kammer, nach einer denkbar knappen Wahl. Ihr Einsatz für eine befristete Quote zeigt bereits Wirkung: Mit ihr sitzen erstmals drei Vizepräsidentinnen im neuen Vorstand. Ein Gespräch über die Chancen und blinden Flecken einer Umbauordnung, zivilrechtliche Aufklärungspflichten von Architekt*innen, Digitalisierung als Druckmittel gegenüber Behörden und den langen Weg von der Vertreterversammlung an die Kammerspitze.
1 Stunde 5 Minuten
Für einen symbolischen Euro verkauft, seit über 20 Jahren dem Verfall überlassen, heute Symbol für Ost-West-Identität und Zankapfel zwischen Wohnungsnot und Freizeitfläche: Das SEZ ist längst mehr als ein Gebäude. Florian Schmidt, Baustadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg (B'90/Die Grünen), Theresa Keilhacker, Architektin und ehemalige Präsidentin der Architektenkammer Berlin, Carl Waßmuth von der Initiative Gemeingut in Bürgerinnenhand, Jakob Hans Hien, Rechtsanwalt für Bau- und Planungsrecht bei Knauthe, und Mathias Schulz, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, diskutieren live über die Zukunft eines Gebäudes, dessen Geschichte exemplarisch für Berliner Stadtpolitik steht: Verkauf 2003, gescheiterte Reaktivierung, Rückgewinnung durchs Land nach jahrelangem Rechtsstreit, Bebauungsplan mit Abrissvorbehalt seit 2018 – und ein Kompromissvorschlag, der Erhalt und Wohnungsbau erstmals zusammendenkt. Im Zentrum: 631 geplante Wohnungen der WBM gegen einen Teilerhalt mit vier Hochpunkten – macht 141 Wohnungen weniger. Geschätzte Mehrkosten laut WBM: 233 Millionen Euro, deren Grundlage in der Runde selbst hinterfragt wird. Dazu Fragen nach Denkmalschutzwürdigkeit, Bestandsschutz bei Nutzungsänderung und ob Berlin ein grundsätzliches Problem mit seinen besonderen Bestandsgebäuden hat – vom ICC bis Tempelhof. Ein Gespräch über Bürgerinitiative als politischer Akteur, die Grenzen von Machbarkeitsstudien, Ost-West-Symbolik im Wohnungsbau und die Frage, ob sich Wohnraum und Freizeitfläche wirklich gegenseitig ausschließen müssen.
49 Minuten
Ein Passant sagt: "Das Ding kann weg." Eine Passantin ruft aus: "Ich bin richtig traurig, das ist ein super Gebäude!" Zwei Meinungen, ein Gebäude, eine Stadt, die sich nicht einig ist – und ein Eigentümer, der längst entschieden hat. Prof. Martina Baum, Architektin und Stadtplanerin, Amber Sayah, Redakteurin bei der "Stuttgarter Zeitung", mit Schwerpunkt Architektur und Kunst und Wilfried Dechau diskutieren, unter Moderation von Klaus Füner, live vor Publikum über das Wittwer-Gebäude in Stuttgart – 1968 erbaut, bis heute als Buchhandlung genutzt, seit einem Dreivierteljahr Zentrum einer erhitzten Debatte um Abriss und Neubau. Anlass: ein Gemeinderatsbeschluss, der Eigentümerinteressen über Bestandserhalt stellt – und eine Grünen-Fraktion, die dem eigenen Erhaltungsanspruch selbst widerspricht. Baums These: Baukultur ist immer Ausdruck gesellschaftlicher Werte – und die Frage, mit welchen Teilen einer Stadt wir weitermachen, verlangt sorgfältige Abwägung statt bequemer Investorenentscheidungen. Ihre Beobachtung aus zahlreichen Umbaufällen: Am Ende steht fast immer dieselbe Rechnung – 25 bis 30 Prozent mehr vermietbare Fläche, mehr Rendite, weniger Bestand. Im Publikum: kontroverse Stimmen zu Denkmalschutz als zahnlosem Tiger, zur Bauteilbörse Basel als Blaupause und zur Frage, warum ein 1990 gebautes Krankenhausgebäude schon wieder abgerissen wird. Ein Gespräch über die Aushöhlung des Denkmalschutzes durch Investoreninteressen, ein mögliches Abrissmoratorium, die fehlende Abrissgenehmigung im deutschen Baurecht und die Frage, ob eine Gesellschaft von privaten Eigentümern verlangen darf, was sie selbst für richtig hält.
35 Minuten
Wenige Minuten zuvor war noch eine Straßenbahn drübergefahren. Dann, mitten in der Nacht, stürzt ein Teil der Carola-Brücke in die Elbe. Zwei Jahre später steht fest, wer Dresdens Hauptverkehrsachse neu bauen darf. Jan Tröber, Partner bei TSSB Architekten in Dresden, hat gemeinsam mit dem spanischen Ingenieurbüro FHECOR und dem Landschaftsarchitekturbüro UKL den Wettbewerb um die neue Carola-Brücke gewonnen – nur wenige hundert Meter vom eigenen Büro entfernt, wo Tröber den Einsturz am 11. September 2024 hautnah miterlebte. Entstanden ist "Carola-Brücke 3.0": eine leichte Bogenkonstruktion aus Stahl und Sandstein, die Elemente der historischen Vorgängerbauten verbindet und erstmals seit 1895 wieder mit Bögen durch die Dresdner Altstadtkulisse spannt. Der Weg dorthin: ein vierstufiges Auswahlverfahren mit Fachexpertengremium, einer Bürgerabstimmung mit 26.000 Teilnehmenden, einem Begleitgremium aus Politik und Verbänden und einem klaren Votum des Stadtrats mit 39 zu 31 Stimmen. Tröbers Team punktete vor allem bei der Bevölkerung, wo eigene Kommunikationsarbeit – Visualisierungen, Erklärfilme, eine eigene Website – eine zentrale Rolle spielte. Ziel: eine Brücke, die 140 Jahre halten soll, mit Baubeginn 2028. Ein Gespräch über die Grenze zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Lobbyismus im Wettbewerbsverfahren, die Rolle von Bürgerbeteiligung bei Stadtratsentscheidungen, ingenieurtechnische Baukunst bei 120 Metern Spannweite und die Frage, wie eine Stadt einen Symbolverlust in eine bessere Zukunft verwandelt.
36 Minuten
Dr. Max von Bredow, Immobilienentwickler und Unternehmer, verbindet mit seinem Unternehmen „MvB Baukultur“ wirtschaftliche, ökologische und soziale Aspekte des Bauens. Der promovierte Maschinenbauer kam über seinen Schwiegervater zur Projektentwicklung und entwickelte daraus ein Geschäftsmodell, das Baukultur nicht als Zusatz versteht, sondern als Grundlage. Von Bredow setzt auf Nutzungsmischung statt Monofunktion: Wohnen, Arbeiten, Gastronomie, Pflege, Co-Working – alles unter einem Dach, alles im selben Quartier. Seine Winkelbauerhöfe in Holzkirchen zeigen, wie weit das gedacht werden kann: Inklusionscafé, Geothermie, Holzbauweise, Caritas-Tagespflege, Lastenfahrräder und ein Stellplatzschlüssel von 0,7. 80 Wohneinheiten, zwei noch verfügbar. Seine Lieblingsfrage: "Wann hast du das letzte Mal jemand zufällig in deinem Wohnzimmer kennengelernt?" Die Antwort erklärt alles und warum die Qualität der Zwischenräume über das Gelingen eines Quartiers entscheidet. Ein Gespräch über Bürgerbeteiligung als Planungsinstrument, soziale Bodennutzung, den Quartiersverein als Partyverantwortlichen und die Frage, warum besser bauen immer auch besser leben bedeutet.
36 Minuten
Viele Schulgebäude, die wir heute kennen, stammen aus einem pädagogischen Modell des frühen 20. Jahrhunderts: Flur, Klassenzimmer, Tafel, Frontalunterricht. Doch wie lernen Kinder heute und welche Räume brauchen sie dafür wirklich? Florian Waller, Partner bei Behnisch Architekturbüro, einem der international renommiertesten deutschen Architekturbüros, hat die Josef-Schwarz-Schule in Heilbronn realisiert – Teil des Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung und eines der meistdiskutierten Beispiele zeitgemäßer Lernarchitektur. Das Büro widmet sich seit jeher dem Bauen für eine offene, demokratische Gesellschaft – Schulen inklusive. Wallers Ansatz: Lernen passiert nicht ausschließlich im Klassenzimmer, sondern in der gesamten Schule. Die Josef-Schwarz-Schule übersetzt das konsequent: ein terrassiertes Gebäude auf einem Sockel, drei pavillonartige Baukörper für Grund-, Mittel- und Oberstufe, natürliche Lüftung statt Klimaanlage, Holz und Lehm statt HPL und Kunststoff. Fast 60.000 Quadratmeter – und kein Geschoss gleicht dem anderen. Seine Überzeugung: Das pädagogische Konzept gibt die Architektur vor, nicht umgekehrt. Und Nachhaltigkeit beginnt damit, Kindern beizubringen, dass ihre Handlungen Konsequenzen haben, auch wenn es im Klassenzimmer mal stinkt. Ein Gespräch über Lernlandschaften, die Grenzen von Flexibilität, natürliche Materialien als pädagogisches Mittel und die Frage, wie viel Identität eine Schule braucht, um wirklich zu wirken. Wichtige Partner für die Entwicklung des Projektes sind Planstatt Senner für die Außenanalagen sowie Transsolar für das Klimakonzept.
25 Minuten
Jedes Gebäude, das wir heute planen, ist der Bestand von morgen. Doch noch immer werden Gebäude geplant, als ob Klimawandel, Ressourcenknappheit und zirkuläres Bauen Sonderthemen wären – und nicht die Grundlage einer jeden Planung. Lara Katscher, seit 2025 Vorständin der Werner Sobek AG, verantwortet dort die Bereiche Bauphysik, Nachhaltigkeit und Technische Gebäudeausrüstung. Das Unternehmen begleitet komplexe Bauprojekte von der Energiebilanzierung bis zur simulationsgestützten Klimaanpassung. Katscher begann 2016 als Werkstudentin und schaffte den Weg in den Vorstand in knapp zehn Jahren. Ihr Ansatz: Nachhaltigkeit beginnt nicht beim Zertifikat, sondern beim Entwurf. Kompakte Gebäudevolumen, optimierte Fassadentransparenz, Low-Tech-Strategien dort wo möglich und Technik nur dort, wo sie wirklich nötig ist. Ihre Beobachtung: Während der Fokus lange auf Energieeffizienz lag, rücken heute Materialwahl, Grauemissionen und Rückbaufähigkeit in den Mittelpunkt. Gebäude als temporäre Rohstofflager zu denken, ist für sie kein Zukunftsszenario, sondern dringende Gegenwart. Ein Gespräch über adaptive Fassaden, klimaresiliente Planung, die Rolle der Bauphysik im Zeitalter des Klimawandels und warum integrale Planung von Anfang an der einzige Weg zu wirklich nachhaltigen Gebäuden ist.
49 Minuten
In der Schweiz werden pro Sekunde 500 Kilogramm Bauschutt produziert – eine halbe Tonne. Jährlich fallen 4.000 Häuser dem Abriss zum Opfer. Was, wenn der Abriss die Ausnahme würde statt die Regel? Sarah Barth und Leon Faust, Architektin und Architekt vom Verein Countdown 2030, kämpfen für eine klimaverträgliche Bauwende bis 2030. Die 2019 gegründete Schweizer Initiative entstand aus kollektivem Frust über einen Beruf, der maßgeblich zur Klimakrise beiträgt, während sich Architekt*innen über Grautöne und Fugenbreiten unterhalten. Entstanden sind Projekte wie die Ausstellung "Die Schweiz – ein Abriss" im Schweizer Architekturmuseum Basel, eine Petition mit 12.000 Unterschriften und das partizipative Portal Bauwende.tools. Barth und Faust setzen auf radikale Dringlichkeit: "2030 ist die entscheidende Dekade." Ihr Ansatz – dem Bestand einen Wert geben, der über den ökonomischen hinausgeht. Während die Politik von Kreislaufwirtschaft spricht, fehlen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Ihre Beobachtung: Wir bauen Rolls Royce, wo manchmal ein Käfer reicht. Die Herausforderung: Wie transformiert man einen ganzen Berufsstand? Wie schafft man gesellschaftlichen Wandel für politischen Wandel? Und was passiert am 31.12.2029 um 23:59:59 Uhr? Ein Gespräch über fatalistischen Aktivismus, die Macht der Digitalisierung beim Reuse, Hoffnung als aktiven Prozess und die Frage, warum sich der Verein 2030 selbst auflöst.
41 Minuten
Der Bau ist das größte Materiallager, das wir haben – unsere einzige urbane Mine. Doch während die Politik Kreislaufwirtschaft fordert, arbeiten wir noch immer mit Abfallgesetzen aus einer anderen Zeit. Katrin Mees, Expertin für nachhaltiges Bauen und Kreislaufwirtschaft, analysiert die Diskrepanz zwischen politischen Zielen und regulatorischen Realitäten. Die nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie steht, doch die Umsetzung hakt an der Wirtschaftlichkeit und veralteten Gesetzen. Mees beobachtet: "Kein Mensch macht Kreislaufwirtschaft, wenn er damit nicht sein Butterbrot verdient." Während Bauproduktehersteller bereits Rücknahmesysteme entwickeln, scheitert die Praxis am juristischen Konstrukt. Materialien werden zu Abfall erklärt, um sie dann mühsam wieder zu Produkten zu machen – ein "Riesenaffentanz" statt echter Kreislaufführung. Ihre These: Wir brauchen ein Kreislaufwirtschaftsgesetz, das Kreislaufwirtschaft betreibt, nicht Abfallwirtschaft. Ein Gespräch über politischen Mut, wirtschaftliche Anreizsysteme, die Grenzen von Leasingmodellen und die Frage, warum wir mit alten Werkzeugen neue Probleme lösen wollen.
35 Minuten
Die Anzahl der Warenhäuser hat sich auf ein Drittel dezimiert. Mehrere Zehntausend Menschen haben bereits ihre Arbeitsplätze verloren. Was tun mit diesen Immobilien, die seit 150 Jahren unsere Innenstädte prägen? Igor Brncic, Architekt und Gesellschafter bei OLIV Architekten, berät umfassend zur Revitalisierung innerstädtischer Handelsimmobilien. Das 1999 gegründete Büro mit 50 Mitarbeitenden entwickelt Konzepte für eine zukunftsfähige Nutzung – von baurechtlichen Studien bis zur Begleitung von Investoren und Entwicklern. Entstanden sind Projekte wie die Umfunktionierung des ehemaligen Kaufhauses in der Stuttgarter Königstraße für die Landesbank Baden-Württemberg, das Büro, Kultur und Gastronomie unter einem Dach vereint. Brncic setzt auf funktionale Vermischung statt Monofunktion: "Das Gebäude muss zur Stadt werden." Seine Beobachtung als Architekt – nach der Industrialisierung hat die Digitalisierung das Konzept des Kaufhauses obsolet gemacht. Während Menschen früher in Einkaufszentren gingen, um zu sehen und gesehen zu werden, findet Begegnung heute wieder in der Stadt statt. Die Herausforderung: Wie entstehen öffentliche Räume, die angenommen werden? Wie verwebt man wohnen, arbeiten und Freizeit, ohne dass Bauherren und Nutzer fremdeln? Ein Gespräch über den Niedergang des stationären Handels, die Rückkehr zur kleinteiligen Stadt, künstliche Intelligenz im Entwurfsprozess und die Sehnsucht nach realem Begegnungskonsum in Zeiten der Digitalisierung.
59 Minuten
Bis zum Jahr 2050 werden rund 68 Prozent der Menschheit in Städten leben, zwei bis drei Milliarden mehr als heute. Wenn weiterhin vorwiegend mit Stahl und Beton gebaut wird, sind die globalen Klimaziele nicht zu erreichen. Dr. Philipp Misselwitz, Architekt und Geschäftsführer von Bauhaus Erde, arbeitet deshalb mit Partner*innen im globalen Süden an Alternativen. Biobasierte Baustoffe wie Lehm, Holz oder Bambus spielen dort derzeit nur in zwei Nischen eine Rolle: in prekären Armutssituationen und bei ökologisch orientierten Eliten. Erst wenn sie als fortschrittliche Materialien anerkannt werden, erreichen sie den breiten Markt und ermöglichen den Erfolg der weltweiten Bauwende. Ein Gespräch über europäische Verantwortung, globales Netzwerken und wie Bauen vom Klimakiller zum Klimaheiler wird.
58 Minuten
In Europa wird jede Minute ein Haus abgerissen – ungeachtet seines vorhandenen Potenzials. Olaf Grawert, Gründungspartner des Berliner Büros b+ und Mitinitiator von HouseEurope!, fordert deshalb neue Gesetze: Steuererleichterungen für Renovierungen, neue Bewertungskriterien für Bestandsgebäude und die Anerkennung grauer Energie – gebündelt als „Right to Reuse”. Die nötige Million Unterschriften blieb aus – es wurden nur rund 100.000 gezählt. Aus der gescheiterten Bürgerinitiative wurde eine gemeinnützige Organisation. Am 1. Juli startet die nächste Runde: Right to Housing mit 14 Gesetzesvorschlägen, die in Zusammenarbeit mit 60 Partnerorganisationen erarbeitet wurden. Wir sprechen über Abriss als Gentrifizierungswerkzeug, die Ökonomisierung des Gebäudebestands und einen zweiten Anlauf in Brüssel.
31 Minuten
Was passiert, wenn die Pumpen stoppen und mit ihnen ein System, das Berlin bislang zuverlässig mit Wasser versorgt? David Seitz und Moritz Wette sprechen stellvertretend für ihr Team mit Felix Ritter und Giorgio Bruno über ihr preisgekröntes Projekt „what when the pumps stop?“, das den Heinze ArchitekturAWARD gewonnen hat. Entstanden ist der Entwurf im Masterstudio der Landschaftsarchitektur an der TU Berlin und im Kontext des Schinkelpreises. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich die drohende Wasserknappheit in Berlin-Brandenburg auf die Stadtentwicklung auswirkt und wie Wasser als gestaltender Akteur neu gedacht werden kann. Das interdisziplinäre Team verbindet urbane Geografie, Landschaftsarchitektur und Ökologie zu einer Vision, die Stadt als offenes, lernendes System versteht. Ein Gespräch über „Wetness“, metabolisches Entwerfen und die Notwendigkeit, Stadt und Natur neu zusammen zu denken.