Wenn man Stroh hört, denkt man an Kuhstall, Kaninchenstall oder an
die Geschichte der drei kleinen Schweinchen, wo das strohgedeckte
Haus als erstes weggepustet wird. Kann ausgerechnet dieses Material
unsere Bauweise retten? Alessandro, Architekt und Gründer von
Strohtektur, hat seinen eigenen, ungewöhnlichen Weg zum Baustoff
Stroh gefunden: Architekturstudium in Italien und Spanien, danach
eine Permakultur-Ausbildung und eine Strohbau-Ausbildung beim
Fachverband Norddeutsches Zentrum für nachhaltiges Bauen, bevor er
sich selbstständig machte. Sein erstes eigenes Projekt, das Haus
"Nau-Lindo" bei Berlin, baute er gemeinsam mit seiner Frau,
ebenfalls Architektin, als Selbstbauprojekt: Dach, Wände und
Bodenplatte komplett aus Stroh, dazu ein Permakulturgarten und ein
Zeitnutzungsmodell mit vier weiteren Familien. Alessandros zentrale
These: Der 100 Jahre alte Strohbau – entwickelt in den USA, erstes
europäisches Gebäude von 1921 in Frankreich – vereint die Stärken
dreier Materialien in einer Konstruktion. Stroh dämmt, Holz trägt,
Lehm schützt vor Feuchtigkeit. Die oft gefürchteten Risiken
Brandschutz und Schimmel widerlegt er mit Zahlen: zertifizierte
Strohballen erreichen Feuerwiderstandsklassen bis F90, europäische
und deutsche Zulassungen machen reguläre Bauanträge längst möglich.
Sein CO2-Fazit für das eigene Haus: minus 22 Tonnen durch
Materialbindung, nur minus 7 Tonnen durch energieintensive
Schraubfundamente. Unterm Strich ein deutlicher Nettogewinn fürs
Klima. Sein Appell an die Baubranche: Stroh soll den Holzbau nicht
ersetzen, sondern entlasten. Als schnell nachwachsender Rohstoff
mit einem Potenzial von 350.000 möglichen Gebäuden pro Jahr allein
in Deutschland, von denen aktuell nur ein Bruchteil genutzt wird.
Ein Gespräch über die Feuchtigkeitsregulierung durch Kalk- und
Lehmputz, kreislaufgerechtes Bauen ganz ohne Folien, die Rolle
automatisierter Stroh-Fertigung im Geschosswohnungsbau und die
Frage, warum ausgerechnet Lehm für Alessandro der zweite Baustoff
der Wahl wäre.
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