Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
5 Minuten
Die Aster war zweifellos so etwas wie die Lieblingsblume der expressionistischen Lyrik. Kein Wunder also, dass sich Kurt Pinthus, seines Zeichens Herausgeber der berühmten Anthologie ‘Menschheitsdämmerung‘ und nebenbei regelmäßiger Autor beim 8-Uhr-Abendblatt, am 23. September 1922 ihrer in einem kleinen Feuilleton annahm. Hierin erinnert er auch prompt an Gottfried Benn und dessen berühmtes Gedicht über die ‘Kleine Aster‘. Im Weiteren folgt er jedoch weniger dessen oder Georg Trakls symbolischen Fährten zum Vanitas-Motiv, sondern setzt sehr eigene Akzente, die ihn bei einer durchaus hoffnungsfrohen Bestimmung des Menschen als homo aestheticus landen lassen. Für uns begleitet ihn dabei Frank Riede.
7 Minuten
Der stetig wachsende Zugverkehr in Europa mit schnelleren Verbindungen und mehr Passagieren hatte auch seine Auswirkungen auf die Bordrestaurants. Waren das ursprünglich gut ausgestattete Küchen, in denen die Gerichte vollständig aus mitgenommenen Zutaten zubereitet wurden, ging man nun gezwungener maßen dazu über, Vorgekochtes, Konfektioniertes an Bord zu nehmen, das eine schnelle Verarbeitung zu genussfertigen Tellergerichten ermöglichte. Wie diese Revolution der Speisewagen funktionierte, erklären uns das Berliner Tageblatt vom 22. September 1922 und Paula Leu.
7 Minuten
Der schwedische Entdeckungsreisende, Geograph, Reiseschriftsteller und Fotograf Sven Hedin war mit seinen Reisen durch Asien und den dort gemachten Entdeckungen berühmt geworden. So zweifelsfrei diese beachtenswert waren, so streitbar war seine politische Haltung. Er war begeisterter Monarchist, verehrte Kaiser Wilhelm II. und hatte nicht viel übrig für Demokratie und Republik. Später sollte seine Begeisterung für Adolf Hitler sein Lebenswerk zusätzlich trüben. 1922 tourte er mit einem Vortag über Tibet und machte auch auf einer Naturforschertagung in Leipzig halt. Von dieser berichtet am 21. September das Berliner Tageblatt. Und es zeigt sich, wie populär Hedin war, da für seinen Vortrag eine polizeiliche Absperrung wegen der nachdrängenden Massen nötig wurde. Frank Riede ist doch noch irgendwie reingekommen.
8 Minuten
Oskar Maria Graf, Ricarda Huch, Hugo Ball, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Ernst Toller oder Karl Valentin – nur ein Bruchteil der Künstlerscharen, die zumindest Zeitweise in München-Schwabing gelebt haben und damit am Image des Stadtviertels als Kristallisationspunkt der Künstler-Bohème mitgewirkt haben. Das frühere Dorf Schwabing, urkundlich bereits 782 erwähnt, also älter als München selbst, wurde, längst zum Stadtteil Münchens geworden, nach der Neugründung der Kunstakademie im Jahre 1885, zum Künstlerviertel. Ob der Künstlerglanz auch 1922 noch strahlte, beurteilte das 8Uhr-Abendblatt am 20. September. Paula Leu war für uns vor Ort.
6 Minuten
Aus heutiger Rückschau erscheint uns die Entwicklung vom Stummfilm zum Tonfilm als ein logischer und zwangsläufiger Schritt. Daher gilt es unseren Blick auf den Stummfilm davon zu befreien, ihn nur als Tonfilm minus Ton, als Vorstufe zu betrachten. Während es in den Zwanziger Jahren begeisterte Unterstützer der Tonfilmexperimente gab, erhoben sich auch zahlreiche Stimmen, die den Stummfilm als Kunstform gegen die Hinzufügung des Tons verteidigten. Am 17.9.1922 präsentierten die drei Erfinder Hans Vogt, Jo Engl und Joseph Massolle im Berliner Kino Alhambra vor etwa 1000 Gästen das Triergon-Verfahren, ein Lichtton-Verfahren, bei dem eine Tonspur direkt auf das Filmmaterial aufgetragen wird, die mit entsprechendem Projektor synchron zum Bild wiedergegeben werden kann. Diese Aufführung sorgte für viel Aufsehen, wurde begeistert aufgenommen, fand aber auch das Unverständnis derer, die für den Stummfilm keinen Ton brauchten. Welche Position Herbert Ihering im Berliner Börsen-Courier vom 19. September vertrat, weiß Frank Riede.
8 Minuten
Nicht nur aktuell ringt der Liberalismus in Deutschland um seine Ausrichtung. Nach Jahrzehnten, in denen der wirtschaftliche Neoliberalismus in den Vordergrund trat und andere klassische Themenfelder, wie den Kampf für das Selbstbestimmungsrecht und die Freiheit gegenüber dem Staat in den Hintergrund drängte, stellt sich die Frage, ob diese Fokussierung auf eine sich selbst regulierende Wirtschaft noch zeitgerecht ist. Vor 100 Jahren suchten die liberal gesinnten Kräfte in der Deutschen Demokratischen Partei auf ihrer Eisenacher Tagung nach einem wirtschaftspolitischen Konzept. Der Mitbegründer dieser Partei Carl Wilhelm Petersen hielt eine viel beachtete programmatische Rede, über die im Berliner Börsen-Courier vom 18. September ausführlich berichtet wurde. Frank Riede klärt uns darüber aus, wem man das Schiff der deutschen Wirtschaft anvertrauen sollte.
6 Minuten
Dass in den ersten Septembertagen in diesem Podcast keine Texte aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung zur Anhörung kamen, war ausnahmsweise einmal keine Frage unserer redaktionellen Auswahl. Die D.A.Z. war auf Basis des nach dem Rathenau-Attentat beschlossenen Republikschutzgesetzes wegen „Herabwürdigung von Mitgliedern der Reichsregierung“ kurzzeitig verboten worden. Eine durchaus umstrittene Maßnahme, nicht nur bei ihren Kollegen von der rechtskonservativen Presse, die teils heftig gegen diese Anwendung protestierte. Dass sich die D.A.Z. selbst nach Wiederzulassung dem anschloss, nimmt wenig Wunder. In einem Rundumschlag attackierte sie ein paar Tage später, am 17. September 1922, einmal mehr Regierung und Gerichte, die Sozialdemokratie und das westliche Ausland. Konkret war dies in diesem Fall die englische Presse, mit der die D.A.Z., wie dem Artikel zu entnehmen, bereits wieder in neue Händel verstrickt war. Es liest Paula Leu.
5 Minuten
In Griechenland heißen die Vorgänge bis heute ‘Kleinasiatische Katastrophe‘, in der Türkei etwas lapidar ‘Brand von Izmir‘: Drei Tage nachdem die türkischen Truppen die von griechischem Militär verlassene multikulturell geprägten Hafenstadt am 9. September 1922 eigenommen hatten, kam es dort zu einem gewaltigen Feuer, das diese in weiten Teilen, namentlich die von Armeniern und Griechen bewohnten Stadtviertel, dem Erdboden gleichmachte. Zwischen 10.000 und 125.000 Menschen – genauer sind die Schätzungen bis heute nicht – fanden hier den Tod, die überlebenden Angehörigen der christlichen Minderheiten verließen, wenn sie konnten, die Stadt und beendeten in der Konsequenz ihrer Flucht über 2500 Jahre griechischer Geschichte an der ionischen Küste. Die Korrespondentennetze der Berliner Tageszeitungen reichten vor einhundert Jahren augenscheinlich nicht bis in diesen Winkel der Welt. Deshalb ringt man hier auch noch Tage nach Beginn des Infernos, am 16. September, mit Hilfe britischer und französischer Agenturmeldungen um ein Bild von der Situation, das das Ausmaß des Schreckens mittlerweile aber zumindest erahnen lässt. Es liest Paula Leu.
10 Minuten
Die Berliner Gemäldegalerie ist im Besitz mehrerer Gemälde des niederländischen Malers Frans Hals, und steht man dort etwa vor der „Malle Babbe“ mit ihrer Eule auf der Schulter und dem Bierkrug in der Hand, so kommt man nicht auf den Gedanken, dass es noch nicht so lange her ist, dass diesem Maler keine so große Aufmerksamkeit zuteil wurde und so manches Werk, das unbeachtet in einem öffentlichen Gebäude hing, erst gesäubert, restauriert und in Museen der kunstinteressierten Öffentlichkeit zugängig gemacht wurde. Max Osborn reiste für die Vossische vom 15. September 1922 durch die Niederlande. Was als eine atmosphärische Beschreibung des Landes beginnt, entpuppt sich als der gezielte Besuch des neuen Frans-Hals-Museums in Haarlem, bei dem er geduldig einen Türklopfer betätigen muss, damit ihm aufgemacht wird. Frank Riede schleicht sich für uns mit hinein.
7 Minuten
Wir erinnern uns alle an die leeren Regale des ersten Pandemie-Lockdowns. Hamsterkäufe sorgten für Mangel an Toilettenpapier, Mehl und Hefe – damit konnten die glücklichen Käufer und Käuferinnen den ganzen Zyklus der Brotproduktion, Verspeisung und Ausscheidung autark und bequem gewährleisten. Worüber viel, und auch soeben an dieser Stelle, gespottet wurde, hatte 1922 dann doch viel ernstere Hintergründe. Die wirtschaftliche Krise, die rasante Inflation, rechtfertigtenß schon eher den Einkauf von Grundnahrungsmitteln in größeren Mengen, bevor sich, oftmals nur Stunden später, ihr Kaufpreis vervielfachte. Schon 1922 sprach man - und in dieser Folge konkret Käthe Miethe in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 14. September von „Hamsterkäufen“. Es liest Paula Leu.
10 Minuten
Das Gasthaus Stelzer im damaligen Wiener Vorort Rodaun war eine Institution in Altösterreich – die konsequenterweise mit dessen Ende 1918 auch die seinen Pforten schloss. Der ihm gewidmete Bericht aus dem Berliner Lokal-Anzeiger vom 13. September 1922 schwelgt somit bereits in K.u.k.-Nostalgie, wenn er das Stelzer, sein Dekor, sein Publikum und seine Ahornbäume in seiner alten Form noch einmal wiederaufleben lässt. Ein interessantes Kapitel des Hauses blendet der Text dabei indes interessanterweise aus: Das Stelzer fungierte während der Weltkriegsjahre als offizielles österreichisch-ungarisches Kriegspressequartier und damit unter anderem auch als Wirkungsstätte hier zum Dienst verpflichteter Künstler wie Franz Werfel, Robert Musil oder Hugo von Hofmannsthal, der praktischerweise in Rodaun eh wohnte. Oder um es mit Karl Kraus zu sagen: „Man hatte die Presse nach Rodaun verlegt, um dem Herrn von Hofmannsthal mit der Front entgegenzukommen.“ Für uns reist Frank Riede nach Kakanien.
8 Minuten
Trotz aller Wirtschafts- und Finanzkrisen war die Musiktheaterlandschaft im Berlin der frühen 1920er Jahre gewohnt vielfältig: Neben der altehrwürdigen Staatsoper gab es, als zweite ‘ernsthafte‘ Bühne, das Deutsche Opernhaus in Charlottenburg sowie unter anderem mit der Alten Komischen Oper, dem Admiralspalast oder dem Metropol-Theater eine ganze Reihe von Heimstätten für die leichte Muse wie Operette oder Revue. Was Berlin bis dahin indes noch nicht vorzuweisen hatte, war eine Volksoper mit anspruchsvollen Musiktheaterangeboten für ein breiteres, weniger zahlungskräftiges Publikum, wie man sie etwa aus Paris und Wien kannte und man sie nunmehr auch hier in einer veränderten, republikanischen Kulturlandschaft für unerlässlich hielt. Quartier nahm die neugegründete Berliner Große Volksoper im Sommer 1922 im Theater des Westens. Nach einer Woche ihres Bestands wagte sich die Berliner Volks-Zeitung am 12. September in Person ihres Kritikers Lothar Band an eine erste Bilanz, die für uns Frank Riede nachvollzieht.
8 Minuten
Nicht überall war mit dem Ersten Weltkrieg 1918 auch wirklich der Krieg vorbei. An vielen Fronten gingen die Kämpfe umstandslos in Nachfolgekonflikte über, die das Vorangegangene nicht selten an Grausamkeit sogar noch übertrafen. Zu den blutigsten diesbezüglichen Auseinandersetzungen zählt der sogenannte Griechisch-Türkische Krieg, in dem die Griechen, als Gewinner des Weltkriegs, ab 1920 weite Teile Westkleinasiens besetzten, aus denen sie von den Truppen Mustafa Kemals jedoch zwei Jahre später wieder vertrieben wurden. Verbunden damit waren grausame Feldzüge auch gegen die Zivilbevölkerung, die im September 1922 in einem entsetzlichen Massaker an den christlichen Bevölkerungsgruppen im heutigen Izmir, griechisch: Smyrna, kulminierten. Gerüchte davon erreichten bald auch die ferne deutsche Hauptstadt. Auf Basis unterschiedlichster Agenturmeldungen versucht das Berliner Tageblatt vom 11.9. sich und seinen Leserinnen und Lesern ein einstweilen noch sehr unscharfes Bild von den Vorkommnissen zu machen. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Vor zwei Tagen ging es um die Verschandlungen der Schulhöfe, heute um die Verschandlungen des Alten Museums auf der Museumsinsel. Nachdem man die Treppe zum Eingang hinaufgestiegen ist und sich umdreht, blickt man auf den Lustgarten, links der Dom und vis-a-vis nun das Humboldt-Forum mit Schlossfassade. Dabei steht man in einer weitestgehend leeren eindrucksvollen Säulenhalle. Vor 100 Jahren schmückten diese Säulenhalle Wandgemälde und es waren dort Statuen bedeutender deutscher Künstler und Architekten des 18. und 19. Jahrhunderts aufgestellt. Nun war der Lustgarten, wie auch noch heute, ein beliebter Ort um Versammlungen und Demonstrationen abzuhalten. Und genau bei solchen litt die öffentlich zugängliche Säulenhalle nicht nur unter „Wildpinklern“, sondern auch unter Beschmierungen und gravierenden Schädigungen der Statuen. Eine Schande für Berlin und Deutschland, fand die Vossische Zeitung und appellierte am 10. September 1922 an die Verantwortlichen, diese Missstände zu beheben. Frank Riede, ein gern gesehener Gast auf Empfängen in dieser Säulenhalle, liest.
7 Minuten
Hinter dem Titel unserer heutigen Folge „Die Orgien der Fremdenpolizei“ verbirgt sich nicht ein Rotlichtmilieu-Skandal einer Polizeiabteilung, die beim Betriebsausflug über die Stränge geschlagen hat, der Begriff bezieht sich hier eher auf Verwaltungsorgien. Der Vorwärts vom 9. September 1922 prangert die bürokratischen Hürden an, die ausländischen Arbeitskräften auferlegt werden. Besonders im Fokus der Zeitung sind allerdings die deutschsprachigen Arbeiterbrüder aus Österreich, der Tschechoslowakei oder Polen, für deren reibungslosen Arbeitseinsatz in Deutschland man kämpft. Paula Leu listet die Schikanen auf.