Auf den Tag genau Archiv
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7 Minuten
Die Herausforderungen des Klimawandels in den urbanen Zentren, etwa die überhitzten städtischen Betonwüsten, sind gerade diesen Sommer ein großes Thema. Die Städteplaner diskutieren Entwürfe mit Grünflächen, weniger Parkplätzen und mehr Bäumen. Unser heutiger Artikel aus der Berliner Volks-Zeitung vom 8. September 1922, der tituliert ist „Die Verschandlung der Schulhöfe“, möchte die Bäume der Schulhöfe retten, um wenigstens diese grünen Lungen zu erhalten. Das heißt, es geht weniger um Graffiti und Vandalismus, sondern vielmehr um den Plan der Stadt Berlin, die Schulhöfe abzuholzen, um dort Turn- und Sportmöglichkeiten zu schaffen. Frank Riede liest.
9 Minuten
Jede Großstädterin, jeder Großstädter weiß: Es gibt nichts Lässigeres, als zeitlos in einem Café zu sitzen und die anderen Leute zu beobachten. Selma Fischer hat eben dies gemacht, die Eindrücke eines Abends protokolliert und am 7. September 1922 in der Berliner Volks-Zeitung veröffentlicht. Wir wissen nicht, wo sie saß und woher die Passantinnen und Passanten, die sie beobachtet, kamen, respektive wohin sie gingen. Und dennoch sind sie uns nach ein paar Minuten, in denen wir nichts voneinander wussten, seltsam vertraut. Nach einhundert Jahren noch einmal zum Leben erweckt werden sie für uns von Paul Leu.
5 Minuten
Um echte Goldgräberstimmung zu entfachen, reicht manchmal ein einfaches Gerücht. Unter den Arbeitern der Wernerwerke in Siemensstadt verbreitete sich dereinst die Mär von einem Goldschatz im Grunewald wie ein Lauffeuer, und Dutzende von Schürfern, glaubt man dem Vorwärts vom 6. September 1922, machten sich in jenen Tagen auf nach dem Eichkamp, um dort zu heben, wo es natürlich nichts zu heben gab. Schließlich vertonen wir hier nicht die Märchen der Gebrüder Grimm, sondern Artikel aus den Großstadtzeiten von vor einhundert Jahren. In deren kleinkriminellen Sumpf begibt sich Frank Riede.
8 Minuten
Diskontinuierliche Berufsbiographien, glauben wir gerne, seien die Signatur unserer fortgeschrittenen, digitalen Moderne, aber selbstredend ist das eine arg verkürzte, unhistorische Sichtweise. Auch schon frühere Epochen kannten technologische, gesellschaftliche oder persönliche Brüche, die es mitunter notwendig machten, ‘umzusatteln‘, und eben davon handelt der folgende Artikel aus der Berliner Morgenpost vom 5. September 1922. Heute weitgehend vergessen, hatte das veränderte Wirtschaftsleben der Nachkriegszeit damals unzählige Männer und Frauen in neue, ungelernte Tätigkeiten gezwungen, was Autor Hans Ostwald durchaus nicht schreckt, sondern ihn an die seinerzeit noch gar nicht so weit zurückreichende Umbruchszeit der Industrialisierung erinnern lässt. Wenn aus Landwirten Fabrikarbeiter werden konnten, musste das doch auch umgekehrt möglich sein. Es liest Paula Leu.
7 Minuten
Die immer wieder auf den Straßen eskalierende Situation zwischen linken Demonstranten Schutzpolizisten, oder rechten Schlägertrupps, gehört zum heute gängigen Bild der Weimarer Republik. Auch am 4. September berichtet der Vorwärts über blutige Zusammenstöße zwischen einem Umzug der Jungkommunisten und der Staatsgewalt. Die sozialdemokratische Zeitung schlägt sich nicht automatisch auf die Seite der Kommunisten, empört sich nicht, sie versucht, möglichst objektiv die Vorgänge zu beschreiben. Wir hören Frank Riede.
11 Minuten
Die frühen 1920er Jahre waren eine auch musikgeschichtlich bewegte Zeit, in der unzählige neue, experimentelle kompositorische Strömungen aufkamen und einen Aufbruch aus dem vertrauten Hörraum der Spät- und Spätspätromantik wagten. Um diese Wege unterstützend zu begleiten und auch das breitere Publikum auf sie zu lenken, hatte sich am Rande der Salzburger Festspiele 1922 die noch heute bestehende ‘Internationale Gesellschaft für Neue Musik‘ gegründet. Zum Leiter der deutschen Sektion dieser Organisation, die ihren Stammsitz in London nahm, wurde der Musikessayist Adolf Weißmann bestimmt, und eben dieser erläuterte in der Vossischen Zeitung vom 3. September deren Ausrichtung und Ziele. Dass er in seinem Argument sich dabei einmal, eher unspezifisch, des Rassebegriffs bedient, belegt ein weiteres Mal, wie verbreitet derlei Kategorien selbst in des Chauvinismus‘ eher unverdächtigen Diskursen war. Es liest Paula Leu.
9 Minuten
Die Berliner Volkszeitung betrieb auch in der zweiten Jahreshälfte 1922 regelmäßig ihre Kolumne „Am Kurbelkasten“, in der – mal eleganter, mal weniger gelungen – ausgehend von einem Thema, einer Meldung viele andere Themen miteinander verknüpft werden. Heutzutage könnte man vielleicht das Klicken im Internet von einem Stichwort zum nächsten als Vergleich heranziehen. Am 2. September geht es unter anderem um den Herbst, Pädagogik, rechte Haßprediger und sauren Wein. Frank Riede liest.
8 Minuten
Es geht ein Gespenst um beim Vorwärts, aber da wir hier bei einer sozialdemokratischen Zeitung sind, ist es ausnahmsweise nicht das Gespenst des Kommunismus. Das Großstadtgespenst, das Autor Otto Keller in seinem Nachtstück vom 1. September 1922 gesichtet hat, ist deutlich expressionistisch inspiriert, handelt aber, da wir hier bei einer sozialdemokratischen Zeitung sind, doch sehr viel eineindeutiger als in der expressionistischen Lyrik oder Malerei vom sozialen Elend der Welt. Paula Leu hat sich nicht einschüchtern lassen.
4 Minuten
Wenn in Deutschland von ‘der großen Inflation‘ die Rede ist, denken wir immer an das Jahr 1923. Dabei begann die Entwicklung der Geldentwertung weit früher. Bereits im Sommer 1922 kostete ein US-Dollar über 3000 Mark, und immer mehr Menschen rutschten wegen dieser fortschreitenden Schwäche der Währung in entsetzliche Armut. Die Unerschwinglichkeit von immer mehr Grundnahrungsmitteln führte schon seinerzeit zu regelrechten Hungerkrawallen, wie sie die Berliner Volks-Zeitung in einem Bericht vom 31. August nannte. Selbst innerhalb eines Tages schossen die Preise offenbar mitunter so durch die Decke, dass es auf einigen Wochenmärkten, u.a. auf dem noch heute beliebten am Maybachufer, zu mittelschweren Ausschreitungen kam. Über die Umstände unterrichtet uns Frank Riede.
9 Minuten
Seit dem Jahre 1951 findet mehr oder weniger durchgängig alle zwei Jahre eine Bundesgartenschau an wechselnden Orten statt. Zuletzt 2021 in Erfurt. Diese Leistungsschauen des Gartenbaus kamen natürlich nicht aus dem Nichts, sondern haben eine jahrhundertelange Vorgeschichte. 1856 etwa fand, auch in Erfurt, die „Internationale Land- und Gartenbauausstellung“ statt. Zahlreiche Gartenbauausstellungen folgten, ab 1933 unter dem Namen Reichsgartenschau. Eine Nummer kleiner, aber durchaus in diese Liste aufzunehmen, ist die Blumenschau, die 1922 im Schloßpark Bellevue in Berlin stattfand. Die Vossische Zeitung berichtet in ihrer Ausgabe vom 30. August, für uns schlendert Paula Leu durch das Blumenmeer.
6 Minuten
Herbert G. Wells veröffentlichte 1895 seinen wegweisenden Science-Fiction Roman „Die Zeitmaschine“, in dem ein Erfinder aus dem viktorianischen England in die ferne Zukunft reist, um eine Gesellschaft vorzufinden, in der die Klassenunterschiede des Fin-de-Siècle extrem übersteigert wiederzuentdecken sind - so, zumindest laut einer gängigen Interpretation. Seine Maschine reist dabei durch die Dimension der Zeit, bewegt sich auf der Erde aber nicht vom Fleck. Der Autor Hans Christoph schrieb 1922 den ersten „Relativtätsroman“, wie ihn der Berliner Börsen-Courier vom 29. August des Jahres bezeichnet. Auch in diesem Science-Fiction Roman mit dem Titel „Fahrt in die Zukunft“ reist ein Erfinder in die Zukunft, dieser aber explizit unter Nutzung der Einsteinschen Relativitätstheorie. Seine Gefährt, eine Art Rakete, fliegt so schnell und weit von der Erde weg, dass die Zeit auf der Erde schneller vergeht, als für die Reisenden. Was für eine Gesellschaft diese in der Zukunft dann vorfinden, weiß Frank Riede.
7 Minuten
Der 62. Katholikentag fand vom 27. Bis zum 30. August 1922 in München statt. Vom pompösen Eröffnungstag berichtete am 28. die Vossische Zeitung und dokumentierte nicht nur die zum guten Teil schon damals reaktionären Positionen zu Fragen des Lebensalltags, die von den geistlichen Potentaten vorgetragen wurden, sondern auch den von ihnen offen geäußerten Zweifel an der Legitimität der Weimarer Republik und ihrer Verfassung. Dieses düstere Bild eines monarchistischen Katholikentags, der das göttliche Recht über die Verfassung der Weimarer Republik stellt, gibt allerdings nur eine mächtige Strömung innerhalb des deutschen Katholizismus wieder, da der Bericht die Schlussworte des Präsidenten des Katholikentages, des damaligen Oberbürgermeisters von Köln Konrad Adenauer noch nicht kannte, der sich mit diesen deutlich gegen die Angriffe auf die Weimarer Republik stellte. Paula Leu liest für uns vom Kampf gegen einen Staat der es wagt, Ehescheidungen und ehelose Mutterschaft zu unterstützen und nicht die „Kinoseuche“ zu verbieten.
6 Minuten
Was Wimbledon für das Tennis, Augusta für den Golf-, Kitzbühel für den Alpinen und der Holmenkollen in Oslo für den Nordischen Skisport, das wohl ist Monza für den Automobilsport: das Allerheiligste, die wichtigste Wettkampfstätte einer Sportart, ihr gleichsam mythisches globales Zentrum. Zu den Besonderheiten des vor einhundert Jahren eröffneten Autodromo Nazionale gehört dabei der Umstand, dass die Rennstrecke quasi durch den Schlosspark der dereinst von Kaiserin Maria Theresia in Auftrag gegebenen Königlichen Villa von Monza führt. Die B.Z. am Mittag erahnte den sich nicht nur daraus speisenden einmaligen Charakter des Kurses bereits seinerzeit und widmete Monza noch vor dem ersten Rennen, am 27. August 1922, einen ersten großen Bericht. Für uns Probe gefahren ist Frank Riede.
7 Minuten
Von deutschen Autoren (und gelegentlich auch Autorinnen), die in andere Weltgegenden gereist sind und von dort über diese berichten, z.B. auch aus Chile, wimmelte es auch schon vor einhundert Jahren in den Berliner Tageszeitungen – und deswegen bisweilen auch in diesem Podcast. Wie erfrischend, dass die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 26. August 1922 das Pferd einmal von der anderen Seite aufzäumt! Die seit geraumer Zeit in Berlin lebende Chilenin Estela Montalva bekam die Gelegenheit, ihren Blick auf die Stadt einmal in einem dort erscheinenden Medium auszubreiten und dessen Leserinnen und Leser mit einer anderen Sicht auf ihre eigene Heimat zu konfrontieren. Hier gelesen von der Berlinerin Paula Leu.
8 Minuten
Der Schlern: Trutzig thront er über dem Tal des Eisack, kurz bevor dieser sich am Ritten vorbei schleicht und hinter Bozen in die Etsch mündet. Richard Huldschiner hat sich im Sommer 1922 aufgemacht, diesen (neben dem Ortler) vielleicht berühmtesten aller Südtiroler Berge zu besteigen und teilt seine dabei gewonnenen Eindrücke in der Vossischen Zeitung vom 25. August. Es dominieren die Naturaufnahmen und die Beobachtungen einiger Leute, denen der Autor hier begegnet. Anspielungen auf die mehr denn je bewegte politische Lage im nunmehr italienischen Südtirol kommen dagegen nur am Rande vor. Für uns mitgewandert ist Frank Riede.