Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
6 Minuten
Zu den Klassikern des deutschen Stummfilms zählt zweifelsfrei Fritz Langs „Nibelungen"-Zweiteiler, bei dessen Dreharbeiten wir mit unserem Podcast vor Monaten vorbeigeschaut haben. Natürlich gehört er zu den Filmen des Jahres 1924 auf Stummfilm-Magazin.de, wo ihr weitere Infos zum Film findet. Umso reizvoller erscheint es, den berühmten Kritiker Herbert Ihering zu Wort kommen zu lassen, der nach Besuch der Premiere einen Tag zuvor im Berliner Börsen-Courier vom 15. Februar einen Verriss des Films präsentierte. Frank Riede verrät uns also nun, warum sich für den ersten Teil der „Nibelungen“ mit dem Titel „Siegfried“ wirklich kein Kinobesuch lohnt.
10 Minuten
Der teilweise Rückbau und Zusammenbruch des Berliner Öffentlichen Nahverkehrs im Krisenjahr 1923 hat bei den Berlinern offensichtlich einen tiefen Eindruck hinterlassen. So blicken wir heute zwar, wie immer, 100 Jahre zurück, stoßen aber in der BVZ vom 14. Februar 1924 auf einen Blick auf uns, auf das Jahr 2024, der etappenweise die Entwicklung des Nahverkehrs in die Zukunft extrapoliert. Berlin ist zu einem großflächigen Dorf geworden, dessen Durchquerung einer Weltreise ähnelt. Paula Rosa Leu hat sich in dieser parallelen Realität dennoch für uns mit auf den Weg gemacht.
7 Minuten
Die Pfalz war über Jahrhunderte ein steter Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich; aufgrund ihrer vulnerablen topographischen Lage kam es in etlichen Kriegen linksrheinisch wie rechtsrheinisch immer wieder zu erheblichen Zerstörungen, als deren berühmtestes Symbol wohl das Heidelberger Schloss gelten kann. Auch die Auseinandersetzungen nach dem Ersten Weltkrieg gingen keineswegs spurlos an der Region vorbei. Separatisten kämpften zunächst nur um ihre Loslösung von Bayern, bald in Teilen sehr viel weiter gehend aber auch um eine Abspaltung vom Reich als autonomer Pufferstaat zwischen Deutschland und Frankreich – und die französische Besatzungsmacht, damit durchaus sympathisierend, ließ sie lange gewähren. Als sich Anfang 1924 eine leichte Entspannung zwischen Berlin und Paris andeutete, ging es mit der „Autonomen Pfalz“ indes sehr schnell zu Ende, und dieses Ende war einmal mehr ein sehr blutiges. Frank Riede berichtet für uns mit dem Berliner Börsen-Courier vom 13. Februar aus Pirmasens und Kaiserslautern.
7 Minuten
Olympische Winterspiele hatte es in der Antike aus naheliegenden Gründen nicht gegeben, und mit diesem Argument stemmte sich auch der neuzeitliche Begründer der olympischen Idee Pierre de Coubertin lange gegen deren Einführung. Nachdem man zunächst einzelne winterliche Sportarten wie Eiskunstlauf in die Sommerspiele integrierte, entschloss man sich, 1924 die Sommerspiele von Paris durch eine vorausgehende Internationale Wintersportwoche in Chamonix in den französischen Alpen zu flankieren. Dass ihre Wettbewerbe 1926 nachträglich doch zu den ersten Olympischen Winterspielen der Geschichte heraufgestuft und sie später in den Annalen als vollwertige Olympioniken geführt werden sollten, konnten die an insgesamt 16 Wettkämpfen teilnehmenden 296 Sportler aus 16 Ländern nicht ahnen. Was man dort indes kaum findet, sind Namen von Frauen, die 1924 ausschließlich im Eiskunstlauf gegeneinander antreten durften. Deutsche – beiderlei Geschlechts – waren in Folge des Ersten Weltkriegs ohnehin weiterhin ausgeschlossen. In ihrer Ausgabe vom 12. Februar berichtete die B.Z. am Mittag dennoch von den Spielen aus Chamonix, und für uns tut dies Paula Rosa Leu.
8 Minuten
Am 10. Februar 1924 wurde in Thüringen der 3. Landtag gewählt. Angetreten war der sog. Ordnungsbund, in dem sich bürgerliche und rechte Parteien zusammengetan hatten, um die Mehrheit im Lande jenseits der politischen Linken zu erlangen. Doch Landbund, Deutsche Volkspartei, Deutschnationale Volkspartei, Vaterländische Verbände, Beamtenvertreter, Hausbesitzer, Wirtschaftler und Zentrum erreichten „nur“ 35 der 72 Sitze im Landtag, waren also auf die Unterstützung der noch rechteren, noch offener völkischen und antisemitischen Parteien angewiesen, die sich unter der Vereinigten völkischen Liste verbunden und 7 Sitze erreicht hatten. Die BVZ analysierte dieses Ergebnis, das den Völkischen einen Machtzuwachs sicherte, bereits am 11. Februar, noch bevor alle Wahlkreise ausgezählt waren. So kommt es dazu, dass die Zahlen, die uns Paula Rosa Leu näherbringt, noch vorläufig sind und wohl manchmal durcheinander gehen. So ist etwa die Wahlbeteiligung nicht bei 98 Prozent anzusetzen, sondern bei für heutige Verhältnisse dennoch imposanten 89 Prozent. An der politischen Analyse seitens der BVZ ändert dies aber wenig.
8 Minuten
Der auch für diesen Podcast konstitutive Blick zurück in die Stadtgeschichte ist beileibe kein Privileg unserer Tage. Immer wieder in gut vier Jahren Auf den Tag genau sind wir auf Quellen gestoßen, die sich ihrerseits auch schon vor einhundert Jahren auf Spurensuche eines Berlins begaben, das es bereits damals nicht mehr gab. Als Charlottenburger Zeitung kümmerte sich die Neue Zeit diesbezüglich naturgemäß vor allem – so der Name einer kleinen Serie – um „Erinnerungen an Alt-Charlottenburg“ und ließ sich in der Folge vom 10. Februar 1924 in dessen äußerstes westliches Randgebiet verschlagen: nach Alt-Westend. Seinerzeit nicht zuletzt dank des seit 1908 bestehenden U-Bahn-Anschlusses längst im Begriff, sich zum mondänen Stadtviertel betuchter Großstädter zu entwickeln, entsinnt sich der Artikel der ganz anders gearteten, historisch freilich noch gar nicht so fernen Anfänge. Frank Riede geht mit uns auf doppelte Zeitreise.
10 Minuten
Der sterbenskranke Lenin hatte die Machtambitionen von Josef Stalin wohl richtig eingeschätzt und in einem Brief, der als sein politisches Testament gilt, der Partei empfohlen, Stalin als Generalsekretär abzulösen. Doch da hatte Stalin längst seine Position im Parteiapparat so gefestigt, dass es nicht dazu kam. In den folgenden Jahren sollte er nach und nach seine Position ausbauen und allen Widerstand gegen seine Führungsrolle brutal brechen. So ließ er in mehreren Säuberungswellen jeden, der irgendwann, und sei es nur kurz, gegen ihn war, oder im Verdacht stand, gegen ihn zu sein, töten oder in Zwangsarbeitslager sperren. Nach Lenins Tod war die Lage für die ausländischen Betrachter unübersichtlich und selbst ein Kenner der Sowjetunion wie Georg Popoff, der 1925 ein Buch über die Tscheka veröffentlichte, lag mit seiner Einschätzung zur Nachfolge, die er am 9. Februar in der DAZ ausbreitete, daneben. Besonders verstellte ihm wohl die Einschätzung den Blick, dass die Sowjetunion nur von einem Russen, und nicht etwa von dem gebürtigen Georgier Stalin, geführt werden könne. Frank Riede präsentiert uns das Zentralkomitee der KPdSU im Februar 1924.
8 Minuten
Mit der Stabilisierung der Währung und damit der Verbesserung zumindest der inflationsbedingten Verarmung fand die Vossische Zeitung vom 8. Februar 1924 nun die Zeit und den Raum, sich einer anderen leidenden, unterdrückten und ausgebeuteten Bevölkerungsgruppe zuzuwenden: den Hundehalter*innen. Ein Walter Simon-Gusner echauffiert sich hier über den anhaltenden Leinen- und Maulkorbzwang in Berlin, den er deutlich von anderen Städten abhebt, die liberalere Verordnungen haben. Unseres Wissens gehört Paula Rosa Leu nicht zu den Hundehalterinnen in Berlin, so dass sie uns keinerlei Auskunft über den jetzigen Stand geben kann – über die anhaltende Hundesperre vor 100 Jahren schon.
10 Minuten
Auch sie sind in vier Jahren ein Evergreen von Auf den Tag genau: Artikel, die von der Spree an die Donau schauen und Facetten des Lebensgefühls in Wien nach Berlin zu vermitteln versuchen. Für die Vossische Zeitung war es zumeist Karl Lahm, der diese Korrespondentendienste übernahm. Am 7. Februar 1924 widmete er sich ausnahmsweise keinen direkt politischen Fragen, berichtete nicht aus dem regen Wiener Musik- oder Theaterleben und entwickelte auch keine feuilletonistische Typenkomödie. Vielmehr geht es ihm hier um die Bauaktivitäten, die in der alten Metropole von Kakanien nach dessen Untergang aufgenommen wurden – und führt uns damit zu den äußersten Anfängen des bis heute berühmten kommunalen Gemeindebauwesens im Roten Wien. Angeschlossen auf seiner Tour hat sich für uns Frank Riede.
6 Minuten
Würde sich die Republik diesmal als wehrhaft erweisen oder ihr der in großen Teilen illoyale, weil aus der Kaiserzeit übernommene Justizapparat wieder in den Rücken fallen? Die Spannung vor dem Prozess gegen die Putschisten vom 9. November 1923 war groß, und die Presse brachte sich bereits Wochen vor dessen Auftakt in Position. Aus der zuverlässig republikanischen Berliner Volks-Zeitung vom 6. Februar 1924 erfahren wir, dass man in den rechten Blättern wohl vor allem versuchte, für die Person Ludendorffs Stimmung zu machen und nichts unversucht ließ, Einfluss auf das Gericht in seiner Angelegenheit, aber auch in der des bayerischen Generalstaatskommissars Gustav von Kahr und der des Landeskommandanten der Reichswehr in Bayern Otto von Lossow auszuüben. Letztere wurden tatsächlich beide nur als Zeugen geladen und Ludendorff als einziger Angeklagter schließlich freigesprochen – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Es liest Paula Rosa Leu.
9 Minuten
Im August 1920 rief Mahatma Gandhi die Kampagne der Nichtkooperation in Indien aus, die zu dem passiven Widerstand weiter Bevölkerungsteile gegenüber der britischen Kolonialmacht führte. Nachdem 1922 eine lokale Mobilisierungs-Kampagne, die friedlich und im Geiste Gandhis begonnen hatte, in Gewalt gegen britische Polizisten und zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften umschlug, wurde Gandhi verhaftet und zu 6 Jahren Haft verurteilt, zumal er vor Gericht die Schuld für die Gewalt auf sich genommen hatte. Offiziell wegen einer Blinddarmoperation wurde er aber 1924 vorzeitig freigelassen, um kurze Zeit später der Präsident des Indischen Nationalkongresses zu werden. Die Vossische blickt am 5. Februar 1924 auf die Lage in Indien, beschäftigt sich aber nicht nur mit Mahatma Gandhi, sondern auch mit den Herausforderungen, vor denen die neue britische Labour-Regierung stand. Für uns liest Frank Riede.
11 Minuten
Der Historiker und Demokrat Woodrow Wilson war von 1913 bis 1921 für zwei Amtszeiten Präsident der USA. Unter seiner Führung traten die Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg ein und er saß nach dem Krieg mit am Verhandlungstisch, als es darum ging eine Nachkriegsordnung zu schaffen. Sein 14-Punkte Programm prägte die Debatten auch wesentlich und auf Wilsons Initiative hin wurde der als letzter Programmpunkt dieser Liste anvisierte Völkerbund begründet. Wilson war aber weder in der Lage, die Reparationsforderungen der Franzosen zu verringern, noch ein wirklich wirkmächtiges Weltparlament zu errichten, weshalb er auch in Deutschland der Nachkriegszeit teilweise zum Feindbild wurde. Zwar wurde er 1919 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, gerade seine außenpolitischen Projekte müssen aber als zu großen Teilen gescheitert angesehen werden, zumal die Stimmung in Amerika wieder in Richtung Isolationismus kippte und die USA selbst nicht dem Völkerbund beitrat. Wilson war nach einem Zusammenbruch und einem Schlaganfall im Herbst 1919 halbseitig gelähmt und konnte die Amtsgeschäfte kaum noch führen. Er starb am 3. Februar 1924. Wie der Vorwärts in seinem Nachruf vom 4. Februar die Leistungen von Wilson bewertete weiß Paula Rosa Leu.
14 Minuten
Eisenbahnartikel gehören zu den großen Konstanten in gut vier Jahren Auf den Tag genau. Mit ihnen haben wir den europäischen Kontinent in alle Himmelrichtungen durchkämmt, aber auch noch entlegenere Weltgegenden wie etwa Japan stilvoll bereist. Um uns den ultimativen Traum aller Zugromantiker zu erfüllen, mussten wir indes bis heute warten: eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Ein ungenannt bleibender Autor der Deutschen Allgemeinen Zeitung schildert in deren Ausgabe vom 3. Februar 1924 detailliert die seinerzeitigen Herausforderungen einer solchen Tour um die halbe Welt in allen, auch bürokratischen Einzelheiten. Zugleich dokumentiert sein Text in einer Passage freilich auch, dass Globetrotting nicht notwendig vor rassistischen Weltsichten schützt und die DAZ auch im sechsten Jahr der Weimarer Republik weit rechts in deren Meinungsspektrum anzusiedeln blieb. Wegen des spektakulären Themas haben wir den Artikel dennoch Frank Riede für uns lesen lassen.
8 Minuten
Immer wieder stoßen wir bei unseren Recherchen für Auf den Tag genau auf Theaterautoren und -stücke, die heutzutage eher nur noch dem Namen als ihren Inhalten nach bekannt sind. Auch die satirischen Dramen von Carl Sternheim zählen zu dieser Rubrik. Alle Jubeljahre wagt ein Theater mal wieder eine Wiederausgrabung. Wirklich ins Repertoire zurückgekehrt sind sie nach ihrer Verfemung durch die Nazis jedoch nicht. Für die letzte Berliner Inszenierung von Sternheims Nebbich muss man bis in die frühen 1990er Jahre zurückreisen, als man sich an einer Neubelebung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters versuchte. Eben genau dorthin, aber natürlich noch ein paar Jahrzehnte weiter, nämlich gleich bis zur Uraufführung im Jahr 1924 nimmt uns Frank Riede mit, der der B.Z. am Mittag vom 2. Februar entnimmt, was dem Regisseur Sternheim damals zum Autor Sternheim eingefallen ist.
14 Minuten
Die Verbindungen der Familie Mann zur Tschechoslowakei wurden erst vor nicht allzu langer Zeit gründlicher erforscht. So half etwa der Präsident der Tschechoslowakei Tomáš Garrigue Masaryk nach der Emigration Heinrich Manns aktiv und finanziell dabei, die Bibliothek und das Archiv aus der Münchener Wohnung ins Ausland zu schaffen. 1936 erhielten Thomas und Heinrich Mann die Tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. In den Abhandlungen zu den weit über diese zwei soeben genannten Tatsachen hinausreichenden Beziehungen der Manns zu dem Intellektuellen an der Spitze des jungen Staates, den viele Tschechen respektvoll als Papa Masaryk bezeichneten, steht immer geschrieben, dass Heinrich Mann, Masaryk 1924 kennen gelernt hatte. Und genau diese erste Begegnung schilderte er für die Vossische Zeitung vom 1. Februar 1924. Neben seinem Eindruck vom Präsidenten als Person beschreibt er auch die Gespräche über das Verhältnis von Deutschland zu Frankreich. Da Masaryk von Paris aus die Exilregierung der Tschechoslowakei während des Ersten Weltkriegs anführte, dort den unabhängigen Staat verhandelte und stets beste Beziehungen zu französischen Politikern pflegte, verwundert es nicht, dass seine Position sich deutlich abhebt von der in der deutschen Presse propagierten Sichtweise, der Hauptschuldige an der Ruhrbesetzung sei Poincaré. Paula Rosa Leu war zusammen mit Heinrich Mann zu Besuch auf dem Landsitz des tschechoslowakischen Präsidenten in Lány.