Propaganda, Rekrutierung, Finanzierung

Rechtsextremes Podcast-Netzwerk analysiert

2. Okt 2021 , aktualisiert: 10. Nov 2023

Rechtsextreme nutzen Podcasts für ihre Zwecke. Sie bilden Netzwerke des Hasses und generieren Einnahmen. Wie sollte die Gesellschaft damit umgehen?

Bild: Pexels / podcast.de
Rechtsextremes Podcast-Netzwerk analysiert

Im Mai 2021 erklärte Horst Seehofer gegenüber der Presse, was viele bereits ahnten. Mit Blick auf die Sicherheitslage Deutschlands resümierte der Innenminister: "Rechtsextremismus ist die größte Bedrohung". Doch das Problem beschäftigt nicht nur Deutschland, auch in anderen Ländern ist es leidlich bekannt.

Rechtsextremismus durchdringt viele Gesellschaftsbereiche. Podcasts sind da keine Ausnahme. Die Amerikanerinnen Megan Squire und Hannah Gais nahmen dies zum Anlass für eine aufwendige Forschungsarbeit. Inside the Far-right Podcast Ecosystem ist das Ergebnis, das sie am Mittwoch präsentierten. In einem vierteiligem Longread, machen sie die Strukturen hinter Amerikas rechtsextremen Podcast-Netzwerken sichtbar.

Rechtes Podcast-Netzwerk wächst

Die Analystinnen fanden ihren Forschungsgegenstand als bislang "weitgehend unerforscht" vor. Ein Grund für die dünne Forschungslage ist, dass extremistische Shows teilweise vom Deplatforming betroffen sind, also von Diensten wie Apple Podcasts, Deezer oder Spotify gelöscht werden. Das ist einerseits gut, weil sie so weniger Schaden anrichten. Für die Forschung hingegen ist es auch problematisch, da so wichtige Daten verloren gehen.

Squire und Gais geben an, tausende Datenpunkte aus den letzten 15 Jahren Podcast-Geschichte ausgewertet zu haben. Aus den gewonnen Erkenntnissen erstellten sie auch eine Grafik. Sie zeigt das Wachstum des rechtsextremen Netzwerks und welche Akteure sich gegenseitig unterstützen. In den letzten fünf Jahren wuchs es besonders stark. Illustriert wurden die Wechselwirkungen zwischen 882 Personen und 18 Podcasts (es gab und gibt jedoch darüber hinaus noch zahlreiche weitere Akteure).

Übersicht über Struktur rechtsextremer Podcastnetzwerke in den USAGrafik: Inside the Far-right Podcast Ecosystem

Welche Ziele haben die rechtsextremen Podcaster?

Die Forscherinnen konnten drei Hauptziele der rechtsextremen Podcaster herausstellen: Es geht ihnen um die Rekrutierung und Radikalisierung neuer Mitglieder, die Verbreitung von Propaganda im In- und Ausland und die Generierung von finanziellen Einnahmen.

Podcasts gehören für die Rechtsextremen zu einem lukrativen finanziellen Mehrklang. Sie generieren Einnahmen durch die Spenden Gleichgesinnter. Dazu rufen sie auf YouTube, Twitch, DLive und eben auch in ihren rechtsextremen Podcasts auf.

Das Problem betrifft alle

Während YouTube immer wieder Löschungen extremistischer und desinformativer Inhalte meldet, ist Podcasting deutlich schwieriger zu regulieren. Podcasts sind dezentral organisiert. Werden sie an einer Stelle gelöscht, können sie theoretisch an anderer Stelle wieder hochgeladen und verbreitet werden. Unklar ist, gegen wen Löschungen sich richten sollten. Gegen Episoden, Podcasts, einzelne Personen, Organisationen, ganze Netzwerke?

Offen ist auch, was genau überhaupt gelöscht werden soll. Schließlich sind Podcasts ein Instrument der Meinungsäußerung, sie tragen zu Aufklärung und Demokratiebildung bei. Auch unbequeme Meinungen müssen ausgehalten werden. Extremistische Akteure missbrauchen das für ihre Zwecke, sie machen es Plattformen und Behörden nur selten so leicht, deutlich rechtswidrige und somit löschbare Inhalte zu verbreiten. Sie formulieren häufig in rechtlichen Grauzonen, ihr Hass steckt zwischen den Zeilen. So sind sie schwer zu fassen.

Ebenso wenig herrscht Einigkeit darüber, wer genau für Löschungen zuständig sein sollte - der Staat, der Podcast-Host, die Ausspielplattform? Die Fragen nach Verantwortung, Zuständigkeit und einem geeigneten Umgang mit dem Phänomen extremistischer Podcasts müssen perspektivisch beantwortet werden. Im Optimalfall geschieht das nicht nur auf Deutscher, sondern auch europäischer Ebene. In Anbetracht der Gefahr, die in Deutschland von Rechtsextremisten ausgeht, sollten auch ihre Podcasts nicht unterschätzt werden.


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