Aus dem Zusammenhang gerissen, das ist eine der häufigsten Floskeln
in hitzigen Diskussionen. Ein Satz, ein Zitat, ein Bild wird rein
isoliert betrachtet und verliert dann seine eigentliche
Bedeutung. Ähnlich geht es oft mit biblischen Texten. Nehmen
wir die Geschichte von Martha und Maria: Schnell liest man sie als
Gegenüberstellung: aktiv sein oder zuhören, helfen oder einfach da
sitzen. Und sofort scheint Maria die Bessere zu sein. Martha
bekommt nur noch eine Belehrung ab. Doch, das greift etwas
kurz. Die Erzählung gehört in einen größeren Zusammenhang. Lukas
schreibt direkt davor: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
und deinen Nächsten wie dich selbst." Zwei Geschichten folgen
darauf: der barmherzige Samariter, ein Bild für gelebte
Nächstenliebe, und Maria, die Jesus zuhört, ein Bild für gelebte
Gottesliebe. Erst im Zusammenspiel wird deutlich: Wahre Liebe
zu Gott lebt beides. Wahre Liebe zu den Menschen lebt
beides. Martha steht für uns alle, die wir engagiert,
pflichtbewusst und hilfsbereit sind, aber innerlich zerrissen,
überfordert, hin- und hergerissen von Sorgen. Ihre Liebe ist echt,
aber sie verliert das Wesentliche aus den Augen. Jesus ruft sie
nicht zur Untätigkeit auf, sondern zur Neuordnung: Sorge nicht
zuerst um das Viele, sondern nimm dir Zeit für das Eine.
Maria dagegen zeigt uns: Hören ist der Ursprung der Liebe.
Sie setzt sich zu Jesus. Damals ein Platz für männliche Schüler.
Und wählt den guten Teil nicht, weil sie besser ist, sondern weil
ihre Haltung zeigt, wo alles beginnt: in der Beziehung zu
Gott. Wer die Geschichte von Martha und Maria nur isoliert
liest, übersieht leicht ihren Sinn. Es geht nicht um ein
Gegeneinander von Maria und Martha. Es geht darum, die rechte
Ordnung zu finden. Aus der Gottesliebe erwächst die
Nächstenliebe. Aus dem Hören wächst das Handeln. Wenn wir das im
Blick behalten, dann gerät unsere Liebe nicht in Vergessenheit,
dann wird sie ganz, ganz wie das Bild, das Jesus uns vorlebt:
Gottesliebe, die uns Nächstenliebe möglich macht, und
Nächstenliebe, die uns an die Liebe zu Gott erinnert.
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