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Wunder

3 Minuten
Vor gar nicht allzu langer Zeit wurde ich im Unterricht gefragt: "Ist Ihnen schon mal ein echtes Wunder passiert?"Und ich habe erst einmal ganz trocken gesagt:"Nein."Die Schülerin, die gefragt hatte, war sichtlich irritiert. Wahrscheinlich hatte sie mit einer anderen Antwort gerechnet.Und ich machte es nicht besser, sondern sagte noch:"Also zumindest nicht so, wie ihr Wunder gerade beschrieben habt. Etwas völlig Unmögliches, Außergewöhnliches, womit niemand gerechnet hat. Wenn das ein Wunder sein soll, dann habe ich so etwas noch nie erlebt."Zu meiner großen Freude gingen sofort mehrere Finger hoch. Andere fragten direkt:"Aber ist es dann für Sie kein Wunder, wenn jemand einen schlimmen Autounfall überlebt?"Und genau da wurde das Gespräch spannend.Denn ich glaube schon an Wunder. Sehr sogar. Und ich glaube auch daran, dass Gott in unserem Leben wirkt. Aber ich glaube nicht an Wunder wie in Zaubershows. Nicht an spektakuläre Einzelmomente, die plötzlich alle Naturgesetze außer Kraft setzen.Wunder sind für mich etwas anderes.Wunder sehe ich dort, wo Menschen trotz Verzweiflung füreinander da sind.Wo jemand bleibt, obwohl Weggehen leichter wäre.Wo Menschen sich gegenseitig tragen, obwohl sie selbst kaum noch Kraft haben.Wunder geschehen dort, wo Verbundenheit stärker ist als Angst oder Einsamkeit.Und eigentlich sind die Wunder in der Bibel oft genau so erzählt. Nicht wie Zauberei. Da gibt es keine magischen Formeln und keine großen Tricks. Stattdessen passiert etwas anderes: Menschen werden angesehen. Berührt. Aufgerichtet. Ihnen wird wieder Hoffnung zugesprochen.Für mich ist genau das das eigentliche Wunder.Dass Menschen wieder in Beziehung treten können. Mit sich selbst. Mit anderen. Mit Gott.Trotz allem, was weh tut. Trotz Leid, Dunkelheit und Verzweiflung.Und vielleicht beginnt genau dort Gottes Wirken. Nicht immer laut und spektakulär. Aber tief und lebensverändernd.
4 Minuten
Manchmal frage ich mich, warum wir so viele verschiedene Schuhe besitzen.Ich habe Sneakers für den Alltag. Laufschuhe, die ich viel zu selten anziehe. Wanderschuhe. Und irgendwo hinten im Schrank stehen sogar hohe Schuhe, die ich eigentlich nur für besondere Anlässe hervorhole.Jeder Schuh passt zu einem anderen Weg.Und vielleicht ist das gar nicht nur bei Schuhen so.Jeder Tag eröffnet neue Wege. Und plötzlich fragt man sich: Wie gehe ich diesen Weg?Mit großen Schritten? Vorsichtig? Selbstbewusst? Oder am liebsten gar nicht?In der Bibel gibt es einen Satz, der mich schon lange beschäftigt. Johannes der Täufer sagt über Jesus:"Ich bin nicht einmal würdig, ihm die Schuhe aufzuschnüren." Damals war das eine Aufgabe für Diener. Wer jemandem die Schuhe auszog oder aufband, machte sich klein.Lange habe ich diesen Satz einfach so hingenommen.Heute höre ich ihn anders.Denn wenn ich auf Jesus schaue, sehe ich keinen Gott, der darauf wartet, dass Menschen sich vor ihm klein machen.Ich sehe einen Gott, der selbst klein wird.Der sich bückt.Der den Staub der Straßen kennt.Der keine Angst davor hat, sich die Hände schmutzig zu machen.Und dann entsteht in meinem Kopf ein ganz anderes Bild. Vielleicht bin nicht ich diejenige, die Jesus die Schuhe aufbindet.Vielleicht kniet er vor mir.Vielleicht bindet Gott mir die Schuhe zu.Nicht, weil ich das alleine nicht könnte. Sondern weil er möchte, dass ich losgehen kann.Dass ich den Mut finde für den ersten Schritt. Für das schwierige Gespräch. Für den neuen Anfang. Für den Weg, den ich mir selbst noch gar nicht zutraue.Ich mag dieses Bild. Bevor ich loslaufe, kniet Gott sich zu mir herunter. Nicht als mächtiger Herrscher von oben herab, sondern ganz nah. Er schaut nicht zuerst darauf, wie weit ich komme. Sondern darauf, dass ich überhaupt losgehen kann.Und vielleicht ist genau das seine Größe.Dass der Mächtigste sich nicht bedienen lässt.Sondern sich bückt, mir die Schuhe bindet und sagt: "Jetzt geh. Ich gehe mit."
4 Minuten
Ich bin mit meinem Auto bisher immer noch überall da hingekommen, wo ich hin wollte oder musste. Also bin ich auch dieser Tage mittags losgefahren zu einem Termin. Unsere kleine Straße ist eine Einbahnstraße und am Ende muss man links abbiegen. Da standen aber zwei Fahrzeuge und die Absperrung für einen Kran. Kein Durchkommen. Der Chef der Firma, die dort gerade ablädt, rät mir drehen und zurückfahren. Aber das ging nicht wegen der engen Einbahnstraße. Dann schaute er sich das Ganze an und sagte ganz locker: "Da passen Sie mit ihrem kleinen Auto durch."Ich bin nicht sehr mutig in solchen Sachen und dachte sofort: Oh ich trau mich nicht. Und, als ob er es gehört hätte ruft er: "Vertrauen Sie mir, ich winke sie durch!" Also habe ich tief Luft geholt und mich ganz auf seine winkenden Hände verlassen und bin nach seinen Anweisungen gefahren und bei gefühlt 10 Millimeter auf jeder Seite tatsächlich da durchgekommen. "Sie fahren 1 A!" hat er mir noch zugerufen und ich habe mich gefreut. Aber mir war klar, ohne sein Winken und ohne mein Vertrauen in seine Fähigkeiten hätte ich das nie geschafft.Ich bin mir sicher, dass das schon viele von Euch auch so erlebt haben: Menschen, die helfen, komplizierte Sachen zu schaffen und durch schwierige Situationen durchzukommen. Menschen, die in ihrer Zeit ihren Mitmenschen Wegweiser geworden sind, feiern wir heute auch dafür. Hedwig von Andechs, die Herzogin von Schlesien, hat zu Beginn des 13. Jahrhunderts dafür gesorgt, dass die Menschen in ihrem Land in Kriegen und Katastrophen versorgt und in Glauben und Leben unterrichtet wurden.Fast 600 Jahre vorher hat Gallus als Mönch und Einsiedler den Glauben im Frankenreich und am Bodensee verkündet und die große Abtei Sankt Gallen steht am Ort seiner Einsiedlerzelle. Und Margareta Maria Alacoque, die im 17. Jahrhundert gelebt und entdeckt hat, dass die Liebe zu Jesus Christus ihr alle Möglichkeiten des Lebens eröffnet, wenn sie wirklich an sein liebevolles Herz glaubt und ihm vertraut. Ihre Formen der Herz-Jesu-Verehrung sind uns heute eher fremd, aber viele ihrer Aussagen sind absolut normal und heutig. Sie sagt einmal: "Beunruhigen Sie sich nicht, sondern haben Sie großes Vertrauen in die barmherzige Güte Jesu!" Da ist es wieder, das Vertrauen in die, die uns helfen, die uns Wege weisen, auf deren winkende Hände wir uns voll und ganz verlassen können.
5 Minuten
Zuhause ist ein sehr dehnbarer Begriff. Wo bin ich denn zuhause? Was ist mein Zuhause? Wir haben im Konvent an der Wohnungstür ein gemaltes Schild mit einem Haus und zwei Worten "Zuhause, zuhause". Eine Mitschwester hat es gemalt und dorthin gehängt um das wirkliche Zuhause zu kennzeichnen. Also nicht mehr das Elternhaus, nicht mehr die Studentenbude aus Studienzeiten, sondern hier bei uns ist ihr wirkliches Zuhause. Und das geht Menschen nicht nur heute so.Elisabeth von Thüringen, die Landesherrin, lebte meist auf der Wartburg, wo es aber, weil es der Herren- und Regierungssitz war, viel zu laut und viel zu militärisch zuging. Ihr erstes Zuhause quasi, seit sie aus Ungarn mit vier Jahren dorthin gebracht und später verheiratet worden war. Ihre drei Kinder bekam sie auf der Creuzburg, die nur eine kurze Strecke von der Wartburg entfernt liegt. Aber ihre allerliebste Burg, also das Zuhause-Zuhause war die Neuenburg, die hoch über dem Städtchen Freyburg an der Unstrut liegt. Sie war die größte Burg der Landgrafen von Thüringen und sehr viel später eine bedeutende Station an der Straße der Romanik.Ich gebe gern zu, dass erst der etwas beleidigte Hinweis eines Freundes, dass wir immer nur zur Wartburg fahren aber die Neuenburg nicht kennen, mich voriges Jahr im Urlaub bewegt hat, dorthin zu fahren und mir nicht nur alles anzuschauen sondern auch zu staunen über den unglaublichen Wechsel der Geschichte, den man darin atmet und die Erkenntnis, dass manche Orte, die nicht so touristisch gepusht worden sind, immer mehr ihre Schönheit zeigen und Begeisterung auslösen. Heute fährt, weil ich davon so begeistert erzählt habe, ein Bus voller Frauen hier aus Olpe dorthin. Sie werden einen erstaunlichen Ort erleben, der mehr als 1000 Jahre alt ist und das Gedenken an die junge Elisabeth von Thüringen, die dort oft viele Monate mit ihren Kindern gelebt hat und den Frieden dieses Ortes sehr geschätzt hat. Diese Frau, die nur 24 Jahre alt geworden ist, hat trotzdem ein Zuhause für sich gefunden, wo sie, wenn auch oft nur für kurze Zeit, glücklich in Ruhe sein konnte.Wo ist dein eigentliches Zuhause-Zuhause? Wo fühlt es sich an, wie ruhige Geborgenheit und Wärme und nachhause kommen? Für viele ist es längst nicht mehr der Ort, wo sie geboren und aufgewachsen sind, sondern dort, wo sie mit Gegebenheiten und Menschen leben, die ihnen guttun. Für unsere Zukunft gibt es dann noch die schöne Zusage Jesu an uns, seine Jüngerinnen und Jünger: "Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen und ich gehe hin, um euch dort eine Wohnung zu bereiten"Also dann ein neues wirkliches Zuhause für die Ewigkeit.
4 Minuten
Es gibt so Dinge, da weiß man manchmal nicht so genau: Ist das jetzt geträumt oder ist das Wirklichkeit? Und bei Kindern und Jugendlichen merkt man manchmal, dass beides schonmal etwas durcheinandergerät, wenn sie zu lange in Sozialen Medien scrollen und so besetzt sind von dem, was sie da sehen und hören.In einem Musical aus den 80er Jahren ist das genau der Titel: "Traum oder Wirklichkeit" – Da ist der Franz von Assisi der Frank, der vor dem Spiegel stehend, mit seiner Egozentrik und Zukunftsplanung beschäftigt ist und plötzlich seine Saufkumpel wiedertrifft, der jetzt von Lepra völlig entstellt ist. Da ist die Freundin, die er eigentlich liebt, die aber deutlich zeigt, dass sie kein Liebchen sein will, die er stolz vorführen kann. Und dann ist die heutige junge Frau mit Kopftuch in der Bahn, die angepöbelt und bespuckt wird und wartet, dass ihr jemand beisteht. Und danach die Viktoria, die ihm, dem Frank heute, einen Brief schreibt in dem sie von ihren Träumen von der Kirche erzählt.Heute Abend wird in unserer Olper Mutterhauskirche die letzte der fünf großen Veranstaltungen zu Ehren des heiligen Franziskus stattfinden. Zusammen mit dem Orchester der St. Franziskusschule werden Oberstufenschüler Texte lesen, die sie selbst mehr ins Heute übersetzt haben, um nochmal deutlich zu machen, dass dieser Franziskus nicht nur damals unerhört Neues gelebt und verkündet hat, sondern uns auch heute deutlich den Spiegel vorhalten kann. Ich bin selbst gespannt, wie sie ihre eigenen Ideen umgesetzt bekommen.Es gibt Phasen in jedem Leben, wo jede und jeder von uns immer mal wieder ein wenig genauer in den Spiegel schauen muss. Nicht um Pickel und Unreinheiten der Haut zu sehen, sondern um sich selbst klar zu machen, wie ich heute denke, glaube, handle. Ob es eine Übereinstimmung gibt zwischen meinen schönen Träumen von Kirche, Glaube und funktionierender Gesellschaft und dem, was ich dafür tue oder erbitte.Eine Definition, die mir gelegentlich ins Gedächtnis kommt und mich herausfordert lautet: Wenn Denken, Reden und Tun übereinstimmen, dann hat der Mensch ein reines Herz.
4 Minuten
Manchmal braucht man ein Fest, ein Zusammenkommen Vieler, die auf ähnlichen Wegen unterwegs sind. Ob bei einem Festival von Musikfans, einem Derby im Stadion, einem großen besonderen Konzert in einer Musikhalle, einem runden Geburtstag, einer Hochzeit und Ähnlichem.Und auch wir Ordensleute brauchen manchmal ein Fest mit Vielen. Am letzten Samstag war so ein Fest, der Ordenstag des Erzbistums Paderborn bei uns in Olpe im Mutterhaus. Mehr als 110 Ordensleute, Brüder und Schwestern aus 22 verschiedenen Gemeinschaften haben sich getroffen, um miteinander Gottesdienst zu feiern, einen großartigen Vortrag zu hören, zusammen zu essen, zu plaudern und Erfahrungen auszutauschen. Und dann gab es neun verschiedene Angebote für den Nachmittag: einen Besuch im Kinderhospiz oder in der Erlebnisscheune des Josefshauses, Mutterhausführungen und stille Anbetungszeiten, kreative und thematische Auseinandersetzungen zum Thema: "Aufbrüche ins Leben".Es war für alle die schöne Erfahrung, dass die Mutterhauskirche mal wieder mit vielen Ordensleuten, Schwestern und Brüdern gefüllt war. Für viele war es ein Wiedersehen nach einem oder mehreren Jahren oder auch ein neu Kennenlernen der so vielfältigen Menschen in den Orden und Gemeinschaften unseres Bistums.Und ganz egal, ob die Schwestern und Brüder in Kitas und Schulen, in Krankenhäusern und Altenheimen, in Hospizen und Straßenambulanzen, in den Pfarreien oder Gefängnissen, in der Hostienbäckerei oder im Klosterladen, in der Seelsorge für Obdachlose, in der Notfallseelsorge oder im Pfortendienst, in der Telefonseelsorge oder bei den Tafeln und unendlich vielen weiteren Arbeitsbereichen tätig sind: ihr wichtigster Dienst ist immer die Anbetung und das Lob Gottes und das Fürbittgebet in den Anliegen der Menschen, der Kirche und der Welt. Immer.Und ein kleines Detail ist mir sehr ans Herz gegangen: Alle Olper Schwestern hatten ein gut sichtbares Namensschild an ihrem Habit und es gab die Ansage, dass fremde Ordensleute bei ihnen anfragen können, wenn es um Wege, Räume und Hinweise geht. Und einige dieser Schwestern sind sehr alt, manche gebrechlich, auf den Rollator angewiesen, schwerhörig und schmerzgeplagt. Aber man kann trotzdem jede von ihnen fragen, nach Wegen, Räumen und Hinweisen. Ich bin beeindruckt.
4 Minuten
Eigentlich war es nur ein sehr gut besuchter Abend zu Ehren des heiligen Franziskus zu dessen 800. Todestag. Eigentlich begann es mit sehr leiser sphärischer Musik mittels Klangschalen. Eigentlich wurde dann ein Kapuziner vorgestellt, der Theologe und an der Universität Professor ist. Und eigentlich hat er nur einen hochinteressanten Vortrag darüber gehalten, wie man das Leben des heiligen Franziskus, sein Suchen und Fragen, seine Ablösung vom Vater, seine Fragen an die Kirche, seine Probleme mit der eigenen Gemeinschaft und auch mit seinem Gott anhand wissenschaftlich psychologischer Erkenntnisse auch verstehen und analysieren kann. Eigentlich war es sehr sachlich und mit Originalzitaten und Bildern aus dem jahrhundertealten Zyklus von Giotto in Assisi gespickt. Eigentlich.Ein paar Plätze neben mir sehe ich dann eine Frau leise weinen und dabei versuchen es zu verbergen und mit dem Taschentuch Augen und Nase und den Tränenfluss in den Griff zu bekommen. Beim Imbiss nach dem Vortrag sind wir ins Gespräch gekommen und sie hat erzählt, dass es sie so gepackt hat, weil sie das Gefühl hatte, dass genau sie gemeint ist. Genau diese vielfältigen Wege des Franziskus, um zu seiner ureigenen Identität zu finden, hat sie genau so in ihrem Leben erfahren und nie vorher ist ihr so deutlich geworden, dass es Wege und Kurven und Aufs und Abs sind, die jeden Menschen betreffen, der sich ernsthaft um sein authentisches und echtes Leben und Glauben müht. Und auch, dass es nie aufhört, sondern bis ins Alter immer weitergeht mit der Suche nach der eigenen Identität im Leben und im Glauben.Mich hat das sehr berührt, weil es genau das beschreibt, was sicher viele von uns schon erlebt haben. Da höre ich vielleicht im sonst etwas langweiligen Sonntagsgottesdienst eine Stelle aus dem Evangelium, von der ich das Gefühl habe, sie noch nie vorher gehört zu haben. Mein ganzer Mensch, nicht nur mein Verstand, sondern mein Herz und meine Seele spüren plötzlich etwas, was mich betrifft und manchmal mit solcher Wucht, dass mir die Tränen kommen. Manchmal ist es eine Liedzeile in einem Song aus meiner üblichen Playlist, eine Notiz in der täglichen Nachrichtenflut, die Frage eines Menschen, der mit mir im Supermarkt etwas sucht. Und genau dann, wenn wir berührt werden, wenn wir spüren, dass es nicht nur eine belanglose Alltäglichkeit ist, dann genau berührt uns Gott zutiefst.
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In der vergangenen Woche durfte ich feiern – eine Goldene Hochzeit. Nicht meine eigene, sondern mit einem befreundeten Ehepaar. Sie haben 50 Jahre Ehejubiläum gefeiert und Goldene Hochzeit nennen wir das. Gold ist dabei mehr als Schmuck, denn Gold steht in unserem Denken für Beständigkeit. Beständigkeit ist dabei heute kein Wert, an den man zuerst denkt. Zu vieles ist im Wandel: Gesellschaft, Arbeit, Lebensentwürfe.Umbrüche gehören zu unserem Alltag. Wie alle Menschen aller Zeiten leben wir in einer Zeit, in der wir die Zukunft nicht kennen. Das macht manche leider mutlos, hoffnungslos, manchmal sogar – und das ist besonders traurig – lebensmüde. Gerade deshalb braucht es auch Beständigkeit.Das war vor 50 Jahren nicht anders. Auch damals gab es Umbrüche, politische Krisen, wirtschaftliche Unsicherheit und zugleich Aufbrüche, neue Chancen und neue Wege. Und mitten in diese Ungewissheit damals – und zum Glück tun es auch heute noch junge Menschen – haben zwei Menschen gesagt: Wir trauen uns, wir bleiben, wir sind beständig füreinander da.Ein Eheversprechen ist ein Zeichen gegen die Angst. Ich will dich lieben, achten und ehren alle Tage meines Lebens. Großer, fast romantischer Enthusiasmus spricht aus diesen Worten. Und ja, ein gemeinsamer Weg braucht diesen Enthusiasmus, aber er braucht vor allem die Beständigkeit, die aus dem Enthusiasmus erwächst. Liebe verändert sich. Liebe verändert dich. Aber sie bringt eben die Veränderung hervor, die wir brauchen. In 50 Jahren wird aus dem Anfang ein Fundament. Aus der Nähe wird Heimat. Aus zwei Leben vielleicht ein gemeinsames Haus mit Enkeln, Kindern, Erinnerungen, Reisen, Arbeit, Sorgen und vor allem und hoffentlich vielen Glücksmomenten. Einen Menschen zu finden, der einen liebt, ist ein Geschenk. Aus dieser Liebe ein Leben zu bauen, das ist Arbeit, gute, schwere, aber auch lohnende Arbeit. Wie beim Gold. Es entsteht nicht nebenbei. Es braucht Geduld, Ausdauer und Vertrauen, Gold zu schürfen, zu veredeln und zu gestalten.Heute stehen Menschen nach 50 Jahren Ehen da und sagen Danke. Danke für die gemeinsamen Wege. Danke für überstandene Belastungen. Danke für Neuanfänge. Und vor allem auch eins: Danke für Gottes Segen. Dankbarkeit hält Gottes Liebe lebendig. Sie nährt sie.Und so liegen diese alten Worte noch einmal heute auf der Goldwaage: Ich will dich lieben, achten und ehren alle Tage meines Lebens. Diese Worte sind mehr wert als jeder Ring, weil sie gehalten wurden und weil sie beständig geblieben sind, genauso wie das Gold, aus dem sie geschmiedet sind.Und so danken wir mit den Menschen, die beständig beieinanderbleiben können, weil sie versuchen, Gottes Segen für ihr Leben zu übersetzen und in die Beständigkeit zu führen. Und wir bitten um all den Segen, den die Menschen brauchen, die nicht gerade unter diesem Segen stehen.
5 Minuten
Gedanken schweifen lassen, aber sie auch sortieren. So ging es mir vor ein paar Jahren, als ich das berühmte Bild "Der Mönch am Meer" von Caspar David Friedrich das erste Mal nicht in einem Buch, sondern im Original erblicken durfte.Das Bild zeigt eine kleine, verlorene Figur am Ufer eines dunklen Meeres. Die Weite des Himmels, das scheinbar unendliche Licht, lassen den Mönch klein und einsam erscheinen. Ein Bild von Einsamkeit und irgendwie auch von einer tiefen spirituellen Suche.Einsamkeit ist eine Erfahrung, die Menschen heute wie damals bewegt. Einsamkeit kann krank machen. Heute ist der Welttag der psychischen Gesundheit und Einsamkeit ist tatsächlich eines der großen Probleme, das viele Menschen in andere Probleme, in Krankheiten hineinführt.Einsamkeit ist eine Erfahrung, die wir Menschen haben. Alleinsein, alleinbleiben, das gehört zu den Urerfahrungen unseres Menschseins. Ob Klimaangst, die Macht der Künstlichen Intelligenz, Krieg, Krankheit, gesellschaftliche Veränderungen, die Welt kann uns auch einsam machen.Allein in Deutschland geben rund 14 Millionen Menschen an, sich einsam zu fühlen. Es gibt Experten, die sprechen schon von einer Epidemie der Einsamkeit. Aber noch einmal ein Blick auf Caspar David Friedrich und seinen Mönch am Meer.Das Bild kann auch Hoffnung schenken. Die Einsamkeit ist nicht nur Leere. Sie kann ein Raum sein, in dem wir uns selbst und Gott begegnen.Wie ein Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, ist das Leben nur dann lebendig, wenn wir es teilen und hergeben. Wer an seinem Leben hängt, verliert es, so sagt das Evangelium. Wirkliches Leben lässt sich nur erfahren, wenn wir es nicht festhalten, sondern wenn wir es verschenken, anderen dienen, lieben und verbinden.Einsamkeit wird weniger zur Last, wenn wir mutig werden, von uns selbst herzugeben. Freundschaft, Nähe und Anteilnahme, all das entspringt dem Mut zu teilen. Jesus selbst zeigt uns diesen Weg.Er teilt das Leben mit Gott, verbindet sich und wir dürfen daran teilhaben. Kommunikation mit Gott macht auch uns fähig, mit anderen, sogar mit uns selbst in Beziehung zu treten. In der Einsamkeit begegnen wir uns selbst und gerade darin kann der Weg zu Gott beginnen, in der Reflexion, im Alleinsein, im Nachdenken über das Leben und seine Geheimnisse.Dort können wir Orientierung, Halt und vielleicht auch eine tiefere Gemeinschaft finden. Selbst die Einsamkeit des Todes birgt die vollkommene Gemeinschaft mit Gott. Der Mensch am Meer erinnert uns daran.Alleinsein kann schmerzhaft sein, aber es öffnet auch Räume für das Leben, für Begegnung und für Gottes Nähe. Im Alleinsein, in der Einsamkeit können wir das Leben entdecken. Und das Leben, das bleibt, ist das Leben, das wir teilen.
4 Minuten
Für heute früh habe ich für unsere Gebetszeit einen Text ausgewählt, der mir so gut gefällt, dass ich ihn auch für Dich hier im Morgengebet nehmen möchte. Er ist von Marianne Williamson aus ihrem Buch "A return to love" Darin heißt es:"Unsere tiefgreifendste Angst ist nicht, dass wir ungenügend sind.Unsere tiefgreifendste Angst ist, über das Messbare hinaus kraftvoll zu sein.Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, die uns Angst macht.Wir fragen uns: Wer bin ich, mich brillant, großartig, talentiert, phantastisch zu nennen?Aber wer bist Du, Dich nicht so zu nennen?Du bist ein Kind Gottes.Sich selbst klein zu halten, dient nicht der Welt.Es ist nichts erleuchtetes daran, sich so klein zu machen, dass andere um dich herum sich nicht unsicher fühlen.Wir sind alle dazu bestimmt, zu leuchten, wie es Kinder tun.Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, zu manifestieren.ER ist nicht nur in einigen von uns, ER ist in jedem Einzelnen.Und wenn wir unser eigenes Licht erscheinen lassen,geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.Wenn wir von unserer Angst befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere."Soweit Marianne Williamson – Wow, was für eine Ermutigung: Wir sind als Kinder Gottes geboren worden, damit wir sein Licht in die Welt bringen. Wir brauchen uns für unsere Talente und Fähigkeiten nicht zu entschuldigen, wir haben sie ja von Gott. Unsere Aufgabe ist es sie einzusetzen für die Menschen in allem, was wir heute zu tun und zu tragen und zu lassen haben."Wir sind alle dazu bestimmt, zu leuchten, wie es Kinder tun.Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, zu manifestieren."
4 Minuten
Kinder und junge Jugendliche haben ja oft die geniale Fähigkeit Fragen zu stellen oder Bemerkungen zu machen, die vielleicht zum Lachen reizen oder sich so in den Gedanken festsetzen, dass man es so schnell nicht vergisst. So ist es mir passiert bei den Klostertagen der sechsten Klassen unserer St. Franziskusschule im Januar. Nach meinen Erzählungen aus dem Leben des heiligen Franziskus hat mich dann unterwegs im Mutterhaus ein pfiffiger Schüler angesprochen und gefragt: Wieso hast Du den Franziskus eigentlich immer noch so gern? Der ist doch schon solange tot?Erst habe ich geschmunzelt und dann habe ich ihm erzählt, dass mich viele Legenden und Geschichten aus seinem Leben immer wieder sehr ansprechen und immer neu begeistern und dass solche Sachen einfach nicht alt werden, auch wenn dieser Mensch schon so lange tot ist. Und wir kamen auf das Vaterunser und dass das Gebet von Jesus ist, der uns auch heute immer noch so im Gedächtnis ist, obwohl das noch viel älter ist. Weil das Evangelium nicht altert. Und weil wir auch heute immer neu schauen, was es für uns bedeutet und wie wir heute diese Botschaften von Jesus lesen, verstehen und in Worte und Taten übersetzen können.Im heutigen Abschnitt aus dem Lukasevangelium erzählt Jesus, dass doch jeder vernünftige Mensch seinem Freund aus der Patsche hilft, wenn er darum gebeten wird. Und er geht sogar soweit, dass er sagt: Sogar ihr, die ihr oft böse seid, gebt euren Kindern nur Gutes. Also wird euer himmlischer Vater, der alle seine Kinder liebt, euch Gutes geben, wenn ihr darum bittet. Wenn wir denken würden, dass diese Geschichte doch schon 2.000 Jahre alt ist und nur damals gegolten hat, würden wir heute nicht mehr an Gott glauben und ihn um Hilfe bitten, in vielen Dingen, die uns beschäftigen und Sorgen machen. Weil das Evangelium nicht altert.Vielleicht finde ich dieses Wort deshalb so spannend, weil es über unserem heutigen dritten Abend zu Ehren des heiligen Franziskus im Mutterhaus steht. Der Kapuziner Professor Dr. Bruder Stefan Walser von der Universität Bonn wird alte und neue Erkenntnisse aus der Franziskusforschung mit dem eigentlichen Ideal des heiligen Franziskus verbinden, nämlich das Evangelium zu verkünden mit Worten und noch mehr mit dem alltäglichen Tun und Leben. Umrahmt wird der Abend mit außergewöhnlichen Klängen mit Klangschalen von Frau Bonzel-Friedrich, einem Imbiss und Austausch zu den Themen des Vortrags. Ich bin gespannt und wer von Euch Zeit und Lust hat, ist herzlich eingeladen.
4 Minuten
Heute feiern wir mit der Kirche das Rosenkranzfest. Es ist ein sogenanntes Ideenfest und wurde von Papst Pius V. zum Ende des 16. Jahrhunderts gestiftet, der damit seinen Dank für den Sieg der christlichen Flotte in der Seeschlacht von Lepanto 1571 ausdrücken wollte. Ein Fest zum Dank für einen Sieg klingt in unseren Ohren heute komisch, war aber früher nicht so unüblich. Als Kind habe ich immer mit meiner Tante den Rosenkranz gebetet und es war eine wunderbare Einschlafhilfe am Abend.Vor einigen Jahren haben wir mal bei einem Wochenende für junge Mädchen einen sehr kreativen Rosenkranz gebetet, der ein richtiger Muntermacher war. Wir hatten im großen Saal mit 55 Lichterbechern einen leuchtenden Rosenkranz ausgelegt und haben dann die einzelnen Gesetze mit Körperübungen verbunden, die aus dem Sport als Zirkeltraining bekannt sind. Die Idee dahinter fanden die Mädels sehr einleuchtend: Glaube und Körper gehören zusammen. Ich kann nicht ohne meinen Körper glauben und gerade durch ihn bekommt mein Glaube Fleisch und Blut, Hand und Fuß.Der Rosenkranz ist eigentlich eine sehr meditative Gebetsform, bei dem ich mich nicht unbedingt großartig bewegen muss. Aber beim Zirkeltraining werden die verschiedenen Muskelgruppen trainiert, damit man fitter und munterer wird.Hier ist nun beides miteinander verbunden: Die innere Einkehr und Elemente des Rosenkranzes sowie körperbetonte Elemente aus dem Training. Beides zusammen kann unseren Körper mit unserem Glauben verbinden.Ich selber bete den Rosenkranz am liebsten beim Spazierengehen. Beim Gehen verbinden sich die Gedanken und Gebete mit dem Rhythmus des Gehens und es entsteht ein Gespür vom Unterwegssein mit Gott. An der Hand Mariens das Leben Jesu betrachten ist eine sehr schöne Idee dieser Art von Gebet. Und manchmal, wenn ich betend hier um den Obersee laufe, sehr ich ältere muslimische Herren, die ihre Gebetsschnüre in den Händen haben und die 99 Namen Gottes beten und wir fühlen uns verbunden.

Mein Dankpsalm

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Am vergangenen Wochenende gab es unendlich viele Feste und Feiern in vielerlei Zusammenhängen. Da gab es Erntedankfeste, Feste zum Tag der Deutschen Einheit, das Kaiser-Otto-Fest in Magdeburg, die Transitusfeiern zum 800. Jahrestag des Todes des heiligen Franziskus, der neue Feiertag des heiligen Franziskus für ganz Italien und noch sehr viel mehr. Über die meisten Feste und Feiern kann man eine einzige Überschrift setzen: Dankbarkeit. Dankbarkeit für eine gute Ernte trotz aller größer werdenden Probleme mit dem Klimawandel, Dankbarkeit für das vereinte Deutschland trotz aller inneren und äußeren Schwierigkeiten, Dankbarkeit für das kulturelle und künstlerische Erbe einer viele jahrhundertealten Stadt, Dankbarkeit für einen Heiligen, der vor 800 Jahren gestorben ist und heute immer noch und immer neu verehrt und als Vorbild genommen wird für den Schutz und die Erhaltung der Schöpfung und das ungebrochene Lob an den Schöpfer trotz aller Schwierigkeiten mit der Verkündigung dieser Botschaft. Und da es eine allgemeine von und für alle geltende Dankbarkeit eigentlich nicht gibt, auch wenn man sie in Reden, Ansprachen und Predigten betont, kommt automatisch die Frage auf, wofür jede und jeder Einzelne eigentlich dankbar ist.Der Psalm 100 aus dem Alten Testament, der vor weit mehr als 2.000 Jahren entstanden ist, ist ein sehr kurzer und sehr schöner Dankpsalm, den jeder Einzelne, aber auch eine große Gemeinde beten kann und lautet: "Jauchzt dem HERRN, alle Welt! Dient dem HERRN mit Freude; kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken! Erkennt, dass der HERR Gott ist! Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide. Geht zu seinen Toren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben; dankt ihm, lobt seinen Namen! Denn der HERR ist freundlich, und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für."Hier mündet der Dank jedes Einzelnen in das Lob Gottes Aller, die an Gott glauben und darauf vertrauen, dass seine Güte und seine Gaben für alle in allen Zeiten gültig sind. Und es bleibt die Frage an Dich: Wofür bist Du im Moment besonders dankbar? Mir hilft es, mal aufzuschreiben, wofür ich konkret dankbar bin und dann zu spüren, wie viel das ist und wie daraus ein eigenen Dankpsalm werden kann mit dem Titel: Mein Dankpsalm Oktober 2026
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Hast Du schon jemals von der Prophetin Hulda gehört? Ich kannte den Namen, aber nicht den Hintergrund. Letzte Woche habe ich einen sehr inspirierenden Mutmacher-Gottesdienst mitgefeiert, in dessen Mittelpunkt diese Frau stand. Hulda ist eine Prophetin, die zur Zeit des judäischen Königs Josia in Jerusalem lebt. Ihre geistliche Autorität scheint allgemein anerkannt zu sein.Bei Renovierungsarbeiten am Tempel wird eine alte Schriftrolle mit dem Gesetz Gottes gefunden. Als König Josia ihren Inhalt hört, schickt er eine Gruppe hochrangiger Männer zu Hulda, damit sie Gott für ihn befragt. Hulda richtet den Gesandten eine klare und unbequeme Botschaft aus. Gleichzeitig spricht sie König Josia zu, dass Gott seine aufrichtige Reue gesehen hat. Die hochrangigen Männer werden nicht zu den etablierten Propheten jener Zeit geschickt, sondern zu ihr. Erstaunlich. In diesem Gottesdienst haben wir alle zusammen ein Gebet gesprochen, dass ich heute gern mit Dir beten möchte. „Wir glauben an Gott, der Menschen anspricht und ihnen zutraut zu antworten.Wir glauben an Jesus Christus, der Frauen und Männer gerufen hat, ihm zu folgen und seine Botschaft weiterzutragen.Wir glauben an den Auferstandenen, der Maria von Magdala gesandt hat, die Botschaft vom Leben zu verkünden.Wir glauben an Gottes Geistkraft, die ausgegossen ist über Töchter und Söhne, über Junge und Alte, und die in jedem Menschen wirken kann.Wir glauben an eine Kirche, die zuhört und Menschen zu Wort kommen lässt.An eine Kirche, in der unterschiedliche Charismen entdeckt werden und wachsen können.An eine Kirche, die Menschen ermutigt, ihrer Berufung zu vertrauen.An eine Kirche, in der wir einander erzählen, was wir von Gott erhoffen und erfahren, was uns trägt und was uns zweifeln lässt, wonach wir fragen und suchen und woran wir glauben.Wir glauben, dass Gottes Wort lebendig ist – heute und morgen.Dass es Menschen berührt, ermutigt und trägt.Und wir glauben, dass wir auch etwas davon zu erzählen haben.Darum wollen wir nicht schweigen, sondern füreinander und miteinander von unserem Glauben, unserer Hoffnung und unserer Suche sprechen. Amen“
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Es ist so einfach, Menschen zu verurteilen. Ein abwertender Blick. Reicht schon. Ein böser Kommentar. Sitzt schon. Ein scheinbares Kompliment: „Du hast es ja versucht.“ – „Das ist aber originell.“ – „Das passt eben zu dir.“ Verletzt trotzdem. Es ist so einfach, Menschen auf Äußerlichkeiten zu reduzieren. Und wir tun das ja ständig. Vielleicht müssen wir das sogar ein Stück weit. Menschen einzuordnen, gibt uns Orientierung. Es hilft uns, Situationen einzuschätzen und zu handeln. Und klar mache ich das auch. Ich sondiere die Lage. Ich sortiere die Menschen um mich herum. Und meistens tue ich das erst einmal nach dem, was ich sehe und erlebe. Nach Äußerlichkeiten eben. Denn das Innere der allermeisten Menschen werde ich niemals wirklich kennenlernen. Aber ich versuche manchmal, umzusortieren. Nachzujustieren. Und dabei gibt es eine Kategorie, die mir hilft: Abbildsein. Jeder Mensch – ja, wirklich jeder – ist Abbild Gottes. Kein Mensch ist Gott selbst. Egal, wie großartig er sich gibt, was er sagt oder wie überzeugend er vielleicht auftritt. Aber jeder Mensch ist Geschöpf Gottes. Und jeder Mensch trägt etwas in sich, das von Gott erzählt. Etwas, das Gottes Wesen spiegeln kann. Und ja, ein Spiegel zeigt nur ein spiegelverkehrtes Bild. Vielleicht manchmal verzerrt, vielleicht sehe ich auch nur einen winzigen Ausschnitt. Aber genau deshalb hilft mir dieses Bild. Wenn ich einen Menschen längst einsortiert habe. Wenn mein Urteil eigentlich schon feststeht. Wenn ich glaube zu wissen: So ist der eben. Dann kann ich noch einmal nachjustieren: Abbild Gottes. Das macht nicht plötzlich alles gut, was ein Mensch tut. Es bedeutet auch nicht, dass ich jeden mögen muss. Aber es rückt mein Urteil ein kleines Stück zurecht. Denn am Ende bleibt mein Blick auf einen Menschen immer ziemlich sträflich an dem hängen, was ich von außen sehen kann. Das ganze Innere aber, das wirkliche Innere eines Menschen – vielleicht gerade das, was besonders Abbild Gottes ist – kenne ich nicht. Das kennt nur Gott in Gänze.
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