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  4. Wie man ein AfD-Interview gewinnt
Am Sonntagabend liefen im deutschen Fernsehen zwei Interviews,
erst Tino Chrupalla in der ARD, dann Alice Weidel im ZDF. Am
Montagmorgen erklärten alle die Sender zum Verlierer, nur aus
entgegengesetzten Gründen: Die seriöse Medienkritik bemängelte,
der Gast habe ausweichen können, man habe aneinander
vorbeigeredet. Das rechte Medien-Ökosystem schrieb zeitgleich,
der Moderator sei permanent ins Wort gefallen, oberlehrerhaft.
Dasselbe Interview, zu weich und zu hart zugleich. Wenn das
möglich ist, liegt das Problem nicht bei den Moderatoren, sondern
im Format. Dabei führten die beiden Vorsitzenden zwei
verschiedene Strategien vor: Weidel die Eskalation, von
„Flachzangen" bis zum Themenwechsel, sobald eine Sachfrage
konkret wurde. Chrupalla die Normalisierung, ruhiger Ton,
ausgestreckte Hand, und darin beiläufig verpackt: Der heiße
Sommer sei „ganz normal", die Briefwahl gehöre abgeschafft.

Beide Strategien funktionieren, weil das klassische Interview auf
einer Annahme beruht, die hier falsch ist: dass der Gast
überzeugen und Widersprüche vermeiden will. Das eigentliche Ziel
ist Material, das Interview ist Rohstoff für Clips, und der
Moderator kann nur zwischen zwei Niederlagen wählen:
Zurückhaltung produziert den Normalisierungs-Clip, Eingreifen den
Opfer-Clip. Dass es anders geht, beweist ausgerechnet das
freundlichste Interview, das Weidel je hatte: Im Talk mit Elon
Musk, ohne Gegner und ohne Widerstand, fand sie nach dem Urteil
des Politikwissenschaftlers Thomas Jäger keinen roten Faden. Die
Konfrontationsstrategie braucht den empörten Gegenüber wie ein
Verstärker das Eingangssignal.

Daraus folgt ein Playbook, und keines seiner Werkzeuge ist neu:
die Technik-Widerlegung, die den rhetorischen Spielzug ruhig
protokolliert, statt ihn moralisch zu markieren, experimentell
belegt von Schmid und Betsch in Nature Human Behaviour. Die
britische Interviewschule von Andrew Neil und Emily Maitlis, ein
Thema statt zwölf, Schweigen statt Unterbrechen, Konkretion bis
auf den Grund. Die Konfrontation der beiden Vorsitzenden mit den
dokumentierten Widersprüchen des jeweils anderen. Und
Format-Reformen von der Aufzeichnung mit eingeblendeten
Faktenchecks bis zum Prebunking. Die Moderatoren sind nicht das
Problem, sie fahren ein Formel-1-Rennen in einem Auto von 1988.
Die Demokratie verliert diese Gespräche nicht an ihre Gegner. Sie
verliert sie an ein Format von gestern, und Formate kann man
ändern.

Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:

https://48forward.com

Moderation: Daniel Fürg

Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)

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