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Daniel's Daily
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Beschreibung
vor 6 Tagen
Abends steht man auf der Promenade von Narva und hört den Anglern
am anderen Ufer zu. Sie sprechen Russisch, was zunächst nichts
bedeutet, denn auf dieser Seite des Flusses sprechen es auch fast
alle. Der Unterschied ist juristischer Natur: Das andere Ufer ist
Russland. Ein paar hundert Meter trennen die EU von der
Russischen Föderation, dazwischen der Fluss und zwei Festungen,
die sich seit Jahrhunderten anstarren. Narva, drittgrößte Stadt
Estlands, ist dabei selbst das Rätsel: Rund 96 Prozent sprechen
Russisch als Muttersprache, denn die im Krieg zerstörte, einst
halb estnische Stadt wurde von der Sowjetunion mit angesiedelten
Arbeitern neu bevölkert, während die evakuierten Esten nicht
zurückkehren durften. Narva wurde nicht russisch, weil Menschen
dorthin zogen. Es wurde russisch gemacht.
Die Hinterlassenschaft trägt einen unscheinbaren Namen: der graue
Pass. Nach der Unabhängigkeit 1991 erhielt die estnische
Staatsbürgerschaft nur, wer sie vor der sowjetischen Besetzung
besaß oder von solchen Bürgern abstammt; alle anderen mussten
sich einbürgern lassen, samt Sprachtest, an dem viele bis heute
scheitern. So besitzt in Narva nur etwa die Hälfte der Einwohner
den estnischen Pass, rund ein Drittel den russischen, Tausende
sind staatenlos, Bürger von nirgendwo. Junge Leute erzählen, dass
sie Estnisch in der Schule lernen wie eine Fremdsprache und
danach niemanden haben, mit dem sie es sprechen könnten.
Europäisch wollen sie trotzdem sein, ohne ihre russischen Wurzeln
abzugeben. Als nach der Krim-Annexion die Frage „Is Narva next?"
die Runde machte, antwortete die Stadt mit einer
Kulturhauptstadt-Bewerbung, Slogan: „Narva is next".
Während die NATO an der Ostflanke ein digitales Schild aus
Sensoren und KI-Drohnen plant, kursiert in sozialen Netzwerken
eine Kampagne, die eine „Volksrepublik Narwa" inszeniert, dem
Donbas-Drehbuch von 2014 zum Verwechseln ähnlich. Der Wall
schützt vor dem, was über die Grenze fliegt, nicht vor dem, was
in den Köpfen einer Stadt geschieht. Abschreckung, wusste Thomas
Schelling, findet im Kopf des Gegners statt; die bewusst kleinen
NATO-Verbände im Baltikum sind Stolperdraht, der garantiert, dass
ein Angriff vom ersten Tag an alle trifft. Ob das reicht, hängt
an der Frage, deren historischer Zwilling „Mourir pour Dantzig?"
hieß. Die erste Verteidigungslinie von Narva aber verläuft nicht
am Fluss, sondern durch die Frage, ob sich die Menschen dort als
Europäer fühlen dürfen, ohne aufzuhören, Russen zu sein. Solange
abends nur die Angler zu hören sind, funktioniert die
Abschreckung.
Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter:
https://48forward.com
Moderation: Daniel Fürg
Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
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