Der ausgeladene Kanzler

Der ausgeladene Kanzler

vor 3 Tagen
Wie Autorität stirbt
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Beschreibung

vor 3 Tagen

Am 1. September, fünf Tage vor der Landtagswahl in
Sachsen-Anhalt, bestreitet die CDU ihren wichtigsten
Wahlkampfauftritt, und auf der Bühne steht Hendrik Wüst, der
Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Der Bundeskanzler
kommt nicht, und zwar nicht aus Termingründen: Ministerpräsident
Sven Schulze hat Friedrich Merz erst gar nicht eingeladen, sein
Stellvertreter bekundet, er habe „kein großes Bedürfnis" an einem
Kanzler-Auftritt. Dabei wäre der Anlass historisch: Die AfD,
deren Landesverband der Verfassungsschutz seit 2023 als gesichert
rechtsextremistisch einstuft, während die Klage dagegen ruht,
steht bei 43 Prozent und könnte erstmals ein Bundesland
übernehmen. Merz ist nicht abgetaucht. Er wird versteckt, von den
eigenen Leuten.


Die Zahlen dahinter brauchen keine Dramatisierung. Im
ARD-Deutschlandtrend hatte in fast dreißig Jahren kein
amtierender Kanzler einen schwächeren Wert, eine Mehrheit der
Unionsanhänger bewertet seine Arbeit negativ, und 80 Prozent
glauben, dass die CDU nicht hinter ihrem Vorsitzenden steht. Ein
Teil davon ist Lage: schwerste Erblast seit Jahrzehnten, dazu der
Befund der Wahlforschung, dass Landtagswahlen als „Nebenwahlen"
fast immer zu Denkzetteln gegen Regierende geraten. Daneben aber
steht eine Sammlung von unforced errors: ein selbst verursachtes
Personalchaos mitten im Wahlkampf, selbst ausgelöste Debatten,
Platz 16 von 18 im Zufriedenheits-Ranking des eigenen Kabinetts.
Und darüber die Messlatte, die Merz sich selbst gelegt hat, von
der Ansage, die AfD zu halbieren, bis zum Gelöbnis, bei allen
fünf Landtagswahlen stärkste Kraft zu werden.


Dahinter wird ein Mechanismus sichtbar, der größer ist als eine
Personalie: Autorität funktioniert wie Abschreckung, sie
existiert in den Erwartungen der anderen, und sie kippt, sobald
niemand mehr Rücksicht auf jemanden nimmt, auf den die anderen
auch keine mehr nehmen. Deshalb sind die 80 Prozent gefährlicher
als jeder Zufriedenheitswert: Unzufriedenheit kann sich drehen,
der erloschene Glaube an Autorität fast nie. Eine Partei, die
ihren Kanzler vor den Wählern versteckt, mag wahlkampftaktisch
rational handeln. Sie bestätigt damit öffentlich das Urteil, das
sie zu verbergen versucht, und schenkt dem erklärten Hauptgegner
das beste Argument des Wahlkampfs frei Haus.


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https://48forward.com


Moderation: Daniel Fürg


Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)
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