Erinnerst du dich noch an den Struwwelpeter? Aus dem Haus der
Großeltern ist er vielen von uns in lebendiger Erinnerung
geblieben. Er ist keine moderne Erziehungsliteratur, aber voller
Geschichten, die irgendwie nachwirken. Eine hat mich besonders
geprägt: die Geschichte vom Hanns Guck-in-die-Luft. Hanns läuft
durch die Welt und starrt oberflächlich in den Himmel. Er ist
verträumt, fasziniert von den Wolken, völlig abwesend. Wir bewerten
das heute schnell als Unaufmerksamkeit. Doch eigentlich zeigt Hanns
eine zutiefst menschliche und schöne Haltung: das Aufschauen, das
sich Öffnen für das Größere das Höhere, das über unseren oft grauen
Alltag hinausweist. Aber wir wissen, wie es ausgeht. Weil Hanns den
Blick nicht senkt, übersieht er die Realität, stolpert und fällt
ins Wasser. Er vergisst die Erde. Dabei gehören Himmel und Erde
doch zusammen.Das zeigt uns das heutige Fest, dass wir in der
Kirche feiern: die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel. Maria
wird ganz mit Leib und Seele in die göttliche Herrlichkeit
aufgenommen. Ihre Seele schaut auf das Ewige, den Himmel, aber ihr
Leib steht zutiefst für das geerdete Leben. Maria war kein
weltfremder Hanns Guck-in-die-Luft. Ihr Alltag war fest verwurzelt
in der harten Realität ihrer Zeit als Tochter, als Mutter, als Frau
in einer einfachen Gemeinschaft. Sie erlebte tiefe Freude, aber
auch bitteres Leid.Wenn sie in ihrem berühmten Lobgesang, dem
Magnificat, Gott preist, dann dankt sie ihm nicht nur für eine
Flucht aus der Welt, sondern für seine Gerechtigkeit hier auf der
Erde. Glauben und Hoffnung bleiben genau dann lebendig, wenn wir
beides zusammenhalten, den Blick nach oben und den Blick für die
Menschen hier unten. Darin ist uns Maria eine wunderbare
Begleiterin. Sie lädt dich ein, den Blick vertrauensvoll nach oben
zu richten, Kraft im Glauben zu suchen und genau daraus die Stärke
zu schöpfen und mit offenen Augen, helfenden Händen und mit einem
klaren Herzen mitten in der Welt zu leben.
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