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Über die seelischen Grundlagen der Gesellschaft

 

Bücher wie „Die Kunst des Liebens“ fanden in den 1970er Jahren
zahlreiche Leser. Heute ist die mediale Präsenz des
Sozialpsychologen Erich Fromm nicht mehr groß. Dabei sind einige
seiner Erkenntnisse überraschend aktuell. 

 

Ein einzelner Mensch, der psychisch krank ist, kann
psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe finden. Aber wenn
eine ganze Gesellschaft psychisch krank ist? Diese Frage hat
Erich Fromm sein Leben lang interessiert. Die kapitalistische
Gesellschaft bringt einen sich selbst entfremdeten Menschen
hervor – hier folgt Fromm Karl Marx, und er beschreibt die Folgen
dieser Entfremdung anschaulich: Der Mensch, „Teil eines Heeres
von Arbeitern oder der bürokratischen Armee der Angestellten und
Manager“, sei nur noch eine Nummer, die keine Eigeninitiative
mehr entwickeln muss und in Arbeit und Freizeit „schablonisiert“
lebt. So vergisst er, dass er ein Individuum mit Hoffnungen und
Enttäuschungen ist, mit der Sehnsucht nach Liebe, kurz: ein
Mensch. In seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ (1956) entwirft er
eine Art Gegenmodell und betont zugleich, dass nur erste Schritte
dafür diskutiert werden könnten, denn: „Die Liebe ist ein
persönliches Erlebnis, das jeder nur durch und für sich selbst
haben kann.“ Voraussetzungen sind: Disziplin, Konzentration,
Geduld und das unbedingte Interesse am Erlernen der Kunst des
Liebens.

 

Der sozialpsychologische Ansatz von Erich Fromm kann erklären,
„wie Erfordernisse des gesellschaftlichen Zusammenlebens sich in
psychischen Strebungen vieler Menschen wiederfinden“, sagt der
Psychoanalytiker Rainer Funk, der das Erich-Fromm-Institut in
Tübingen leitet und Fromms Nachlass und Rechte verwaltet. Wie
„Menschen unter autoritären sozio-ökonomischen Verhältnissen dazu
kommen, diese in der Regel irrationalen, also nicht durch
Kompetenzen ausgewiesenen Autoritäten zu idealisieren und sich
ihrem Willen bedingungslos zu unterwerfen“ – das könne das von
Fromm entwickelte Konzept des autoritären Sozialcharakters
erklären.

 

Wer die aktuelle Situation in den USA betrachtet, wo sich viele
Menschen mit der angeblichen Großartigkeit eines Präsidenten und
seiner Idee eines großartigen Amerika identifizieren, sieht sich
mit einem anderen Typus konfrontiert, den Fromm in den 1960er
Jahren beschrieben hat: dem narzisstischen Sozialcharakter, der
das Eigene idealisiert und alles Fremde und Andere stigmatisiert.
Rainer Funk weist darauf hin, dass sich mit Fromms
sozialpsychologischem Ansatz auch noch andere gegenwärtige
Entwicklungen erklären ließen, „etwa wo ein entfesselter
Kapitalismus nur noch in Kategorien von Siegen und Gewinnen denkt
und alles andere aus dem Blickfeld gerät“. Was Erich Fromm noch
nicht ahnen konnte: Heute hat der entfesselte Kapitalismus in
Gestalt des reichsten Mannes der Welt, Elon Musk, sogar Besitz
nicht nur vom ökonomischen, sondern auch vom politischen System
der Vereinigten Staaten ergriffen, ohne dafür legitimiert zu
sein.

 

Erich Pinchas Fromm wurde am 23. März 1900 in Frankfurt am Main
in eine orthodoxe jüdische Familie hineingeboren. Vorbilder des
Heranwachsenden waren namhafte Talmud-Lehrer in der Familie. In
Heidelberg promovierte er 1922 bei dem berühmten Soziologen Max
Weber über die Frage, was die zerstreut lebenden Juden in aller
Welt ohne staatlichen Schutz und ohne bürgerliche Rechte „dennoch
innerlich dazu bringt, ähnlich zu denken, zu fühlen und zu
handeln“ (Rainer Funk). Antwort: Die Praxis religiösen Lebens auf
der Grundlage des Gesetzes, der Thora, hält die Juden zusammen.

 

Doch 1926 brach Erich Fromm mit dem rituellen Judentum: An
Pessach, dem Fest der ungesäuerten Brote, aß er demonstrativ
Sauerteigbrot. Die Beschäftigung auch mit anderen Religionen,
etwa mit Buddha und mit Jesus, führte ihn zu der Überzeugung,
dass alle monotheistischen Glaubensgemeinschaften ihr
ursprünglich Eigenes, ihren liebevollen Wesenskern, längst
verloren und durch starre Rituale, Dogmen und Ideologie ersetzt
hätten. Das gilt analog auch für den Marxismus, der in der
Sowjetunion „ritualistisch“ zitiert worden sei, so wie das
Evangelium im Westen. „Fromm sagte dem Theismus ab, ohne sich je
dem Atheismus zu verschreiben“, so der 2012 verstorbene Theologe
Hans Jürgen Schultz, früherer Chefredakteur für Kultur beim
Süddeutschen Rundfunk.

 

1934 emigrierte Erich Fromm in die USA. Er lehrte an
Universitäten in New York und später in Mexiko und siedelte 1973
in die Schweiz über, wo er 1980 starb.

 

Fromm sieht ein allen Menschen eigenes psychisches „Bedürfnis
nach einem Rahmen der Orientierung und nach einem Objekt der
Hingabe“, das unbedingt befriedigt werden muss. Er begründet
damit die Religiosität oder Spiritualität des Menschen
psychologisch. Der Mensch, davon ist Fromm überzeugt, kann
vernünftig sein, lieben, solidarisch und kreativ sein. In seinem
Spätwerk „Haben oder Sein“ (1976) stellt er die letztlich
schädliche Existenzweise des Habens als Folge der
gewinnorientierten Gesellschaft dem Sein gegenüber: als
„Bereitschaft, zu teilen, zu geben und zu opfern“. Beide
Tendenzen seien im Menschen angelegt. „Wir müssen uns
entscheiden, welches dieser beiden Potentiale wir kultivieren
wollen“, sagt Fromm und fügt hinzu: Die Entscheidung sei von der
sozio-ökonomischen Struktur der jeweiligen Gesellschaft abhängig.

 

Rainer Funk, der das Entstehen des Buches als wissenschaftlicher
Mitarbeiter begleitet hat, erklärt: Wie ein roter Faden ziehe
sich der „humanistische Glaube an das Menschen-Mögliche durch
Fromms Leben und Denken“. Und dieser Glaube „hat bei Fromm
zweifellos seine Wurzeln in seiner jüdischen
Sozialisation“. 

 

 
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Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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