"Du sollst deinen Nächsten lieben, du sollst deine Feinde lieben.
Wahrscheinlich, weil es oft die gleichen Menschen
sind." Dieser provokante Satz stammt von Gilbert Keith
Chesterton, einem englischen Autor. Feinde machen das Leben nicht
leichter. Man kann sich an ihnen abarbeiten. Sie verursachen Ärger
und doch führen sie manchmal zu ungeahnten
Verbindungen. Vielleicht hat Siegmund Freud deshalb von der
Unmöglichkeit der Feindesliebe gesprochen, doch wer ist eigentlich
mein Feind? Manchmal sogar ich selbst. Und wie kann man
Feindesliebe überhaupt erreichen? König David und König Saul aus
dem Alten Testament sind ein bekanntes Beispiel dafür. Saul hat
Angst, dass David seine Amt will. David zeigt Können, verschont
aber Saul, seinen Schwiegervater. Er achtet die Auserwählung des
gesalbten Königs. David ist dabei kein Engel. Im Gegenteil:
Intrigen, Ehebruch, Machtspiele; er hat alles drauf. Und trotzdem
endet der Streit bei ihm. Saul und David begegnen sich danach nie
wieder. Die Feindschaft hat ihr Ende, zumindest bei
David. Feindesliebe heißt nicht naiv zu sein. Es heißt,
Feindschaft und Verantwortung klar zu benennen. Vergeben bedeutet
nicht gut heißen, aber: "Jesus ist der Meister des Unmöglichen",
sagt Charles de Foucauld. Die Gemeinde in Korinth war völlig
zerstritten. Paulus gibt das menschlich Unmögliche nicht auf, indem
er die göttliche Möglichkeit in den Streit der Menschen
hineinbringt. Er erinnert uns daran, was ist unser Streit, wenn wir
das Himmelreich als Ziel in Jesus Christus nicht vergessen. Denn
dieses Vergängliche, so schreibt er, muss sich mit
Unvergänglichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit
Unsterblichkeit. Ein Perspektivwechsel kann Wunder wirken; wer ist
Freund und wer ist Feind, wer ist mein Feind und wie kann ich ihn
überwinden? Indem ich mich von Gott lieben lasse, kann ich auch im
anderen Gott lieben. Indem ich mich von Gott tragen lasse, kann ich
den Feind in mir selbst überwinden. Beileibe: Feindesliebe ist
kein leichter Weg und nicht etwas, das man so nebenbei macht, aber
sie ist möglich durch Liebe, Geduld und Vertrauen in Gott.
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