Fehlende Demut westlicher „Spitzenpolitiker“
Ein Standpunkt von Uwe Froschauer.
Im Kern beschreibt Demut eine realistische Selbsteinschätzung.
Der demütige Mensch erkennt seine Fähigkeiten ebenso wie seine
Grenzen an, ohne sich über andere zu erheben oder sich selbst
geringzuschätzen. Demut ist damit das Gegenstück zum Hochmut, der
zu Verblendung, Konflikten und Leid führen kann. Demut bedeutet,
das eigene Ego nicht zum Mittelpunkt der Welt zu machen, sondern
sich als Teil eines größeren Zusammenhangs zu begreifen.
Demut verbindet Klarheit mit Mitgefühl, Wahrheit mit Offenheit
und Selbstbewusstsein mit Begrenztheit. In einer Zeit, die stark
von Selbstinszenierung, Konkurrenz und permanenter Bewertung
geprägt ist, gewinnt Demut eine neue Aktualität.
Politische Sprache im Licht philosophischer
Demut
Demut gehört zu jenen Tugenden, die politisch selten eingefordert
werden, philosophisch jedoch als Voraussetzung verantwortlichen
Handelns gelten. Sie ist keine Geste der Schwäche, sondern
Ausdruck realistischer Selbsterkenntnis. Aristoteles beschrieb
Tugend als die Fähigkeit, Maß zu halten – als Mitte zwischen
Mangel und Übermaß. Hochmut (Hybris) war für ihn kein Zeichen von
Größe, sondern von Maßlosigkeit: das Überschreiten der eigenen
Rolle, das Vergessen der eigenen Begrenztheit. Betrachtet man die
politische Sprache der Gegenwart, ist festzustellen, dass dieses
Maß zunehmend verloren geht.
Selbstgewissheit statt Maß: Emmanuel Macron
Als Emmanuel Macron 2017 erklärte, man müsse „nur über die Straße
gehen, um einen Job zu finden“, war die Empörung groß.
Philosophisch betrachtet liegt das Problem dieser Aussage weniger
in ihrer Provokation als in ihrem impliziten Menschenbild: Der
Einzelne erscheint als autonomes, rational handelndes Subjekt,
das lediglich Willen zeigen muss, um erfolgreich zu sein. Slogans
wie „Just do it“ des Sportartikelherstellers Nike weisen in die
gleiche Richtung. Aristoteles hätte darin eine Verkennung der
Umstände gesehen – jener sozialen, ökonomischen und biografischen
Bedingungen, ohne deren Berücksichtigung moralische Urteile leer
bleiben.
Später, als Macron betonte, Europa dürfe „nicht schwach oder
defätistisch“ sein, verschob sich der Ton von sozialer
Vereinfachung zu geopolitischer Selbstvergewisserung. Stärke
wurde zur moralischen Kategorie erhoben. Doch Stärke ohne
Selbstzweifel ist philosophisch prekär. Sie kippt leicht in das,
was Augustinus als “Superbia” bezeichnete: jene innere Haltung,
in der der Mensch sich selbst zum Maßstab erhebt und vergisst,
dass sein Wissen immer fragmentarisch bleibt.
Macrons politische Sprache offenbart ein erhebliches Maß an
vermeintlicher Selbstgewissheit. Im Frühjahr 2024 erklärte der
französische Präsident:
„Heute müssen wir, um Frieden in der Ukraine zu haben, nicht
schwach sein.“
Wenig später schloss er sogar die Entsendung europäischer
Bodentruppen in die Ukraine nicht aus und betonte, Russland habe
kein Mitspracherecht, falls die Ukraine solche Truppen anfordere.
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