Deep Story #82 | Einsamkeit | Andi Depressiva

Deep Story #82 | Einsamkeit | Andi Depressiva

1 Stunde 25 Minuten

Beschreibung

vor 7 Jahren

Das Jahr neigt sich langsam dem Ende zu. Bevor wir uns aber dem
wohlverdienten Familienfest hingeben, gibt es noch den 4. Teil
unserer Episoden-Geschichte von Simon Rucker. Das erste
Hochgefühl unseres Protagonisten scheint allmählich zu verblassen
und die Einsamkeit schleicht sich langsam in seine Seele. Die
Insel offenbart still ihre Schattenseiten. Ein Gefühlschaos
breitet sich aus und die Stimme in seinem Kopf schweigt immer
seltener: „ or have i wasted endless time“.
Einfühlsam beschreibt nicht nur Simon, unser Gastpoet, sondern
auch Andi, unser Gastkomponist, die innere Zerrissenheit und die
geistige Verzweiflung der Hauptfigur. Diese deep story geht tief
unter die Haut!


Doch mein Hochgefühl verschwand so rasch wie es gekommen war.
Bald spürte ich die Schwere meines Daseins mit unbarmherziger
Eindeutigkeit. Wenn ich morgens erwachte und die Sonne schon
erbarmungslos vom Himmel herabbrannte, war es ein guter Tag. Dann
stand ich auf, verrichtete meine Arbeiten und der einzige Kampf,
den ich zu bestreiten hatte, war der Kampf gegen meinen
hämmernden Schädel. Schlechte Tage waren es, wenn ich nicht genug
getrunken hatte. Wenn ich tief in der Nacht erwachte. Lange,
bevor der Morgen graute. Die Sterne hingen höhnisch über mir in
der Schwärze. Zur Erinnerung an Maria, an Zweisamkeit und mein
früheres Leben, an Gesellschaft und Wärme. Die Sterne erinnerten
mich an die Dreidimensionalität und die Weite der Welt. Daran,
dass anderswo ein Leben stattfand, von dem ich kein Teil mehr
war. Die Hoffnung und die Zuversicht der tropischen Tage waren
dann zusammen mit der Sonne auf der anderen Seite des Planeten,
viel zu weit weg, um von mir erreicht zu werden. Viel zu weit
weg. Ich fuhr aus quälenden Träumen von sanften Wiesen und
wehenden Kleidern hoch, schweißgebadet und mit rasendem Herzen.
Einen kurzen Moment lang hielt ich das Erlebte für real. Was den
darauffolgenden Moment noch fürchterlicher machte. Fand erst
wieder Ruhe, wenn die Vögel zu singen begannen und die Hitze mir
die Gedanken wegbrutzelte. Und auch dann blieb das fahle Gefühl
der nächtlichen Verzweiflung irgendwo tief in mir hängen.


Nächte dieser Art wurden häufiger. Ich fand mich immer öfter um
meinen Schlaf beraubt. Sollte es nicht eigentlich anders herum
sein? Sollte ich nicht eigentlich zunehmend gleichgültiger werden
gegenüber meinen Verlusten? Meine Zeit hier hatte doch so gut
begonnen. Mir fiel wieder ein, dass mich manchmal das Gefühl
beschlichen hatte, hier nicht alleine zu sein. Was für ein
absonderlicher Gedanke auf einer unbewohnten Insel inmitten der
Unendlichkeit des Ozeans. War ein solches Empfinden nicht purer
Ausdruck meiner Verzweiflung? Wir alle fangen als Unwissende an.


Es muss jedenfalls in dieser Zeit liegen, dass ich die ersten
eigenartigen Beobachtungen auf meiner Insel machte. Denn
irgendwann beschloss ich, mich nicht mehr gemartert in meiner
Hütte hin und herzuwerfen, wenn mich die Einsamkeit nicht mehr
schlafen ließ. Stattdessen stand ich auf und wanderte am Strand
entlang. Und sofern das Mondlicht es erlaubte auch in den
Wäldern. Die auf solche Nächte folgenden Tage waren dadurch nicht
mehr ganz so unerträglich, der Schatten der Dunkelheit ein wenig
bleicher.

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