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  4. "Eine Hochrisikostrategie im planetaren Ausmaß" – Eckard Christiani im Gespräch mit Konrad Ott
Zukunftsgespräche #9 — Konrad Ott: Eine
Hochrisikostrategie im planetaren Ausmaß

Kurz vor seinem Tod sagte Edward Teller, der Vater der
Wasserstoffbombe, der Klimawandel sei überhaupt kein Problem. Man
müsse nur zwei bis vier Prozent des einfallenden Sonnenlichts
reflektieren. Damit, sagt Konrad Ott, war der Geist aus der
Flasche.

Ott ist Professor für Philosophie und Ethik der Umwelt und war
acht Jahre Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen. In
einem Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft
hat er sich sechs Jahre lang mit Geoengineering befasst —
genauer: mit den Argumenten dafür und dagegen.

Das Gespräch beginnt mit einer Bilanz. In fünfunddreißig Jahren,
in denen wir immer mehr über den Klimawandel wussten, sind die
globalen Emissionen von 23 auf 37 Gigatonnen gestiegen. Es wurden
unendlich viele Reden gehalten, ganze Bibliotheken
vollgeschrieben. Was die wenigen gutwilligen Länder einsparen,
wird anderswo überkompensiert.

Vor diesem Hintergrund gewinnt eine Idee an Attraktivität, die
verspricht, das Klima zu managen. Ott besteht zunächst auf
Unterscheidungen: Unter dem Oberbegriff Geoengineering versammelt
sich ein ganzes Spektrum, vom Solar Radiation Management bis zu
den Speichertechnologien. Ein Gesamturteil ist unmöglich, man
muss jede Technologie einzeln bewerten.

Bei der bekanntesten Variante, der Sulfat-Aerosol-Injektion,
fällt sein Urteil eindeutig aus. Es ginge um etwa fünf Millionen
Tonnen schwefelhaltiger Partikel pro Jahr in der oberen
Stratosphäre. Die Modellstudien zeigen, dass die Nebenwirkungen
unklar sind — auf Ozeane, Bodenfeuchte, Ozonschicht,
Niederschlagsverteilung. Manche Weltgegenden gewinnen, andere
verlieren. Und das alte Klimasystem wird dabei nicht
wiederhergestellt. „Es ist eine Hochrisikostrategie im planetaren
Ausmaß."

Dazu kommt das Abbruchproblem. Wer einmal beginnt und dann
aufhört, während die Treibhausgaskonzentration weiter steigt,
bekommt einen Klimawandel, so rasant, dass Anpassung nicht mehr
möglich ist. Ott beruft sich dabei auf Hans Jonas und dessen
Heuristik der Furcht.

Am längsten hängt er an einer Frage, die niemand beantworten
kann. Das erste Argument für Geoengineering lautete, man müsse
für einen großen Klimanotfall gerüstet sein. Daraufhin fragten
Ethiker und Politikwissenschaftler zurück: Wer ist eigentlich
befugt, einen globalen Klimanotstand auszurufen? Die Vereinten
Nationen, der Sicherheitsrat, irgendein Präsident, eine Koalition
der Willigen? Ott fällt dazu Carl Schmitt ein: Souverän ist, wer
über den Ausnahmezustand entscheidet.

Was er dem entgegensetzt, klingt zunächst bescheiden: Natural
Climate Contributions, also Moorrenaturierung, Aufforstung,
Kohlenstoff im Boden. Seine Kollegen sagen ihm, er wolle gegen 37
Gigatonnen Apfelbäumchen pflanzen. Ott hält dagegen — kein Ersatz
für radikale Emissionsminderung, keine Wunderwaffe, aber der
einzige Ansatz, der Klimaschutz, Naturschutz und Biodiversität in
einer Landnutzung verbindet. Die Moore vor seiner Haustür in
Greifswald würden viel CO₂ kostengünstig einsparen, wenn man sie
wiedervernässte. Der Bauernverband mauert.

Dazu: warum er von „Das Ministerium für die Zukunft" nichts hält.
Warum er als Frankfurter den Schritt von Hegel zu Marx wieder
zurückgegangen ist. Und was er einem Kabinett am ersten Tag
einnageln würde.

Am schärfsten wird er bei den Satzergänzungen zum Schluss. Über
die sogenannte Klimaskepsis, die sich unredlich eine
wissenschaftliche Tugend ausborgt: „Pseudo-Wissenschaft im
Gewande wissenschaftlicher Skepsis. Ekelerregend." Und über
Politikerinnen und Politiker, die Windräder niederreißen wollen:
„Zu euch fällt mir eigentlich nichts mehr ein."

Sein Buch „Sittlichkeit und Nachhaltigkeit" ist gerade
erschienen.



Mehr dazu lesen: bn – The Human Future Magazine. Bestellungen und
Abos über christiani@beyondnew.org
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Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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