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  4. "KI und Demokratie" – Eckard Christiani im Gespräch mit Dorothea Winter
Zukunftsgespräche #10 — Dorothea Winter: "Niemand ist
schuld, aber viele sind verantwortlich"

„Ich glaube nicht mehr daran, dass Freiheit und Demokratie
vereinbar sind." Die meisten würden diesen Satz Putin zuschreiben
oder Xi Jinping. Er stammt von Peter Thiel — und mit ihm beginnt
das neue Buch der Philosophin Dorothea Winter.

Winter hat an der Humboldt-Universität über Intentionalität und
künstliche Intelligenz promoviert und arbeitet an der
Humanistischen Hochschule Berlin im Bereich Angewandte Ethik.
Aufgenommen haben wir dieses Gespräch kurz nach der Landtagswahl
in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD 43,8 Prozent holte und Elon
Musk noch vor Trump und Putin gratulierte. Überrascht hat sie das
nicht. Es habe ihre These nur bestätigt — und sie wünschte, es
wäre anders.

Ihre These setzt tiefer an als die üblichen Debatten über
Filterblasen und Social Media. Winter unterscheidet drei
Demokratieformen, die es vor der KI gab. Die funktionale der
Antike: Ich bin der Staat. Die partikularistische der Neuzeit:
Wir gegen den Staat. Und seit den neunziger Jahren die
solipsistische: Ich gegen den Staat. Ablesbar am Rückgang des
dauerhaften Ehrenamts, an leeren Vereinen, an schrumpfenden
Parteien. Die Menschen fühlen sich nicht mehr vertreten und
schauen nur noch auf sich.

Jetzt kommt eine vierte Form. Winter nennt sie die postpolitische
Demokratie, Leitmotiv: KI-Konzerne statt Staat. Ihr Bild dafür
ist ein gleichschenkliges Dreieck aus Bürgerschaft, Politik und
Wirtschaft — das sich derzeit in Richtung Wirtschaft verschiebt.
Die Verliererinnen seien die Bürgerinnen, weil sie nur noch als
Konsumentinnen vorkommen.

Donald Trump ist für sie die Blaupause. Nicht, weil er
faschistisch oder fundamental christlich sei, sondern weil er
schlicht kein Politiker ist, sondern Dealmaker. Als Beispiel
dient der Friedensrat: Staaten dürfen am Weltfrieden mitarbeiten,
wenn sie eine Milliarde Dollar überweisen. Völlig absurd, sagt
Winter — und noch absurder sei, dass wir es als gegeben
hinnehmen.

Für Deutschland nennt sie ein anderes Beispiel: Dass KI-Systeme
auf Kinder und Jugendliche losgelassen werden, obwohl
Suchtpotenzial und Depressionen empirisch vielfach belegt sind.
Bei einem Lebensmittel wäre das undenkbar. Bei Alkohol wäre es
undenkbar.

Dann die Größenordnung. Die 66 größten KI-Unternehmen kommen auf
über 20 Billionen Dollar Börsenwert, der deutsche Bundeshaushalt
auf 550 Milliarden. Winter zitiert den Ökonomen Joseph Stiglitz:
Diese Monopole seien für keine gesunde Wirtschaft erstrebenswert,
und Europa könne sich eher auf die Schulter klopfen, keine zu
haben. Zugleich sei Europa einer der größten Märkte — wer hier
stark reguliert, dem müssen sich die Unternehmen fügen.

Auf die Frage, wie KI Demokratie zerstört, antwortet sie präzise:
Nicht die Technik zerstört etwas. Es ist der KI-Einsatz im
Zusammenspiel mit dem ökonomischen Prinzip. Kurz gesagt sei der
Kapitalismus schuld — weil Daten, anders als Öl oder Gas,
unbegrenzt skalierbar sind.

Wie das im Alltag aussieht, wird sehr konkret.
Krankenversicherungen, die berechnen, welche Krankheit jemand
bekommen wird. Eine KI, die beim Schuleintritt aus Postleitzahl,
Elternhaus und Vermögen die Bildungsbiografie prognostiziert. Das
Neue daran: Man braucht Ihre Daten gar nicht mehr. Es genügen
genügend andere Menschen mit ähnlichem Alter, Wohnort, Einkommen.
Und unter dem Versprechen der Neutralität wird diskriminiert.

Dazu ihr eigener Begriff, der KI-Neokolonialismus: warum die alte
Nord-Süd-Aufteilung nicht mehr passt, und warum inzwischen auch
Staaten kolonisiert werden — weil ihre Behörden auf
Infrastrukturen laufen, aus denen sie kaum mehr herauskommen.

Zum Schluss der Einwand: Wenn das System schuld ist, wer soll
dann handeln? Ihre Antwort: „Niemand ist schuld, aber viele sind
verantwortlich."

Ihr Buch „Künstliche Intelligenz und Demokratie" ist bei Reclam
erschienen.



Mehr dazu lesen: bn – The Human Future Magazine. Bestellungen und
Abos über christiani@beyondnew.org
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„"KI und Demokratie" – Eckard Christiani im Gespräch mit Dorothea Winter“

Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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