Zukunftsgespräche #8 — Bernhard Kegel: Die Nächte waren
still
Bernhard Kegel ist promovierter Biologe, Romancier und
Jazzgitarrist. Er war ökologischer Gutachter, bevor er anfing,
Bücher zu schreiben, in denen Wissenschaft und Erzählung
zusammenkommen. Sein jüngstes heißt „Rettung durch schnelle
Evolution" und ist im Juni bei DuMont erschienen.
Wenn wir an Kohlenstoff denken, denken wir an Bäume. Ein schönes
Bild, das in die Irre führt. Ein Baum leiht sich den Kohlenstoff
nur: Irgendwann stirbt er, verrottet, und alles ist wieder in der
Luft. Ein Nullsummenspiel. Die Speicher, die wirklich halten,
liegen im Nassen.
Kegel nennt sie den blauen Kohlenstoff — Mangroven,
Seegraswiesen, Makroalgenwälder und Salzwiesen. Manche dieser
Seegraswiesen sind viele tausend Jahre alt. Sie stehen kaum unter
Schutz, vermutlich weil sie fern der politischen und ökonomischen
Zentren liegen. Und sie verschwinden: Seegras mit etwa sieben
Prozent im Jahr.
Moore bedecken drei Prozent der Weltoberfläche. Sie speichern
doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Welt zusammen. In
Deutschland sind über neunzig Prozent von ihnen trockengelegt,
und diese trockenen Moore sind CO₂-Schleudern — sie verursachen
fast sieben Prozent unserer Treibhausgase, in
Mecklenburg-Vorpommern dreißig Prozent der Landesemissionen.
Kegels Schluss: Wir werden unsere Klimaziele niemals erreichen,
wenn wir nicht an die Moore rangehen.
Was zu tun wäre, beschreibt er in drei Schritten: Gräben
zuschütten, Wehre schließen. Zweitens eine Alternative für die
Bauern, denn entschädigen kann sich das nicht einmal die
Bundesrepublik leisten — es gibt zu viele Moore. Also muss man
lernen, mit dem nassen Moor zu wirtschaften. Drittens braucht es
eine Industrie, die abnimmt, was dort wächst. Und die gibt es
seit 2024, weitgehend unbemerkt: Baumärkte, Bauunternehmen,
Papiermühlen und Versandhändler haben sich zur Allianz der
Pioniere zusammengeschlossen. Der Otto-Versand deckt inzwischen
zwanzig Prozent seines Verpackungsmaterials aus dieser
Paludi-Biomasse.
Im zweiten Teil geht es um eine Kraft, die in keiner Rechnung
steht. Auf Hawaii wurden die Nächte still. Die Grillen zirpten
nicht mehr — und waren doch nicht ausgestorben. Eine
eingewanderte Fliege orientiert sich akustisch und findet ihre
Wirte am Gesang der Männchen. Die Antwort der Evolution: eine
Mutation, die die Strukturen zum Zirpen verschwinden ließ. Die
Männchen rieben weiter die Flügel aneinander, nur war nichts mehr
zu hören. Wie sie sich trotzdem fortpflanzten, ist die
eigentliche Pointe der Geschichte. Das Ganze dauerte drei bis
fünf Jahre und geschah auf mehreren Inseln unabhängig
voneinander. Und die Entwicklung ging weiter: Inzwischen gibt es
Männchen, die schnurren wie Katzen, die rasseln, die mit den
Vorderbeinen trommeln.
Dazu: die Elefanten in Mosambik, denen die Stoßzähne
abhandenkommen, weil ein Bürgerkrieg über Elfenbein finanziert
wurde — und warum dieser Vorteil teuer erkauft ist. Warum Arten
polwärts wandern, in Großbritannien schon bis zu sechzig
Kilometer. Und warum wir diesen Wandel zulassen müssen, statt ihn
zu bekämpfen.
Kegel ist optimistischer als die meisten seiner Kollegen, und er
sagt auch, warum: Weil wir die Evolution als rettenden Faktor
bisher gar nicht auf der Rechnung hatten und sie überall präsent
ist, wo man genauer hinschaut. Was sie nicht leistet, sagt er
ebenso klar. Die Natur wird das für uns nicht regeln. Wir müssen
unsere Emissionen auf netto null bringen und darüber hinaus CO₂
aus der Atmosphäre zurückholen.
Sein Fazit: Um die Natur müssen wir uns keine Sorgen machen.
Höchstens um die Natur, die wir kennen. Sorgen machen müssen wir
uns um uns selbst.
—
Mehr dazu lesen: bn – The Human Future Magazine. Bestellungen und
Abos über bn@beyondnew.org
Unser Crowdfunding läuft auf Startnext —
https://www.startnext.com/beyond-climate-change-lab
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