Österreich - die ganze Geschichte Archiv
127 Episoden
29 Minuten
Bandenkriminalität ist keine Erfindung unserer Zeit. Schon im 19. Jahrhundert streifen organisierte Gruppen durch die Wälder, die noch nicht voll von der Staatsgewalt kontrolliert werden. Auch in der Stadt ist man vor Kriminalität nicht sicher, es häufen sich Eigentumsdelikte und auch solche gegen Frauen. Manche Räuber werden dank eines geschickten Marketings zu Stars, sie geben Teile ihrer Beute an die Armen ab. Legendär ist Johann Grasel, der etwa einmal 250 Gulden für ein Fest in einem Dorf spendet und ankündigt, selbst dort zu erscheinen. Das riesige Polizeiaufgebot, das ihn dort erwartet, narrt er, indem er zwar nicht zum Fest kommt, aber dafür zeitgleich die Steuerkasse im Amtshaus ausräumt. Grasel wird am Ende verraten und hingerichtet. Schaurige Geschichten wie diese erzählt der Historiker Peter Becker im Gespräch mit Mariella Gittler.
25 Minuten
Lebensmittelskandale sind so alt wie die Lebensmittel selbst. Hunderte Kilo Fleisch, die mit Bandwürmern infiziert waren, beanstandete etwa ein Wiener Kontrolleur. Betroffen waren meistens die unteren Schichten, denen das Gammelfleisch angedreht wurde. Hier liegen die Anfänge unseres heutigen Konsumentenschutzes, dem 1896 das erste Lebensmittelgesetz folgt. Auch in anderen Bereichen greift eine strengere Produktkontrolle Platz, in der Lebensmittelchemie und auch im Hygienebereich, etwa wenn ein schwärzendes Haarfärbemittel Silbernitrat enthält, das die Kopfhaut verätzt. Der Historiker Peter Becker geht in dieser Ausgabe mit Mariella Gittler zurück in die Zeit, als sich der Nahrungsmittelmarkt durch die Dampfschifffahrt und den billigen amerikanischen Weizen globalisiert und der Phantasie der werblichen Produktversprechungen keine Grenzen gesetzt zu sein scheinen.
30 Minuten
Die Arbeitsunwilligkeit der österreichischen Beamten in der Habsburgermonarchie ist sprichwörtlich. Doch was hat es wirklich damit auf sich? Der Historiker Peter Becker hat sich eingehend mit dem Phänomen des Beamtenstaates befasst und erzählt, wie es mit deren tatsächlicher Arbeitsmotivation ausgesehen hat. Wer Beamter wurde, trat in eine Arbeit mit sicherer und leistungsunabhängiger Bezahlung ein. Ein großes Gefälle in der Arbeitsleistung lag zwischen Hauptstadt und Land - erstere hatten ihre Aufgaben schon nach ein paar Stunden pro Tag erledigt, zweitere gingen in Akten und Eingaben regelrecht unter. Ein Gespräch geführt von Mariella Gittler, die auch die Brücke zu den Themen des heutigen Beamtentums und der KI schlägt.
25 Minuten
Kaiser Franz Joseph war ein regelrechter Workaholic. Ein Schreibtischheld, der im Laufe seines Lebens über 450.000 Verfahren bearbeitete. Diese begleiteten ihn überall hin, nicht einmal im Urlaub machte er eine Pause. Auch seine Ehe mit Sissi litt unter ihren unterschiedlichen Lebensstilen: er, ein Frühaufsteher und immer beschäftigt, sie, eine Spätaufsteherin und ein Freigeist. Dabei wäre es überhaupt nicht notwendig gewesen, so rastlos seiner Arbeit nachzugehen. 93% seiner Akten waren Einzelfälle und daher relativ unwichtig, strategische und grundlegende Fragen hatten für ihn dagegen keine Priorität. In dieser Ausgabe des Podcasts redet Mariella Gittler mit dem Historiker Peter Becker über den Schreibtisch des Kaisers.
30 Minuten
Im 19. Jahrhundert gibt es im städtischen Bürgertum einen großen Zuwachs an Mägden und Dienstboten. Gartenarbeit, Kochen, Putzen, Kindererziehung …, für jede Aufgabe im Haushalt gibt es eigene Bedienstete. Doch nicht immer bedeutet diese Arbeit nur Ausbeutung, vielen ermöglicht sie auch soziale und finanzielle Sicherheit. Manche Bedienstete bleiben sogar ihr ganzes Leben im gleichen Haushalt. Die Nähe zum Dienstherren hat aber auch ihre Schattenseiten, ungewollte Schwangerschaften haben nicht nur für Mägde häufig fatale Konsequenzen, sondern schaden auch dem Mann erheblich in seinem Ansehen. In dieser Ausgabe des Podcasts redet Mariella Gittler mit der Historikerin Margareth Lanzinger über die Entwicklung des Dienstbotenwesens.
30 Minuten
Heirat aus Liebe - im 19. Jahrhundert ist dieses Konzept für die meisten Menschen eine Illusion. Die Ehe dient in erster Linie der ökonomischen und sozialen Absicherung. Das letzte Wort hat in dieser Sache lange die Katholische Kirche, nicht der Staat. Wenn der örtliche Bischof aber etwas gegen eine Eheschließung einzuwenden hatte, kommt es nicht selten vor, dass Paare sogar bis nach Rom zum Papst pilgern, um von diesem eine Erlaubnis zu bekommen. Heiraten war lange ein Privileg der Wohlhabenden. Die ärmeren Leute waren lange de facto mit einem Heiratsverbit belegt - so wollte man ärmlichen Nachwuchs vermeiden, der dann der Armenfürsorge zur Last fallen würde. Es erklärt der hohen Anteil unehelicher Kinder in dieser Zeit. In dieser Folge des Podcasts redet Mariella Gittler mit der Historikerin Margareth Lanzinger über Ehekonzepte.
29 Minuten
Eheschließungen zwischen Cousins und Cousinen nehmen im 19. Jahrhundert zu – begüterte Frauen und ihre Mitgiften sollen so in der Familie gehalten werden. Auch die Vertrautheit, dass man sich von Kind auf kennt, zählt. Mit der Trennung von Arbeits- und Privatleben im 19. Jahrhundert werden Frauen zunehmend in den Haushalt zurückgedrängt. Die „klassischen“ Rollenbilder sind geboren. Doch nicht alle Frauen werden deswegen automatisch unterdrückt, viele betätigen sich künstlerisch, engagieren sich in Wohltätigkeitsorganisationen oder pflegen in Salons ein reiches gesellschaftliches Netzwerk. Nicht zuletzt bedeuten Heirat und die Eingliederung in die bürgerliche Ordnung für viele auch einen sozialen Aufstieg. In dieser Woche spricht Mariella Gittler mit der Historikerin Margareth Lanzinger über die Rolle der Hausfrau.
30 Minuten
Die Lebenserwartung steigt im 19. Jahrhundert, die Generationen ziehen sich auseinander. Entsprechend müssen die Jüngeren länger warten, bis die Altvorderen abtreten und ihr Platz frei wird. Mancher Bauer ist vierzig, bis er den Hof übernehmen kann. Bäuerliche Eltern investieren oft viel in die Söhne, dafür leben diese auch mit sehr klaren Erwartungen der Eltern, was sie später einmal zu tun haben. Ungehorsam gegen die Eltern, etwa in Form von „Flausen“ der Söhne oder frühen unehelichen Schwangerschaften bei den Töchtern ahnden sie mit Enterbungen. Der Vater hat das Züchtigungsrecht für seine Familie, er darf es mit der väterlichen Gewalt nur nicht übertreiben, sonst steht er auch schon damals vor Gericht. In dieser Folge des Podcasts spricht Mariella Gittler mit der Historikerin Margareth Lanzinger über die Familie im Wandel.
33 Minuten
Erfindungen, die die Welt verändern, made in Austria. Die Habsburgermonarchie ist im 19. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum mit gewaltiger innovativer Strahlkraft. Insbesondere in der Medizin gehört Österreich zur absoluten Weltspitze. Die Ölförderung im habsburgischen Galizien ist damals die drittgrößte weltweit nach den Vereinigten Staaten und Russland - nur leider weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand, wofür das ganze Öl gut sein soll. Als man es dann wirklich brauchen würde, hat sich die österreichische Erdölförderung mangels Nachfrage bereits verlaufen. Auch im Bereich des Kinos ist die Monarchie eines der führenden Länder, im Hollywood Ungarns, entstehen Filme, die die Massen begeistern. In dieser Folge des Podcasts sprich Mariella Gittler mit Historiker Hannes Leidinger über Erfindergeist und große technologische Veränderungen.
34 Minuten
Wien um 1900 ist eine der größten Städte der Welt, in diesem Schmelztiegel prallen die großen Ideologien und Weltsichten der Zeit aufeinander. Hier befinden sich mit Hitler, Stalin und Tito die drei für Europa prägendsten Diktatoren des zwanzigsten Jahrhunderts zum selben Zeitpunkt nur wenige Kilometer voneinander entfernt, ohne etwas voneinander zu wissen. Die zunächst medizinisch inspirierte Debatte um die Volksgesundheit kippt in Eugenik und Rassismus, der Nährboden für die Unmenschlichkeit der folgenden Jahrzehnte. Das ambivalente Erbe Karl Luegers wird bis heute heftig diskutiert, die Stadt ist damals eine Hochburg des Antisemitismus, aber auch des Zionismus unter der Führung Theodor Herzls. Gleichzeitig floriert die Philosophie, revolutionäre Ideen entstehen, die unser Denken bis in die Gegenwart prägen. In dieser Folge des Podcasts spricht Mariella Gittler mit dem Historiker Hannes Leidinger über soziale und politische Extreme in der Kaiserstadt.
33 Minuten
Der Nationalismus, aus dem unsere heutigen Nationalstaaten hervorgegangen sind, setzt in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Revolution von 1848 ein. Bevölkerungsgruppen, die sich über Jahrhunderte miteinander arrangiert haben, entdecken jetzt die Gegensätze zwischen einander. Die Nation wird zum definierenden Merkmal – politisches Gift für einen Vielvölkerstaat wie die Habsburgermonarchie. Nach der Gründung des Parlaments wollen nicht nur die Österreicher politische Teilhabe, auch die Tschechen, Polen, Kroaten und andere kämpfen um Mitbestimmung und Autonomie. Aber nur in Ungarn kommt es tatsächlich zum „Ausgleich“, der Unmut im Rest der Monarchie wächst. In dieser Woche sprechen Mariella und der Historiker Hannes Leidinger über Nationalitätenkonflikte und die Anfänge unseres Parteiensystems.
22 Minuten
Das Parlament ist das Herzstück unserer Demokratie. Doch es stammt aus einer Zeit, als sich die Monarchie noch mit aller Kraft gegen jeden Machtverlust stemmte und Mitbestimmung gerade so weit zuließ, wie die Umstände es erzwangen. Von der Revolution 1848 bis zu dem freien Parlamentarismus, den wir heute kennen, ist es noch ein weiter Weg. Die Anfänge des Parlamentarismus sind auch begleitet vom Nationalismus, dessen Zentrifugalkräfte am Ende über den Zerfall des habsburgischen Vielvölkerstaates mitentscheiden. Der Historiker Hannes Leidinger führt zurück in diese bewegte Zeit und folgt im Gespräch mit Mariella Gittler den Linien bis heute.
25 Minuten
Die „G’sunde Watschn“ gilt bis heute als Inbegriff eines gestrigen Erziehungsideals. Früher, so meint man oft pauschal, wäre Kindheit einfach nur schlimm gewesen. Doch wie erlebten Kinder und Jugendliche früher tatsächlich ihr Leben? War es wirklich so fremdbestimmt und gewaltgeprägt, wie das Klischee es erzählt? Die Historikerin Christina Lutter hat in dieser Ausgabe wieder einige überraschende Antworten parat, die tief in die Erziehungs- und Bildungsmethoden der Vergangenheit hineinführen. Wichtige Schuleinrichtungen waren damals die Klöster. Wie viel von dem christlichen Spirit schlug sich im praktischen Umgang mit den Schülerinnen und Schülern nieder?
22 Minuten
Europa lebt seit Jahrtausenden in einer von Männern dominierten Gesellschaftsordnung, Frauen waren stets der unterdrückte Teil der Bevölkerung – so lautet eine gängige Wahrnehmung unserer Geschichte. Dass es so nicht war, erzählt die Historikerin Christina Lutter in dieser Ausgabe des Podcasts von Österreich die ganze Geschichte im Gespräch mit Mariella Gittler. Der Status und die Lebensqualität einer Person hingen über weite Strecken von vielen Dingen ab, primär aber vom sozialen Rang, erst danach spielte auch das Geschlecht eine Rolle. Eheleute waren einander erbrechtlich und auch in der Alltagspraxis oft gleichgestellt. Und auch in den Herrscherfamilien lief die Thronfolge nicht immer nur über die männliche Linie, beziehungsweise regierten Frauen oft für minderjährige Söhne.
24 Minuten
Autoritäre Erziehung oder Laisser-faire? Im Mittelalter haben sich Eltern in Bezug auf ihre Kinder noch ganz andere Fragen zu stellen. Nach der Geburt werden diese sofort in den Haushalt eingebunden, höhere Stände halten sich meist Ammen und kümmern sich wenig um ihre Kinder. Und trotzdem sind die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern zärtlich, auch in Zeiten sehr hoher Kindersterblichkeiten. In dieser Folge des Podcasts ist die Historikerin Christina Lutter bei Mariella Gittler zum Thema Elternschaft zu Gast. Dabei geht es auch um illegitime Kinder und die traurige Wahrheit hinter Kindstötungen.