Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
16 Minuten
Nachdem es gestern um die Zollpolitik ging, behandelt der zweite Teil unserer Mini-Serie zur aktuellen von US-amerikanischer Politik geprägten Weltlage die Frage der Handelspolitik, bzw. der Kontrolle der Handelsrouten. Seit den ersten Plänen für einen Schiffskanal, der in Mittelamerika Atlantik und Pazifik verbinden würde, begann auch das Gerangel um Einfluss und Kontrolle dieser Abkürzung gegenüber der Umschiffung Südamerikas. Ein Studienassessor A. Bär erzählt im Hamburgischen Correspondenten vom 21. Juni 1925 aus der Geschichte des Panamakanals und vom Umgang der USA mit dieser Handelsroute im Kontext von wirtschaftlichen Einflussgebieten. Wenn es dann dabei um die Konkurrenz zwischen Japan und Amerika in Asien geht, wird von Bär auf der Basis der Rassentheorie argumentiert. Frank Riede liest für uns vom Panamakanal und von der Expansionspolitik der Vereinigten Staaten.
8 Minuten
Manchmal ergeben sich aus den Artikeln, wie sie in den Zeitungen vor unseren Augen auftauchen, völlig zufällig kleine Mini-Serien, als hätten sich die Redakteure vor 100 Jahren, wissend um die Welt in 100 Jahren, untereinander abgestimmt. Heute beginnen wir also solch eine Reihe, die sich mit der aktuellen Situation in den USA und den Konsequenzen der Trump-Regierung für die Welt auseinanderzusetzen scheint. Am 20. Juni 1925 reflektierte der Hamburger Anzeiger die Zollpolitik der Reichsregierung und wies auf die Funktionsweise und auf die Gefahren von Schutzzöllen hin. Die Position Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg war eine sehr spezifische unter den Bedingungen der Gebietsabtretungen und der wirtschaftlichen Sanktionen und Reparationen. Und dennoch klingen Inhalt und Titel des Artikels „Ein gefährliches Experiment“, den Frank Riede für uns liest, wie ein Kommentar zur aktuellen Lage.
12 Minuten
Am 11. Dezember 1911 hatte der Norweger Roald Amundsen mit vier Begleitern als erster Mensch den geographischen Südpol erreicht. Gleiches hatte er nun, knapp anderthalb Jahrzehnte später, auch mit dem Nordpol vor. Doch der Versuch, gemeinsam mit dem das Unterfangen finanzierenden US-amerikanischen Millionär Lincoln Ellsworth per Flugzeug den Pol zu erreichen, scheiterte. Zwar kam die insgesamt sechs Mann umfassende Crew dem nördlichsten Punkt der Erde so nahe wie noch niemand vor ihnen, nämlich bis auf ca. 255 Kilometer. Dort strandeten ihre Flugboote jedoch und ließen sich drei Wochen lang nicht mehr flottmachen, so dass man in Norwegen und dem Rest der Welt schon das Schlimmste fürchtete und auch die deutschen Zeitungen sich an entsprechenden Spekulationen beteiligten. Umso größer war die Erleichterung, als die Vermissten nach fast einem Monat und einem abenteuerlichen Rettungsmanöver doch wohlbehalten wieder das Spitzbergen-Archipel erreichten. Auch der Hamburger Anzeiger teilte diese frohe Kunde nur zu gern mit seiner Leserinnen- und Leserschaft und collagierte seinen Artikel aus allerlei Berichten, die nun aus Norwegen eintrafen. Ins ewige Eis wagt sich für uns Rosa Leu.
8 Minuten
Bestimmte Tatsachen rund ums Automobil mussten Wissenschaftler*innen und engagierte Politiker*innen in den letzten Jahrzehnten mühsam gegen die Widerstände von Interessensverbänden ins kollektive Bewusstsein bringen – oder müssen wir an dieser Stelle sagen: wieder ins Bewusstsein zurückholen? Die Altonaer Neusten Nachrichten vom 18. Juni 1925 lassen den Stadtrat von Leipzig Dr. Merkel über das Auto als Verkehrshindernis sprechen. Dabei setzt er sich nicht nur, wie zu erwarten wäre, mit Unfallstatistiken auseinander, sondern weist auch auf die gesundheitliche Gefährdung der Stadtbewohnerschaft durch Autolärm und Abgase hin. Seine Überlegungen führen ihn sogar zu der durchaus visionären Schlussfolgerung, dass der innerstädtische Autoverkehr auf Elektroantrieb umgestellt werden müsste. Welches Schicksal Herrn Merkel ereilte, ob er etwa mit solchen Ansichten seinen Lebensabend in einer psychiatrischen Anstalt verbrachte, haben wir nicht herausfinden können. Rosa Leu frischt für uns diese unangenehmen Wahrheiten rund ums Automobil auf.
11 Minuten
Die außenpolitische Lage stellte sich im Sommer 1925 einigermaßen unübersichtlich dar. Wohin tendierte Großbritannien? – Das war zumindest aus der Sicht der deutschen Presse dabei die Schlüsselfrage. Zog es die Briten zu den angelsächsischen Freunden jenseits des Atlantiks, oder wollte man die alte Entente Cordiale mit den Franzosen wieder intensivieren? Was hatten diese Optionen jeweils für Implikationen und, vor allem aus hiesiger Sicht, was bedeutete das für die Zukunft für Deutschlands Rolle in Europa und in der Welt? Der Hamburgische Correspondent versuchte am 17. Juni etwas Licht ins strategisch-diplomatische Dunkel zu bringen und für uns versucht Frank Riede dessen Argumentation zu plausibilisieren.
6 Minuten
Die pollenbedingte allergische Rhinitis, vulgo: Heuschnupfen, gilt gemeinhin als Erscheinung unserer Tage und wird nicht selten als Wohlstandskrankheit eingeschätzt, die durch zunehmende Entfremdung von der Natur und übertriebene Hygiene getriggert werde. Tatsächlich mag sie vor einhundert Jahren noch nicht vergleichbar eine Volkskrankheit gewesen sein. In die Zeitung, konkret: ins Pinneberger Tageblatt, fand sie aber auch schon damals, konkret: am 16. Juni 1925, Eingang. Was es mit dem „Heufieber“ auf sich habe, beantwortet der Artikel sehr schnörkellos und argumentiert dabei medizinisch nicht allzu weit entfernt von heutigen Lehrmeinungen. Mit wirksamen Arzneien vermag er zwar noch nicht aufzuwarten, immerhin weiß er aber von Selbsthilfegruppen zu berichten, die sich einer besseren Erforschung des Leidens angenommen hätten. Das Wort hat Rosa Leu.
10 Minuten
Die Wiener Jüdin Lucy von Jacobi, Jahrgang 1887, war ursprünglich Schauspielerin, und als solche stellt sie der Hamburger Anzeiger vom 15. Juni 1925 auch noch vor. Bereits während der Jahre des Ersten Weltkriegs nach dem Tod von Sohn und Mann hatte sie sich jedoch überwiegend auf das Schreiben verlegt und avancierte während der Jahre der Weimarer Republik zu einer gefragten Reporterin, Reiseautorin und Filmkritikerin in Zeitungswesen und Rundfunk. Ab 1928 arbeitete sie als Redakteurin für die angesagte Berlin Abendzeitung Tempo, bevor sie 1933 ins Exil gehen musste – zunächst über Prag nach Florenz, wo sie kurzzeitig eine Pension führte, schließlich nach Cureglia im Tessin, wo sie Krieg und Nazi-Herrschaft überlebte. Noch ganz freiwillig auch schon nach Italien gezogen hatte es von Jacobi auch im Frühjahr 25, von wo sie einen sizilianischen Reisebericht in den hohen hanseatischen Norden schickte. Ob auf die südliche Sonne bei diesem Trip Verlass war, weiß Rosa Leu.
10 Minuten
Das Pfarrhaus ist eine protestantische Erfindung, denn zum Pfarrhaus macht die priesterliche Bleibe erst eine Pfarrersfamilie, was sich mit katholisch-zölibatären Lebensweisen bekanntlich weniger gut verträgt. Als Geburtsstunde des Pfarrhauses gilt deshalb der Tag der Eheschließung Martin Luthers mit Katharina von Bora, und dieser jährte sich am 13. Juni 1925 zum vierhundertsten Mal. Für die Tageszeitungen im urevangelischen Hamburg ein durchaus gedenkwürdiges Datum, das zu begehen auch die konservativ-kirchennahen Hamburger Nachrichten nicht versäumen wollten. Ihre Würdigung erschien als Beilage der Sonntagszeitung vom 14. Juni und betrachtet, der Überschrift zum Trotz, nicht eigentlich die Institution des Pfarrhauses in seiner historisch-kulturellen Bedeutung. Vielmehr geht es um die Vorgeschichte der Liaison Luther-von Bora und den Weg zur Trauung – wie man ihn in diesem Tempo heutzutage kaum mehr in Wittenberg, sondern höchstens noch in Las Vegas zurücklegen könnte. Als Trauzeuge von Auf den Tag genau vor Ort war Frank Riede.
8 Minuten
Der sozialdemokratische Lübecker Volksbote enthielt in seiner Samstagsausgabe, denn um die handelte es sich am 13. Juni 1925, eine Beilage, die den Titel „Für unsere Frauen“ trug. Auf der ersten Seite finden wir ein Gedicht von Ricarda Huch, einen Text über Frauenromane, Veranstaltungstipps, eine Kinderwanderung und Hinweise für die Ernährung von Säuglingen. Der Hauptartikel, den wir heute präsentieren, bricht aber aus dem sonst dominierenden Rahmen des deutschen Lebensalltag der Frauen heraus und gibt einen Überblick über aktuelle Vorgänge in der Frauenbewegung weltweit. Das Spektrum reicht dabei von der Debatte um Witwenpensionen in England, über das Heiratsalter in Indien bis zum Weltbund für das Frauenstimmrecht. Rosa Leu kennt die Details.
7 Minuten
Zwei kurze Opern und in der Mitte ein kleines Ballett – Igor Strawinsky durfte sich im Frühsommer 1925 gleich mit einem Triptychon eigener Werke an der Berliner Staatsoper vorstellen. Seine Geschichte vom Soldaten aus dem Jahr 1918 hatte bereits eine gewisse Aufführungsgeschichte in Deutschland (und mit schon zwei vertonten Rezensionen auch in diesem Podcast). Beim Tanzstück Pulcinella und der Reineke-Fuchs-Adaption Le Renard hingegen, erfahren wir im Hamburgischen Correspondenten vom 12. Juni, handelte es sich um deutsche Erstaufführungen – die den Rezensenten wenig überzeugten. Auch wenn eine gewisse hanseatische Differenziertheit im Urteil gewahrt bleibt, weht durch die Kritik doch ein Hauch des Kulturkampfes, den die musikalische Moderne seinerzeit fast überall umgab. Neben benennbaren künstlerischen Vorbehalten stößt sich der Text dabei ausdrücklich auch an der russischen Herkunft des Komponisten und erklärt die ‘heil’ge deutsche Kunst‘ darob für bedroht. Es liest Frank Riede.
9 Minuten
Gibt es ein Zurück hinter die Globalisierung? Diese Frage wird in Zeiten aggressiver Zollandrohungen und neonationalistischer Heilsversprechen gerade sehr nervös diskutiert. Unser heutiger Artikel aus dem Hamburgischen Correspondenten vom 11. Juni 1925 belegt, dass die wechselseitige Verflechtung von Volkswirtschaften indes durchaus eine lange Geschichte hat. Selbst in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, erfahren wir dort, bezog das weithin isolierte Deutschland wesentliche Komponenten seiner Grundnahrungsmittel aus nahezu allen Ecken des Globus. Autarkie war auch schon damals eher eine sehr vage und bei Lichte wenig verlockende Phantasie von Nationalökonomen, die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollten. Es liest Rosa Leu.
9 Minuten
Die deutsche Außenpolitik wurde im Jahre 1925 wesentlich durch die sog. Sicherheitsfrage bestimmt. Auf der einen Seite ging es um die endgültige (und eigentlich überfällige) Räumung der durch Frankreich besetzten Gebiete an Rhein und Ruhr, auf der anderen forderte Frankreich eine Sicherheitsarchitektur, die es Deutschland auf lange Sicht unmöglich machen sollte, einen Angriffskrieg zu führen. Blickte die deutsche Regierung lange hoffnungsvoll auf England, als eine Macht, die die aus deutscher Sicht radikalen Forderungen Frankreichs ausbremste, so wurde eine Annäherung zwischen den Außenministern Chamberlain und Briand ängstlich beäugt. Diese hatten sich in Genf unterhalten und eine Note an Deutschland verfasst. Die Wilhelmsburger Zeitung vom 10. Juni kannte den Wortlaut noch nicht, war sich sicher, auf wessen Rücken die Einigung ausgetragen wurde. Es liest Frank Riede.
12 Minuten
Am 6. Juni 1925 feierte Thomas Mann seinen 50. Geburtstag, und kaum eine Zeitung, die etwas auf sich hielt, versäumte es, ihm aus diesem Anlass ein paar Elogen zu winden. Auch der Hamburger Anzeiger widmete ihm an diesem Datum gleich eine ganze Sonderseite, um doch drei Tage später, am 9. Juni, noch einmal nachzulegen und den Jubilar selbst zu Wort kommen zu lassen, allerdings natürlich nicht in eigener Sache, sondern über die Figur sprechend, in der er sich in seinen späteren Jahren fraglos am liebsten gespiegelt hat: Goethe. Grundlage war ein Vortrag Manns in Wien, in dem es neben Goethe auch noch um Leo Tolstoi gegangen war und beider gebrochenes Verhältnis zu ihrer sie jeweils zu Nationaldichtern erhebenden Nation. Inwieweit Thomas Mann hier sich, wie so oft, in Goethe doch irgendwo auch selbst porträtierte, erfahren wir von Frank Riede.
7 Minuten
Was passiert mit einer Gesellschaft, in der politische Gewalt im öffentlichen Raum präsent ist und immer wieder zu blutigen und tödlichen Zusammenstößen führt? Mit dieser Frage war jedenfalls die Weimarer Republik konfrontiert, und fand nicht wirklich eine schlüssige Antwort. Völlig abgestumpft war sie 1925 jedenfalls nicht, da es größere Vorfälle noch auf die Titelseiten der Zeitungen schafften. Als am 7. Juni ein Schützenverein in Teltow, vor den Toren Berlins, mit der Fahnenweihe des Roten Frontkämpferbundes kollidierte und noch eine Landjägerabteilung intervenierte, blieben zahlreiche Schwerverletzte – vor allem auf Seiten der Kommunisten – zurück, von denen mehrere in den folgenden Tagen starben. Bis heute ist der Hergang nicht eindeutig geklärt. Die Tatsache, dass die Teilnehmer der Fahnenweihe nicht bewaffnet waren und von Seiten des Schützenvereins und der Staatsorgane auf diese mehrere Gewehrsalven abgegeben wurden, lässt zumindest eine unangemessene Reaktion der Landjägerabteilung hochplausibel erscheinen. Rosa Leu präsentiert uns den Blick des Hamburger Anzeigers vom 8. Juni auf die fatalen Ereignisse rund um den Teltower Sportplatz, der sich natürlich mit der Frage auseinandersetzte: Wer hat angefangen? Er beantwortet diese zunächst, relativiert dann aber doch diese Aussage.
10 Minuten
Dass in der frühen Filmkunst auch Regisseurinnen eine wichtige Rolle spielten, ist zwischendurch in Vergessenheit geraten. Mittlerweile klingen die Namen Alice Guy, Luise Fleck oder Lotte Reiniger nicht mehr so fremd und ihr Anteil am Stummfilm wird geachtet. Vor genau 100 Jahren besuchte Paul Medina im Auftrage des Hamburgischen Correspondenten die Autorin und Regisseurin Germaine Dulac in Paris. Sie prägte wesentlich die französischen Filmavantgarden mit, ist in ihrem frühen Werk ab 1915 eher dem Filmimpressionismus zuzurechnen und drehte 1928 mit „La Coquille et le clergyman“ den vielleicht ersten surrealistischen Film überhaupt. Der Artikel ist ein gutes Beispiel dafür wie sich die damalige Zeitungslandschaft dem heute gängigen Interview, das klar in Frage und Antwort gegliedert ist, annäherte. Rosa Leu liest für uns aus der Ausgabe vom 7. Juni 1925.