Auf den Tag genau Archiv
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9 Minuten
Lothringen und große Teile Oberschlesiens verloren, das Ruhrgebiet besetzt, Kohlelieferungen als Reparationsforderungen – um die Energieversorgung der deutschen Industrie wie der Haushalte stand es nach dem Ersten Weltkrieg schlecht. Um besagten Ausfall fossiler Brennstoffe zu kompensieren, sondierte man interessanterweise auch alternative Wege der Energiegewinnung – Wind, Wasser, Sonne, Erdwärme –, die alle in den vergangenen Jahren bereits hier im Podcast zu bestaunen waren. Dass man neben solchen regenerativen Techniken auch noch in ganz anderen Richtungen dachte, belegt ein Artikel, den wir im Pinneberger Tageblatt vom 6. Juni 1925 gefunden haben. Die Rede ist dort von einer potentiellen Energiequelle, die alle anderen perspektivisch überflüssig mache: die Atomspaltung. Die technischen Grundlagen für diesen „Traum der Menschheit“, von dessen albtraumhafter (und schließlich eher realisierter) Kehrseite der Artikel noch nichts ahnt, erläutert Frank Riede.
11 Minuten
De jure handelte es sich bei der seit 1912 bestehenden Republik China um ein einheitliches Staatswesen, faktisch zerfiel das große „Reich der Mitte“ in den 1920er Jahren in die Herrschaftsbereiche diverser Warlords, die von ausländischen Mächten – Großbritannien, Russland, den USA und Japan – im Ringen um politische wie ökonomische Einflusszonen wahlweise unterstützt oder bekämpft wurden. Aus chinesischer Perspektive eine Epoche der Ohnmacht und der Demütigungen, der am 30. Mai 1925 ein neues Kapitel hinzugefügt wurde, als die britische Kolonialpolizei bei einer Streikkundgebung chinesischer Arbeiter in der teilweise international besetzten Metropole Shanghai mehrere Menschen erschoss. In der Folge bildete sich eine landesweite Protestbewegung gegen die ‘ausländischen Imperialisten‘, die immerhin so präsent war, dass sich auch die europäische Presse für sie zu interessieren begann. Nachdem Deutschland mit dem Ersten Weltkrieg all seine kolonialen Aktien auch in China verloren hatte, ließ es sich plötzlich gut mit den ausgebeuteten Völkern fraternisieren. Auch der Hamburgische Correspondent ist in seinem Lagebericht vom 5. Juni, wie wir von Rosa Leu erfahren, nicht völlig frei davon.
6 Minuten
Eine Scheibe Zitrone mit ein paar Krümeln Zucker und Kaffee auf die Zunge gelegt, dann etwas hochprozentig Alkoholisches, am besten einen Weinbrand, darüber gespült – fertig ist der Nikolaschka, ein Cocktail, der es in den 1960er und 70er Jahren in West wie Ost zum Modegetränk brachte. Die Rezeptur ist freilich deutlich älter. Möglicherweise deutet sein Name auf eine Herkunft aus dem masurischen Ort Nikolaiken, heute polnisch: Mikołajki, hin. Neueste Spuren führen freilich eher in nordwestliche Richtung, denn wenn man den Ausführungen der Altonaer Neuesten Nachrichten vom 4. Juni 1925 trauen darf, firmierte der Nikolaschka in den 1920er Jahren als Signature drink im „Hotel Stadt Hamburg“, dem heutigen „Cap Polonio“, in Pinneberg. Überhaupt ist der Artikel darauf aus, die Altonaerinnen und Altonaer zu einem Ausflug in die gar nicht so ferne Nachbarstadt zu animieren. Rosa Leu ist ihm für uns gefolgt.
9 Minuten
„Die Revue ist das Aperçu unserer Zeit. Eine Kette von Aphorismen. Eine Galerie von Unterhaltungen auf ihre Essenz gebracht. Schlag auf Schlag. Rhythmus ist das Gesetz. Rhythmus ist die Urkraft unserer Zeit.“ – Was der Musikkritiker Oscar Bie hier so unnachahmlich auf den Punkt brachte, war konkret auf den Admiralspalast gemünzt, das Mitte der 1920er Jahre vielleicht bedeutendste Unterhaltungstheater Berlins, das seit 1923 von Herman Haller geleitet wurde und das Genre der Ausstattungsrevue in ungeahnte Dimensionen trieb. Die wichtigste Rolle in den Haller-Revuen mit ihren extravaganten Kostümen und rasanten Szenenwechseln kam wahrscheinlich den Tiller-Girls zu, einer legendären, nach ihren Gründern John und Lawrence Tiller benannten Kompagnie von Tänzerinnen, die mehr noch als für ihre Bubiköpfe für die Synchronizität ihrer Choreographien und vor allem ihrer Beinarbeit berühmt waren. In Berlin geriet die Revue „Noch und noch“ zum Winterhit des Jahres 1925. Wie sie in Hamburg bei ihrem Gastspiel im Schauspielhaus aufgenommen wurde, erfahren wir aus dem Hamburger Anzeiger vom 3. Juni 1925 von Frank Riede.
7 Minuten
Über achteinhalb Kilometer erstreckt sich von Ottensen stromabwärts entlang der Unterelbe Hamburgs, wenn nicht bekannteste, so doch wahrscheinlich mondänste Straße, die Elbchaussee. So lang freilich war sie nicht immer. Ihre östliche Hälfte, bis Othmarschen, nannte sich früher Flottbeker Chaussee, und eben auf diesem Teilstück wandelt ein mit W.S. zeichnender Autor für die Altonaer Neuesten Nachrichten vom 2. Juni 1925 vorbei an gepflegten Hecken und Rasenflächen, um zwischen so viel hanseatischer Gediegenheit einen völlig verwilderten Garten mit zugewachsener Villa aufzufinden und sogleich neugierig hineinzuspazieren. Was es mit diesem verwunschenen Schloss auf sich hatte und wer dort lebte – weiß Frank Riede.
7 Minuten
Der Pfingstmontag fiel im Jahre 1925 auf den 1. Juni, einen Montag. An diesem Tag erschienen keine Zeitungen, weshalb wir heute auf die Pfingst-Sonntagsangabe vom 31. Mai des Hamburger Echo zurückgreifen. In ihr erfahren wir, aus der Sicht der christlichen Parteien, Ungeheurliches: hatte doch der preußische Bildungsminister Otto Boelitz Philosophie als Pflichtfach auf das Curriculum der Oberschulen gesetzt. Die gegenüber diesem Vorstoß sehr positiv gestimmte sozialdemokratische Zeitung setzt bei der allgemeinen Frage, was denn überhaupt Philosophie sei, an, um dann den Kampf der Rechtsparteien gegen den Philosophieunterricht zu schildern, der, wie uns Frank Riede mitteilt, zwar erfolgreich war, aber die Philosophie nicht ganz aus der Schule vertreiben konnte.
8 Minuten
Der Hamburgische Correspondent war ein konservativer Vertreter seiner Zunft und stand, als solcher, in den 1920er Jahren der Deutschen Volkspartei nahe. Bei der Reichspräsidentenwahl 1925 hatte er mit der Kandidatur Paul von Hindenburgs sympathisiert und unterstützte in einem Artikel vom 31. Mai 1925 nun auch die Errichtung eines Nationaldenkmals, das im ostpreußischen Tannenberg an die dortige, mit Hindenburgs Name verbundene siegreiche Schlacht vom August 1914 gegen die russischen Truppen erinnern sollte. Tatsächlich sollte der hier besprochene Entwurf in ähnlicher Form bis 1927 realisiert und zu einem Monument deutschen Größenwahns werden. Um das Denkmal nicht in die Hände der Roten Armee fallen zu lassen, ließ Hitler die gigantomane Anlage samt der dort 1934 angelegten Hindenburg-Gruft im Januar 1945 sprengen. Während die Gebeine des Generalfeldmarschalls und seiner Frau ins hessische Marburg überführt werden konnten, gelangten die baulichen Überreste nach Warschau und fanden dort Eingang in das Gebäude des Zentralkomitees der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei. Rosa Leu liest einen nationalistisch bewegten Text, der von dieser Wendung der Geschichte naturgemäß nichts ahnen konnte.
7 Minuten
Die Wurzeln des skandinavischen Wohlfahrtsstaates werden allgemein in Schweden verortet, doch entwickelten sich auch in Dänemark die Sozialdemokraten bereits in den 1920er Jahren zur führenden politischen Kraft und stellten seit 1924 mit Thorvald Stauning erstmals den Ministerpräsidenten. Die Mehrheit seiner Regierung stand auf tönernen Füßen; vor allem der Landsting, die nominell erste Kammer des dänischen Reichstags, stellte sich bei vielen Gesetzesentwürfen quer. Dennoch zieht die sozialdemokratische Alte Liebe aus dem damals zu Hamburg gehörenden Cuxhaven am 30. Mai 1925 ein äußerst positives Fazit nach einem Jahr linker Regierung im Nachbarland. In ihrer Erfolgsliste führt sie dabei nicht nur sozial- und bildungspolitische Maßnahmen. Auch die Abrüstungspolitik der Regierung Stauning wird lobend vermerkt sowie deren Bestrebungen um einen deutsch-dänischen Ausgleich im nach dem Ersten Weltkrieg dänisch gewordenen Nordschleswig. Die Details kennt Frank Riede.
6 Minuten
Der südöstliche, hafennahe Teil der Hamburger Altstadt war Anfang des 20. Jahrhunderts noch ein echtes Arbeiterviertel mit schmalen Gassen, sogenannten Twieten, hoher Bevölkerungsdichte und entsprechend prekären hygienischen Lebensbedingungen. Unter der Ägide des seit 1909 amtierenden Oberbaudirektors Fritz Schumacher unterzog man dieses Areal einer durchgreifenden Flächensanierung, in deren Zuge die meisten der alten Bewohner in neue Wohngebiete auf der Veddel und in der Jarrestadt umgesiedelt wurden und auf dem Grund der alten Gängeviertel ein schickes neues, architektonisch bis heute hochgeschätztes Kontorhausviertel entstand. Der Hamburgische Correspondent berichtete am 29. Mai 1925 ausführlich von diesem (damals selbstredend so noch nicht genannten) Prozess der Gentrifizierung, deren Schattenseiten hier konsequent ausgeblendet bleiben. Es liest Rosa Leu.
8 Minuten
Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat die Debatten um pazifistische Positionen neu entfacht und verschärft. Kann Aufrüstung zu Frieden führen? Ist ein Frieden um jeden Preis wünschenswert? Wie ist das Verhältnis von militärischen Kriegshandlungen und Diplomatie? Angesichts dessen waren wir gespannt, als uns ein Artikel aus dem Hamburgischen Correspondenten vom 28. Mai 1925 zur „Utopie des Pazifismus“ in die Hände gelangte. Dass der konservative österreichische Autor Karl Anton Prinz Rohan, der sich später vorübergehend für den Nationalsozialismus einsetzte, dabei nicht gerade eine Lanze für den Pazifismus brechen würde ließ sich absehen. Seine Ideen zu einer europäischen Vereinigung zur Friedenssicherung überraschten da schon eher. Frank Riede trägt sie vor.
6 Minuten
Wieviel Prozent der Staatseinnahmen sollten für die Verteidigung ausgegeben werden? Das ist eine Frage, die immer wieder auf der politischen Agenda stand und deren Beantwortung mit dem Investitionspaket für die Bundeswehr aktuell eine besondere Wendung in der deutschen Nachkriegsgeschichte darstellt. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die Debatte unter etwas anderen Vorzeichen geführt. Es ging darum, in welchem Maße die Reichswehr wieder aufgebaut werden sollte, ab wann eine solche Aufrüstung Ängste bei den Nachbarn schüren würde, oder ob die Reichswehr gänzlich aufgelöst und eine neue Armee kreiert werden sollte. Von der Debatte zum Reichswehretat berichteten am 27. Mai 1925 die Altonaer Neuesten Nachrichten. Rosa Leu weiß, welche Fronten sich dabei zwischen den Parteien auftaten.
5 Minuten
Seit wann verfügt der Mensch über die Kunst des Tauchens? Mindestens seit der griechischen Antike, erfahren wir in den Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 26. Mai 1925, und weit am Anfang stand auch hier wie so häufig die militärische Nutzung, erst recht bei der Entwicklung technischer Hilfsmittel, die die menschliche Fortbewegung unter Wasser mit der Zeit immer weiter perfektionierte. Über den zeitgenössischen Stand des Tauchens in den 1920er Jahren erzählt der kleine historische Exkurs wenig, aber irgendwann wird uns bei Auf den Tag genau auch ein Artikel, der dies vertieft, ins Netz gehen. Heute tauchen wir also einstweilen nur in die Geschichte des Tauchens ein, und dies tut – ganz ohne Schnorchel und Sauerstoffgerät – Rosa Leu.
6 Minuten
Wie verschafft man sich einen möglichst umfassenden und nicht allzu sehr verzerrten Überblick über das politische Geschehen, woher bezieht man dabei seine Informationen? Diese Frage beschäftigt uns seit Jahren im Zeitalter des sinkenden Vertrauens gegenüber den öffentlich-rechtlichen und des Einflusses der sozialen Medien. Wer denkt, dass vor 100 Jahren die Lage übersichtlicher war, da nur wenige Radio hörten und es kein Fernsehen, kein Internet gab, dem empfehlen wir den Bericht über die Rede des Reichskanzlers Luther vor dem Reichsverband der Deutschen Presse aus der Wilhelmsburger Zeitung vom 25. Mai 1925. Er warnt vor, wir würden heute sagen, Informationsblasen, die dadurch entstünden, wenn nur eine Tageszeitung gelesen wird. Heute hilft uns Frank Riede bei der Entfaltung eines breiten Panoramas der Weimarer Republik.
13 Minuten
Mag England auch das Mutterland des modernen Sports sein, so ist dessen Aufschwung zu einem Phänomen, das die Massen in seinen Bann schlägt (und sich auch entsprechend vermarkten lässt), doch vor allem eine US-amerikanische Geschichte. Von diesem „Höher, schneller, weiter“ erzählte am 24. Mai 1925 höchst anschaulich der Hamburgische Correspondent in einem Artikel über die amerikanische Sportsaison, in dem von den klassischen amerikanischen Spielen wie Basketball, American Football oder Baseball überraschenderweise höchstens am Rande die Rede ist; stattdessen sehr viel mehr von Leichtathletik, Tennis oder Schwimmen. Beim Autor handelt es sich, den Vornamenkürzeln nach zu schließen, mit hoher Wahrscheinlichkeit um Franz Karl Anton Rose, einen Journalisten, der später vor allem mit nationalsozialistischer und antisemitischer Propagandaliteratur auffällig geworden ist. Was ihn in den 1920er Jahren nach New York verschlug, konnten wir nicht ermitteln – warum er den legendären Davis-Cup hier wörtlich mit Davis-„Becher“ übersetzt, auch nicht. Für uns am Start ist Frank Riede.
6 Minuten
Die Nordsee ist eine aggressive Nachbarin, auf Küstenlinien hat sie in der deutschen Bucht noch nie viel Rücksicht genommen. Auch die einzige deutsche Hochseeinsel Helgoland hatte über die Zeitläufe schwere Verluste zu verzeichnen, wurde unter anderem irgendwann von ihrer heutigen Nebeninsel Düne getrennt – und sah sich immer einmal wieder der Befürchtung ausgesetzt, irgendwann ganz im Meer zu verschwinden. Die Altonaer Neuesten Nachrichten vom 23. Mai 1925 erklären ein solches Szenario für die nähere und mittlere Zukunft für unwahrscheinlich, nehmen die entsprechende Debatte aber zum Anlass, noch einmal gegen die alten Kolonialherren aus England zu wettern, die zwischen 1807 und 1890 über Helgoland als Britischer Kronkolonie geherrscht hatten. Es liest Rosa Leu.