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  4. Die KI sieht den Krebs kommen …
Eine KI schaut auf eine unauffällige Mammografie und vergibt
ausgerechnet für die Brust einen höheren Verdachtswert, in der
Jahre später Krebs gefunden wird. Das klingt nach Glaskugel, ist
das Ergebnis einer norwegischen Untersuchung. Sofort taucht eine
unangenehme Frage auf: Möchte man so etwas vorher wissen, wenn
niemand sagen kann, was wirklich daraus wird?

In Folge 47 von KIRRE … na hör mal! spricht
Sabine darüber, was medizinische Früherkennung mit KI leisten
könnte und wo sie neue Sorgen schafft. Es geht um alte
Mammografie-Aufnahmen, eine schwedische Studie im echten
Screening-Alltag und die merkwürdige Lage, möglicherweise vor
einer Krankheit gewarnt zu werden, für die es noch gar keinen
eindeutigen Befund gibt. Eine Folge über große Chancen,
berechtigte Hoffnung und eine rote Risikozahl, die niemand
einfach kommentarlos mit nach Hause nehmen möchte.

Weiterführende Links

JAMA Network Open: Artificial Intelligence
Algorithm for Subclinical Breast Cancer Detection

https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2824353

The Lancet Digital Health: Ergebnisse der
schwedischen MASAI-Studie 

https://doi.org/10.1016/S2589-7500(24)00267-X

PubMed: MASAI-Studie zu Intervallkarzinomen,
Sensitivität und Spezifität 

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41620232/

National Cancer Institute: Nutzen und Risiken
des Brustkrebs-Screenings 

https://www.cancer.gov/types/breast/screening

Gemeinsamer Bundesausschuss:
Mammographie-Screening in Deutschland 

https://www.g-ba.de/themen/methodenbewertung/erwachsene/krebsfrueherkennung/mammographie-screening/

Kontakt für eigene Gedanken und Erfahrungen zu medizinischer
KI: 

hoermal@kirrepodcasting.com

Die norwegische Studie wertete Mammografien von mehr als 116.000
Frauen aus, die an mehreren aufeinanderfolgenden Screening-Runden
teilgenommen hatten. Bei einem Teil von ihnen wurde später
Brustkrebs diagnostiziert. Die Forschenden ließen eine
kommerzielle KI nachträglich auf die älteren Aufnahmen schauen.
Das System war ursprünglich dafür entwickelt worden, verdächtige
Veränderungen auf einer aktuellen Mammografie zu erkennen und
dafür einen Wert zwischen null und hundert zu vergeben.

Bei Frauen, die später erkrankten, lagen die KI-Werte in der
betroffenen Brust bereits vier bis sechs Jahre vor der Diagnose
höher als in der anderen Brust. Mit jeder weiteren Untersuchung
und der näher rückenden Diagnose wurde der Unterschied
deutlicher. Die Studie zeigt jedoch nicht, dass die KI einen
sicher vorhandenen Tumor sah, den Menschen übersehen hatten.
Möglich sind sehr frühe, damals noch nicht eindeutig erkennbare
Veränderungen oder Gewebemuster, die mit einem erhöhten späteren
Risiko zusammenhängen.

Die Untersuchung blickte rückwärts auf Fälle, deren Ausgang
bereits bekannt war. Keine der Frauen wurde aufgrund des
nachträglich ermittelten KI-Wertes zusätzlich untersucht oder
anders behandelt. Deshalb lässt sich daraus noch nicht ableiten,
welche Konsequenz ein solcher Wert im medizinischen Alltag haben
sollte. Ein erhöhtes Risiko ist keine Diagnose. Es kann auf eine
spätere Erkrankung hindeuten, ohne sicher vorherzusagen, ob, wann
oder wie schwer eine Frau tatsächlich erkrankt.

Gerade darin liegt die persönliche Zumutung dieser neuen
Möglichkeit. Viele Menschen möchten Krebs möglichst früh
erkennen, weil eine frühe Behandlung die Chancen verbessern kann.
Eine Warnung ohne sichtbaren Befund bringt jedoch keine einfache
Handlungsanweisung mit. Zusätzliche Mammografien, Ultraschall,
MRT oder eine Gewebeprobe können sinnvoll sein, verursachen aber
auch Belastungen. Bleiben diese Untersuchungen unauffällig,
verschwindet der ursprüngliche Verdacht nicht automatisch aus dem
Kopf.

Brustkrebs-Screening hat auch ohne KI Vor- und Nachteile. Ein
auffälliger Befund kann sich bei der Abklärung als harmlos
herausstellen. Solche falsch positiven Ergebnisse führen zu
weiteren Untersuchungen und können erhebliche Angst auslösen.
Außerdem werden beim Screening manchmal Tumoren gefunden, die zu
Lebzeiten der betroffenen Frau keine Beschwerden verursacht
hätten. Weil sich das Verhalten eines Tumors nicht immer sicher
vorhersagen lässt, können daraus Behandlungen entstehen, von
denen die Frau keinen gesundheitlichen Nutzen hat.

Die schwedische MASAI-Studie liefert wichtigere Hinweise für den
praktischen Einsatz. Dort wurde KI nicht erst nachträglich auf
bereits bekannte Fälle angesetzt, sondern direkt im laufenden
Mammografie-Screening verwendet. Mehr als 105.000 Frauen nahmen
an der randomisierten Untersuchung teil. Ein Teil erhielt die
übliche Befundung, beim anderen unterstützte eine KI die
Fachleute. Sie ordnete die Aufnahmen nach ihrem Verdachtsgrad,
markierte auffällige Bereiche und half dabei, den Arbeitsaufwand
zu verteilen.

Im KI-unterstützten Teil wurden 29 Prozent mehr Krebserkrankungen
entdeckt. Die zusätzlichen Funde waren überwiegend kleine
invasive Tumoren ohne Befall der Lymphknoten. Gleichzeitig stieg
die Rate falscher Alarme nicht wesentlich, und die Zahl der
notwendigen Bildbeurteilungen sank deutlich. Das spricht dafür,
dass KI im organisierten Screening mehr sein kann als eine
technische Spielerei. Sie kann helfen, verdächtige Bilder aus
einer großen Menge unauffälliger Aufnahmen herauszufischen.

Trotzdem arbeitet die KI nicht als selbstständige digitale
Ärztin. Sie liefert Werte, Markierungen und Wahrscheinlichkeiten.
Welche Untersuchung folgt und wie ein Ergebnis eingeordnet wird,
bleibt eine medizinische Entscheidung. Hinzu kommt, dass ein
System nicht automatisch in jedem Land, an jedem Gerät und bei
jeder Bevölkerungsgruppe gleich zuverlässig funktioniert.
Medizinische KI muss dort geprüft werden, wo sie später
eingesetzt wird, und ihre Leistung muss dauerhaft kontrolliert
werden.

Für Patientinnen zählt neben der technischen Genauigkeit vor
allem die Kommunikation. Eine erhöhte Risikozahl darf nicht ohne
Erklärung im Raum stehen. Wer eine mögliche schlechte Nachricht
Jahre früher erhält, braucht verständliche Angaben dazu, wie
sicher der Hinweis ist, welche Untersuchung empfohlen wird und
wann ein unauffälliges Ergebnis auch wieder Ruhe bedeuten darf.
Ohne einen klaren nächsten Schritt wird aus Früherkennung leicht
eine jahrelange Dauerunruhe.

Die Entwicklung berührt außerdem eine grundsätzliche Frage: Wie
viel Zukunft möchten Menschen über ihren eigenen Körper wissen?
Moderne Medizin kann immer mehr Risiken berechnen, lange bevor
Beschwerden auftreten. Solches Wissen kann Vorsorge ermöglichen,
aber es kann das Leben auch mit einer Krankheit überschatten, die
vielleicht niemals kommt. Mehr Daten schaffen deshalb nicht
automatisch mehr Kontrolle. Manchmal entsteht zunächst nur eine
neue Unsicherheit, mit der jemand umgehen muss.

Aktuell haben Frauen in Deutschland zwischen 50 und 75 Jahren
alle zwei Jahre Anspruch auf das organisierte
Mammografie-Screening. Ab August 2027 soll das Angebot auch
Frauen zwischen 45 und 49 Jahren offenstehen. Eine allgemeine
Chat-KI ist kein Ersatz für dieses Programm, eine ärztliche
Untersuchung oder ein Beratungsgespräch. ChatGPT kann Begriffe
aus einem Arztbrief erklären, sollte aber weder Mammografien
beurteilen noch ein persönliches Krebsrisiko festlegen.

Sabine kommt in dieser Folge zu keiner glatten Antwort. Sie würde
einen frühen Hinweis wahrscheinlich wissen wollen, aber nur
zusammen mit einem nachvollziehbaren Plan. Eine Warnung kann
hilfreich sein, wenn daraus eine sinnvolle Untersuchung oder
Behandlung folgt. Ein bloßer Verdachtswert, der jahrelang im
Hinterkopf sitzt, hilft dagegen wenig. Die Technik darf deshalb
nicht nur danach beurteilt werden, was sie erkennt, sondern auch
danach, was anschließend mit diesem Wissen geschieht.

KIRRE … na hör mal! ist ein deutschsprachiger
Podcast über künstliche Intelligenz im Alltag, in kreativer
Arbeit und in unserer Gesellschaft. Sabine, auch bekannt als
Applebee, schaut neugierig, kritisch und mit Humor darauf, was KI
und Algorithmen mit Menschen machen. Diese Episode richtet sich
an alle, die medizinische KI faszinierend finden, aber bei großen
Versprechen lieber noch einmal nachfragen, bevor sie einer roten
Zahl auf dem Bildschirm ihre Nachtruhe überlassen.

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„Die KI sieht den Krebs kommen …“

Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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