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Episoden

13 Minuten
Ein Geschichtsprofessor korrigiert eine Zwischenprüfung über die Industrielle Revolution. Zwischen Dampfmaschinen, Fabrikarbeit und technischen Umbrüchen taucht plötzlich Madagaskar auf. Erst einmal könnte das ein schräger Einfall sein. Dann erscheint die Insel in der nächsten Antwort und danach wieder. Manche Sätze klingen vollkommen absurd, etwa die Behauptung, Madagaskar schwebe seitwärts durch den Nachmittag. Sehr schnell wird klar: Hier haben nicht mehrere Studierende unabhängig voneinander denselben merkwürdigen Gedanken entwickelt. Sie sind auf eine unsichtbare Anweisung hereingefallen, die Professor Jason Gibson gezielt in die Aufgabenstellung eingebaut hatte. Die Geschichte klingt wie eine kleine Komödie, endete für viele Beteiligte aber mit einer nicht bestandenen Prüfungsleistung.

Gibson unterrichtet Geschichte an der Alcorn State University im US-Bundesstaat Mississippi. Seine Studierenden sollten technische Entwicklungen während der Industriellen Revolution mit heutigen Veränderungen vergleichen. Zwischen den sichtbaren Zeilen der Onlineaufgabe versteckte er einen Satz in weißer Schrift. Wer die Aufgabe normal las, sah ihn nicht. Wer dagegen den vollständigen Text kopierte und in einen KI-Chatbot einfügte, übertrug auch die verborgene Anweisung: Das Wort Madagaskar sollte an einer Stelle auftauchen, an der es keinen Sinn ergab. In 32 von 35 Antworten erschien daraufhin genau dieses Wort. Damit hatten die Studierenden praktisch selbst den Hinweis geliefert, dass ihre Texte von einem Chatbot erzeugt worden waren.

Weiterführende Links

t3n zum Fall Jason Gibson:  

https://t3n.de/news/professor-chatgpt-schummler-prompt-injection-weisser-text-trick-prufung-1754816/

Stanford SCALE zur Studie über KI, Notizen und Textverständnis:  

https://scale.stanford.edu/ai/repository/effects-llm-use-and-note-taking-reading-comprehension-and-memory-randomised

Alcorn State University, Jason Gibson:  

https://www.alcorn.edu/marketing-and-communication/faculty-expert-guide/college-arts-sciences/department-of-social-sciences/

Kontakt:

hoermal@kirrepodcasting.com

Der Fall war weniger eindeutig, als die Zahl zunächst vermuten lässt. Gibson erlaubte den betroffenen Studierenden, gegen die Bewertung Einspruch einzulegen. Zwei machten davon Gebrauch. Bei einer Person wurde die Note geändert, weil sie erklärte, im Dunkelmodus gearbeitet und dadurch den weißen Text gesehen zu haben. Sie hielt die Madagaskar-Anweisung für einen echten Bestandteil der Aufgabe. Der Professor akzeptierte diese Erklärung. Diese Wendung zeigt, warum selbst ein einfallsreicher Köder kein unfehlbares Beweismittel ist. Technische Einstellungen, Vorlesefunktionen oder Arbeitsweisen beim Kopieren können versteckte Texte sichtbar machen. Auch bei einem scheinbar eindeutigen Treffer bleibt deshalb eine menschliche Prüfung notwendig.

Gibson erklärte nach der großen öffentlichen Aufmerksamkeit, er habe keine Freude daran, Studierende durchfallen zu lassen. Sein Ziel sei nicht die Bloßstellung gewesen, sondern die Sicherung akademischer Integrität. Er beschrieb vielmehr seine Erschöpfung über zahlreiche Antworten, bei denen kaum eigenes Denken erkennbar war. Genau dieser Punkt macht die Geschichte größer als einen gelungenen Trick. Prüfungen sollen nicht lediglich fertige Wörter produzieren. Sie sollen sichtbar machen, ob jemand Zusammenhänge verstanden hat, Gedanken ordnen und begründen kann. Wer diese Arbeit vollständig an eine Maschine abgibt, erhält vielleicht einen sauberen Text, überspringt aber genau den Prozess, den die Aufgabe eigentlich trainieren sollte.

Eine randomisierte Untersuchung an Schulen in England ergänzt diese Beobachtung. Jugendliche arbeiteten dort beim Lernen entweder mit einem Sprachmodell, mit klassischen Notizen oder mit einer Kombination aus beidem. Die Gruppe, die ausschließlich das Sprachmodell verwendete, zeigte beim späteren Erinnern und Textverständnis schwächere Ergebnisse als Jugendliche, die selbst Notizen angefertigt hatten. Bemerkenswert war, dass viele Teilnehmende die KI trotzdem als besonders hilfreich empfanden. Sie machte schwierige Inhalte leichter zugänglich und verringerte die gefühlte Anstrengung. Das angenehmere Lerngefühl bedeutete jedoch nicht automatisch, dass mehr Wissen hängen blieb. Die Verbindung aus eigener Arbeit und KI-Unterstützung schnitt dagegen deutlich besser ab.

Die Folge verteufelt deshalb weder Chatbots noch ihren Einsatz in Schule und Studium. KI kann Begriffe erklären, Rückfragen stellen, Gegenpositionen liefern, Übungsaufgaben erzeugen oder Feedback zu einem selbst geschriebenen Entwurf geben. Problematisch wird es dort, wo sie den Teil übernimmt, der gelernt oder geprüft werden soll. Wer eine eigene Argumentation entwickeln soll, kann diese nicht komplett auslagern und anschließend behaupten, die Leistung selbst erbracht zu haben. Die sinnvolle Grenze hängt immer von der Aufgabe ab. Entscheidend ist, dass Lehrende transparent sagen, welche Nutzung erlaubt ist, und Lernende verstehen, warum bestimmte Denk- und Schreibarbeit trotz verfügbarer Technik weiterhin selbst erledigt werden muss.

Auch für erfahrene Selbstständige ist die Geschichte überraschend nah am Alltag. Ein Konzept, eine Präsentation oder eine Kundenmail kann in wenigen Sekunden erzeugt werden. Sobald der eigene Name daruntersteht, trägt jedoch nicht der Chatbot die Verantwortung. Wer bei einer Rückfrage nicht erklären kann, warum eine Aussage im Text steht, verliert schnell Vertrauen. Kundinnen interessiert es wenig, welches System den Fehler eingebaut hat. Sie erwarten, dass die beauftragte Person ihr Ergebnis kennt, beurteilt und vertreten kann. Sabine macht deshalb deutlich: Der berufliche Wert liegt nicht in möglichst vielen schnell erzeugten Seiten. Er liegt in der Fähigkeit, Qualität zu erkennen, Entscheidungen zu begründen und unpassenden Unsinn rechtzeitig auszusortieren.

Der weiße Text wird häufig als Prompt Injection bezeichnet, weil eine zusätzliche Anweisung in Material versteckt wird, das anschließend von einem KI-System verarbeitet wird. In diesem Fall war die Technik denkbar einfach. Sie brauchte weder ein Erkennungsprogramm noch eine geheime Prozentanzeige, die angeblich verrät, ob ein Text von einer KI stammt. Gerade diese Schlichtheit machte den Fall so anschaulich. Als allgemeine Kontrollmethode taugt sie trotzdem nur begrenzt. Sobald der Trick bekannt ist, können Nutzerinnen nach verstecktem Text suchen oder ihre Ergebnisse auf auffällige Begriffe prüfen. Dann beginnt ein Wettrüsten, bei dem beide Seiten mehr Energie in Tarnung und Enttarnung stecken als in tatsächliches Lernen.

Für den eigenen Umgang mit KI bleibt eine einfache, alltagstaugliche Frage: Kann ich erklären, was unter meinem Namen veröffentlicht oder abgegeben wird? Wer einen Text verstanden, überprüft und bewusst verändert hat, nutzt KI als Werkzeug. Wer ihn ungelesen weiterreicht, übergibt gleichzeitig die Kontrolle. Das gilt bei einer Prüfung ebenso wie bei Angeboten, Präsentationen, Artikeln oder wichtigen E-Mails. Ein kurzer Kontrollblick reicht dabei nicht immer. Namen, Zahlen, Quellen und zentrale Behauptungen müssen wirklich stimmen. Der Madagaskar-Fall zeigt lediglich die lustigste und sichtbarste Variante eines Problems, das im Berufsalltag meistens viel unspektakulärer daherkommt und gerade deshalb leichter durchrutscht.

KIRRE … na hör mal! erzählt Geschichten darüber, was künstliche Intelligenz mit Arbeit, Kreativität, Alltag und unserer Menschlichkeit macht. Sabine verbindet aktuelle Fälle mit ihrem Blick als erfahrene Diplom-Grafikdesignerin und langjährige Selbstständige, ohne Technikshow und ohne Weltuntergangsstimmung. Diese Episode eignet sich besonders für Menschen, die KI sinnvoll nutzen möchten, ohne das eigene Denken, Prüfen und Entscheiden abzugeben. Wer selbst schon einmal einen herrlich falschen KI-Satz entdeckt hat, kann die Geschichte an hoermal@kirrepodcasting.com schicken. Vielleicht war es keine seitwärts schwebende Insel. Wahrscheinlich war es aber mindestens genauso kirre und verdient einen Platz in einer späteren Folge.

Keywords: Madagaskar KI Prüfung, Jason Gibson Alcorn State University, KI Schummeln Studium, Prompt Injection weißer Text, ChatGPT Prüfungsleistung, KI und Lernen, KI-Texte kontrollieren, akademische Integrität, Textverständnis Sprachmodelle, KI in der Bildung, KIRRE Podcast, Sabine Eckermann, Applebee

 
13 Minuten
Eine KI schaut auf eine unauffällige Mammografie und vergibt ausgerechnet für die Brust einen höheren Verdachtswert, in der Jahre später Krebs gefunden wird. Das klingt nach Glaskugel, ist das Ergebnis einer norwegischen Untersuchung. Sofort taucht eine unangenehme Frage auf: Möchte man so etwas vorher wissen, wenn niemand sagen kann, was wirklich daraus wird?

In Folge 47 von KIRRE … na hör mal! spricht Sabine darüber, was medizinische Früherkennung mit KI leisten könnte und wo sie neue Sorgen schafft. Es geht um alte Mammografie-Aufnahmen, eine schwedische Studie im echten Screening-Alltag und die merkwürdige Lage, möglicherweise vor einer Krankheit gewarnt zu werden, für die es noch gar keinen eindeutigen Befund gibt. Eine Folge über große Chancen, berechtigte Hoffnung und eine rote Risikozahl, die niemand einfach kommentarlos mit nach Hause nehmen möchte.

Weiterführende Links

JAMA Network Open: Artificial Intelligence Algorithm for Subclinical Breast Cancer Detection

https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2824353

The Lancet Digital Health: Ergebnisse der schwedischen MASAI-Studie 

https://doi.org/10.1016/S2589-7500(24)00267-X

PubMed: MASAI-Studie zu Intervallkarzinomen, Sensitivität und Spezifität 

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41620232/

National Cancer Institute: Nutzen und Risiken des Brustkrebs-Screenings 

https://www.cancer.gov/types/breast/screening

Gemeinsamer Bundesausschuss: Mammographie-Screening in Deutschland 

https://www.g-ba.de/themen/methodenbewertung/erwachsene/krebsfrueherkennung/mammographie-screening/

Kontakt für eigene Gedanken und Erfahrungen zu medizinischer KI: 

hoermal@kirrepodcasting.com

Die norwegische Studie wertete Mammografien von mehr als 116.000 Frauen aus, die an mehreren aufeinanderfolgenden Screening-Runden teilgenommen hatten. Bei einem Teil von ihnen wurde später Brustkrebs diagnostiziert. Die Forschenden ließen eine kommerzielle KI nachträglich auf die älteren Aufnahmen schauen. Das System war ursprünglich dafür entwickelt worden, verdächtige Veränderungen auf einer aktuellen Mammografie zu erkennen und dafür einen Wert zwischen null und hundert zu vergeben.

Bei Frauen, die später erkrankten, lagen die KI-Werte in der betroffenen Brust bereits vier bis sechs Jahre vor der Diagnose höher als in der anderen Brust. Mit jeder weiteren Untersuchung und der näher rückenden Diagnose wurde der Unterschied deutlicher. Die Studie zeigt jedoch nicht, dass die KI einen sicher vorhandenen Tumor sah, den Menschen übersehen hatten. Möglich sind sehr frühe, damals noch nicht eindeutig erkennbare Veränderungen oder Gewebemuster, die mit einem erhöhten späteren Risiko zusammenhängen.

Die Untersuchung blickte rückwärts auf Fälle, deren Ausgang bereits bekannt war. Keine der Frauen wurde aufgrund des nachträglich ermittelten KI-Wertes zusätzlich untersucht oder anders behandelt. Deshalb lässt sich daraus noch nicht ableiten, welche Konsequenz ein solcher Wert im medizinischen Alltag haben sollte. Ein erhöhtes Risiko ist keine Diagnose. Es kann auf eine spätere Erkrankung hindeuten, ohne sicher vorherzusagen, ob, wann oder wie schwer eine Frau tatsächlich erkrankt.

Gerade darin liegt die persönliche Zumutung dieser neuen Möglichkeit. Viele Menschen möchten Krebs möglichst früh erkennen, weil eine frühe Behandlung die Chancen verbessern kann. Eine Warnung ohne sichtbaren Befund bringt jedoch keine einfache Handlungsanweisung mit. Zusätzliche Mammografien, Ultraschall, MRT oder eine Gewebeprobe können sinnvoll sein, verursachen aber auch Belastungen. Bleiben diese Untersuchungen unauffällig, verschwindet der ursprüngliche Verdacht nicht automatisch aus dem Kopf.

Brustkrebs-Screening hat auch ohne KI Vor- und Nachteile. Ein auffälliger Befund kann sich bei der Abklärung als harmlos herausstellen. Solche falsch positiven Ergebnisse führen zu weiteren Untersuchungen und können erhebliche Angst auslösen. Außerdem werden beim Screening manchmal Tumoren gefunden, die zu Lebzeiten der betroffenen Frau keine Beschwerden verursacht hätten. Weil sich das Verhalten eines Tumors nicht immer sicher vorhersagen lässt, können daraus Behandlungen entstehen, von denen die Frau keinen gesundheitlichen Nutzen hat.

Die schwedische MASAI-Studie liefert wichtigere Hinweise für den praktischen Einsatz. Dort wurde KI nicht erst nachträglich auf bereits bekannte Fälle angesetzt, sondern direkt im laufenden Mammografie-Screening verwendet. Mehr als 105.000 Frauen nahmen an der randomisierten Untersuchung teil. Ein Teil erhielt die übliche Befundung, beim anderen unterstützte eine KI die Fachleute. Sie ordnete die Aufnahmen nach ihrem Verdachtsgrad, markierte auffällige Bereiche und half dabei, den Arbeitsaufwand zu verteilen.

Im KI-unterstützten Teil wurden 29 Prozent mehr Krebserkrankungen entdeckt. Die zusätzlichen Funde waren überwiegend kleine invasive Tumoren ohne Befall der Lymphknoten. Gleichzeitig stieg die Rate falscher Alarme nicht wesentlich, und die Zahl der notwendigen Bildbeurteilungen sank deutlich. Das spricht dafür, dass KI im organisierten Screening mehr sein kann als eine technische Spielerei. Sie kann helfen, verdächtige Bilder aus einer großen Menge unauffälliger Aufnahmen herauszufischen.

Trotzdem arbeitet die KI nicht als selbstständige digitale Ärztin. Sie liefert Werte, Markierungen und Wahrscheinlichkeiten. Welche Untersuchung folgt und wie ein Ergebnis eingeordnet wird, bleibt eine medizinische Entscheidung. Hinzu kommt, dass ein System nicht automatisch in jedem Land, an jedem Gerät und bei jeder Bevölkerungsgruppe gleich zuverlässig funktioniert. Medizinische KI muss dort geprüft werden, wo sie später eingesetzt wird, und ihre Leistung muss dauerhaft kontrolliert werden.

Für Patientinnen zählt neben der technischen Genauigkeit vor allem die Kommunikation. Eine erhöhte Risikozahl darf nicht ohne Erklärung im Raum stehen. Wer eine mögliche schlechte Nachricht Jahre früher erhält, braucht verständliche Angaben dazu, wie sicher der Hinweis ist, welche Untersuchung empfohlen wird und wann ein unauffälliges Ergebnis auch wieder Ruhe bedeuten darf. Ohne einen klaren nächsten Schritt wird aus Früherkennung leicht eine jahrelange Dauerunruhe.

Die Entwicklung berührt außerdem eine grundsätzliche Frage: Wie viel Zukunft möchten Menschen über ihren eigenen Körper wissen? Moderne Medizin kann immer mehr Risiken berechnen, lange bevor Beschwerden auftreten. Solches Wissen kann Vorsorge ermöglichen, aber es kann das Leben auch mit einer Krankheit überschatten, die vielleicht niemals kommt. Mehr Daten schaffen deshalb nicht automatisch mehr Kontrolle. Manchmal entsteht zunächst nur eine neue Unsicherheit, mit der jemand umgehen muss.

Aktuell haben Frauen in Deutschland zwischen 50 und 75 Jahren alle zwei Jahre Anspruch auf das organisierte Mammografie-Screening. Ab August 2027 soll das Angebot auch Frauen zwischen 45 und 49 Jahren offenstehen. Eine allgemeine Chat-KI ist kein Ersatz für dieses Programm, eine ärztliche Untersuchung oder ein Beratungsgespräch. ChatGPT kann Begriffe aus einem Arztbrief erklären, sollte aber weder Mammografien beurteilen noch ein persönliches Krebsrisiko festlegen.

Sabine kommt in dieser Folge zu keiner glatten Antwort. Sie würde einen frühen Hinweis wahrscheinlich wissen wollen, aber nur zusammen mit einem nachvollziehbaren Plan. Eine Warnung kann hilfreich sein, wenn daraus eine sinnvolle Untersuchung oder Behandlung folgt. Ein bloßer Verdachtswert, der jahrelang im Hinterkopf sitzt, hilft dagegen wenig. Die Technik darf deshalb nicht nur danach beurteilt werden, was sie erkennt, sondern auch danach, was anschließend mit diesem Wissen geschieht.

KIRRE … na hör mal! ist ein deutschsprachiger Podcast über künstliche Intelligenz im Alltag, in kreativer Arbeit und in unserer Gesellschaft. Sabine, auch bekannt als Applebee, schaut neugierig, kritisch und mit Humor darauf, was KI und Algorithmen mit Menschen machen. Diese Episode richtet sich an alle, die medizinische KI faszinierend finden, aber bei großen Versprechen lieber noch einmal nachfragen, bevor sie einer roten Zahl auf dem Bildschirm ihre Nachtruhe überlassen.

Keywords: KI Krebsfrüherkennung, KI Mammografie, künstliche Intelligenz Brustkrebs, Brustkrebs früher erkennen, medizinische KI, KI in der Medizin, Mammographie-Screening, MASAI-Studie, Krebsrisiko KI, AI Mammography, Brustkrebs Screening, falscher Alarm Mammografie, Überdiagnose Brustkrebs, Früherkennung Chancen Risiken, KI Gesundheitsdaten, KI Diagnose, Intervallkarzinom, personalisiertes Screening, KIRRE Podcast, Sabine Eckermann, Applebee
12 Minuten
ChatGPT spricht fließend Deutsch. Trotzdem klingt es manchmal, als hätte es vorher ein amerikanisches Verkaufstraining besucht. Ideen werden begeistert gelobt, Kritik landet in einem weichen Kompliment-Sandwich und selbst eine klare Absage bekommt noch ein freundliches Schleifchen. Sabine nennt ihren KI-Assistenten liebevoll Chatty, muss ihm aber regelmäßig erklären, dass sie lieber Klartext hört als ein digitales „Wonderful choice!".

In Folge 46 von KIRRE … na hör mal! geht es um die kulturelle Prägung künstlicher Intelligenz. ChatGPT besitzt natürlich keinen Pass. Seine Antworten entstehen trotzdem nicht in einem kulturell leeren Raum. Trainingsdaten, menschliche Bewertungen und feste Verhaltensregeln beeinflussen, was das System als freundlich, hilfreich, angemessen oder verletzend behandelt. Wenn dabei ein bestimmter Kommunikationsstil zum Standard wird, fällt das besonders Menschen auf, die anders reden.

Weiterführende Links

Cao et al.: Assessing Cross-Cultural Alignment between ChatGPT and Human Societies. 

https://aclanthology.org/2023.c3nlp-1.7/

Tao et al.: Cultural Bias and Cultural Alignment of Large Language Models. 

https://arxiv.org/abs/2311.14096

Anthropic: Towards measuring the representation of subjective global opinions in language models.

https://www.anthropic.com/research/towards-measuring-the-representation-of-subjective-global-opinions-in-language-models

OpenAI: Sycophancy in GPT-4o 

https://openai.com/index/sycophancy-in-gpt-4o/

OpenAI: Making AI work for everyone, everywhere. 

https://openai.com/index/our-approach-to-localization/

OpenAI: ChatGPT-Persönlichkeit anpassen 

https://help.openai.com/en/articles/11899719/customizing-your-chatgpt-personality

Kontakt für eigene Erfahrungen mit dem kulturellen Ton von KI: 

hoermal@kirrepodcasting.com

Sabine erlebt diesen Unterschied bei der gemeinsamen Textarbeit. Sie bittet um direkte Kritik und bekommt zunächst die Versicherung, ihre Idee habe bereits eine starke Grundlage. Sie möchte wissen, ob ein Titel funktioniert, und Chatty erklärt begeistert, er sei persönlich, frech und ausgezeichnet. Das kann angenehm sein. Es kann aber auch nerven, weil Lob die eigentliche Antwort verzögert und Zustimmung nicht automatisch bedeutet, dass eine Idee trägt.

Dass dieser Eindruck nicht nur persönliches Genervtsein ist, zeigen mehrere Untersuchungen. Forschende verglichen Antworten von ChatGPT mit internationalen Daten zu kulturellen Werten. In einer Studie passte sich das System gut an einen amerikanischen Zusammenhang an, kam mit anderen kulturellen Kontexten jedoch schlechter zurecht. Fragen auf Englisch verringerten Unterschiede zwischen Ländern und verschoben Antworten stärker in Richtung amerikanischer Wertemuster.

Eine weitere Untersuchung nahm mehrere GPT-Modelle unter die Lupe und verglich ihre Antworten mit repräsentativen Befragungen aus vielen Ländern. Die Modelle ähnelten besonders englischsprachigen und protestantisch geprägten europäischen Gesellschaften. Ein ausdrücklicher kultureller Hinweis im Prompt verbesserte bei neueren GPT-Modellen die Übereinstimmung für 71 bis 81 Prozent der untersuchten Länder und Gebiete. Der Kontext kann also helfen, auch wenn er das Problem nicht vollständig löst.

Anthropic fand bei Tests mit Claude ein ähnliches Muster. Ohne genauere Vorgabe lagen die Antworten häufiger näher an Meinungen aus den USA sowie einigen europäischen und südamerikanischen Ländern. Wurde ein bestimmtes Land genannt, verschoben sich die Ergebnisse. Gleichzeitig konnten dabei neue Klischees entstehen. Aus kultureller Anpassung wird schnell eine Sammlung alter Schubladen, wenn das Modell ein Land auf wenige vermeintlich typische Eigenschaften reduziert.

Auch die Sprache allein reicht nicht. Eine deutsche Frage führt nicht automatisch zu einer Antwort, die für jede deutschsprachige Person natürlich klingt. Ein Podcastmanuskript braucht einen anderen Ton als ein Behördenbrief. Eine Beschwerde an ein Unternehmen darf direkter sein als eine Nachricht an eine Freundin. Wer nur „Schreib auf Deutsch" eingibt, überlässt der KI alle übrigen Entscheidungen über Nähe, Höflichkeit, Humor und Kritik.

OpenAI hat selbst erlebt, wie schwierig ein passender Standardton ist. Ein Update von GPT-4o wurde 2025 zurückgenommen, weil das Modell übertrieben schmeichelnd und zustimmend reagierte. Die Firma bezeichnete dieses Verhalten als sycophantisch: hilfreich gemeinte Unterstützung war in unehrliche Bestätigung gekippt. OpenAI räumte ein, dass eine einzige voreingestellte Persönlichkeit nicht zu allen Menschen und kulturellen Zusammenhängen passen kann.

Das Problem betrifft mehr als Geschmack. Ein zu höflicher Geschäftsbrief kann unklar bleiben. Eine weich formulierte Absage klingt womöglich wie eine Einladung zu weiteren Verhandlungen. Bei persönlichen Konflikten kann ein zustimmender Chatbot die Sicht des Nutzers verstärken, obwohl wichtige Informationen fehlen. Freundlichkeit ist dann keine harmlose Dekoration mehr, sondern beeinflusst, wie ein Mensch eine Situation bewertet und welche Entscheidung er anschließend trifft.

Sabine möchte deshalb keinen unfreundlichen Bot. Sie möchte einen ehrlichen. Wenn eine Überschrift nichts taugt, soll Chatty das sagen. Wenn ein Plan Lücken hat, soll er sie finden, bevor sie zum Problem werden. Ein guter Assistent bestätigt nicht jeden Gedanken, sondern widerspricht, wenn es nötig ist. Das gilt für Menschen am Küchentisch genauso wie für künstliche Intelligenz auf dem Bildschirm.

Nutzerinnen und Nutzer können den Stil inzwischen stärker beeinflussen. In den ChatGPT-Einstellungen lassen sich ein Grundton und persönliche Anweisungen festlegen. Für wichtige Aufgaben lohnt es sich außerdem, Zielgruppe, Land und Situation ausdrücklich zu nennen. Statt „Schreib freundlich" hilft eine klare Vorgabe wie: „Schreib für ein deutschsprachiges Podcastpublikum, direkt und locker, ohne Coaching-Sprache und ohne künstliches Lob."

Eigene Textbeispiele wirken oft besser als eine lange Liste von Adjektiven. Ein echter Absatz zeigt Satzlänge, Rhythmus, Humor und Wortwahl. Auch Korrekturen sollten konkret sein. „Streiche das Lob", „Sag zuerst, was nicht funktioniert" und „Stell am Ende keine Rückfrage" geben dem System mehr Orientierung als die allgemeine Forderung, menschlicher oder natürlicher zu schreiben.

Wer regelmäßig mit derselben KI arbeitet, sollte diese Vorgaben nicht bei jeder Unterhaltung neu erfinden. Gespeicherte Anweisungen schaffen einen brauchbaren Ausgangspunkt. Perfekt werden die Antworten dadurch trotzdem nicht. Modelle ändern sich, Aufgaben unterscheiden sich und manchmal rutscht der alte Ton wieder durch. Dann hilft eine kurze, klare Korrektur meist mehr als höfliches Herumreden.

Die Folge macht sich nicht über Amerikaner lustig und erklärt deutsche Direktheit nicht zur einzig richtigen Kommunikationsform. Jeder Stil hat blinde Flecken. Mancher deutsche Ton könnte ein wenig Wärme gut vertragen, während übertriebene Freundlichkeit Kritik bis zur Unkenntlichkeit verpackt. Entscheidend ist, dass Nutzer erkennen: Der scheinbar neutrale Standard einer KI ist ebenfalls eine kulturelle Entscheidung.

OpenAI arbeitet inzwischen ausdrücklich an stärkerer Lokalisierung. Systeme sollen nicht nur Sprachen übersetzen, sondern lokale Normen, Gesetze und Gewohnheiten berücksichtigen. Das ist wichtig, weil künstliche Intelligenz weltweit genutzt wird. Ein Modell, das überall gleich spricht, behandelt nicht automatisch alle Menschen gleich gut. Manchmal bedeutet Fairness gerade, Unterschiede ernst zu nehmen.

Am Ende bleibt Chatty für Sabine ein geschätzter Mitarbeiter mit amerikanischem Einschlag. Er darf freundlich sein, Witze machen und sich über eine gute Idee freuen. Nur das automatische Dauerlob kann er behalten. Wenn Sabine Klartext verlangt, soll sie Klartext bekommen. Und wenn der Ami wieder durchkommt, wird das digitale Servicegrinsen eben noch einmal freundlich, aber bestimmt weggewischt.

KIRRE … na hör mal! ist ein deutschsprachiger Podcast über künstliche Intelligenz im Alltag, in kreativer Arbeit und in unserer Gesellschaft. Sabine, auch bekannt als Applebee, schaut neugierig, kritisch und mit Humor darauf, was KI und Algorithmen mit Menschen machen. Diese Episode richtet sich an alle, die ChatGPT gern nutzen, aber bei überschwänglichem Lob, falscher Zustimmung und weichgespülter Kritik gelegentlich die Augen verdrehen.

Keywords: ChatGPT kulturelle Prägung, ChatGPT amerikanisch, amerikanischer Kommunikationsstil, KI kulturelle Werte, kulturelle Verzerrung KI, Cultural Bias LLM, ChatGPT zu freundlich, ChatGPT Zustimmung, Sycophancy, KI Lobhudelei, ChatGPT Schreibstil, ChatGPT Personalisierung, ChatGPT Persönlichkeit, KI auf Deutsch, deutsche Direktheit, KI im Alltag, KI Kommunikation, KIRRE Podcast, Sabine Eckermann, Applebee

 
12 Minuten
KI soll Zeit sparen. Aber was passiert, wenn man der KI zum fünfundzwanzigsten Mal erklären muss, wie ein Text klingen soll, und anschließend wieder einen Vortrag bekommt? Sabine erlebt ihre eigene KI-Müdigkeit ausgerechnet beim Schreiben dieser Podcastfolge. Aus der versprochenen Arbeitserleichterung werden neue Anweisungen, Korrekturen und ein Sonntagabend mit ziemlich dickem Hals.

In Folge 45 von KIRRE … na hör mal! geht es um die Frage, warum ChatGPT, Claude und andere KI-Systeme gleichzeitig hilfreich und anstrengend sein können. Die Geschichte führt vom störrischen Podcastmanuskript über erfundene Urlaubsziele und vegetarische Rezepte mit Hähnchen bis zur Arbeitswelt, in der gesparte Zeit selten als Freizeit zurückgegeben wird. Eine unterhaltsame Folge für alle, die KI gern benutzen und sie trotzdem manchmal einfach zuklappen möchten.

Weiterführende Links

Bitkom Research: „KI macht Spaß, aber nicht allen"

https://bitkom-research.de/news/ki-macht-spass-aber-nicht-allen

Studie zu emotionaler und kognitiver Müdigkeit durch Unsicherheit bei generativer KI 

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0268401225001422

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: KI-unterstützte Arbeit zwischen Handlungsspielraum und Arbeitsintensität 

https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Bericht-kompakt/KI-unterstuetzte-Arbeit

Bitkom: Digitale Schule 2025  

https://www.bitkom.org/Bitkom/Publikationen/Digitale-Schule-2025

IU-Studie: Digitaler Stress in Deutschland  

https://www.iu.de/forschung/studien/digitaler-stress/

Kontakt für eigene Erfahrungen mit KI-Müdigkeit:

hoermal@kirrepodcasting.com

Das Manuskript dieser Episode liefert sein eigenes Fallbeispiel gleich mit. Sabine arbeitet bei der Vorbereitung ihres Podcasts regelmäßig mit KI und hat sehr genaue Regeln für Ton, Aufbau und Sprachrhythmus entwickelt. Trotzdem passiert immer wieder dasselbe: Ein System bestätigt sämtliche Vorgaben und produziert anschließend einen sachlich richtigen, aber steifen Text. Der klingt ordentlich, lässt sich jedoch schlecht sprechen und noch schlechter anhören. Mehrere Korrekturrunden später ist von der angekündigten Zeitersparnis wenig übrig.

Diese Erfahrung hatte Sabine bereits mit Claude gemacht. Die ersten Episoden klangen locker, persönlich und unterhaltsam. Mit der Zeit wurden die Texte immer sachlicher und ähnelten zunehmend Vorträgen. Neue Hinweise halfen jeweils nur kurz. Schließlich begann bei jeder weiteren Folge dieselbe Korrekturschleife. Genau diese Mischung aus hoher Erwartung, wiederholtem Erklären und enttäuschendem Ergebnis beschreibt eine sehr persönliche Form der KI-Müdigkeit.

Eine wissenschaftliche Untersuchung mit 832 Nutzer*innen generativer KI passt erstaunlich genau dazu. Die Forschenden unterscheiden zwischen zwei Belastungen. Unsicherheit beim Formulieren des Prompts erzeugt eher emotionale Müdigkeit. Unsicherheit über die Zuverlässigkeit der Antwort belastet stärker den Kopf. Wer KI benutzt, muss deshalb häufig zweimal arbeiten: zuerst an der passenden Frage und anschließend an der Prüfung des Ergebnisses.

Im Alltag zeigt sich das schon bei kleinen Aufgaben. Aus vorhandenen Lebensmitteln soll schnell ein Rezept entstehen, doch die KI ergänzt Zutaten, die gar nicht im Haus sind. Eine Korrektur führt zur nächsten, bis die selbst gemachte Gemüsepfanne schneller gewesen wäre. Bei einer Urlaubsplanung fällt der zusätzliche Aufwand später auf. Das vorgeschlagene Café kann längst geschlossen, eine Veranstaltung veraltet oder ein angeblicher Geheimtipp unzugänglich sein. Der fertige Plan entsteht in Sekunden, seine Kontrolle braucht deutlich länger.

Eine repräsentative deutsche Befragung zeigt das widersprüchliche Verhältnis vieler Menschen zur künstlichen Intelligenz. Die meisten Nutzer*innen erleben KI als hilfreich und haben Spaß damit. Trotzdem würde fast ein Drittel von ihnen lieber in einer Welt ohne KI leben. Begeisterung und Erschöpfung schließen sich offenbar nicht aus. Ein Werkzeug kann den Alltag erleichtern und gleichzeitig so viel Aufmerksamkeit verlangen, dass man es zeitweise nicht mehr sehen möchte.

Dabei begegnet KI längst auch Menschen, die keinen Chatbot bewusst öffnen. Suchmaschinen zeigen automatisch erzeugte Zusammenfassungen, Messenger bauen KI-Funktionen ein und soziale Netzwerke füllen sich mit künstlichen Bildern. Jede erstaunliche Aufnahme bringt deshalb eine zusätzliche Frage mit: Ist das wirklich passiert oder wurde es generiert? Aus bequemem Konsum wird eine dauernde kleine Echtheitsprüfung, die nebenbei im Kopf läuft.

Familien erleben diese Unsicherheit besonders deutlich. Eltern müssen einschätzen, ob KI bei den Hausaufgaben sinnvoll geholfen oder die komplette Arbeit übernommen hat. Schulen haben dafür oft unterschiedliche Regeln. Manche Lehrkräfte erlauben ChatGPT zum Strukturieren, andere untersagen jede Nutzung. Schüler*innen sollen KI-Kompetenz entwickeln und gleichzeitig vermeiden, unter Täuschungsverdacht zu geraten. So entsteht neuer Stress rund um eine Technik, die das Lernen eigentlich unterstützen soll.

Ältere Menschen sind ebenfalls betroffen, auch wenn sie selbst keine generative KI verwenden. Sie sollen künstliche Stimmen erkennen, manipulierte Bilder anzweifeln und Gesundheitsinformationen prüfen. Familienmitglieder mit mehr technischer Erfahrung werden zur privaten Beratungsstelle. Sie erklären neue Funktionen, kontrollieren verdächtige Inhalte und wissen trotzdem nicht immer sicher, ob ihre Einschätzung stimmt. Diese zusätzliche Denkarbeit taucht in keiner Statistik zur Zeitersparnis auf.

Am Arbeitsplatz wird der Widerspruch besonders sichtbar. Rund 60 Prozent der Beschäftigten in Deutschland nutzen bereits KI im Beruf. Untersuchungen verbinden die intensivere Nutzung mit größerem Handlungsspielraum, aber auch mit höherer Arbeitsintensität. Wird eine Aufgabe schneller erledigt, entsteht daraus selten eine Pause. Häufig passt lediglich mehr Arbeit in denselben Tag. Gleichzeitig bleiben die Beschäftigten für Fehler verantwortlich und müssen die schnellen Ergebnisse sorgfältig prüfen.

Erfolgsgeschichten im Internet erhöhen den Druck. Dort entstehen angeblich komplette Webseiten, Bücher oder Kurse in wenigen Minuten. Die spätere Arbeit an Fehlern, Formulierungen, Technik und rechtlichen Angaben wird selten erwähnt. Wer selbst mehrere Stunden braucht, vergleicht sein vollständiges Ergebnis mit einer geschönten Kurzfassung und hält sich anschließend für langsam. Die vermeintliche Arbeitserleichterung erzeugt dadurch ein neues Gefühl von Unzulänglichkeit.

KI trifft außerdem auf eine Gesellschaft, die bereits vor ChatGPT ständig erreichbar war. Eine deutsche Studie zu digitalem Stress zeigt, dass mehr als die Hälfte der Menschen gern häufiger offline wäre. Smartphones, Nachrichten und soziale Netzwerke beanspruchen schon lange Aufmerksamkeit vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Generative KI setzt eine weitere Schicht darauf, weil sie ständig neue Funktionen anbietet und niemals fertig gelernt ist.

Sabines Antwort darauf ist keine Abkehr von der Technik. Sie nutzt KI weiterhin täglich, erlaubt sich aber, eine Korrekturschleife abzubrechen oder eine Aufgabe wieder selbst zu übernehmen. Ein Essen darf ohne Prompt entstehen, ein Ausflug muss nicht vollständig geplant sein und eine persönliche Nachricht darf einen kleinen Fehler enthalten. Eine Pause von KI ist kein Rückschritt. Sie ist manchmal schlicht die schnellste Methode, den eigenen Kopf wieder freizubekommen.

KIRRE … na hör mal! ist ein deutschsprachiger Podcast über künstliche Intelligenz im Alltag, in kreativer Arbeit und in unserer Gesellschaft. Sabine, auch bekannt als Applebee, schaut neugierig, kritisch und mit Humor darauf, was KI und Algorithmen mit Menschen machen. Diese Episode richtet sich besonders an alle, die künstliche Intelligenz gern nutzen, aber keine Lust haben, ihre gesamte freie Zeit mit neuen Tools, besseren Prompts und der Kontrolle angeblich fertiger Ergebnisse zu verbringen.

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15 Minuten
Ein Mann zeigt in einer Campinggruppe sein angeblich traumhaftes Gespann: ein schickes Auto, einen luxuriösen Wohnwagen und Aufnahmen, auf denen er selbst lässig im edlen Innenraum sitzt. Die Kommentare überschlagen sich vor Bewunderung. Nur Sabine schaut genauer hin und erkennt, dass Fahrzeug, Wohnwagen und Kulisse mit KI erzeugt wurden. Der stolze Besitzer schweigt und nimmt den Applaus trotzdem mit. Diese Facebook-Szene eröffnet Folge 44 von KIRRE … na hör mal! und führt zu der Frage: Wie viel Anerkennung darf man für etwas annehmen, das eine Maschine hergestellt hat?

Unter dem Titel „Fremde Federn. Fetter Applaus. Alles KI!" geht es um heimliche KI-Autorenschaft, erfundene Bilder und das merkwürdige Gefühl, wenn ein Werk beeindruckt, der angebliche Urheber aber wenig damit zu tun hatte. Der Einsatz von ChatGPT bedeutet für Sabine keineswegs automatisch Schummeln. Sie nutzt KI selbst für ihre Podcastmanuskripte. Heikel wird es, wenn jemand die Entstehung bewusst verschweigt, weil der Beifall mit der Wahrheit vermutlich kleiner ausfallen würde. Dann baut die KI eine Verkleidung für die eigene Leistung.

Wie persönlich diese Frage werden kann, zeigt eine zweite Geschichte aus Sabines Umfeld. Eine Freundin bekommt gelegentlich kleine Liebeserklärungen von ihrem Mann, vermutet dahinter allerdings regelmäßig ChatGPT. Die Sätze klingen schön, passen aber nicht recht zu dem Menschen, den sie seit Jahren kennt. Forschung der britischen University of Kent bestätigt dieses Unbehagen. In sechs Studien mit fast 4.000 Teilnehmenden wurden Menschen deutlich kritischer, sobald sie erfuhren, dass persönliche Nachrichten wie Liebesbriefe, Entschuldigungen, Eheversprechen oder Heiratsanträge mit KI geschrieben worden waren. Die Absender galten als weniger fürsorglich, weniger glaubwürdig und fauler. Bei praktischen Aufgaben wie Rezepten oder Terminplanung reagierten die Befragten wesentlich gelassener. Offenbar darf künstliche Intelligenz den Alltag organisieren, während wir bei Gefühlen weiterhin echte menschliche Mühe erwarten.

Eine weitere aktuelle Untersuchung beschreibt die sogenannte AI Ghostwriting Remorse, also das schlechte Gewissen nach dem heimlichen Schreibenlassen. In fünf Experimenten fühlten sich Menschen schuldig, wenn sie gefühlvolle KI-Texte als ihre eigenen verschickten. Ausschlaggebend war weniger die Qualität der Nachricht als das Gefühl, den Empfänger über die Herkunft zu täuschen. Die Reue nahm ab, wenn der Text nicht versendet wurde oder an eine wenig vertraute Person ging. Für Sabine ist das ein deutlicher Hinweis: Unser Gewissen unterscheidet erstaunlich fein zwischen praktischer Unterstützung und einer geliehenen Stimme, die wir als unsere eigene ausgeben.

Danach führt die Episode an das Dartmouth College in den USA, einen historischen Ort der KI-Forschung. Dort wurde 1956 der Begriff künstliche Intelligenz geprägt. Siebzig Jahre später geriet der akademische Verantwortliche Santiago Schnell wegen seiner KI-Nutzung in die Kritik. In der Washington Post hatte er Studierende davor gewarnt, Denken und Schreiben an Maschinen auszulagern. Recherchen der Studentenzeitung legten anschließend nahe, dass dieser und weitere Texte stark mit KI entstanden sein könnten. Schnell räumte unterstützende KI-Nutzung ein, bestritt aber einen Ersatz seiner Autorenschaft. Die Hochschule kündigte eine Prüfung an.

Sabine bleibt vorsichtig, weil ein Teil der Vorwürfe auf einem KI-Detektor beruht. Solche Programme liefern keine unfehlbaren Beweise. Die Ironie bleibt: Wer andere vor dem Auslagern geistiger Arbeit warnt, muss die eigene KI-Unterstützung besonders überzeugend erklären. Ähnlich erging es der australischen Professorin Cath Ellis, die ausgerechnet für akademische Integrität zuständig ist. Auch sie warnte vor Abkürzungen beim Denken, obwohl ihr eigener Beitrag teilweise mit KI entstanden war. Ihre Universität verteidigte das als angemessene Nutzung eigener Vorarbeiten. Gelten für Lehrende und Lernende wirklich dieselben Maßstäbe?

Passend dazu stellt Sabine Forschung der Ludwig-Maximilians-Universität München zum KI-Ghostwriter-Effekt vor. Versuchspersonen verfassten Postkarten mit unterschiedlich starker Unterstützung durch künstliche Intelligenz. Je größer ihr eigener Anteil war, desto stärker fühlten sie sich als Urheber. Einige setzten allerdings auch dann ihren Namen unter einen Text, wenn sie kaum daran mitgeschrieben hatten und innerlich wenig Besitzgefühl dafür empfanden. Menschen merken demnach durchaus, dass ein Ergebnis nicht ganz ihres ist, nehmen die sichtbare Autorenschaft aber gelegentlich trotzdem an. Genau hier entstehen die fremden Federn aus dem Episodentitel.

Die Folge bleibt nicht bei prominenten Fällen stehen, sondern wirft auch einen ehrlichen Blick auf Sabines eigene Arbeit. Ihre Manuskripte entstehen mit KI-Unterstützung, doch beim Einsprechen merkt sie sofort, wenn ein Text zwar sachlich richtig ist, aber nicht nach ihr klingt. Solche Sätze fühlen sich an wie Schuhe in der falschen Größe. Dann muss sie selbst wieder an den Text, streichen, umformulieren und ihre eigene Stimme zurückholen. Für sie darf KI recherchieren, sortieren und Entwürfe liefern. Verantwortung, Ton und Entscheidung bleiben bei dem Menschen, dessen Name am Ende daruntersteht.

Als praktische Orientierung schlägt die Episode eine einfache Frage vor: Würdest du den Applaus noch genauso gern annehmen, wenn alle wüssten, wie dein Ergebnis entstanden ist? Wer das offen bejahen kann, hat wahrscheinlich einen guten Umgang mit dem Werkzeug gefunden. Wer die Herkunft lieber verschweigt, weil sonst Anerkennung, Vertrauen, eine Note, ein Auftrag oder die Wirkung einer Liebeserklärung schrumpfen könnten, sollte genauer hinschauen. Nicht jede E-Mail braucht einen technischen Beipackzettel. Sobald aber die persönliche Leistung selbst der Grund für die Anerkennung ist, verändert heimliche KI-Hilfe die Bedeutung des Ergebnisses.

Folge 44 verbindet eine absurde Campinggeschichte, aktuelle Forschung aus Deutschland und Großbritannien sowie internationale Hochschulfälle zu einer unterhaltsamen Auseinandersetzung mit KI, Ehrlichkeit und Anerkennung. Sie richtet sich an alle, die ChatGPT beruflich oder privat nutzen und sich fragen, wo hilfreiche Unterstützung endet und Täuschung beginnt. Auch Kreative, Selbstständige, Lehrende, Studierende und Empfänger auffällig perfekter Texte finden hier Stoff zum Schmunzeln und Weiterdenken.

Am Ende kehrt Sabine zu dem Mann im erfundenen Wohnwagen zurück. Sein Problem war nicht das KI-Bild selbst. Hätte er offen gezeigt, wie er seinen Traum mit einem Bildgenerator visualisiert hat, wäre daraus ein interessanter und kreativer Beitrag geworden. Heikel wurde es, weil er die anderen an eine falsche Wirklichkeit glauben ließ und ihren Beifall für Besitz, Geschmack und Lebensstil entgegennahm. KIRRE … na hör mal! ist ein deutschsprachiger Podcast über künstliche Intelligenz im Alltag, in kreativer Arbeit und in unserer Gesellschaft. Sabine, auch bekannt als Applebee, schaut neugierig, kritisch und mit Humor darauf, was KI und Algorithmen mit Menschen machen. Diese Episode richtet sich besonders an alle, die KI gern nutzen, ihre eigene Stimme dabei aber nicht verstecken und fremde Maschinenfedern nicht als persönliche Pfauenpracht verkaufen möchten.

Weiterführende Links

The Dartmouth – Bericht über Santiago Schnells KI-Nutzung: 

https://www.thedartmouth.com/article/2026/09/schnell-ai-writing

LMU München – „Who wrote it? The AI ghostwriter effect": 

https://www.lmu.de/en/newsroom/news-overview/news/who-wrote-it-the-ai-ghostwriter-effect-80ece661.html

University of Kent – Studie zu KI in Liebesbriefen und persönlichen Nachrichten:  

https://www.kent.ac.uk/news/cyber-security-digital-technology-and-communication/37611/using-ai-for-love-letters-can-backfire-new-study-finds

Psychology & Marketing – Studie „AI Ghostwriting Remorse": 

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/cb.70057

The Atlantic – Überblick über die Fälle Santiago Schnell, Cath Ellis und Steven Rosenbaum:

https://www.theatlantic.com/technology/2026/10/meet-the-ai-writing-hypocrites/688872/

Kontakt für eigene Geschichten, Gegenbeispiele und fremde Federn:

hoermal@kirrepodcasting.com

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Über diesen Podcast

Sabine ist Diplom-Grafikdesignerin mit Leib und Seele, seit Jahren KI-Anwenderin aus Überzeugung – und jemand, der sich nicht einkriegen kann, wenn Technik versagt. Sie arbeitet täglich mit KI. Sie staunt, sie flucht, sie probiert aus, sie verwirft, sie fängt nochmal von vorne an. Und sie redet darüber. In KIRRE geht es um das, was KI wirklich mit unserem Leben macht. Nicht mit dem Leben in Tech-Blogs und Zukunftsszenarien – sondern mit unserem. Mit unserer Arbeit, unseren Bildern, unseren Beziehungen, unserer Sprache, unseren Kindern, unserer Gesundheit und unserem Alltag. Was du hier bekommst: Echte Geschichten. Klare Haltung. Manchmal Humor, manchmal ein nachdenklicher Moment. Und immer ein menschlicher Blick auf eine Welt, die gerade ganz schön viel auf einmal von uns verlangt. KIRRE richtet sich an alle, die neugierig auf KI sind, aber keine Lust haben auf Hype, Buzzwords und leere Versprechen. An alle, die verstehen wollen, was gerade passiert – ohne Doktortitel. Bleib wach. Bleib neugierig. Und lass dich nicht kirre machen.
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