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  4. Chatty ist Ami. Ob mir das passt oder nicht!
ChatGPT spricht fließend Deutsch. Trotzdem klingt es manchmal,
als hätte es vorher ein amerikanisches Verkaufstraining besucht.
Ideen werden begeistert gelobt, Kritik landet in einem weichen
Kompliment-Sandwich und selbst eine klare Absage bekommt noch ein
freundliches Schleifchen. Sabine nennt ihren KI-Assistenten
liebevoll Chatty, muss ihm aber regelmäßig erklären, dass sie
lieber Klartext hört als ein digitales „Wonderful choice!".

In Folge 46 von KIRRE … na hör mal! geht es um
die kulturelle Prägung künstlicher Intelligenz. ChatGPT besitzt
natürlich keinen Pass. Seine Antworten entstehen trotzdem nicht
in einem kulturell leeren Raum. Trainingsdaten, menschliche
Bewertungen und feste Verhaltensregeln beeinflussen, was das
System als freundlich, hilfreich, angemessen oder verletzend
behandelt. Wenn dabei ein bestimmter Kommunikationsstil zum
Standard wird, fällt das besonders Menschen auf, die anders
reden.

Weiterführende Links

Cao et al.: Assessing Cross-Cultural Alignment between ChatGPT
and Human Societies. 

https://aclanthology.org/2023.c3nlp-1.7/

Tao et al.: Cultural Bias and Cultural Alignment of Large
Language Models. 

https://arxiv.org/abs/2311.14096

Anthropic: Towards measuring the representation of subjective
global opinions in language models.

https://www.anthropic.com/research/towards-measuring-the-representation-of-subjective-global-opinions-in-language-models

OpenAI: Sycophancy in GPT-4o 

https://openai.com/index/sycophancy-in-gpt-4o/

OpenAI: Making AI work for everyone, everywhere. 

https://openai.com/index/our-approach-to-localization/

OpenAI: ChatGPT-Persönlichkeit anpassen 

https://help.openai.com/en/articles/11899719/customizing-your-chatgpt-personality

Kontakt für eigene Erfahrungen mit dem kulturellen Ton von
KI: 

hoermal@kirrepodcasting.com

Sabine erlebt diesen Unterschied bei der gemeinsamen Textarbeit.
Sie bittet um direkte Kritik und bekommt zunächst die
Versicherung, ihre Idee habe bereits eine starke Grundlage. Sie
möchte wissen, ob ein Titel funktioniert, und Chatty erklärt
begeistert, er sei persönlich, frech und ausgezeichnet. Das kann
angenehm sein. Es kann aber auch nerven, weil Lob die eigentliche
Antwort verzögert und Zustimmung nicht automatisch bedeutet, dass
eine Idee trägt.

Dass dieser Eindruck nicht nur persönliches Genervtsein ist,
zeigen mehrere Untersuchungen. Forschende verglichen Antworten
von ChatGPT mit internationalen Daten zu kulturellen Werten. In
einer Studie passte sich das System gut an einen amerikanischen
Zusammenhang an, kam mit anderen kulturellen Kontexten jedoch
schlechter zurecht. Fragen auf Englisch verringerten Unterschiede
zwischen Ländern und verschoben Antworten stärker in Richtung
amerikanischer Wertemuster.

Eine weitere Untersuchung nahm mehrere GPT-Modelle unter die Lupe
und verglich ihre Antworten mit repräsentativen Befragungen aus
vielen Ländern. Die Modelle ähnelten besonders englischsprachigen
und protestantisch geprägten europäischen Gesellschaften. Ein
ausdrücklicher kultureller Hinweis im Prompt verbesserte bei
neueren GPT-Modellen die Übereinstimmung für 71 bis 81 Prozent
der untersuchten Länder und Gebiete. Der Kontext kann also
helfen, auch wenn er das Problem nicht vollständig löst.

Anthropic fand bei Tests mit Claude ein ähnliches Muster. Ohne
genauere Vorgabe lagen die Antworten häufiger näher an Meinungen
aus den USA sowie einigen europäischen und südamerikanischen
Ländern. Wurde ein bestimmtes Land genannt, verschoben sich die
Ergebnisse. Gleichzeitig konnten dabei neue Klischees entstehen.
Aus kultureller Anpassung wird schnell eine Sammlung alter
Schubladen, wenn das Modell ein Land auf wenige vermeintlich
typische Eigenschaften reduziert.

Auch die Sprache allein reicht nicht. Eine deutsche Frage führt
nicht automatisch zu einer Antwort, die für jede deutschsprachige
Person natürlich klingt. Ein Podcastmanuskript braucht einen
anderen Ton als ein Behördenbrief. Eine Beschwerde an ein
Unternehmen darf direkter sein als eine Nachricht an eine
Freundin. Wer nur „Schreib auf Deutsch" eingibt, überlässt der KI
alle übrigen Entscheidungen über Nähe, Höflichkeit, Humor und
Kritik.

OpenAI hat selbst erlebt, wie schwierig ein passender Standardton
ist. Ein Update von GPT-4o wurde 2025 zurückgenommen, weil das
Modell übertrieben schmeichelnd und zustimmend reagierte. Die
Firma bezeichnete dieses Verhalten als sycophantisch: hilfreich
gemeinte Unterstützung war in unehrliche Bestätigung gekippt.
OpenAI räumte ein, dass eine einzige voreingestellte
Persönlichkeit nicht zu allen Menschen und kulturellen
Zusammenhängen passen kann.

Das Problem betrifft mehr als Geschmack. Ein zu höflicher
Geschäftsbrief kann unklar bleiben. Eine weich formulierte Absage
klingt womöglich wie eine Einladung zu weiteren Verhandlungen.
Bei persönlichen Konflikten kann ein zustimmender Chatbot die
Sicht des Nutzers verstärken, obwohl wichtige Informationen
fehlen. Freundlichkeit ist dann keine harmlose Dekoration mehr,
sondern beeinflusst, wie ein Mensch eine Situation bewertet und
welche Entscheidung er anschließend trifft.

Sabine möchte deshalb keinen unfreundlichen Bot. Sie möchte einen
ehrlichen. Wenn eine Überschrift nichts taugt, soll Chatty das
sagen. Wenn ein Plan Lücken hat, soll er sie finden, bevor sie
zum Problem werden. Ein guter Assistent bestätigt nicht jeden
Gedanken, sondern widerspricht, wenn es nötig ist. Das gilt für
Menschen am Küchentisch genauso wie für künstliche Intelligenz
auf dem Bildschirm.

Nutzerinnen und Nutzer können den Stil inzwischen stärker
beeinflussen. In den ChatGPT-Einstellungen lassen sich ein
Grundton und persönliche Anweisungen festlegen. Für wichtige
Aufgaben lohnt es sich außerdem, Zielgruppe, Land und Situation
ausdrücklich zu nennen. Statt „Schreib freundlich" hilft eine
klare Vorgabe wie: „Schreib für ein deutschsprachiges
Podcastpublikum, direkt und locker, ohne Coaching-Sprache und
ohne künstliches Lob."

Eigene Textbeispiele wirken oft besser als eine lange Liste von
Adjektiven. Ein echter Absatz zeigt Satzlänge, Rhythmus, Humor
und Wortwahl. Auch Korrekturen sollten konkret sein. „Streiche
das Lob", „Sag zuerst, was nicht funktioniert" und „Stell am Ende
keine Rückfrage" geben dem System mehr Orientierung als die
allgemeine Forderung, menschlicher oder natürlicher zu schreiben.

Wer regelmäßig mit derselben KI arbeitet, sollte diese Vorgaben
nicht bei jeder Unterhaltung neu erfinden. Gespeicherte
Anweisungen schaffen einen brauchbaren Ausgangspunkt. Perfekt
werden die Antworten dadurch trotzdem nicht. Modelle ändern sich,
Aufgaben unterscheiden sich und manchmal rutscht der alte Ton
wieder durch. Dann hilft eine kurze, klare Korrektur meist mehr
als höfliches Herumreden.

Die Folge macht sich nicht über Amerikaner lustig und erklärt
deutsche Direktheit nicht zur einzig richtigen
Kommunikationsform. Jeder Stil hat blinde Flecken. Mancher
deutsche Ton könnte ein wenig Wärme gut vertragen, während
übertriebene Freundlichkeit Kritik bis zur Unkenntlichkeit
verpackt. Entscheidend ist, dass Nutzer erkennen: Der scheinbar
neutrale Standard einer KI ist ebenfalls eine kulturelle
Entscheidung.

OpenAI arbeitet inzwischen ausdrücklich an stärkerer
Lokalisierung. Systeme sollen nicht nur Sprachen übersetzen,
sondern lokale Normen, Gesetze und Gewohnheiten berücksichtigen.
Das ist wichtig, weil künstliche Intelligenz weltweit genutzt
wird. Ein Modell, das überall gleich spricht, behandelt nicht
automatisch alle Menschen gleich gut. Manchmal bedeutet Fairness
gerade, Unterschiede ernst zu nehmen.

Am Ende bleibt Chatty für Sabine ein geschätzter Mitarbeiter mit
amerikanischem Einschlag. Er darf freundlich sein, Witze machen
und sich über eine gute Idee freuen. Nur das automatische
Dauerlob kann er behalten. Wenn Sabine Klartext verlangt, soll
sie Klartext bekommen. Und wenn der Ami wieder durchkommt, wird
das digitale Servicegrinsen eben noch einmal freundlich, aber
bestimmt weggewischt.

KIRRE … na hör mal! ist ein deutschsprachiger
Podcast über künstliche Intelligenz im Alltag, in kreativer
Arbeit und in unserer Gesellschaft. Sabine, auch bekannt als
Applebee, schaut neugierig, kritisch und mit Humor darauf, was KI
und Algorithmen mit Menschen machen. Diese Episode richtet sich
an alle, die ChatGPT gern nutzen, aber bei überschwänglichem Lob,
falscher Zustimmung und weichgespülter Kritik gelegentlich die
Augen verdrehen.

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„Chatty ist Ami. Ob mir das passt oder nicht!“

Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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