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Obwohl ich kinder- und fahrzeuglos schuldfrei alle zwei Jahre zur
Biennale nach Venedig fliegen könnte (und rein ökobilanziert
locker mit dem Helikopter vom Arsenale zum Giardini dazu), hat
sich als das perfekte Transportmittel in den letzten Jahren der
Zug über die Alpen erwiesen. Man kommt entschleunigt, den Bauch
voll gutem Espresso, direkt am Canale Grande an und auf dem Weg
zurück kann man kiloweise Käse und Wurst mitnehmen. La dolce
vita! Auf dem Weg zum Apartment, jedes Jahr ein Augenblick der
Spannung, was Dir der gezahlte obszöne Preis diesmal an
bescheidener Bettstatt beschert, spaziert man schon an vielen der
Ausstellungsräume der Zwischenmächte vorbei, an den kleinen
Galerien oder größeren Hallen der Länder, die vor hundert Jahren,
als die Pavillons des Giardini gebaut wurden, noch nicht
existierten, aber entweder genug Geld oder einen Fürsprecher
haben, so dass sie nicht ins Ghetto des Arsenale müssen.

Das ermöglicht, nach Gepäckabwurf, zum Beispiel einen Besuch der
“Räume” von Äthiopien und Simbabwe, der uns Sterblichen einen
Blick in das Leben in Venedig in den Jahrhunderten (oder das der
Reichen und Schönen right now) ermöglicht, denn beide Staaten
haben sich mal fix einen kompletten Palazzo gemietet, was man
sich mit Diktatorenblutmoney halt so leistet. Beide Palazzi
wurden komplett leergeräumt und mit korrekter Kunst gefüllt, zu
80% unpolitisch, so dass die immer noch korrupten Herrscher der
Länder sich nicht despektiert fühlen und gleichzeitig auf ein
bisschen Kunstfreiheit verweisen können.

Weltpolitisch mit Augenmerk versehene Gewissensprojekte wie der
Klimawandel im untergehenden Nauru im Pazifik oder das sich
erstaunlicherweise seit Jahrzehnten mit dem Kinn gerade noch so
über der Wasserkante haltende Cuba sind hingegen auf Gönner
angewiesen und haben meist eines der vielen Ladengeschäfte der
Lagunenstadt gemietet bekommen oder, wie im Fall der
Karibik-”Kommunisten” Unterschlupf in einer Kirche gefunden.
Nauru öffnete seine Location milde interessanten
Gastinstallationen mit dem Thema “Verschwinden”, gestaltet von
Künstlern aus aller Welt. Der kleine Inselstaat hat dabei in der
Kuration nicht zu 100% aufgepasst und einen kleinen Film im
Programm, der die Zeiten der Kolonialisierung von Nauru
thematisiert und diesen herrlichen Kommentar im Feedbackbereich
der Ausstellung produzierte: “AI Video at the Nauru Pavilion?
Brother, you are sinking!” - denn tatsächlich war das
schwarz-weiße im Zelluloid-Stil produzierte Stummfilmwerk der
pure AI-Slop. Ich hab gelacht. Cuba kam wiederum bei der
katholischen Kirche unter, was irgendwie passt. Ausgestellt waren
recht eintönige Skulpturen ohne große Aussage in Räumen mit Türen
voller mehrsprachiger Jesus-Sprüche, die sich brav alle Besucher
durchlasen, um darunter einen kleinen angeklebten Zettel zu
finden, der informiert, dass diese Texte kein Teil der
Ausstellung seien (gehörten sie doch einfach nur zum
Kircheninterieur). Auch wirklich funny.

Beim Thema bleibend hatte ein paar Türen weiter der Heilige
Stuhl, aka Vatikanstadt, eine gerade in Restauration befindliche
Kirche als Ausstellungsraum okkupiert und überraschte mich enorm
mit einer Performance ganz nach meinem Geschmack: Einer, nun
leider retrospektiven, Alexander-Kluge-”Installation”. Diese war
lange vor dem Tod von Kluge im März 2026 geplant und posthum von
seinen Erben vollendet worden, was, wer das Œuvre des wilden
Philosophen kennt, erwartbar zu einem himmlischen Chaos führte,
no pun intended. Die Kluge-Familie durchforstete nach des
Patriarchen Tod die Word-Dokumente des Genies und produzierten in
fünf, sechs Räumen fragmentarische DCTP-artige Features aus
Videos, Dokumenten, Fotos, Klängen, die fließend ineinander
übergingen und zu einer audiovisuellen
Hildegard-von-Bingen-Vatikan-Otto-Trojanische-Pferde-gleich-dreimal-Weltenseelen-alles-hängt-zusammen-Kakophonie
führte, eine Orgie für Fans des heiligen
Kluge-Sonntagabends-nach-Spiegel-TV in den Neunzigern oder kurz:
der Papst outet sich als Alexander-Kluge-Gooner, what is not to
like?

Die alteingesessenen Nationen mit ihren fancy Pavillons im
Giardini wiederum haben ein Problem: Es muss gespart werden. Für
AI und so. Nun muss Kunst kein Geld kosten, Pinsel-Leim-Papier
und fertig ist das Mondgesicht, aber wenn man alle zwei Jahre für
sechs Monate die Nation präsentiert, war es eigentlich üblich,
dass man etablierten Künstlern ein bisschen Raum samt Geld zur
Entfaltung bietet und dem Besucher was für alle Sinne. So war vor
zwei Jahren der britische Pavillon mit der besten
Videoinstallation ever versehen worden, sicher ein
Millionenprojekt und jeden Penny wert, um dieses Jahr ein paar
großformatige Bilder aufzuhängen, sicher wertvoll, Kolonialbezug
eingepreist, aber eben auch ein bisschen dünn. Frankreichs
Pavillon, letztes Mal noch mit einer fünf Jahre hinter der Zeit
hinkenden raumfüllenden quietschbunten Animation, dazu
Franzosentechno, gefüllt, präsentierte sich mit
unzusammenhängenden Objekten auf Drittsemesterniveau, regionale
Schule der bildenden Künste. Peinlo. Deutschland hatte vor zwei
Jahren noch Geld für wirklich nice Raumschiffästhetik und eine
eindrucksvolle Installation zum Thema Gastarbeiter und erinnerte
sich in diesem nach fünfunddreißig solchen daran, dass es auch
Zonis mit Geschmack gibt. Und da diese schon immer aus nichts
etwas machen konnten, gab es eine gelungene, preiswerte
Installation ohne jede Multimediatechnik der leider vor der
Eröffnung viel zu früh verstorbenen Henrike Naumann, geboren in
Zwickau und in den Nebenflügeln dreierlei solche von Sung Tieu
aus Freital, die frugal zu nennen, der Sache nicht gerecht wird.
Materialaufwand Baumarktpreis 1000 EUR. Da freut sich der
Finanzminister.

So ging das weiter in allen Pavillons der alten Welt und obwohl
das Motto der Biennale “In Moll” oder auf Englisch “In minor
keys” war, einigten sich die Sparfüchse irgendwie darauf, in
jedem Einführungstext von “Silence” zu reden, als ob das dasselbe
wäre, und schon wieder hat man ein paar Tausender gespart für das
Soundsystem.

Inhaltlich fehlte diesmal der grobe Faden, wofür ich eher dankbar
bin. Kunst kann auch mal ohne Aussage und speziell die nicht so
schnurgeraden Demokratien, die die letzten Jahre unter
Commitmentdruck standen, irgendwas zu Flucht, Vertreibung oder
Klimawandel zu bringen, atmeten sichtbar erleichtert auf und
gaben uns im Fall von Ägypten zum Beispiel, leicht kinetische
Objekte in schwarzen Räumen mit Instruktionen, diese anzufassen,
aber aufzupassen, sich nicht die Finger einzuklemmen. Ungarn war
ob der Vorlaufzeit auch noch dankbar unpolitisch und ließ einen
Künstler über die ideellen Überbleibsel eines abgerissenen
Forschungsinstituts philosophieren, mit einer finalen und, wie
sich herausstellen sollte, vorausschauenden Installation, in der
er den tiefsten Seufzer ever versucht in ein Glas einzusperren -
es war offenbar einer der Erleichterung.

In all dem Sammelsurium aus dem McKunst stach einzig eine
Installation aus unserem östlichen Nachbarland hervor. Polens
Pavillon bestand aus zwei gigantischen Videoprojektionen, die
miteinander kommunizierten und es war auf den ersten Blick klar,
dass hier jemand eine brillante Idee hatte: Wir befinden uns in
einer Point of View-Sicht im Schwimmbad, unter Wasser und sehen
zwanzig Menschen bis zum Hals, der Kopf unsichtbar über dem
Wasser, wie sie singen oder einfach nur chorhaft Geräusche von
sich geben, das Ganze untertitelt mit nicht ganz sinnklarem Text.
Gekleidet sind alle in scharlachroten Kleidern, think Handmaid’s
Tale, die Arme bewegend, aber weit weg von Unterwasserballett.
Das ist ästhetisch schon mal hervorragend und geht eine ganze
Weile so und, wenn man dann den Begleittext liest, eröffnet sich
ausnahmsweise tatsächlich eine weitere Dimension: die
Sängerinnen, so lesen wir, bestehen aus zwei Gruppen, Gehörlosen
und Hörenden, und was wir an Bewegung unter Wasser sehen sind die
gebärdensprachlichen Entsprechungen der Töne, die wir vernehmen!
Der Clou und natürlich, Hand auf Stirnklatsch, unter Wasser
können sich die der Gebärdesprache mächtigen unterhalten, wir
anderen nicht. Ha! Und der Clou: Wer kann sich noch ganz
wunderbar unter Wasser unterhalten? Wale!! Denn was wir an
Chorgesang hören, ein seltsamer Mix aus Tönen und Sprache, sind
die von Roger Payne im Jahr 1969 “entschlüsselten” Walgesänge,
eine Entdeckung, die damals und bis heute dazu führt, dass Wale
als intelligente Wesen wahrgenommen und naturgeschützt werden
(außer in Japan und Norwegen, klar). Das alles ergibt einen
wunderbaren Kreis an intellektuellem Augenmerk auf die vielen
Dinge um uns herum, die wir erst im zweiten Anlauf als solche
wahrnehmen und dann plötzlich auch ästhetisch grandios finden.
100 Punkte nach Warschau.

Das eventuell zweite und letzte Highlight in den Pavillons kam
aus Österreich. Der Pavillon, der in den letzten Jahren immer
wieder zu gefallen wusste mit thematischen und dennoch nicht
drögen Installationen (Einwanderung, Feminismus), war leider
nicht besuchbar, weil sich eine Besucherwarteschlange von ein
paar hundert Menschen durch den Giardino wand, die sich nur
minimal bewegte. Ein solcher kuratorischer Autismus zur größten
nationalen Präsentationsshow des Jahres ringt Respekt ab und ich
unterstütze das Nachbarland, indem ich nicht google, was ich
verpasst habe, am Ende war das österreichische Haus leer?! Davor
gab es jedenfalls jeden Tag Punkt 12 eine Performance, bei der
eine fitte Künstlerin an einem Seil in eine an einem Kran
angebrachte Bronzeglocke klettert, sich mit dem Kopf nach unten,
(OKF, obviously, Kunst!) aus dieser heraushängte und mit dem
Körper die Glocke schlug, und zwar im Dialog mit den Kirchen der
Stadt. Irre - aber eben auch ein bisschen Cirque du Soleil. Die
Warteschlange war begeistert ob der kurzen Ablenkung und
konzentrierte sich sofort wieder aufs Warten auf.. was wohl? Wir
werden es nie erfahren.

Aber wo waren die ganzen Beamer abgeblieben, die uns vor zwei
Jahren noch so schön die Augen blitzten? Im Arsenale natürlich.
Dieser zweite Ausstellungskomplex der Biennale besteht aus den
alten Schiffswerften der Stadt (“alt” meint hier 14. Jahrhundert)
und die Eingangshalle ist traditionell den von der
Biennale-Kommission kuratierten länderunabhängigen Künstlern
vorbehalten. Diese mussten dieses Jahr alle einen Beamer mehr
nehmen, und wo zum letzten Event noch Hütten aus Ölfässern und
Bäume aus Bambus standen, tanzt jetzt viel zu großflächig
abstraktes oder konkretes vor unseren Augen und erzeugt ein
leichtes Vertigo. Selten wird das Übermaß an Elektrizität
sinnvoll eingesetzt; so wie sich AI in jede Dönerspeisekarte
schleicht, ist es halt einfacher einen Film zu projizieren als
eine Skulptur zu errichten. Es ist alles ein bisschen traurig.

Eindrucksvoll, wenn auch nicht superkünstlerisch, wurden zwei der
Lichtwurfgeräte in einer Installation eingesetzt, in der
Aufnahmen von Telefonbüchern aus der Levante in 1938 in der
Sichtlinie eines simplen Screencasts aus dem Jahr 2023 stehen, in
dem die Yellow Pages für Gaza gescrollt und geklickt werden.
Chirurgen, Optiker, Gärtner, Hotels, alle werden, ordentlich mit
Bewertungssternen (meist 0) gescrollt gegen Seiten mit den
Adressen von Chirurgen, Optikern, Gärtnern, Hotels aus Beirut,
Tel Aviv etc. vor knapp hundert Jahren und die Aussage ist klar:
Hier lebten Menschen wie Du und ich und jetzt halt nicht mehr.
Der Titel “Between a River and a Sea” triggert alle Beteiligten
ordentlich, so wie jeder andere Titel hier alle Beteiligten
ebenso getriggert hätte, da kann man auch gleich sagen, worum es
geht. Große Kunst ist es nicht, aber es steht für eine kräftige,
unkuratierte Unterströmung unter all der schönen Kunst in Moll
auf der diesjährigen Biennale: Das Thema Gaza war allgegenwärtig.
Aber so ist es halt, wenn man, wie es den Kuratorinnen seit
Jahren wichtig ist, den ehemals unterdrückt-kolonialisierten
Stimmen Platz einräumt, kommen diese Dir jetzt nicht jedes Jahr
mit Dankbarkeitshymnen, sondern sagen Dir, was schief läuft.

Die anderen Hallen im Arsenale teilt sich der Rest der
weltpolitisch zu spät gekommenen Länder und es setzte sich der
Trend aus dem Giardini fort: Austerität wohin man nur schaut. Das
ist natürlich mehrfach dumm, ist doch die Biennale in ihrem
Ursprung eine Werbefläche für die Nationen der Welt und, da
erfunden zur 20. Jahrhundertwende, ursprünglich die der
westlichen Nationen. Diese haben nach einer kurzen Renaissance
zur Mitte des letzten Jahrhunderts nicht mehr so viel positive
Außenwirkung, wirtschaftlich, humanitär, und nun bekommt man
nicht mal mehr die Energie auf, kulturell ein bisschen zu
pransen. Es ist idiotisch.

Ins Vakuum springt, na wer wohl: China, das kulturhistorisch dem
Westen nicht besonders verständig gegenübersteht, wenn auch nicht
wirklich feindlich, man gibt eher keinen S**t, und während man
das in den letzten Jahren noch ein bisschen verborgen hat und das
Spiel des “Wir haben den Größten” mit uns “jungen Nationen” (aus
sineohistorischer Sicht) brav mitspielte, zeigen sie dieses Jahr,
was sie von der ganzen Sache wirklich halten: Am Eingang der
Halle steht ein zwanzig Meter breiter Videoscreen, auf dem der
aktuelle chinesische Computergamehit “Black Myth: Wukong” läuft,
davor ein Controller, wo man das Ding daddeln kann, no s**t. In
der Halle ein bisschen Diorama, das aussieht wie die Konzeptkunst
zum Game und am Ende der Halle, wirklich, I s**t you not, ein
f*****g Roboter, der Dir auf weißem Karton eine Kalligrafie
pinselt. Nein, nicht deinen Namen oder einen Slogan Deiner Wahl,
nein, das könnte ja schief gehen, nein, jeder bekommt das Gleiche
gemalt und natürlich stellen sich die Leute an. Klarer kann man
die Kuratoren nicht beschämen, ohne sich angreifbar zu machen.

Es scheint also retrospektiv, als wäre die Biennale 2024 vor zwei
Jahren eine herausragende gewesen. Die diesjährige, so muss man
befürchten, wird die letzte sein vor der großen AI-Slop-Welle,
die auch die Kunstwelt nicht verschonen wird, und man hätte sich
gewünscht, dass sie noch mal aus allen Rohren feuert. Leider
erreicht mindestens zwei Jahrzehnte Austerität nun endgültig auch
den im Verhältnis doch mikroskopisch kleinen Kulturhaushalt der
Ausstellungsländer, das Geld wird schließlich gebraucht für
Drohnenabwehr, damit die Rechenzentren geschützt werden, die uns
die Memes erzeugen, die uns die Kunst ersetzen.

Aber der Kunstbetrieb neigt zur Überraschung, vielleicht erleben
wir in zwei Jahren eine Reaktion auf all diesen deprimierenden
Quatsch, den wir uns aktuell so antun. Bis dahin gehen wir alle
zu unseren lokalen Künstlerinnen, Künstlern und Musikern und all
den anderen Verrückten und zahlen Eintrittspreise was das zeugt
hält, damit Kunst wird!!

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„Biennale 2026“

Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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