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Während ich kürzlich an die Westküste der Vereinigten Staaten
reiste und dies auch zum Anlass nahm, in meiner aktuellen
Rezension einen Roman zu besprechen, der in den USA spielt, ist
der Schauplatz eben jenes Werkes, um das es gleich gehen soll,
aber auf der anderen Seite des Landes gelegen. Die Rede ist von
Philadelphia, eine der bedeutendsten Städte Amerikas und nicht
ohne Grund Schauplatz für Liz Moores Roman Long Bright River,
denn in dieser schönen und geschichtsträchtigen Stadt, befindet
sich eines der schlimmsten Drogenviertel des Landes – Kensington.
Vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein industrielles
Zentrum für Textilfabriken, Schiffbau und Fabriken erlebt
Kensington durch die Deindustrialisierung der 1960er Jahre einen
stetig voranschreitenden Verfall durch Arbeitslosigkeit, Armut,
Leerstand und wirtschaftlichen Niedergang, der den Nährboden für
die später negative Entwicklung des Viertels, vor allem seines
Drogenmarktes, bereitet. Dieser wird seit circa zwei Jahrzehnten
von der Droge Fentanyl überschwemmt, der später noch ein
Pferde-Beruhigungsmittel, oft Tranq genannt, beigemischt wurde,
um das High zu verlängern. Was dabei herauskommt, wenn Menschen
dies konsumieren, sind Zombies. Ich habe selbst schon Großstädte
in Amerika bereist, in denen ich viel Obdachlosigkeit und auch
Drogenmissbrauch auf offener Straße gesehen habe. Die
Dokumentationen, die ich mir im Zuge dieser Rezension über
Kensington angesehen habe, haben aber ein Ausmaß an Schrecken
offenbart, das man sich nicht vorstellen kann, ohne es mit
eigenen Augen gesehen zu haben.

Liz Moores Roman, veröffentlicht 2020 in Deutschland im Verlag
C.H.Beck und ein Jahr davor im amerikanischen Original, spielt
hauptsächlich in der Gegenwart. Diese beschreibt das Leben der
beiden Geschwister Michaela, meist Mickey genannt und
gleichzeitig die Ich-Erzählerin, und ihrer Schwester Kacey.
Während Mickey, die Ältere von beiden, als Streifenpolizistin im
besagten Bezirk Kensington patrouilliert, ist ihre Schwester
Kacey, selbst Opfer der Opioidkrise geworden, und finanziert sich
ihre Sucht durch Prostitution. Die beiden Frauen haben damit
einen sehr gegensätzlichen Bezug zum Handlungsort, wobei Mickey
ihren Beruf nutzt, um ein Auge auf ihre Schwester zu haben,
obwohl sie bereits seit fünf Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr
hat. Die Gründe für deren Funkstille offenbaren sich der Leserin
nur langsam und erst spät im Fortgang der Geschichte erklärt sich
der wahre Bruch der Schwestern miteinander in Gänze. Kaceys
plötzliches Verschwinden und der Beginn einer Reihe ungeklärter
Morde an jungen Frauen und Sexarbeiterinnen markieren schließlich
den Ausgangspunkt der Geschichte. Diese erzählt Moore abwechselnd
unter den Rubriken jetzt und damals.

Drogen spielen dabei schon früh im Leben der Mädchen eine Rolle.
Mickey ist erst vier Jahre alt, ihre Schwester noch ein
Kleinkind, als ihre Mutter im jungen Alter an einer Überdosis
Drogen stirbt und die Mädchen fortan bei ihrer Großmutter Gee
leben. Diese wird als eher hart und auch die Atmosphäre im Haus
als kalt beschrieben. Die Mädchen entwickeln sich sehr
unterschiedlich in diesem Umfeld. Während Mickey eher
zurückhaltend ist und gern lernt, ist Kacey lebhaft, laut, gern
Anführerin, aber auch Verteidigerin gegen Ungerechtigkeiten. Die
unterschiedliche Entwicklung der beiden und das gemeinsame
Aufwachsen in einem Haushalt, der vor allem von Entbehrung und
Lieblosigkeit geprägt beschrieben wird, schafft aber eine
Verbindung zwischen den Schwestern, die auch durch die fatalen
Ereignisse in der Gegenwart, die sich der Leserin erst nach und
nach eröffnen, nicht gänzlich aufgelöst werden kann.

Mit Kaceys Verschwinden und Mickeys Suche sowohl nach ihr als
auch nach dem Frauenmörder – was nicht ihr Zuständigkeitsbereich
ist – eröffnet Moore noch ein weiteres Themenfeld, in dem es um
Korruption am Arbeitsplatz und Misstrauen geht. Mickey, die auch
privat eher eine Einzelgängerin ist und allein ihren fünfjährigen
Sohn Thomas großzieht, erlebt dies am eigenen Leib. Außer ihres
ehemaligen Partners bei der Polizei, Truman Dawes, hat sie kaum
Verbündete und wird von ihren Kollegen als Bedrohung
wahrgenommen, da sie versucht, deren Korruption aufzudecken.
Gleichzeitig ist sie, wie alle, auf ihren Job angewiesen, um
nicht selbst durch das soziale Netz zu rutschen und so, wie so
viele vor ihr, in eine Abwärtsspirale zu geraten.

Was Liz Moore zunächst als Thriller oder Detektivgeschichte
erscheinen lässt, entpuppt sich als weitverzweigtes thematisches
Netz, das sich der Leserin nur langsam in seinen Einzelheiten
erschließt. Es ist eine Spurensuche, bei der man auch als Leserin
vorsichtig sein muss, wem man traut, denn „sie sind böse und
gleichzeitig gut, alle Figuren […] je nachdem.“ (S.311) So heißt
es im Roman; es ist wie beim Schach. Alles was Moore beschreibt,
habe ich auch in realen Berichten über Kensington wiedergefunden
und so mag ihre Geschichte, in deren Zentrum die beiden
Schwestern stehen, vielleicht fiktiv sein, was sie beschreibt ist
jedoch keine Fiktion. Es ist der Alltag in einer amerikanischen
Großstadt, ein Gesellschaftsportrait, welches die massiven
Auswirkungen der Opioidkrise zeigt, deren Konsequenz jährlich
mehr als 100.000 Drogentote sind und auch die Fragen nach
moralischer Verantwortung, Integrität, Hilfe und Moral stellt.

Der Long Bright River ist in diesem Fall in mehrerlei Hinsicht
symbolhaft. Er ist der leuchtende Fluss auf dem die Betroffenen,
die Abhängigen nach dem nächsten Schuss dahingleiten und für eine
Weile nichts mehr spüren, genauso wie er den unaufhaltsamen
Nachschub an Drogen markiert, die nicht nur diese Stadt, sondern
das Land überschwemmen und er ist, so sagt es die Autorin selbst,
eine Metapher für all die geliebten Verstorbenen „[...] in einer
Reihe, in einem Fluss, ohne Quelle, ohne Mündung, ein langer,
leuchtender Fluss verstorbener Seelen.“

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„Liz Moore - Long Bright River“

Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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