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  4. Souvankham Thammavongsa: Pick a Color (Frag nach Susan)
Liebe Leserinnen und Leser,

vor einigen Jahren war ich - nicht zum 1. Mal - in New York. Aber
ich ging zum 1. Mal in ein Nagelstudio. Mir war der Gestus der
Handelnden bei diesem Tausch (Geld gegen Care-Arbeit aka Hände
und Füße schön machen) unbekannt und meine Versuche, mit der Lady
zu sprechen, die meine Füße walkte und meine Hände mit
leuchtendem Orange verzierte, wurden brüsk und mit dem Verweis,
sie sei der englischen Sprache nicht mächtig, schnell abgebügelt.
Links und rechts neben mir sprachen die Gäste in ihr Handy oder
sie starrten drauf oder sie sprachen mit ihren Freundinnen, die
ebenfalls da waren. Nicht aber mit den Dienstleisterinnen.
Hinterher hatte ich sehr hübsch lackierte Nägel, war aber leicht
verwirrt.

Noch länger in der Vergangenheit liegt eine Reise nach
Argentinien. Ich wurde bei der Freundin der Schwester meiner
Spanischlehrerin zur Miete aufgenommen. Niemand hatte mich
gewarnt, dass jeden Morgen um 7:30 Uhr eine Haushaltshilfe kommen
würde und nach meinem Erwachen nicht nur Kaffee und Frühstück
kredenzen, sondern auch mein Bett machen und mein Zimmer
aufräumen würde. Mir war das unglaublich peinlich und ich
versuchte, Carmen mehrfach davon abzubringen. Allein, mein Status
als Gast aus Europa gestattete kein Abweichen von dieser Norm.

Einige Wochen nach meinem Eintreffen zeigte sie mir ihr
Wohnviertel: wir mussten 2 Stunden mit dem Bus fahren und dabei
mehrfach umsteigen, dann gingen wir in einen großen, sehr
staubigen Hangar, in dem ein Markt war. Es war eine sehr seltsame
Erfahrung. Ich war - hier werden viele lachen, die schon mal
neben mir gestanden haben - größer als die meisten und vor allem
sehr weiß. Als meine Gastgeberin (und damit die Arbeitgeberin von
Carmen) von diesem Ausflug erfuhr, fielen harsche Worte - nicht
mir gegenüber - ich hätte diese Welt wohl nicht sehen sollen.

Einige Frauen, die ich kenne, lassen sich ihre Nägel in einem
Nagelstudio machen, die meisten aber nicht. Wer seine natürlichen
Nägel nicht mag, bekommt künstliche oder klebt sie sich selbst
an.*

In der Novelle* “Pick A Color” zeigt uns die laotisch-kanadische
Dichterin Souvankham Thammavongsa ein Nagelstudio. Es gehört
Ning, einer ehemaligen Boxerin. Wir folgen ihr und ihren Gedanken
für einen Tag in diesem Raum. Wir erfahren sehr viel über sie,
wenn vielleicht auch nicht Dinge, die hierzulande zumindest in
bestimmten Schichten typische Fragen beim Kennenlernen sind: Wo
kommst du her? Was haben deine Eltern gemacht? Wie war deine
Kindheit?

Zeitig am Morgen öffnet sie ihr Studio, sie wohnt in einem
kleinen Raum oben drüber. Sie reflektiert darüber, wie sie zu
diesem Handwerk, zu diesem Leben gekommen ist, was sie vorher
gemacht hat, warum sie das Nagelstudio so führt, wie sie es
führt.

Alle Frauen - und es sind ausnahmslos Frauen -, die dort
arbeiten, tragen schwarze Sachen und schwarze Turnschuhe. Sie
tragen ihre Haare gleichlang, auf ihrem Namensschild steht der
gleiche Name: Susan. Denn: Susan ist immer da. Sie hat immer
Zeit. Ning sagt aber auch: “Ein Name ändert nichts.”

Im Raum sind 4 Stühle, an denen die Kundschaft - männlich und
weiblich - bedient werden kann. An diesem Tag wird eine neue
Angestellte kommen, so dass wir in die Feinheiten dieses
Geschäftes kennenlernen können: die Idee dahinter, die Abläufe,
die Ladies, die dort arbeiten und natürlich Ning, die bestimmt,
wie das geschieht.

Ning ist eine scharfsinnige Beobachterin. Ihre Sicht auf die Welt
ist eine harsche: sie legt uns dar, was im Nagelstudio passiert.
Wir erfahren, was die Gäste von sich preisgeben, und vor allem,
was die Angestellten nicht preisgeben. Denn die reiche weiße
Kundschaft weiß nicht, dass die Ladies über sie lästern, während
sie reinigen, feilen, lackieren, polieren, massieren, Haare
bändigen und zupfen. Allerdings ist Ning auch überzeugt: “Die
meisten Leute wissen nicht, was gut für sie ist, und wenn sie
denken, dass sie es tun, liegen sie meistens falsch. Ich höre
zu.” Sie drängt sie in die richtige Richtung, sie weiß, welche
Worte und Überzeugungsarbeit sie dafür verwenden kann, und welche
nicht.

“Pick a Colour” beschreibt Alltagsrassismus, Machtstrukturen, die
nicht immer sind, was sie scheinen. Ning wird als Frau
beschrieben, die selbstbestimmt durch ihr Leben geht. Sie ist
Anfang 40, sie ist nicht verheiratet und hat keine Kinder. Es
werden Fragen der Zugehörigkeit, der Einsamkeit verhandelt. Aber
nicht nur ihre, sondern auch die der Kundinnen. Ning konstatiert:
“Sie kommen zum Reden. Um zu reden, wie sie es sonst nirgendwo
können. Sie kommen nicht wegen der Nägel zurück.”

In “Pick a Color” steckt viel Witz, Kraft, Macht und:
Traurigkeit, die von Enttäuschungen zeugt, vom Wunsch, unabhängig
zu sein, und trotzdem in Verbindung. Ein Wunsch, der schwer
erfüllbar scheint, doch in einigen Szenen der Novelle erfüllt
wird. Am Ende sagt Ning über die Menschen, die ihr Nagelstudio
besuchen: “Menschen, die sich ihre Nägel machen lassen, haben
Hoffnung. Die Hoffnung, dass sich Dinge ändern können”.

Ein Tag in einem Raum, der es schafft, die Welten zu zeigen, die
dort mit den in ihr Lebenden zusammentreffen. Das Leben ist der
Tag, und dann die Tage, und dann die Wochen, Monate und Jahre,
die wir leben. Klare Leseempfehlung für dieses Buch, dass im
letzten Jahr mit dem Giller Prize, der ausschließlich an
kanadische Autorinnen und Autoren verliehen wird.

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„Souvankham Thammavongsa: Pick a Color (Frag nach Susan)“

Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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