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  4. Kaliane Bradley: Das Ministerium der Zeit
Nach all den historischen, leicht deprimierenden, ernsthaften
Büchern der letzten Monate braucht es mal wieder einen normalen
Roman, SciFi oder Fantasy, legte ich mir fest, und wenn immer das
so festgelegt wird, schaue ich in die Liste der letzten Jahre
Hugo/Arthur C. Clarke/Nebula Preisträger, also der
internationalen Wettbewerbe der Genres und suche, den Klappentext
vermeidend, das am geradeaus klingendste Buch. In diesem Fall war
dies “The Ministry of Time” von Kaliane Bradley, da gab’s nicht
viel zu überlegen, es geht um Zeitreisen, es klingt nicht ganz
ernsthaft, es ist eindeutig britisch (wo die Ministerien noch so
heißen und nicht “Abteilungen” wie in den USA) – what could
possibly go wrong?

Nun ja, dass man zum Beispiel nicht drüber nachdenkt, was man
hier gerade kauft. Wie soll man den deprimierenden
Vergangenheiten entfliehen, wenn man ein Buch über Zeitreisen vor
der Nase hat? Na klar, es kann unter Umständen sein, dass es nur
in die Zukunft geht. Aber wo wäre da der Fun? Natürlich reist in
einem Buch mit diesem Namen irgendjemand in die Vergangenheit in
all ihrer Schrecklichkeit. Aber jetzt ist man schon mal drin im
Buch, und man erwartet sorgenvoll die zwei Prämissen, die dem
gemeinen Zeitreiseroman üblicherweise zu eigen sind:

* Man reist in die Vergangenheit (häufig) oder die Zukunft
(gefühlt seltener) und checkt, wie es wirklich war, damals, als
die Leute noch Hüte trugen.

* Man betreibt das in die Vergangenheit reisen, weil man die
Gegenwart ändern will, zum Beispiel Präsidenten retten, siehe
“Der Anschlag“ von Stephen King oder gleich die gesamte Zukunft,
sehr funny und eindrücklich erzählt in Adrian Tchaikovsky “One
Day All This Will Be Yours”, eine Novella, die man endlich mal
ins Deutsche übersetzen sollte.

Nun, beide Prämissen sind ein bisschen langweilig oder zumindest
ordentlich ausgelutscht und einfach nicht deep genug, dachte sich
Kaliane Bradley, und wie das so ist mit guten Ideen, sind die
simplesten die besten von allen, und “Wieso ist man da nicht
schon selbst drauf gekommen?”, fragt sich die Autorin selbst und
uns und platzierte ihr Buch also in folgenden beiden, leicht
abgewandelten, Szenarios:

* Statt zum x-ten Mal zu erzählen, was die aus unserer Zeit
Reisenden so erleben in der Vergangenheit, warum nicht die viel
interessantere Frage stellen (und auf 370 Seiten Buch
beantworten): Was passiert mit Menschen, die aus der
Vergangenheit kommen und hier, in unserer Gegenwart (über-)leben
müssen?

* Und wenn wir in einem Roman über Zeitreisen schon das olle
Zeitparadox bemühen, Hitler als Baby umbringen und so weiter,
warum immer nur unsere ach so edle Gegenwart retten? Es gibt ja
noch ein paar andere Zeiten, die eine Rettung eventuell nötiger
haben, schreibe ich mal ganz spoilerfrei und geheimnisvoll.

Also so erfahren wir, frisch im Buch, die britische Regierung ist
seit ein paar Jahren im Besitz von Zeitreisefenstern, Risse im
Raum-Zeitkontinuum. Man weiß noch nicht so recht, wie das alles
gekommen ist, wie es funktioniert, was passiert, wenn man da
durchgeht – es ist mysteriös. Da man, verantwortlich wie man ist,
erst mal testen will, welche Auswirkungen die Zeitreise auf die
Zeitreisenden hat, geht man den definitiv humansten Weg, lol, und
schickt nicht die eigenen Leute in die Vergangenheit, sondern
“holt” ein paar Menschen aus dieser, um die Vorfahren hier zu
studieren. Und um den bekannten Zeitreise-Schmetterlingseffekt so
gering wie möglich zu halten, holt man ausschließlich dem Tode
Geweihte und in den Geschichtsbüchern entweder nicht vorhandene
oder als verstorben erklärte Personen kurz vor deren Ableben aus
ihrer jeweiligen Gegenwart.

Dass die so vor dem Exitus Bewahrten ein bisschen traumatisiert
sind, versteht sich, also werden sie erst mal in Quarantäne in
einem Asylum gehalten. Nicht alle kommen durch, zu groß der
Schock, aber die, die zumindest wieder auf zwei Beinen laufen
können, sollen nun, in einer Langzeitstudie gewissermaßen, an die
moderne Gesellschaft herangeführt werden, und genau diese Story
erzählt uns “Das Ministerium der Zeit”, wie der Buchtitel
vorbildlich übersetzt wurde.

“Welche Personen aus welcher Zeit ins Heute transplantieren?”,
fragt sich Kaliane Bradley und hatte sehr viel Spaß. Sie
präsentiert uns diese Hauptheldinnen natürlich aus leicht
britisch konnotierten Zeitaltern. Geholt (oder sagen wir besser:
entführt?) werden

* ein Mann aus dem Jahr 1645, frisch aus der Schlacht von Naseby
gepickt, also aus dem englischen Bürgerkrieg im siebzehnten
Jahrhundert mit seinem Haupthelden Oliver Cromwell, als die
Engländer das letzte Mal einen König köpften.

* eine Frau ist die letzte Überlebende in einem Pest-Haus in
London im Jahr 1665, also genau ein Jahr vor dem großen Brand,
und stirbt fast an Hunger, bevor sie im Überfluss unserer Zeit
aufwacht.

* eine andere Frau findet sich aus dem Paris Robespierres, kurz
nach der französischen Revolution um 1793, wieder im London im
dritten Jahrtausend

* einen britischen Army-Hauptmann beamt es aus dem Verrecken in
der Schlacht an der Somme um 1916 in unsere Zeit

* und dann ist da noch Commander Graham Gore von der
Royal-Navy-Expedition in die Arktis im Jahr 1847, wie er im
ewigen Eis in den sicheren Tod wandert und in einem sommerwarmen
London ankommt.

Dass dieser Protagonist hier namentlich genannt wird, macht ihn
offensichtlich zum Haupthelden des Romans. Die Story dieser
Expedition ins Nordmeer ist seit der ersten Staffel der
Netflix-Serie “Terror” aus dem Jahr 2018 nicht nur in UK bekannt.
Sie endete, obwohl sich der Titel der Serie von einem der
Schiffsnamen ableitet, ziemlich genau mit diesem und dem
schlussendlichen Verschwinden der gesamten Crew. Ideal also, um
die Auswirkungen einer Transplantation eines der Haupthelden der
Story um hundertachtzig Jahre nach vorn möglichst gering zu
halten.

Der zum Zeitpunkt seiner Zeitreise Mitdreißiger ist ob seiner
Herkunft und Lebensgeschichte zäh und anpassungsfähig,
scharfsinnig und gebildet und überlebt die Quarantäne
oberflächlich bewundernswert gesund. Er wird mit den anderen
Fünfen jeweils einem Handler zugeordnet, einer Bridge, wie sie
genannt wird. Der fesche Commander Gore erhält die ungefähr
gleichaltrige Ich-Erzählerin als Betreuerin, ihres Zeichens eine
auf der Karriereleiter ein bisschen hängengebliebene Übersetzerin
im britischen Geheimdienst. Wir merken, Storybuilding, ein
Setting bauen, alles interessant, und im Rahmen des Genres
glaubwürdige Szenarien entwerfen kann Kaliane Bradley aufs Beste.

Mit dem Aufeinandertreffen unserer beiden Protagonistinnen
verfolgen wir fasziniert, wie der Roman von der
back-to-the-futeresken was-wäre-wenn-Oberfläche des
0815-Timetravelbuches in die Tiefe taucht (und wie wir später
merken, immer wieder funny Luft holt). Die Tiefe hier ist das
Betrachten der eigenen Biographie im Zerrspiegel der
Zeitreisenden. Kaliane Bradley ist die Tochter einer aus
Kambodscha eingewanderten Mutter und eines britischen Vaters. Die
Kämpfe, die man als nicht mehr Eingewanderte und dennoch nicht
voll Angekommene nicht nur in Großbritannien bestreitet, finden
ihr verzerrtes Spiegelbild in ihrem Zeitreisenden, im Commander
der Royal Navy, derzeit a. D. So wie dieser nach einem Besuch in
der Herrenbekleidung bei Marks & Spencer oberflächlich in
keinem Londoner Doubledecker mehr auffällt, ist Kaliane Bradley
eigentlich voll assimiliert und äußerlich nicht sofort als
südostasiatischer Herkunft erkennbar. Zumindest im Auge der
weißen Mehrheit. Ihre nicht-weißen Mitbürgerinnen blicken da
tiefer, und ihre Mutter, hier verisimiliert als die komplette
Einwandererfamilie der Hauptheldin, sehen sie hingegen nicht
unbedingt als Britin, sondern wahlweise als Mitstreiterin im
Kampf gegen den latenten Alltagsrassismus oder, wie im Fall ihrer
Familie, als letzte Verbindung zur Heimat. Commander Gore
schleppt ähnliche Anker in die Vergangenheit mit sich, hier in
Person seiner fünf Mitentführten. So kommen sie zwar aus
unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichem Abstand zur
heutigen britischen Gesellschaft, aber so wie die Freunde und
Familie Sophys diese in verschiedene Richtungen ziehen und
zerren, “Du bist Khmer!”, “Du bist farbig”, “Du bist einfach nur
eine Angestellte im MoT” (jeweils gefolgt vom gedachten Halbsatz
“..und damit eine von uns!”), fühlt sich auch Commander Gore in
einem permanenten Limbo zwischen Vergangenheit(en) und dem
Wunsch, nicht mehr ganz fremd zu sein in der temporalen Fremde.
Das führt die beiden zueinander, wenn auch sehr, sehr zögerlich,
kompliziert, lustig, herzzerreißend. Und genau dieses Schnorcheln
zwischen fast philosophischer Tiefe und RomCom-hafter
Leichtigkeit macht das doch eigentlich als zwischendurch gedacht
Buch dann doch tiefer als vermutet.

Aber wir wollen mal nicht übertreiben, das Genre gibt
bekanntermaßen genug Möglichkeit zur leichten Unterhaltung. Ganz
brillant arbeitet Bradley dabei mit zeittypischen Dialekten.
Klingt das Fast-Opfer des 1. Weltkrieges noch nahezu vertraut und
hat nur ein paar schräge Ansichten zu verschiedenen Nationen,
fehlt Commander Gore schon ein Stück mehr Vokabular, um sich
wirklich verständlich zu machen, und die reizendste und auch
lustigste Person im Buch, das Fast-Pest-Opfer Margaret, ein
17-jähriges Mädchen, der wir als Leser zunächst mit dem Vorurteil
der Zurückgebliebenheit einer Magd in der Frührenaissance
begegnen, entpuppt sich in immer wieder very funny Szenen als
natürlich typisches Londoner Großmaul, als furztrockene
Kommentatorin ihrer Umgebung, als Lesbe mit unbändiger sexueller
Energie und natürlich auch dem Wortschatz, all das verbal zu
präsentieren – nur dass dieser Wortschatz der von Shakespeare ist
– man lacht sich schief!

Abseits dieses verbalen Schabernacks sitzen natürlich alle im
selben Boot, sich mit den eingeborenen Bewohnern unserer Zeit
auch auf einer sachlichen und, wichtiger, persönlichen Ebene zu
verständigen. Dort fehlt oft nicht nur das Vokabular, sondern je
nach Entfernung vom Jetzt ein kleineres oder größeres Stück Film
über unsere Vergangenheit. Diese Lücken zu füllen ist der
Hauptjob der Betreuerinnen wie Sylvia, und wie kompliziert das
ist, kann man an einer Szene erkennen, in der einer der
Protagonisten mal einen Moment an einem ungefilterten Webbrowser
bekommt und in eine tiefe Depression fällt, weil er außerhalb der
geplanten Reihenfolge vom Holocaust lesen muss. Wie unbegreiflich
dieser ist, haben wir, die in der Shoa voll Gebildeten, längst
vergessen, und es wird uns hier über ergreifende Seiten wieder
ins Gedächtnis gerufen. Das ist neben dem Handlungsvorantreiben
und dem Philosophieren das dritte Standbein des Romans: die
Nabelschau durch die Augen Außenstehender. Wie viele Dinge im
Hier und Jetzt selbstverständlich sind, aber eigentlich komplett
zufällig, schwer erklär- und durchaus veränderbar.

Aber abseits von aller großen Geschichte passierten eine Menge
“Entwicklungen”, vor allem im zwischen- und
gleichgeschlechtlichen Beziehungsbereich im Laufe der letzten 500
Jahren, und damit ich hier nicht weiter spoilere, lasse ich diese
Rezension an dieser Stelle vielversprechend ausklingen und
verabschiede mich mit der lobpreisendsten Empfehlung des Romans
“Das Ministerium der Zeit” von Kaliane Bradley.

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„Kaliane Bradley: Das Ministerium der Zeit“

Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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