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Robert Rauschenberg hat wie kaum ein anderer Künstler Gattungs-
und Stilgrenzen übersprungen, nie blieb er bei einer einmal
erreichten Ausdrucksform stehen. Er verkörpert die
US-amerikanische Kunst in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts. 

 

„Ich kann mir so manchen Luxus leisten, aber den der Langeweile
nicht“, sagte er über sein unermüdliches Experimentieren, Suchen,
Ausprobieren. Nicht nur Maler, Grafiker und Bildhauer war er,
auch Fotograf, Choreograf, Kostüm- und Bühnenbildner. Die
Konzept- und Performance-Kunst hat er mitgeprägt. Als Wegbereiter
der Pop-Art gilt er, viele sehen ihn als Neodadaisten. Aber
Schubladen interessierten ihn nicht. Am 22. Oktober 1925 wurde
Robert Rauschenberg in Texas geboren. Er starb 2008 in Florida.

 

1951 trat der junge Künstler erstmals an die Öffentlichkeit: Die
„White Paintings“, mit gewöhnlicher Wandfarbe bemalte einfarbig
weiße Tafeln, waren wohl ein tastender Versuch, etwas radikal
Neues zu schaffen. Es folgten monochrom schwarze und schließlich
rote Bilder. 

 

Die amerikanische Kunstszene beherrschte damals der Abstrakte
Expressionismus mit seinen wild-pathetischen Pinselschwüngen. Ein
Hauptvertreter dieser Richtung – ihr „Hohepriester“, wie manche
spotteten – war Willem de Kooning. Von ihm hat Rauschenberg 1951,
mit dem Einverständnis des Urhebers, eine Zeichnung ausradiert.
Eine radikale Geste der jungen Rebellion gegen die Übermacht der
Abstraktion und gewiss auch gegen den Geniekult der etablierten
Avantgarde. Rauschenberg verbrauchte nach eigenem Bekunden ein
halbes Dutzend Radiergummis und nannte das Ergebnis schlicht
„Erased de Kooning Drawing“.

 

Er wollte etwas anderes: Er wollte das Leben in die Kunst holen.
„Malerei bezieht sich sowohl auf Kunst als auch auf Leben. Keines
von beiden ist herzustellen. Ich versuche in der Lücke zwischen
den beiden zu handeln.“ Rauschenberg nahm – wie ein halbes
Jahrhundert zuvor Kurt Schwitters – alltägliche Gegenstände, auch
scheinbar wertlose Dinge, Müll, und fügte sie neu zusammen. Auch
ausgestopfte Tiere gehörten immer wieder dazu.

 

„Combines“ nannte er diese Kombinationen, die Malerei und
Skulptur vermischten. 1954/55 entstand das Werk „Collection“, das
wie ein Gemälde an der Wand hängt, aber durch einen
Seidenschleier und Holzreste in den Raum hineinragt. Comics,
Farbspritzer, Fragmente von Illustrationen aus Magazinen drängen
hier ebenso nach Aufmerksamkeit wie Pinselstriche aus dem
Repertoire des Abstrakten Expressionismus. Die Combines brachten
Rauschenberg internationalen Erfolg. 

 

Der befreundete Musiker John Cage nahm Alltagsgeräusche in seine
Kompositionen mit auf: Hier verbanden sich Musik und bildende
Kunst mit dem programmatischen Ziel, in der Lücke zwischen Kunst
und Leben zu handeln. Gemeinsam mit Cage und dem Tänzer Merce
Cunningham gestaltete Rauschenberg Happenings und
Theateraufführungen, entwarf Bühnenbilder und Kostüme,
inszenierte in den 1960er Jahren zahlreiche Choreografien und
stand auch selbst auf der Bühne. 

 

Zeitgleich mit Andy Warhol entdeckte Rauschenberg 1962 das
Siebdruckverfahren für sich. Warhol wiederholte stereotyp ein
Motiv in fotomechanisch vervielfältigten Siebdrucken, um die
industrielle Konsumgesellschaft vor Augen zu führen.
Rauschenbergs Siebrucke, die er bald mit Lithografie, Collage und
Zeichnung kombinierte, sind dagegen komplexe, manchmal fein
ziselierte Gebilde – oft mit dem Thema Mensch und Technik.

 

Ab 1965 entstanden Objekte, die Klang und Bewegung verbanden wie
„Mud Muse“ (1971): gurgelnde Matschblasen, erzeugt durch ein
schallaktiviertes Druckluftsystem in einem mit Wasser verdünnten
grauen Tonmineralgemisch.

 

Das Projekt „Rauschenberg Overseas Culture Interchange“ (ROCI)
war eine weltumspannende Wanderausstellung mit wechselndem
Bestand von etwa 200 Werken, entstanden in Kooperation mit
örtlichen Künstlern. Von 1984 bis 1991 war er in zehn Ländern
unterwegs, unter anderem in Kuba, Russland, Malaysia und
Deutschland. Sein Ziel war, die jeweils besondere Kultur
künstlerisch darzustellen.

 

Rauschenberg war ein humorvoller Mensch: „Dies schlägt sich auch
in seinen Arbeiten nieder, die mitunter explizit oder versteckt
Verweise beinhalten, die einen zum Schmunzeln bringen“, sagt
Yilmaz Dziewior, Direktor des Museums Ludwig in Köln, das eine
der größten Sammlungen amerikanischer Pop-Art besitzt. Dennoch
„zeugen viele von Rauschenbergs Arbeiten nicht minder von einer
gewissen Ernsthaftigkeit und politischen Involviertheit.“ Themen
wie Armut, Rassismus und der Vietnamkrieg kommen immer wieder bei
ihm vor.

 

Dabei blieb er stets „den Prinzipien der Aneignung und der
Kombination von unerwarteten Gegenständen treu, auch wenn sich
sein Werk immer weiterentwickelte. Der Bezug zu Alltagsobjekten
und wie diese inhaltlich aufgeladen sind, zieht sich durch sein
gesamtes Werk“, so Dziewior.

 
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„Er blieb nie stehen“

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