Moini ihr Raketen
Letzten Montag ist meine Omi gestorben. Einer meiner
absoluten Herzensmenschen.
Dienstag habe ich noch Termine abgesagt. Mit schlechtem Gewissen.
Mittwoch bin ich wieder arbeiten gegangen.
Nicht, weil ich fertig war mit Trauern. Sondern weil ich
selbstständig bin, Rechnungen bezahlt werden müssen und das Leben
offensichtlich nicht anhält, nur weil gerade einer der
wichtigsten Menschen aus meinem verschwunden ist.
Und darum geht es heute ganz konkret:
Wann soll man eigentlich trauern?
In Deutschland gibt es keinen allgemeinen gesetzlichen
Trauerurlaub. Gleichzeitig gibt es Kulturen und Religionen, in
denen Trauer ganz selbstverständlich einen festen Platz bekommt:
Menschen kommen zusammen, übernehmen den Alltag, bringen Essen,
halten Rituale ab – und geben dem Verlust Zeit und Raum.
Warum haben wir diesen Raum so weitgehend verloren?
Ich spreche mit Melle darüber, wie unterschiedlich Menschen
trauern. Darüber, dass jemand nach drei Jahren noch um seinen
verstorbenen Partner weinen darf – und jemand anderes wenige
Monate nach einem Verlust wieder lieben und glücklich sein darf.
Beides kann richtig sein. Denn niemand von außen
kann festlegen, wann Trauer „angemessen“, „zu viel“ oder endlich
vorbei ist.
Wir sprechen auch über diesen merkwürdigen Satz:
„Sie war doch schon 94.“
Ja. Meine Omi durfte 94 Jahre alt werden. Und natürlich bin ich
dankbar dafür.
Aber sie war trotzdem mein Lieblingsmensch.
Ich kann sie nicht mehr anfassen. Nicht mehr hören. Nicht mehr
sehen. Nicht mehr riechen.
Natürlich tut mir das für mich weh.
Und vielleicht müssen wir endlich aufhören, Verlust danach zu
bemessen, wer gestorben ist, wie alt dieser Mensch war oder
welchen Verwandtschaftsgrad wir auf dem Papier miteinander
hatten.
Melle und ich sprechen über unsere eigenen Verluste, über
Menschen, die mit großen Gefühlen nicht umgehen können, über
Nachbarschaft und Gemeinschaft – und über eine Freundin, die nach
einem Todesfall in Nigeria etwas erlebt hat, das ihr in
Deutschland gefehlt hatte: Menschen, die ihre Trauer nicht
wegmachen wollten. Die mit ihr geweint, sie gehalten und ihren
Schmerz einfach ausgehalten haben.
Vielleicht brauchen wir genau das wieder ein bisschen mehr.
Ein Dorf. Nicht jemanden, der die richtigen
Worte findet.Nicht jemanden, der uns erklärt, dass das Leben
weitergeht.Nicht jemanden, der entscheidet, wann es nun aber auch
mal gut sein muss.
Sondern manchmal einfach jemanden, der neben uns sitzt, während
wir den ganzen Tisch vollheulen.
Denn, wie Melle am Ende sagt:
Gefühle sind Gefühle. Und wenn sie rausbrechen, ist es
schön, wenn jemand da ist, der das aushalten kann.
Oder noch kürzer: Gefühle sind da, um gefühlt zu
werden.
Eine etwas andere Folge von „Kannste dir nicht
ausdenken“. Persönlicher. Leiser. Aber vielleicht gerade
deshalb eine wichtige.
Wenn ihr gerade jemanden vermisst – oder jemanden kennt, der
trauert – dann ist diese Folge vielleicht für euch. ️
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