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AUFGABE:
In Ihrem wirtschaftssoziologischen Seminar diskutieren Sie heute
über das Thema „Anonyme Bewerbungen", also Bewerbungen ohne Foto,
Namen und Altersangabe. Ein Kommilitone äußert sich zu dem Thema.
Ihre Dozentin, Frau Dr. Lang, bittet Sie, zu der Äußerung
Stellung zu nehmen.
Geben Sie die Argumente Ihres Kommilitonen wieder und
nehmen Sie Stellung zu seinen Argumenten.
Begründen Sie Ihren eigenen Standpunkt zum
Thema.
Hörzeit: 01:12 · Vorbereitungszeit: 01:30 · Sprechzeit: 02:00
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LÖSUNG:
Eine mögliche Antwort (von vielen):
Ja, gern. Mein Kommilitone hat sich klar für verpflichtende
anonyme Bewerbungen ausgesprochen und dafür drei Argumente
genannt. Zunächst hat er gesagt, dass ohne Namen, Foto und Alter
der erste Eindruck bei der Vorauswahl keine Rolle mehr spiele und
nur noch die Qualifikation zähle. Das sehe ich anders. Auch eine
anonyme Bewerbung verrät viel über die Person: Der Wohnort, die
besuchte Schule und der sprachliche Stil lassen Rückschlüsse zu.
Die Anonymisierung nimmt dem ersten Eindruck also nur einen Teil
seiner Grundlage. Außerdem hat er argumentiert, dass die
Unternehmen selbst profitierten, weil sie vor der Auswahl genau
bestimmen müssten, worauf es bei der Stelle ankomme, und ihre
Entscheidung hinterher begründen könnten. Da hat er recht. Wer
eine Absage hinterher begründen muss, merkt schnell, wie vage die
eigenen Anforderungen bis dahin waren. Wer die Anforderungen
vorher festlegt, kann die Bewerbungen am Ende auch schneller
miteinander vergleichen. Schließlich hat er behauptet, dass die
Anonymisierung auf Dauer die Haltung in den Personalabteilungen
verändere, weil man dort immer wieder Menschen kennenlerne, die
man nach Foto und Namen aussortiert hätte. Das halte ich für zu
optimistisch. Wer im Gespräch positiv überrascht wird, erklärt
sich das meist mit dem Einzelfall und nicht mit den eigenen
Maßstäben. Eine Haltung ändert sich nicht durch ein Verfahren,
sondern erst dann, wenn die eigenen Denkmuster im Betrieb
überhaupt einmal zum Thema werden. Ich persönlich halte eine
Pflicht für alle Unternehmen für den falschen Weg. Für einen
kleinen Betrieb, der im Jahr zwei Stellen besetzt, wäre die
verpflichtende Anonymisierung aller Unterlagen vor allem
zusätzlicher Verwaltungsaufwand. Sinnvoller wäre es, anonyme
Bewerbungen zuerst dort verbindlich zu machen, wo besonders viele
Bewerbungen eingehen — etwa in der öffentlichen Verwaltung und in
großen Unternehmen — und zugleich die Auswahlgespräche nach
festen, vergleichbaren Fragen zu führen. So wird die Auswahl
fairer, ohne dass kleine Betriebe überfordert werden.
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